Wir stehen vor der größten Herausforderung“

„Wir stehen vor der größten Herausforderung“

Georg Serentschy © Rene Prohaska

Georg Serentschy, früherer Chef der Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbehörde RTR und aktuell Managing Partner der Serentschy Advisory Services GmbH und Senior Director von Arthur D. Little, im Interview über die Entwicklungen und Herausforderungen der Telekommunikationsbranche im Jahr 2015.

In Österreich kommt eben die vierte Mobilfunkgeneration LTE ins Laufen. 2015 werden etliche neue Player, wie etwa Hot (Hofer Telekom), UPC oder Tele2 als virtuelle Mobilfunkanbieter (MVNOs) starten oder haben dies bereits getan. Wie geht es weiter?
Georg Serentschy: In der Telekommunikation gibt es einige revolutionäre Entwicklungen, deren Auswirkungen unterschätzt werden. So wie die Entwicklung im Mobilfunk von Anfang an unterschätzt wurde. Ich erinnere mich, 1997 bei einem Kongress die mutige Prognose aufgestellt zu haben, dass wir im Mobilfunk einmal eine Penetration von 50 Prozent erreichen könnten. Das konnte damals selbst Hans-Jörg Tengg nicht glauben. Er meinte, dass das niemals der Fall sein wird. Heute stehen wir bei einer Penetration von über 150 Prozent.

Gemessen an den globalen Herausforderungen der Telcos sind die MVNOs jedoch eine Fußnote. Entscheidend für die Zukunft der Telcos ist, dass ihre traditionellen vertikalen Geschäftsmodelle für ursprünglich getrennte Dienste wie Sprachtelefonie, Textnachrichten (SMS) aber auch für das traditionelle Fernsehen durch das Geschäftsmodell der Internetfirmen („Over-The-Top“ Player, OTTs) zu austauschbaren Anwendungen in einem neuen, horizontal organisierten Feld der „Digitalen Dienste“ werden. Dadurch werden die Telcos in deren traditionellen Bereichen von den OTT-Unternehmen an die Wand gespielt. OTTs wie WhatsApp, WeChat oder SnapChat untergraben das bestehende Geschäftsmodell für SMS, ein Geschäft, das für die Telcos einmal eine Goldgrube war. Die Einnahmen aus dem SMS-Geschäft sind im Sturzflug. SMS war einmal eine Lizenz zum Gelddrucken. Jetzt ist es im freien Fall. Daraus erklärt sich teilweise auch der unglaubliche Wert von WhatsApp. Wie kann so ein Unternehmen 19 Milliarden Dollar wert sein? Die Antwort liegt im Maschinenraum der OTTs, einer gigantischen Datensammel- und Verarbeitungsmaschine. Der Zugang zu diesem Maschinenraum wird zur größten geschäftlichen und regulatorischen Herausforderung aller Beteiligten werden.

Ähnliche Umwälzungen sind auch beim Fernsehen absehbar.
Serentschy: Die subversive Kraft des Internets wird auch das traditionelle Fernsehen mit voller Wucht treffen. Es ist eine strategisch irreführende Wahrnehmung, dass der lineare TV-Konsum steigt, die Nutzerzahlen und –stunden werden noch durch die demografische Entwicklung und das Nutzerverhalten der Generation 55+ gerettet. Das lineare Fernsehen wird – wie die traditionelle Sprachtelefonie und die SMS – durch das Internet überrannt werden. Die Versammlung der Familie um den „Digitalen Feuerplatz“ zur gemeinsamen Konsumation von Nachrichten und Unterhaltung gibt es so nicht mehr, Ausnahmen sind vielleicht sportliche Großereignisse, wie Olympische Spiele. Netflix und Google Chromecast sind erst der Anfang, es wird noch jede Menge weiterer Anbieter für internet-basierte on-demand Angebote geben, mit denen sich jeder sein eigenes Programm erstellt.

Zurück zur Telekommunikation: Auch Roaming war für die Netzbetreiber einmal eine Goldgrube.
Serentschy: Falls sich das Soft-SIM Konzept, an dem Apple seit 2010 arbeitet, durchsetzen sollte, wird damit – unabhängig von politischen Entscheidungen und noch dazu schneller – das Ende von Roaminggebühren kommen. Viel wichtiger ist jedoch ein anderer Paradigmenwechsel: Mit Einführung dieses Konzeptes geht die Kundenbeziehung vom Netzbetreiber auf den Hersteller des Endgerätes über, eine brandgefährliche Entwicklung für die Mobilfunkfirmen. Eine Soft-SIM ist keine physische SIM-Karte im herkömmlichen Sinn mehr, sondern eine im Gerät installierte Software. Damit soll es möglich sein, in einem beliebigen Land einen beliebigen Netzbetreiber auszuwählen und dessen Angebot zu nutzen – ohne dass man zuvor einen Vertrag mit dem jeweiligen Netzbetreiber abschließt. Mit dem Launch des iPad Air 2 hat Apple einen Zwischenschritt zur Soft-SIM getan, mit einer „universellen“ SIM-Karte von Apple, die dem Verbraucher die Option gibt, aus den an der Apple SIM-Karte teilnehmenden Netzbetreiber zu wählen. Derzeit nehmen in den USA AT&T, Sprint und T-Mobile teil (nicht jedoch Verizon), in Europa nur EE (Everything Everywhere) in UK. Es bleibt abzuwarten, wie dieser Versuch von Verbrauchern und Netzbetreibern aufgenommen werden wird und ob damit der Weg zur Soft-SIM geebnet wird.

