TCR-Blog | Woche 9


Der lange Weg nach Hause. Von Norwegen nach Finnland und mit einem Abstecher nach Schweden weiter ins Baltikum. Mit dem Bus durch Estland, Lettland, Litauen nach Polen und weiter nach Tschechien.

TCR #57 Heimreise, 1. Tag -> Alta

Mittwoch, 2. Juli. Ich kam erst nach Mitternacht in Honningsvåg an und war körperlich völlig geschafft.

Die 30 Kilometer vom Nordkap zurück nach Honningsvåg waren nochmals eine Herausforderung. Tendenziell ging es zwar bergab, aber dazwischen musste ich eben auch wieder die gleichen Hügel passieren, über die ich zuvor zum Kap gefahren war. Dazu kam extrem starker Wind. Laut Info 40 – 50 Meter/Sekunde. Das hatte ich noch nie erlebt. Zeitweise fürchtete ich, von der Straße geweht zu werden. Einfach ins Tal rollen ist etwas Anderes.

Abfahrt vom Nordkap in der Mitternachtssonne. Grandioses Panorama, extrem starker Wind.

Im Hotel angekommen fiel es mir dennoch nicht leicht, zur Ruhe zu kommen und Schlaf zu finden. Zu aufgekratzt war ich noch. Und obendrein hungrig. Es war lange her, dass ich etwas gegessen hatte.

Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein und als ich aufwachte war es bereits 10:45, höchste Zeit zum Packen, denn um 11:00 musste ich aus dem Zimmer raus.

Nach dem Frühstück in Honningsvåg erkundigte ich mich in der Touristeninfo nach den Busverbindungen. Mein Plan war und ist, möglichst mit Bussen nach Kolari, der nördlichsten Bahnstation in Finnland zu kommen. Dort dann den Nachtzug nach Helsinki zu nehmen und anschließend mit der Fähre nach Talin zu übersetzen. Wo ich dann die weitere Heimreise angehen könnte.

Am Hafen von Honningsvåg

In der Touristeninformation erfuhr ich, dass es heute nur noch einen Bus nach Alta gab. Dass ich von dort allerdings keinen Anschluss mehr nach Kautakeino, der letzten Busstation in Norwegen, mehr haben würde.

Ich musste also von Honningsvãg nach Alta, dort übernachten und könnte dann am nächsten Nachmittag den Bus nach Kautakeino nehmen. Dort könnte ich nochmals übernachten. Dann müsste ich ca. 80 – 90 Kilometer mit dem Rad nach Enontekiö in Finnland fahren, von wo es dann einen Bus nach Kolari gibt. Dort kann ich dann in den Nachtzug nach Helsinki einsteigen.

Die ganze Strecke wieder dem Rad zu fahren hätte nicht nur mein Zeitbudget gesprengt – ich hatte versprochen, an unserem Hochzeitstag am 12. Juli wieder zurück zu sein – ich hatte nach den Anstrengungen der letzten Wochen auch ein paar Ruhetage bitter nötig. Undnich schauderte vor dem Gedanken zurück, nochmals von Honningsvåg nach Olderfjorde und von dort über die Tundra nach Alta zu fahren. Bis Kautokeino hätte außerdem wieder rund 350 Kilometer fahren müssen. Das wäre zwar grundsätzlich auch in zwei Tagen möglich gewesen, aber diesmal sagte nicht nur mein Körper, sondern auch mein Kopf laut „Nein!“ zu dem Gedanken. Zumal auch schon wieder Regen prognostiziert war.

Der Snelandia Bus nach Alta

Als ich dann schließlich im Bus saß und das Land durchquerte, durch das ich mich ein, zwei Tage mit dem Rad gemüht hatte, konnte ich es selbst kaum glauben, dass ich die gleiche Strecke in der entgegengesetzten Richtung tatsächlich mit dem Rad zurückgelegt hatte.

Eine weibliche Rentierherde mit Jungtieren in der Tundra

Ich sah wieder Rentierherden und erkannte viele markante Punkte wieder, die ich während meiner Radfahrt oft lange im Blickfeld hatte.