Damit wird die Regulierung der Märkte aufgebrochen.
Serentschy: Technologische Entwicklungen und Innovationen gehen meist so schnell vor sich, dass Politik, Ordnungshüter und Regulatoren dabei oft zu Statisten werden. Ein Problem in der europäischen Telekom-Politik und -Regulierung ist, dass sie unglaublich detailverliebt ist und daher jede Anpassung an Markt- und Technologieentwicklungen langsamer von Statten geht als die Technologiezyklen in den Markt kommen. Das noch größere Problem liegt jedoch in der Tatsache, dass das riesige Feld der Digitalen Services, erbracht durch OTTs völlig unreguliert ist und gleichzeitig wettbewerbende Dienste, die von den traditionellen Telcos erbracht werden mikro-reguliert sind. Für die wirklich großen Herausforderungen fehlen Wettbewerbsbehörden und Regulatoren die passenden Instrumentarien. Da wird zum Beispiel unter Ausschöpfung aller Fristen in Brüssel lange diskutiert, unter welchen Auflagen in einem europäischen Land zwei Mobilfunkbetreiber fusionieren dürfen – wie es etwa in Österreich im Fall von 3 und Orange und gleichzeitig wird die Mega-Fusion von Facebook und WhatsApp einem Konglomerat mit fast 2 Mrd. Kunden, größer als der weltgrößte Mobilfunkbetreiber, ohne vertiefte Untersuchung einfach durchgewunken. Es ist wohl nicht böser Wille, aber den Ordnungshütern fehlen für solche Fälle einfach die Instrumentarien. Für die großen Themen, die den Markt bewegen und die Kunden beherrschen, wie zum Beispiel den Zugang zu den gigantischen Datensammlungen der OTTs, gibt es derzeit keine regulatorischen Ansätze.

Die Frage ist, wie man damit umgeht: Lässt man die Marktkräfte entscheiden oder versucht man, lenkend einzugreifen?
Serentschy: Auf Grund der Tatsache, dass Politik und Ordnungshüter in und außerhalb der EU ein Methodendefizit für diese Umwälzungen haben, gibt es in der Tat vermehrt Strömungen, die es alleine dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen wollen, wer gewinnt und wer verliert. Ich bin da skeptisch und meine, dass sich Politik und Regulatoren nicht zurück lehnen dürfen, sondern sich intensiv und vorausschauend mit den internationalen Entwicklungen befassen müssen und diese mutig in ihre Entscheidungen einfließen lassen sollten. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Netzneutralität, also die Frage nach der Gleichbehandlung oder Priorisierung von Daten bei der Übertragung im Internet. Etwas überspitzt formuliert: Irgendeine europäische Lösung wäre besser, als keine und damit die Regelung den einzelnen Staaten zu überlassen. So würden wir in Europa einen Fleckerlteppich, mit 28 unterschiedlichen Lösungen in den EU-Mitgliedsstaaten bekommen.

Es gibt auch ein regulatorisches Paradoxon. Enttäuscht von der Politik in Brüssel, versuchen einige Unternehmen wieder verstärkt, ihre Anliegen national zu regeln. Die Verfechter dieser paradoxen Position haben offenbar übersehen, dass es seit dem Inkrafttreten des Vertrages von Lissabon kein Veto in Brüssel mehr gibt; vielmehr ist es erforderlich, für seine Anliegen in Brüssel qualifizierte Mehrheiten zu organisieren und diese Prozesse sind wesentlich anspruchsvoller als die Vetokeule zu schwingen.
Eine der wichtigsten Aufgaben im Bereich der Regulierung ist daher, dass es schleunigst zu einer Harmonisierung der Frequenz Vergaben kommen muss. Aber die Mitgliedsstaaten haben im Rat dagegen gestimmt, jeder will weiter sein eigenes nationales Süppchen kochen. Die Folge ist, dass Europa weiter hinter die anderen Regionen der Welt zurückgefallen ist.

Der nächste Rückschlag für Europas IT-Industrie?
Serentschy: Europas IT-Industrie ist ja bereits weitgehend den Bach hinunter gegangen, und die Netzwerkausrüster in Europa sind heute lange nicht mehr das, was sie vor 20 Jahren waren. In Europa wurde GSM erfunden und zum Weltstandard. Siemens, Alcatel, Nokia und Ericsson waren damals Technologieführer. Davon ist nur wenig geblieben, weil sich Europa nicht zu einer konzertierten Industriepolitik durchringen konnte und damit meine ich nicht Protektionismus.

Für die Konsumenten ist immer auch interessant, wie geht es mit den Preisen weitergeht. Zuletzt wurden die Preise im Mobilfunk etwas erhöht. Wie schätzen Sie die Entwicklung auch angesichts der MVNO’s ein?
Serentschy: Der Fokus der Brüsseler Wettbewerbshüter liegt offenbar in der Magie der Zahl „vier“, ein Denken, das sehr stark von statischen Effizienzüberlegungen getragen ist. Andererseits gibt es die gut abgesicherte empirische Evidenz, dass die Frage ob es drei oder vier Anbieter im Markt gibt, letztlich für das Preisniveau nicht entscheidend ist, entscheidend ist vielmehr ob die Netzbetreiber ausreichend EBITDA Marge verdienen um überhaupt die gewaltigen Investitionen in neue Technologien, Netzausbau sowie Netzqualität stemmen zu können. Neuere ökonomische Forschung hat gezeigt, dass 38% EBITDA Marge das Optimum an Investitionsanreizen für den Netzbetreiber bietet, eine Marge, von der die meisten Europäischen Telcos nur träumen können. Die Anzahl der Anbieter in einem Markt ist ein Resultat ökonomischer Fakten und sollte daher – in gewissen Grenzen – dem Markt überlassen werden und nicht den Behörden. Was die jüngsten Entwicklungen der Endkundenpreise in Österreich betrifft, sollte man nicht hektisch auf eine kurzfristige Entwicklung reagieren, sondern bedenken, dass die Preise immer noch unter dem Niveau von 2011 liegen, im internationalen Vergleich nach wie vor sehr günstig sind und der Eintritt der MVNOs sicherlich eine preisdisziplinierende Wirkung ausüben wird.

Spannend ist die Entwicklung vor allem was die Preise für die Internet-Nutzung betrifft. Europas Netzbetreiber sind noch nicht auf die Unit-Preis-Debatte aufgesprungen. Ein „Kilo Internet“ kostet in Europa wesentlich mehr als in Nordamerika. Wenn man „Preis“ sagt, sollte man dazu sagen, ob man den monatlichen Rechnungsbetrag meint, oder den Preis pro MB Daten, SMS oder Minute Gespräch.

Angesichts des Kosten- und Investitionsdrucks ist fraglich, wie lange es noch in jedem Land drei nationale Netzbetreiber geben wird.
Serentschy: Der europäische Binnenmarkt wird kommen und Zug um Zug wird es eine Welle von Mergern geben. Die Anzahl der physischen Netze in Europa wird damit schrittweise zurückgehen. Wesentliche ökonomische Treiber hinter diesen Mergern sind einerseits die Erweiterung des Produktportfolios („Triple Play und Quad Play“) und andererseits die Nutzung von Größenvorteilen. Diese Größenvorteile („Dynamischer Effizienzgewinn“) stellen die Basis für die erforderliche Investitionskraft der Telcos für Netzausbau und Innovation dar.

Die gegenwärtig spannendste Entwicklung sind die Merger zwischen Kabel- und Mobilfunkbetreibern, weil damit neben den traditionellen nationalen Spielern („Incumbents“) ein zweiter Vollanbieter in den Markt eintritt. Darüber hinaus erfahren diese Merger auch wenig Gegenwind von den Wettbewerbshütern, weil dabei Unternehmen aus zwei verschiedenen Sektoren zusammenkommen.

Sie hatten 2012 auch den Vorsitz im Gremium der europäischen Regulierungsbehörde BEREC und kennen auch daher die EU-Diplomatie. Was wären ihre Wünsche an Günther Oettinger, den neuen EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft?
Serentschy: Das sind vier. Erstens, dass der digitale Binnenmarkt mit sehr energischen Schritten vorangetrieben wird. Es dauert schließlich an die fünf Jahre, dass man auch etwas in diese Richtung bewegen kann.

Zweitens muss eine EU-einheitliche Lösung für das Copyright-Problem gefunden werden, die dem digitalen Zeitalter angepasst ist, den Verbrauchern Rechtssicherheit gibt, der Kreativwirtschaft zu Gute kommt und deren bürokratischen Überbau eindämmt.
Drittens muss eine EU-einheitliche Lösung für das Thema Netzneutralität gefunden werden, basierend auf dem Prinzip der Ko-Existenz von nicht gemanagten Diensten, wie dem freien und unbehinderten Internetzugang und gemanagten Spezial-Diensten, wie zB e-Health, Videokonferenzen und sicherheitskritische Dienste, um nur einige zu nennen.
Viertens muss es rasch zu einer koordinierten Vergabe weiterer Mobilfunk-Frequenzen, wie zB dem 700MHz Band, der sogenannten zweiten Digitalen Dividende kommen. Es ist aus Europäischer Sicht völlig ineffizient, dass diese in jedem EU-Land zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlichen Methoden vergeben werden; so werden wir keine Europäischen Telcos von Weltformat schaffen. Und man muss über die Laufzeit der Nutzungsrechte nachdenken. In den USA gibt es „Eternal licences“ – also „ewig“ gültige Lizenzen, die zur sehr hohen Investitionsbereitschaft der Unternehmen beitragen. Europa hat eine Generalüberholung der Frequenzpolitik verdient und nicht die Fortsetzung der Kleinstaaterei. Um erfolgreich zu sein, müssen wir Europäische Souveränität gewinnen und dafür wohl ein Stück nationale Souveränität aufgeben.

Financing Stars: „Geld ausgeben ist super!“

Financing Stars: "Geld ausgeben ist super!"

Financing Stars Bernhard Baumgartner (li) und Jürgen Vogl. © Jürgen Vogl

 Jürgen Vogl und Bernhard Baumgartner sind seit Jahren in der österreichischen Business-Kabarett-Szene aktiv. Für ihr neues €COmedy Programm "Financing Stars" haben sie sich die Unterstützung von Bernhard Felderer, dem früheren Direktor des Instituts für Höhere Studien und heutigen Präsident des österreichischen Staatsschuldenausschuss geholt. "Financing Star" Jürgen Vogl im Interview.

Bernhard Baumgartner und Sie sind seit Jahren als Wirtschafts-Kabarettisten aktiv. Für das neue Programm „Financing Stars“ haben Sie sich die Unterstützung von Bernhard Felderer, dem früheren Direktor des Instituts für Höhere Studien und heutigen Präsident des österreichischen Staatsschuldenausschuss geholt. Wie ist es dazu gekommen?
Jürgen Vogl: Hintergrund ist, dass Herr Felderer meinen Partner Bernhard Baumgartner bei einer Gala gesehen hat. Felderer meinte damals, er würde so gerne ein Kabarett über die Finanzwirtschaft sehen, in dem sie Finanzwelt mit Humor erklärt wird, weil das mit der nüchternen, trockenen Methode offenbar nicht möglich ist und es ihn nervt, dass sich niemand auskennt.

Was kann man sich von dem Programm erwarten?
Jürgen Vogl: Wir haben uns eine Fernsehshow ausgedacht. Die „Financing Stars.“ Wir wollen damit die ganze Finanzwelt ansprechen. Den Raika-Angestellten aus Gänserndorf genauso wie den Versicherungsvertreter oder den Bank-Generaldirektor. Und natürlich auch den kleinen Sparer, der nicht weiß, was er mit seinem Geld machen soll.