Blick aus dem Bus bei der Fahrt nach Alta

In Alta angekommen kaufte ich für Abendessen und Frühstück ein und fuhr dann zu meinem Aibnb. Dort traf ich Sebastian, der aus Warschau kommend mit dem Motorrad ans Nordkap gefahren war. Es war, ähnlich wie bei mir. seit Jahren sein Wunsch, das einmal im Leben zu machen. Und er konnte es kaum glauben, dass das jemand mit dem Fahrrad macht. Noch dazu von Gibraltar aus.

Als ich ihm einige Fotos zeigte, erklärte er mich für verrückt. Das bin ich wohl auch tatsächlich ein bisschen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich habe mich in den vergangenen Wochen selbst verrückt. In eine andere Richtung als zuvor. Was das für meine Zukunft bedeutet, wird sich zeigen.

TCR #58 Heimreise, 2. Tag -> Kautokeino

Donnerstag, 3. Juli. Die Heimreise ist komplizierter und umständlicher als gedacht. Und wieder ist mir ein dummes Missgeschick passiert, das mir beinahe Kopf und Kragen gekostet hätte. Aber der Reihe nach …

Das Airbnb in Alta war ein echter Glücksgriff. Ein Haus, in dem ich mich sofort wohl fühlte. Ich blieb bis Mittag, nutzte die Zeit wieder für ein ausgiebiges Frühstück und hatte anschließend noch Zeit, den Altabakken zu besichtigen – die seit 2009 ungenutzte und leider dem Verfall preisgegebene Skisprungschanze, auf der einst große Wettkämpfe ausgefochten wurden.

Der Altabakken

Am Sprunghügel und selbst in der Anlaufspur wachsen heute Bäume. Ich stieg die 154 Treppen bis zum Schanzentisch hoch. Im Sprungrichterhäuschen fand ich noch eine Mappe mit Bildern früherer Tage. In einem Extraraum war noch alte Skisprungausrüstung gelagert. Ich sah Skier, einen Helm und alte Sprunganzüge.

Vom Schanzentisch aus hatte ich einen guten Ausblick auf die Stadt, an der tatsächlich nicht viel dran ist. Alta hat rund 12.000 Einwohner, die in weit verstreuten kleinen, typisch norwegischen Holzhäusern leben. Die Stadt galt lange als die nördlichste Stadt mit über 10.000 Einwohnern, bis ihr eine Stadt in Sibirien den Rang ablief. Das neben der Sprungschanze matkanteste Gebäude ist die Kirche mit der Metallfassade, das Zentrum sind eine kleine Shopping Mall und der Busbahnhof.

Die Kirche von Alta

Dann kam endlich der Bus nach Kautokeino, einem Ort Richtung norwegisch-finnische Grenze, gegenüber dem Alta eine regelrechte Metropole ist. Kautokeino hat nur noch knapp 1.500 Einwohner und liegt tatsächlich in der Mitte des Nirgendwo, am Fluss Kautokeinoelva, in einem riesigen bewaldeten Hochplateu. Im gesamten 9.700 Quadratkilometer umfassenden Gemeindegebiet leben nur etwa 2.800 Menschen. Was einem Schnitt von 3,4 Menschen je Quadratkilometer entspricht.

Wer hier etwas benötigt, das es nicht bei Rema 1000, dem einzigen Lebenmittelgeschäft von Kautokeino zu kaufen gibt, ist tatsächlich aufgeschmissen. Oder auf die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen angewiesen. Zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen, das ist auch einer der wichtigsten Faktoren, damit Menschen in dieser abgelegenen Ecke der Welt leben und überleben können. Ich kann davon jetzt ein Lied singen.

Um mein Fahrrad in Alta im Bus verstauen zu können musste ich das Vorderrad abmontieren. Dank Schnellspanner ist das keinne Hexerei. Katie hatte so im Bus Platz. Klappe zu, Abfahrt. Der Schnellspanner kam in meinen Day-Pack, den ich in den Bus mitnahm.