Welche Rolle spielt Herr Felderer dabei?
Jürgen Vogl: Ich hatte mit ursprünglich vorgestellt, dass er unser David Attenborough wird, der Biologe aus den BBC-Dokumentationen, der alles erklären kann. Ich hätte es total super gefunden, wenn er zum Beispiel bei der Börse vorbeigeht und die Börse erklärt – also den seriösen Part gibt und wir dann unseren Blödsinn dazu machen. Die Idee hat Felderer zwar gefallen, aber letztlich hat er wohl um sein seriöses Image gefürchtet und wollte dann doch nicht mitmachen. Aber er stand uns bei der Entwicklung des Programms als Berater zur zur Seite und wird auch zur Premiere kommen. Auf die Bühne wollte er nicht.

Was kann man sich unter „Financing Stars“ vorstellen? Banker, die wie die „Dancing Stars“ vor einer Jury antanzen und alternative Anlageprodukte vorführen?
Jürgen Vogl: Nein, wir spielen eine Fernseh-Show, wie in einem Live-Studio. Bernhard und ich sind Moderatoren von Cash Cow TV, einen privaten Fernsehsender, dessen erfolgreichste Sendung eben „Financing Stars“ ist. Wir moderieren die Sendung und sind, weil wir so erfolgreich sind, schon auf dem Sprung nach Amerika.
Unsere Show ist eine Art „TV total“, das Thema ist aber Wirtschaft und Finanzen. Mit einem Außenstudio auf Cayman Islands, von wo unser der Mitarbeiter der „Geldpresse“ Nachrichten liefert. Es gibt das Institut für Höhere Schadenwirtschaft und dessen Leiter, einen Hedgefondsmanager, Power-Point-Präsentationen über Offshore-Märkte und Offshore-Finanzplätze. Biene Maja und Willi werden über das Wirtschaftswachstum sprechen: Brauchen wir immer mehr Klatschmohn oder sollen wir uns einfach einmal in die Wiese legen? Aber auch einen Finanzastrologen, der Horoskope von allen Unternehmen hat und daraus deren Entwicklung vorhersagt.

Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung des Programm?
Jürgen Vogl: Am schwierigsten war es sicher, abzuschätzen, welches Wissen wir voraussetzen können. Was können die Leute im Publikum von Finanzprodukten, Offshore-Märkten oder Fremdwährungskrediten wissen? Für das öffentliche Programm haben wir das Niveau jetzt relativ weit unten angesetzt. In der Hoffnung, dass es zumindest die Finanzer im Publikum verstehen.

Die Häuslbauer haben mit Fremdwährungskrediten Schwarzgeld gewaschen

Wie erklärt man Finanzprodukte in einem Kabarett? kann man darüber lachen?
Jürgen Vogl: In unserem Programm gibt es zum Beispiel einen History-Channel, in dem wir erklären, wie Fremdwährungskredite erfunden wurden und wie sie funktionieren. Warum konnte denn die Schweiz das Geld so billig hergeben? Wie konnte es sein, dass das Zinsniveau in der Schweiz bei 1,5 Prozent und bei uns bei acht Prozent lag? Ganz einfach deswegen, weil in den Schweizer Banken Milliarden Schwarzgeld liegen. Das wurde dann von den österreichischen Häuslbauern weiß gewaschen.

Herr Felderer ist Präsident des österreichsichen Staatsschuldenausschuss. Wie schätzen denn die Financing Stars die österreichischen Staatsschulden ein?
Jürgen Vogl: Entspannt. Interstellar sind wir ja eigentlich schuldenfrei. Sogar die ganze Erde. Wir schulden niemanden etwas. Aber Staatsschulden einfach erklären – das ist schwierig. Das kann auch Herr Felderer nicht. Etwa die Frage, wem wir das Geld eigentlich schulden. Wenn man die Staatsschulden aufteilt, dann entfallen auf jeden Österreicher ungefähr 38.000 Euro. Wem aber kann ich die 38.000 Euro zahlen, wenn ich meinen Teil der Staatsschulden zurückzahlen will? Wir haben versucht, das herauszufinden. Aber es ist unmöglich, weil Staatsanleihen und Aktien so schnell gehandelt werden. Vor 20 Jahren war die Haltedauer einer Aktie bei vier Jahren, heute bei 20 Sekunden. Das Geld geht in Sekundenschnelle von A nach B. Bei den Summen, die dabei verschoben werden, wird einem schwindlig. Herr Felderer war unser Joker, damit wir inhaltlich keinen Topfen von uns geben. Aber selbst ein Experte wie er kann auf einfache Fragen oft keine klare Antwort geben.

Lotto und Sportwetten sind die Hedgefonds des kleinen Mannes

Viele stellen sich die Frage, was sie mit ihrem Geld machen sollen. Zinsen gibt es schließlich so gut wie keine mehr. Was wäre denn die Empfehlung der „Financing Stars“, wenn man plötzlich 100.000 Euro hat – wie zum Beispiel die Gewinner der „Großen Chance“ im ORF, aber keine Idee, was man damit anstellen soll?
Jürgen Vogl: 38.000 Euro davon sind Staatsschulden. Die bekommt also Herr Felderer. Wir werden daher bei unseren Vorstellungen eine Sammelbox aufstellen, wie in der Kirche. Wer 38.000 Euro dabei hat, kann sich gleich entschulden. Herr Felderer wird sich dann darum kümmern, dass das Geld in die richtigen Hände kommt. Entweder in die des Bundespräsidenten oder des Finanzministers. Dem Herrn Schelling kann man ja vertrauen. Bleiben noch 62.000 Euro. Die sollte man zum Großteil ausgeben.

Also leben wie George Best, der einmal sagte: „Das meiste Geld habe ich für Alkohol und Frauen ausgegeben, den Rest verprasst“?
Jürgen Vogl: Geld ausgeben ist grundsätzlich eine super Sache. Unser Rat als „Financing Stars“ wäre es, 67,4 Prozent der verbleibenden 62.000 Euro in direkte private Wohlstandsinvestitionen zu stecken. Autos, Schuhe oder was auch immer. Bleiben noch 20.000 Euro. Davon könnte man die Hälfte in die Hedgefonds des kleinen Mannes investieren. Lotto, Sportwetten und so weiter – oder auch in Aktien. High-Risk-Investments eben Den Rest könnte man wieder splitten. 5000 Euro in einen Sparstrumpf stecken, der an der Tür hängt und den Rest in einen Bausparer investieren. Dann hat man ein Sparbuch und man kann der Mama oder der Oma beim Weihnachtsessen zeigen, dass man brav spart und für die Zukunft vorsorgt.