Als ich nach den dreieinhalb Stunden Fahrt in Kautokeino ausstieg, Katie wieder aus dem Bauch des Busses holte und das Vorderrad wieder montieren wollte  kam der Schock: der Schnellspanner war nicht mehr im Beutel. Und in der Sekunde, in der ich das bemerkte, startete der Busfahrer auch schon seinen Bus und fuhr los. Zurück Richtung Alta.

Da stand ich nun. In Kautokeino. Im so ziemlich abgelegensten Ort der norwegischen Finnmark, den man sich auch nur irgendwie vorstellen kann. Im Regen. Und ein gefundenes Fressen für die Moskitos, die sich bereits auf michc stürzten.

Von hier gibt es bis Enontekiö in Finnland – der nächsten Ortschaft im ebenfalls extrem dünn besiedelten äußersten Nordwesten Finnlands nichts. Nur Wald, Moskitos und die E45 als Verbindungslinie. Keinen Bus, schon gar keine Bahn. Und selbstverständlich auch keinen Bike-Shop, in dem ich jetzt schnell Ersatz bekommen könnte.

Um nach Hause zu kommen, in Enontekiö den nächsten Bus und dann den Nachtzug nach Helsinki zu erreichen, muss ich die 80 Kilometer nach Enontekiö mit dem Rad fahren. Aber wie sollte das gehen mit einem nicht fixierten Vorderrad?

Zu jammern und zu klagen half nichts. Ich musste eine Lösung finden, und zwar schnell. Aus der Patsche geholfen hat mir Johan, der Host in dem Airbnb, in dem ich mich eingemietet habe. Als ich Katie zu seinem Haus geschoben und ihm erzählt hatte, was passiert war, ging er in seine Garage, montierte einen Schnellspanner von einem seiner alten Räder ab und gab ihn mir.

Ich bedankte mich tausendmal und bot ihm an, sofort einen neuen für ihn zu bestellen, den ein Postbote in den nächsten Tagen bringen könnte. Doch das wollte er nicht. Meine Freude war ihm Lohn genug.

Johans Schnellspanner passt zwar nicht genau zu meinem Rad, aber der Reifen ist fürs Erste wieder fixiert. Für 80 flache Kilometer muss das jetzt reichen. In Helsinki oder vielleicht auch in Talinn kann ich dann in einem Bike-Shop nach einem richtig passenden Teil suchen. Zumindest ein Stück meiner weiteren Heimreise ist jetzt gesichert. Es ist aber noch ein langer Weg.

TCR #59 Heimreise, 3. Tag -> Finnland, Kolari / 80 statt 250

Freitag, 4. Juli. Kautokeieno in Norwegen und Enontekiö in Finnland liegen ziemlich gleichauf in der Rekordliste der abgelegensten Ortschaften der Welt.

Das Haus von Tone, meiner Airbnb Gastgeberin in Alta
„Zentrum“ von Kautokeieno: der Supermarkt Rema 1000
Die Kirche von Kautokeino

80 Kilometer trennen sie, und genau auf halbem Weg liegt die Grenze von Norwegen und Finnland. Eine erkennbare Grenze ist das allerdings nur an der E45, der Nabelschnur, an der beide Orte an der Zivilisation hängen. Ansonsten ist ringsum weites, offenes Land. Rentierzuchtgebiet der Samen, die hier vielfach noch als Nomaden mit den Rentierherden mitziehen.

Die E45 zwischen Kautokeino und Enontekiö

Für den heutigen Tag hatte ich ein Ziel. Kolari in Finnland, von Enontekiö weitere 170 Kilometer die E45 runter nach Süden. Und soweit ich das bisher beurteilen kann ein nur unwesentlich lebendigerer Ort als die beiden genannten. Allerdings mit einem großen Bonus: in Kolari befindet sich die nördlichste Bahnstation Finnlands. Mit einer durchgängigen Verbindung nach Helsinki im Süden des Landes.

Bis Enontekiö musste ich in jedem Fall mit dem Rad fahren, denn das ist wiederum der nördlichste Ort Finnlands mit einer Busanbindung nach Kolari.