Wie stehen die „Financing Stars“ zu Wetten auf Rohstoffe und Währungen?
Jürgen Vogl: Sehr aufgeschlossen. Es ist ja so, dass die Rohstoffe in der 1-Cent-Münze mehr wert sind, als der nominelle Wert der Münze. Man könnte also die 5000 Euro im Sparstrumpf als 1-Cent-Münzen sparen. Und ein paar Dollar sollte man auch kaufen. Um sie später einmal den Enkelkindern zeigen zu können. Damit sie wissen, wie die alte Weltwährung ausgesehen hat.

Und wenn man heute ein Unternehmen gründen möchte – wo sollte man das tun?
Jürgen Vogl: Das ist derzeit nicht ganz so einfach. Irland war in der Vergangenheit super, oder Delaware. Aber jetzt geht die EU gegen Steuerinseln vor. Vielleicht sollte man jetzt ein wenig abwarten. Es wird sicher bald neue Offshore-Destinationen und Möglichkeiten geben. Schwimmende Firmeninseln im Meer vielleicht oder auch Satelliten-Adressen im Weltall.

FINANCING STARS

€COmedy von Jürgen Vogl und Bernhard Baumgartner
Premiere: 10.11.2014, Casanova, Wien
Weitere Termine im November und Dezember 2014 in Wien und Salzburg sowie im Jänner, Februar und März 2015 in Wien.
Weitere Informationen zum Programm:
www.voglohnee/financing-stars

Ein Haus, einfach zum Mitnehmen

Ein Haus, einfach zum Mitnehmen

 

Simple Home – das Haus zum Wohnen für zwischendurch. © Gerhard Feldbacher/Simple Home

 

Mit seinem portablen Wohnstudio hat der Salzburger Architekt Gerhard Feldbacher das Ferienhaus neu erfunden. Das "Simple Home" ist ein Haus, das an (fast) jedem beliebigen Ort abgestellt und wieder mitgenommen werden kann. Nachhaltigkeit und ein gehobener Wohnkomfort inklusive.

Ein Start-up. Im Jahr 2014 versteht man darunter gerne ein neu gegründetes Unternehmen, das an Apps oder anderen High-Tech-Lösungen für Smartphones, Tablets oder – was dann fast schon ein bisschen retro ist – Computer arbeitet. Dahinter stehen dann meistens Absolventen einer FH oder gestandene Techniker, die ihre Ideen gerne auch mittels Crowdfunding finanzieren.

Das „Simple Home“ des Salzburger Architekten Gerhard Feldbacher fällt komplett aus diesem Bild. Feldbachers Erfindung hat rein gar nichts mit den trendigen Apps zu tun, und wurde auch nicht via Crowdfunding oder mit dem Gewinn aus einem Start-Up-Wettbewerb finanziert, sondern schlicht und einfach mit einer Jungunternehmer-Förderung des Austria Wirtschaftsservice (AWS).

Feldbachers „Simple Home“ ist ein Haus zum Mitnehmen. Ein portabler Zweitwohnsitz, den man dort aufstellt, wo es einem gerade gefällt und der sich dann auch ebenso leicht wieder abtransportieren lässt. Der Clou an seiner Erfindung ist das Pop-up-System, mit dem das Haus binnen weniger Minuten und ganz ohne Kran dort steht, wo man es haben will: Es wird mit einem LKW gebracht, der sich ein wenig anhebt. Darauf werden die Steher an der Unterseite des Hauses heraus geklappt, der LKW senkt ab und fährt weg. Das Haus bleibt auf 1,50 Meter hohen Stelzen stehen. Der Raum darunter ist zugleich Hochwasserschutz und Abstellplatz für Fahrräder, Griller und andere Gerätschaften.

Einfach: Lärchenholzfassade, ausklappbare Terrasse und ausfahrbare, beschattete Schlafkoje. © Gerhard Feldbacher/Simple Home

 

HOLZ STATT PLASTIK

Das Wohnkonzept des jungen Architekten ist dabei nicht bloß eine bessere Variante eines Wohnwagens oder eines Mobile Homes, die man von Campingplätzen kennt. So ist sein „Simple Home“ auch kein Kunststoff-Verschlag, sondern ein massives, zehn Tonnen schweres Objekt mit einer zehn Zentimeter dicken Massivholzwand und einer entsprechenden Dämmung für ein angenehmes Wohnklima an kalten und heißen Tagen. Wer sich für ein Modell mit integrierter Photovoltaikanlage entscheidet, kann darin sogar energieautark leben und an kalten Tagen sorgen Infrarotpaneele oder ein Holzofen für Wärme.

Die Ausstattung und die Einrichtung sind auf ein Minimum reduziert, aber ebenfalls hochwertig und funktionell: Eine oder zwei Schlafkojen, die aus dem Basis-Quader herausgeschoben werden. Eine ausklappbare Terrasse. Großzügige Tür- und Fensterflächen aus 2-fach Isolierverglasung, die das 20 Quadratmeter große Basismodell geräumiger wirken lassen als es tatsächlich ist. Dazu ein schlichter Küchenblock und eine Nasszelle, die wahlweise an ein vorhandenes Wasser- und Kanalnetz angeschlossen oder ebenfalls autark betrieben werden können.

Der Wohnraum und der Küchenblock des „Simple Home“. Rechts vorne die Schlafkoje. © Gerhard Feldbacher/Simple Home

 

Ein Jahr lang hat Feldbacher an mit den Mitteln des AWS realisierten Prototyp gearbeitet. „Meine ursprüngliche Idee war die eines nachhaltigen Ferienhauses, aber es hat sich herausgestellt, dass die Leute die unterschiedlichsten Ideen haben, wie sie das Haus verwenden und darin leben wollen“, sagt er.

Seit dem Sommer ist er mit seinem 18 Quadratmeter großen Smart Home auf Roadshow und erlebt dessen Vielseitigkeit immer wieder auf Neue. Im Herbst war es bei der Ars Electronica in Linz das mobile Atelier des Radiosenders Ö1, bei Musikfestivals die Luxus-Variante eines Wohnmobils am Campingplatz und an der Hohen Wand in Niederösterreich ein Feriensitz mitten im Grünen. Eines ist aber geblieben: Die Möglichkeit, von einem Tag auf den anderen weiterzuziehen. Und selbst denjenigen, die das nicht wollen bietet Feldbacher inzwischen eine Lösung an. Zusätzlich zu dem ursprünglichen „Home To Go“ hat er eine zweite Variante, das „Home To Stay“ entwickelt. Es ist ein wenig größer und damit auch familienfreundlicher. Feldbacher hat aber für alle Wünsche ein offenes Ohr und kann das „Simple Home“ individuell für die Wünsche seiner Kunden anpassen. Allerdings: „In der Basisversion ist das Haus in zwei Monaten lieferfertig. Bei besonderen individuellen Wünschen dauert es natürlich etwas länger.“

INFO SIMPLE HOME

– Massivholz mit hinterlüfteter Lärchenholzfassade
– Nutzfläche ca. 18 Quadratmeter
– Wahlweise eine oder zwei Schlafkojen (ausziehbar)
– Küchenblock und Nasszelle
– ausklappbare Terrasse
– Preis nach Ausführung ab 44.000 Euro
http://www.simple-home.at/

Sanktionen? Wir sind nicht von den EU und den USA abhängig!

Sanktionen? Wir sind nicht von den EU und den USA abhängig!

Sergej Tscherjomin, Moskauer Stadtrat mit Verantwortung für internationale Investments © Wolfgang Wolak

Mit 11,5 Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt Europas. Sergej Tscherjomin ist in der Stadtregierung verantwortlich für die externen und internationalen Angelegenheiten und hat damit auch die Aufgabe, Investoren aus dem Ausland zur Finanzierung der gewaltigen Stadtentwicklungspläne zu finden. Ein Job, der angesichts der aktuellen Wirtschaftssanktionen zusehends schwieriger wird. Ich traf Tscherjomin, der mit einer Moskauer Delegation im Rahmen einer Pro-Russland-Charme-Offensive in Wien war, zum Interview.

Ihr Job scheint derzeit recht schwierig zu sein.
Sergej Tscherjomin: Wenn ich ganz offen und ehrlich mir selbst und anderen Menschen gegenüber sein will, wenn ich nicht nach doppelten und dreifachen Standards leben will, so habe ich keinerlei Schwierigkeiten mit meinem Job.

Das hatte ich nicht gemeint. Ihre Aufgabe ist es doch darin, ausländische Investoren für Infrastrukturprojekte in Moskau zu gewinnen. Angesichts der über Russland verhängten Sanktionen stellt sich die Frage: Können Sie überhaupt noch Anleger davon zu überzeugen, in die Entwicklung Moskaus zu investieren?
Tscherjomin: Moskau gehört heute weltweit zu den Städten mit der dynamischsten Entwicklung. Im vergangenen Jahr betrug der Umfang von Kapitalanlagen 40 Milliarden US-Dollar (über 30 Milliarden Euro), wobei dies zu zwei Dritteln Privatinvestitionen waren. Moskau lag tatsächlich europaweit auf Rang eins im Hinblick auf eingesetzte Investitionen und die Inbetriebnahme von Immobilienobjekten.
Die Stadt kauft alles, was zur Lebensversorgung und Entwicklung einer Stadt gehört: Aggregate und Maschinen, Elektroanlagen, Medizintechnik, Verkehrsmittel etc. Außerdem geben wir jährlich 7 bis 8 Mrd. Euro für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, vor allem der Metro, aus. Wir investieren weiterhin in die Entwicklung unseres öffentlichen Verkehrsnetzes, von Schulen, Krankenhäusern, für die Gestaltung von Parks und Straßen. Sanktionen können diesen Prozess lediglich abschwächen, ihn aber nicht abbrechen.

Wie gelingt es Ihnen, in der aktuellen Situation Anleger davon zu überzeugen, dass Investitionen in die Entwicklung von Moskau sinnvoll und vor allem auch sicher sind?
Tscherjomin: Die Umsetzung von allen kommunalen Projekten wird fortgesetzt. Die Regierungen der EU-Länder sowie der USA, Kanada, Japan und Norwegen haben beschlossen, die Finanzierung einiger staatlicher russischer Banken sowie mehrerer Rüstungsbetriebe und Energieunternehmen einzustellen. Russland ist aber ein riesiges unabhängiges Land. Früher oder später müssen wir zur Erkenntnis gelangen, dass wir nicht von den Launen von Lieferanten moderner Technik und neuester Technologien abhängen dürfen. Selbstverständlich finden wir neue Partner. Sie können es mir glauben, dass ziemlich viele Länder bereit sind, beliebige europäische und amerikanische Produkte umgehend zu ersetzen. Viele Länder der Erde verfügen über die modernsten Technologien.