Das Zollhäuschen an der norwegisch-finnischen Grenze

Bei gutem Wetter hätte ich überlegt, die ganze Strecke nach Kolari per Fahrrad zurückzulegen. Als ich aber am Morgen aufwachte und zuerst aus dem Fenster und dann in meine Wetter-App blickte, verwarf ich den Gedanken gleich wieder. Es regnete wieder einmal, die Temperatur lag bei 8 Grad und der Regen würde zumindest bis in den späten Nachmittag anhalten.

In voller Regenmontur an der Grenze zu Finnland

Für einen langen Tag mit 250 Kilometer im Regen fehlt mir jetzt auf der Heimfahrt die Motivation. Da reichen mir auch 80 Kilometer, die mit Katie schon über drei Stunden Fahrzeit bedeuten.

Ich fuhr also wieder einmal gut eingepackt los und kam auch gut voran. Die Strecke war auch einfach zu fahren, ohne Anstiege oder Rampen. Es gab nur kleinere Kuppen.

Ein Blick zurück nach Norwegen

Beinahe hätte ich aber dennoch die ganze Strecke mit dem Rad zurücklegen müssen. Es gibt nämlich jeden Tag nur einen einzigen Bus, der von Enontekiö nach Kolari fährt. Abfahrt um 16:05. Und ich hatte nicht bedacht, dass Finnland in einer anderen Zeitzone als Norwegen liegt, es also dort eine Stunde später ist.

Zum Glück hatte ich am Weg nach Enontekiö keine Pause gemacht, denn als ich dort ankam und mich nach dem Bus erkundigte, war ich überrascht, dass dieser bereits in 15 Minuten und nicht erst in 75 Minuten fährt.

So lief also alles glatt. Der Bus kam und fuhr mich den Rest des Weges, auf dem sich die Landschaft von der zuvor nur dadurch unterschied, dass sich in die kargen Birkenwälder Norwegens allmählich mehr und mehr Nadelbäume mischten. Während der Fahrt schlief ich die meiste Zeit und war überrascht, als der Fahrer an einer Tankstelle anhielt und mir erklärte, dass ich in an der Endstation in Kolari angekommen bin. „Das ist Kolari?“, fragte ich, weil ich nirgendwo einen Ort erkannte. Woraufhin er lächelte und nickte.

OK … also holte ich Katie wieder aus dem Bus, startete meine Navi und ließ mich zum Hotel Kolari lotsen, wo ich ein Zimmer reserviert hatte. Ich war immer noch mitten im Nirgendwo.

TCR #60 Heimreise, 4. Tag: Kolari und ein Abstecher nach Schweden

Samstag, 5. Juli. Ich habe zwei Tage Zeit, Kolari und seinen Umgebung zu erkunden, denn es gab erst für den Sonntag wieder einen Platz mit Fahrradmitnahme im Nachtzug nach Helsinki.

Zwei Tage lang warten … nach den acht Wochen, während derer ich täglich zehn bis zwölf Stunden, mitunter sogar noch länger, am Rad unterwegs war, mutet das seltsam an. Das Hotelli Kolari ist zwar ein Netter Ort, aber nicht nett genug, um die ganze Zeit hier sitzen und die Zeit totzuschlagen.

Das Hotelli Kolari

Bevor ich mich aufs Rad setzen und eine Runde drehen konnte, hatte ich aber noch einen Job zu erledigen. Ich musste die weitere Heimreise zu fixieren. Und zwar so, dass ich spätestens am 12. Juli zuhause bin.

Es war gar nicht so einfach, einen Weg vom Norden Finnlands nach Österreich zu finden, auf dem ich auch mein Rad mitnehmen konnte. Schließlich hatte ich aber auch dafür eine Lösung. Ich musste dafür allerdings den Plan, mit dem Rad durch das Baltikum zu fahren, aufgeben. Auch gut. Ein weiteres Abenteuer, das ich irgendwann in der Zukunft umsetzen kann.

Mein neuer Zeitplan für die weitere Heimreise

Dann ging es aber los. Rein ins Radgewand und raus auf die Straße nach Schweden, das von Kolari nur sechs Kilometer entfernt ist.