Sie sind also der Meinung, dass die Sanktionen wirkungslos sind?
Tscherjomin: Sie können sich gar nicht vorstellen, was für eine intensive Tätigkeit derzeit auf kommunaler Ebene ausgeübt wird. Wir haben zahlreiche Kooperationsangebote von den größten europäischen Städten und Metropolen erhalten, weil die Kommunen im Gegensatz zu staatlichen Gremien mit beiden Beinen auf der Erde stehen, weil sie viel enger mit Unternehmen und Menschen zusammenwirken und Steuern einziehen. Auf kommunaler Ebene sind wir gegenwärtig international äußerst aktiv, das Leben sprudelt.
Vielleicht bekommen wir kurzfristig die einen oder anderen Probleme, sie werden jedoch nicht kritisch sein. Meines Erachtens sollten wir Mittel finden, um diese feindseligen wirtschaftlichen Maßnahmen, die einige Regierungen gegen Russland ergriffen haben, zu stoppen. Wir glauben nicht daran, dass wir uns in einem „kalten Krieg“ befinden, den keiner will, und bauen unsere Beziehungen auf regionaler Ebene weiterhin aktiv aus.

Sergej Tscherjomin © Wolfgang Wolak

Haben sich denn Investoren nicht von Russland und Moskau abgewandt?
Tscherjomin: Wie bereits erwähnt, sind wir auf kommunaler Ebene von den Sanktionen bislang nicht betroffen. Diejenigen, die in Russland bereits Projekte umsetzen, arbeiten daran weiterhin. Es hat sich noch kein einziger Investor zurückgezogen. Aber selbstverständlich weckt diese Situation bei einigen Befürchtungen, und wenn internationale Rating-Agenturen unsere Rankings weiterhin herabsetzen, können auch wir davon in Zukunft betroffen sein. Obwohl ich betonen möchte, dass die wirtschaftliche Situation in Moskau keine negativen Veränderungen aufweist. Wenn man unseren Haushalt betrachtet, so ist klar, dass Moskau zu Städten mit einer ausgesprochen gesunden Wirtschaft gehört: Die Staatsschulden liegen lediglich bei 12 bis 13 Prozent vom Jahreshaushalt. Wenn das Rating von Moskau herabgesetzt werden sollte, so würde dies ausschließlich aus politischen Gründen geschehen.

Wirtschaftssanktionen sind also Ihrer Meinung nach ungerechtfertigt?
Tscherjomin: Ich finde die bestehenden Sanktionen gegen Russland ungerechtfertigt. Soweit mir bekannt ist, hat Russland keine Truppen in die Ukraine geschickt und keine Waffen geliefert. Unser Land setzt sich für eine friedliche Lösung dieses Konflikts und für die Menschenrechte in der Ukraine ein. Wir wollen nur, dass die russischen Menschen im Osten der Ukraine die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten, und das Recht haben, ihre Muttersprache zu sprechen.
Die Initiativen des russischen Präsidenten fanden bei der OSZE, einer Organisation, die für Sicherheit in Europa sorgt, Unterstützung. Ich glaube, die ukrainische Regierung wird sich an die friedlichen Vereinbarungen halten und einen politischen Kompromiss um des Wohls ihres Landes willen halten, das heute am Rande eines Wirtschaftsdesasters steht.

Um es allgemein verständlich zu formulieren: Mit welchen Beträgen aus dem Ausland rechnen Sie? Wieviel Geld benötigt Moskau, um seine Pläne umzusetzen?
Tscherjomin: Im vergangenen Jahr hat Moskau über 10 Milliarden US-Dollar Direktinvestitionen erhalten, doppelt so viel, wie im Jahr davor. Im I. Quartal 2014 wurden insgesamt 16,4 Milliarden US-Dollar investiert. Wir haben sehr viele Projekte, deshalb ist die Höchstschwelle des Bedarfs an Investitionen schwer einzuschätzen.
Moskau wächst in jeder Hinsicht sehr schnell. Vor zwei Jahren ist die Gesamtfläche von Moskau fast um das 2,5-fache erweitert worden. In den Neugebieten sollen an die 1 Million Arbeitsplätze geschaffen werden. Heute ist Moskau weltweit führend, was Investitionen in die Restaurierung von historischen Bauten angeht, weil dies eine wirklich gute Geldanlage ist. 2013 schlugen solche Investitionen mit 400 Millionen Euro aus dem Haushalt und aus Privatquellen einen Rekord. Ferner setzt Moskau die Modernisierung praktisch der gesamten städtischen Infrastruktur fort – in den Bereichen Verkehr, Energiewirtschaft und Soziales. Wir sind uns darüber im Klaren, dass sie nur unter Einsatz von ausländischen Investitionen, Erfahrungen und einer beiderseitig vorteilhaften Zusammenarbeit zu lösen sind. Wir rechnen auch mit einer Beteiligung unserer Wiener Partner an der Umsetzung zahlreicher ambitionierter Projekte.

Moskau wird im Ausland falsch eingeschätzt

Ganz abgesehen von den Sanktionen gilt doch auch die russische Bürokratie als sehr schwierig.
Tscherjomin: Die Bürokratie entstand in Russland im 18. Jahrhundert dank Deutschland, wo Peter der Große Hauptelemente der Staatsverwaltung übernommen hatte. Heute gibt es die Bürokratie überall, selbst in Wien. An einem Tag erhält man nirgends auf der Welt eine Baugenehmigung. Und selbst wenn sie so ausgestellt worden ist, dann offenbar auf zwielichtigem Wege. Überall auf der Welt braucht die Unterzeichnung von staatlichen Aufträgen seine Zeit und ist mit großem Kraft- und Zeitaufwand verbunden. Moskau ist da keine Ausnahme.
Unsere Hauptwaffe gegen bürokratische Hürden sind unsere Offenheit und transparente Geschäftsabläufe. Die Moskauer Stadtregierung hat eine Investitionsstrategie entwickelt und darin ihre Ziele und Prioritäten gesetzt. Im Internet wurde das Investmentportal von Moskau freigeschaltet. Wir haben ein übersichtliches und transparentes System für Staatsaufträge geschaffen. Alle Aufträge — angefangen bei Lieferungen von Bürobedarf bis hin zu den größten Bauvorhaben – werden über öffentliche Ausschreibungen vergeben. Ein Großteil von Dienstleistungen für die Wirtschaft ist auf E-Verfahren umgestellt worden. Viele Verwaltungsfragen werden per Internet gemanagt ohne überflüssige Behördengänge. In der Stadt funktioniert auch eine Struktur zur Förderung des Unternehmertums, zu der Investmentagenturen, das Zentrum für innovative Entwicklung und Agenturen, die für Kleinunternehmen und Start-Ups zuständig sind, gehören.
Deshalb finde ich, dass das Moskauer Geschäftsklima im Ausland häufig falsch eingeschätzt wird. Moskau wird in der Regel noch nicht als Ort betrachtet, an dem man gute Geschäfte machen kann. Es ist jedoch ein Irrtum. Wir sind bemüht, dies potentiellen Investoren klar zu machen und ihnen nahe zu legen, dass die Geschäfte in Moskau sehr profitabel sein können.