Mit Katie.an der Grenze zu Schweden

Und da ich nach der Runde wieder ins Hotel zurückkommen würde konnte ich einmal auch ohne die schweren Packtaschen losfahren. Was für ein Fahrgefühl das doch plötzlich war. Katie war zwar immer noch kein Sportwagen, aber zumindest kein LKW an der Grenze zur Überbeladung mehr.

Am Muonioälven, dem Grenzfluss von Finnland und Schweden

Mein Abstecher nach Schweden hat sich jedenfalls gelohnt. Zunächst dachte ich zwar schon, dass ich wieder nur  Wald sehen würde, der von einer Straße durchschnitten wird. Dsnn kam ich aber doch noch an einige schöne Plätze.

Der Aareajoki

Stehenbleiben durfte ich allerdings dabei nicht. Denn sobald ich das tat stürzten sich auch schon von allen Seiten die Moskitos auf mich. Die Stechmückenplage ist in diesem Teil der Welt – egal ob Norwegen, Finnland  oder Schweden – tatsächlich horrend. Schlimmer noch als gedacht, denn die blutsaugenden Biester stechen auch durch das Gewand durch.

Gravelpiste in Schweden

Schön hier. Aber hier leben? Nein danke! Zum Abschluss meiner Runde spazierte noch, ganz ruhig und gelassen, ein Rentierbulle vor mir über die Straße und sah mich gelangweilt an, gerade als ob er denken würde „schon wieder so ein Spinner auf einem Fahrrad.“

Bei Pajala in Schweden

Fein. Wenn möglich drehe ich die Runde morgen nochmals.

TCR #61 Heimreise, 5. Tag: Exkursion nach Ylläs und Abfahrt nach Helsinki

Sonntag, 6. Juli. Die beiden Schwestern, die das Hotelli Kolari führen haben mir gestattet, mein Zimmer noch den Tag über zu benutzen, weil sie keine neuen Gäste erwarten. Das ist großartig. So kann ich den schönen Tag für eine weitere Exkursion nutzen, mein Gepäck währenddessen im Zimmer lassen, danach nochmals duschen und in Ruhe packen.

Richtung Nordosten habe ich auf der Karte ein kleines Skigebiet, Ylläs, entdeckt und mir eine Route für eine nette 100-Kilometer-Runde dorthin erstellt. Die bekannteren Skiorte Levi und Kittilä lägen zwar auch in der gleichen Richtung, allerdings 85 Kilometer entfernt und damit für einen Halbtagesausflug zu weit weg von Kolari. Ich will keinesfalls den Zug nach Helsinki am verpassen.

Finnland präsentiert sich heute nochmals von seiner schönsten Zuckerseite. Die Sonne scheint, die Temperatur liegt bei 17 Grad und es ist fast ganz windstill. Einfach perfekt zum Radfahren.

Ich genieße. Den Wald. Die Seen. Die Schotter-Passagen zwischendurch. Sehe wieder etliche Rentiere, ein Fuchs läuft vor mir über die Straße und ein Hirsch  – oder war es gar ein Elch – starrt mich an, doch bevor ich mein Handy aus der Trikottasche gezogen habe ist er wieder zurück in den Wald getrabt.

Etwas Sorge bereitet mir allerdings, dass meine Kette auf den drei, vier keinsten Gängen nicht mehr rund läuft. Dabei hatte ich doch erst in Hamburg den ganzen Antriebssatz (großes Kettenblatt vorne, Schaltkassette hinten und die Kette) tauschen lassen. Was noch keine 4000 Kilometer her ist und inklusisve Arbeitszeit über 400 Euro gekostet hat.

Für heute spielte das keine große Rolle, weil es keine Anstiege gab, die ich mit den größeren Gängen nicht fahren hätte können. Aber gut war das nicht. Ich musste das Problem möglichst schnell beheben.

Dann erreiche ich das Ylläs Skigebiet, wo kein Schnee mehr lag, die Gondel aber für Downhill-Mountainbiker in Betrieb war. Und wo es zu meiner Freude bei der Talstation einen Bike-Shop gibt, der auch eine passende Kette vorrätig hatte. Ich kaufe und montiere sie auch gleich. Doch das bringt leider nichts. Das Problem besteht weiterhin.

Vielleicht finde ich in Helsinki einen Bike-Shop mit einem Mechaniker, der das schnell lösen kann. Viel Zeit habe ich dort allerdings auch nicht, knapp vier Stunden zwischen der planmäßigen Ankunft des Zuges bis zum Boarding der Fähre. Zeit, die ich gerne auch anders genutzt hätte. Aber was tut man nicht alles für sein Rad?

Der Rest des Tages verlief dafür wie geplant. Ich fuhr zurück nach Kolari, aß im Restaurant des Hotels noch einen Burger und zwei Stück Blaubeer-Zitronenkuchen und packte dann für die lange Zugfahrt nach Helsinki.

Fast 15 Stunden, von 19:42 bis 10:32 dauert die Fahrt von Kolari nach Helsinki. Ich habe mir einen Liegewagenplatz geleistet und ein Dreier-Abteil für mich alleine bekommen. Was sehr komfortabel ist. So lässt sich auch ein weiter Weg gemütlich zurücklegen. Von Kolari nach Helsinki sind es immerhin rund 1000 Kilometer. Über Nacht komme ich dem Zuhause ein großes Stück näher.

TCR #62 Heimreise, 6. Tag: Zug, Fähre, Bus …

Montag, 7. Juli. Durchhalten. Weitermachen. Auf das nächste naheliegende Ziel fokussieren. Den nächsten Berg, Hügel oder Ort erreichen. Die nächste runde Kilometermarke oder eine Bushaltestelle, in der ich vor dem Regen Schutz finden kann. Ein Schuss Kohlehydrate. Irgendein süßes Zeug. Und singen. Laut singen. Alles, was mir einfiel.

So habe ich mich während meiner Fahrt zum Nordkap immer weiter gehantelt, wenn ich in einem moralischen Tief steckte, wenn ich mich alleine und verloren fühlte. Kaffee, Cola und gelegentlich auch eine Dose Red Bull halfen als Muntermacher und moralisches Doping ebenfalls.

Ich unterhielt mich mit fiktiven Begleitern und mit Katie, meinem Rad. Und grüßte alles und jeden. Kühe, Schafe, Rentiere, entgegenkommende Autos, Lastwägen, Motorradfahrer, Radfahrer und Fußgänger. Und freute mich über jedes kleine Zeichen, das ich zurückbekam.

Man braucht schon eine dicke Haut, wenn man wochenlang alleine unterwegs ist. Die vergangenen Jahre im Job waren dafür das beste Training.

Mein Liegewagenabteil im Zug nach Helsinki

Der heutige und der morgige Tag gehören ebenfalls zu den Tagen, an denen ich meine dicke Haut brauche. Es sind meine langen Reisetage. Und ich meine jetzt nicht Radreisetage. Zuerst mit dem Zug 15 Stunden lang nach Helsinki, dann mit der Fähre nach Talinn und von dort weiter mit dem Bus nach Ostrava, über Warschau und Katowice. Wobei alleine die Fahrt von Talinn durch Estland, Lettland und Litauen nach Warschau 16 Stunden dauert.

Die gestrige Nacht im Liegewaggon von Kolari nach Helsinki war ja noch gut. Die heutige im Autobus ist dagegen eine richtige Herausforderung. Ich kann jetzt schon kaum noch sitzen, und dabei ist es gerade erst Mitternacht und  die Fahrt dauert immer noch mehr als zehn Stunden. Ich muss an das alte Lied „Zwickt’s mi“ von Wolfgang Ambros denken … „draußen regnet’s, drinnen stinkt’s und ich sitze in der Mitte“.

Schnelles Bike-Service bei Fillarikellari in Helsinki

Im Grunde wäre ich auch durch das Baltikum und Polen noch gerne mit dem Rad gefahren. Dafür hätte ich aber ungefähr zwei weitere Wochen Zeit gebraucht. Und nach den mittlerweile fast neun Wochen, die ich mittlerweile unterwegs bin, will ich eigentlich nur noch nach Hause. 12. Juli. Hochzeitstag. Zuhause. Auch das war am Weg zum Nordkap eine Marke, an der ich mich immer wieder orientiert habe. Die mir half, weiterzumachen.

Brunnen-Installation „pinkelnder Mann“ in Helsinki

Was kann ich vom heutigen Tag noch sagen? Ich war in Helsinki, Talinn und Riga. Ohne von den Städten wirklich etwas gesehen zu haben.

In Helsinki hatte ich etwas mehr Zeit. Dort musste ich aber in einen Bike-Shop, damit das Problem mit meiner Schaltung behoben wird. Was zum Glück auch rasch erledigt war. Das Schaltauge, an dem der Umwerfer hängt, war verbogen. Mithife von Spezialwerkzeug und Fingerspitzengefühl wurde das bei Fillarikellari soweit justiert, dass ich nun wieder alle Gänge benutzen kann.

Wiedersehen mit Sami

Am Weg dorthin traf ich Sami aus Bratislava wieder, der schon vor längerer Zeit einen günstigen Flug von Helsinki gebucht hatte und sich dafür bei Fillarikellari einen Transportkarton geholt hatte. Es war eine Freude, ihn wieder zu sehen. Wir haben uns lose für eine gemeinsame Ausfahrt rund um Bratislava oder im Wienerwald verabredet.

Ich kann Fillarikellari (Deutsch etwa „Laufradkeller“) wärmstens empfehlen. Dort sind richtige Profis am Werk. Im Shop sind allerhand Ersatzteile und sonstiges Zubehör vorhanden. Und man hat ein Herz für Bikepacker auf der Durchreise.

Am Fährhafen von Helsinki

Dann brauchte ich noch eine Tasche, in der ich mein ganzes Gepäck unterbringen kann. Die habe ich bei Scandinavian Outdoor in Helsinki gefunden. Das ist ebenfalls ein Top Geschäft im Zentrum von Helsinki mit einem riesigen Sortiment. Allen wärmstens zu empfehlen, die in der Stadt sind und irgendein Outdoor Equipment benötigen.

Weshalb? Flixbus bot bei der Buchung des Tickets keine Option zur Fahrradmitnahme an. Daher habe ich Sondergepäck gebucht. Am Busbahnhof Talinn dann meine Ortlieb-Taschen in meine neue Sporttasche gesteckt, Katies Räder abmontiert und das Rad mit vier Rollen Frischhaltefolie eingewickelt.

Ich wurde gerade noch rechtzeitig fertig. Als Katie reisefertig war, fuhr auch schon der Flixbus nach Warschau ein. Derart verpackt durften wir beide in den Bus einsteigen.

Katie, verpackt für die Busfahrt

Und noch etwas für mich Besonderes erlebe ich gerade in diesem Moment: Es wird Nacht. Also richtig finster. Nach den Wochen mit Mitternachtssonne ist auch das wieder schön.

TCR #63 Heimreise 7. Tag: Hoppala und Ostrava

Dienstag, 8. Juli. Eine ganze Woche bin ich nun schon auf dem Weg nach Hause. Stück für Stück hantle ich mich mit Bussen, Bahnfahrten, einer Fährenfahrt und dazwischenliegenden Radfahrten nach Süden.

Tag 7 war der mit Abstand härteste davon, und zwischendurch machte ich wieder einmal einen Fehler, der mir Nerven und auch ein bisschen Geld gekostet hat.

Mit dem Flixbus von Talinn nach Warschau. 16 Stunden dauert die Fahrt, für die ich leider keine andere Option hatte. Es gibt nämlich keine Bahnlinie als Verbindung der drei baltischen Staaten. Und auch keine, die weiter nach Polen führt. Vielleicht wäre es möglich gewesen, Teilstücke in den einzelnen Ländern mit der Bahn zu fahren. Das wäre jedoch sehr aufwändig und auch mit vielen Wartezeiten verbunden gewesen. Und um das Baltikum nur mit dem Rad zu durchqueren fehlte mir die Zeit.

Flixbus nach Warschau

Also Flixbus. 16 Stunden. Die reine Folter. An Details mag ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich hatte mir einen Fensterplatz gebucht und meine Schlafmaske, Ohropax sowie meinen aufblasbaren Polster in den Bus mitgenommen. Damit ausgerüstet konnte ich während der langen Fahrt zumindest ein bisschen schlafen. Dennoch: mit dem Bus sollte man die Strecke wirklich nur dann fahren, wenn man absolut keine andere Option hat.

Ich war regelrecht zerstört, als der Bus endlich Warschau erreichte und der Fahrer „Warschau West“ ankündigte. Mein Umsteige-Busbahnhof.

Hier gab es nichts außer einiger Bus-Bahnsteige. Keinen Kiosk, kein Geschäft in dem ich Essen oder Trinken einkaufen hätte können Das Wartehäuschen mit WC, in dem ich mich erleichtern und frisch machen hätte können war nur für Busfahrer mit einer Schlüsselekarte zugänglich. Für Passagiere gab es nur einen einfachen überdachten Warteplatz. Zumindest mit einer Holzbank.

Am Busbahnhof in Warschau

Ich hatte zweieinhalb Stunden Wartezeit auf meinen Anschlussbus Richtung Katowice. Zwischendurch kam ein anderer Flixbus Richtung Krakau. Ich fragte den Fahrer, ob ich vielleicht mit ihm mitfahren könne. Er verneinte jedoch und meinte, dass ich schon am richtigen Ort wäre, aber eben noch eine Stunde warten müsse.

Die Stunde verging und Punkt 13:00 Uhr kam auch ein Flixbus, allerdings wieder nicht meiner. Obwohl mir die App anzeigte, dass der Bus pünktlich sei. Der Fahrer meinte noch, dass die App eben nicht immer die richtige Zeit anzeige und mein Bus sicher in den nächsten Minuten kommen werde.

Die Minuten vergingen. Und es kam kein Bus. Ich öffnete wieder die Flixbus-App und erkannte, dass mein Bus zu einer anderen Station, sechs Kilometer entfernt, gefahren war. Und jetzt bereits ohne mich auf dem Weg nach Katowice war.

Ich war wieder einmal schockiert. Da saß ich, irgendwo im Nirgendwo am Stadtrand von Warschau, mit einem zerlegten Fahrrad und einer schweren, randvollen 65-Liter-Reisetasche. Ich hatte Kopfschmerzen, Hunger und Durst und war müde. Verschwitzt und musste dringend aufs Klo. Und wusste nicht mehr weiter.

Was jetzt?

Es dauerte ein paar Minuten, bis ich mich gefasst hatte. Ich brauchte eine Lösung, und zwar schnell. Warschau. Hier muss es auch einen Bahnhof geben. Einen Zug nach Ostrava, wo ich ein Zimmer gebucht hatte und für den nächsten Morgen mit Wolfgang verabredet war, der die letzten 450 Kilometer meiner Reise durch Tschechien und die Slowakei mit mir fahren will.

Es gab einen Zug. Und Uber. Und zum Glück hatte ich gerade noch rechtzeitig nachgeschaut. Um 14:05 fuhr ein Zug nach Ostrava, den ich mit dem Uber-Taxi auch gut erreichte. Und weil Katie noch immer zerlegt und verpackt war, konnte ich sie sowohl im Taxi als auch im Zug problemlos mitnehmen.

Der Fehler am falschen Ort gewartet zu haben hatte mich 100 Euro und Nerven gekostet. Dafür gab es im Zug Kaffee. Und Croissants. Und ein WC mit einem Waschbecken. Himmlisch.

Im Hotel Nikolas

Ankunft Ostrava, kurz vor 19:00 Uhr. Ein Taxi zum Hotel, Dusche Abendessen, Katie wieder reisefertig machen und dann schlafen.

Katie, wieder reisefertig

Morgen geht es weiter. Nach 9 Wochen die letzten drei Tage nicht mehr alleine.

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