Wir spüren keine Folgen der Sanktionen

Mit was für einer Unterstützung können Unternehmen rechnen, wenn sie sich dazu entscheiden, in Moskauer Projekte zu investieren?
Tscherjomin: Unsere Aufgabe besteht darin, Investoren Hilfestellung zu erweisen und einen Zugang zu unseren Ausschreibungen und der Auftragsvergabe zu ermöglichen. Wir helfen ihnen bei der Suche nach Geschäftspartnern und beraten sie in Bezug auf die Bewältigung von eventuellen Schwierigkeiten. Und selbstverständlich erleichtern wir ihnen die Kontakte zu staatlichen Institutionen.
Die österreichische Wirtschaft ist sehr gut in Moskau vertreten. In der Hauptstadt sind über 1.000 österreichische Unternehmen tätig. Derzeit suchen wir nach Firmen, die uns helfen können, unser Verkehrsnetz zu modernisieren: Metro, Straßen, das heißt das Hauptsystem der Stadt. In dieser Hinsicht bietet Moskau eine große Handlungsfreiheit. Allein in den Bereichen Verkehr und Infrastruktur tätigen wir Investitionen in einer Höhe von sieben bis acht Milliarden Euro jährlich, und zuweilen fehlt es uns an Ressourcen für die Umsetzung von einer noch größeren Anzahl von Projekten. Wir bauen zum Beispiel jedes Jahr 15 bis 16 km U-Bahnstrecken. Gegenwärtig schlagen wir Investoren vor, eine Konzession zu einer großen Klinik abzuschließen. Wir bedienen uns der weltweit besten Praktiken und fortschrittlichen Engineering-Ressourcen.

Und Sanktionen können dies nicht verhindern?
Tscherjomin: Moskau hängt nicht von der EU als Investor ab, und wir haben unsererseits keine Sanktionen eingeleitet. Nur ein Beispiel: Wir haben in Polen eine große Anzahl von Straßenbahnen in Auftrag gegeben. Die Polen sind sehr besorgt wegen der Sanktionen, weil sie uns als Kunden nicht verlieren wollen. Sie wissen, dass wir auch Straßenbahnen aus russischer, chinesischer, koreanischer oder anderer Produktion kaufen können.

Sie wollen also weiterhin mit der EU zusammenarbeiten?
Tscherjomin: Die EU ist ein führender Handelspartner von Russland, auf den ungefähr die Hälfte aller russischen Warenexporte und Importe entfällt. Wir betrachten uns als attraktiven Partner der europäischen und österreichischen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr flossen in die Moskauer Wirtschaft 2,807 Milliarden US-Dollar aus Österreich, was 5,3 Mal mehr ist gegenüber 2012. Unter anderem lagen Direktinvestitionen aus Österreich bei 635,4 Millionen US-Dollar.
Es sei daran erinnert, dass Moskau über 20 Milliarden US-Dollar jährlich für Anschaffungen ausgibt. Wo findet man sonst noch so einen Markt? Moskau erwirbt in Österreich Arzneimittel und Medizintechnik, Produkte des schweren Maschinenbaus, Kräne, Fahrzeuge, Elektromaschinen, Werkzeuge, Optik, Kunststoffe uns so weiter.
Wir kaufen weder Pistolen noch Raketen oder Kampfflugzeuge. Wozu auch? Russland hat seine eigenen sehr guten Hersteller von Waffen. Im vergangenen Jahr importierte Moskau Waren aus Österreich in einem Wert von 1.717,6 Millionen. US-Dollar, aber im ersten Quartal dieses Jahres sind österreichische Importe um 18,7% zurückgegangen gegenüber dem gleichen Zeitraum von 2013 und betrugen nur 300,5 Millionen. US-Dollar. Das heißt, dass es diese Sanktionen gibt und dass sie sich auf die österreichische Wirtschaft auswirken, während wir in Moskau keine Folgen zu spüren bekommen.
Wenn wir wegen der Sanktionen Wirtschaftsprojekte mit der EU oder den USA zurückfahren müssen, sind wir gezwungen die Zusammenarbeit mit Asien auszubauen. Bekanntlich findet man aber gute Partner nicht so leicht.
Auf jeden Fall halten Sanktionen dazu an, zu überlegen und neue Ideen zu entwickeln, wie man zukünftig überleben kann. Sie zwingen uns dazu, dass wir nicht auf der faulen Haut liegen und nur von den Einnahmen aus Öl- und Gasexporten leben. Wir müssen eben selbstgenügsam sein.
In unserer Welt herrscht eine harte Konkurrenz. Alle Städte und insbesondere die Metropolen wetteifern um Investitionen sogar mehr, als Länder oder Industriebranchen. Alle wollen zeigen, dass sie ein besseres Geschäftsumfeld haben und die begehrtesten Objekte für ausländische Investitionen in der Welt sind. Meiner Ansicht nach steht Moskau nach wie vor auf der Liste der weltweit attraktivsten Städte für ausländische Investitionen. Insbesondere für diejenigen, die langfristig investieren wollen.

Sergej Tscherjomin © Wolfgang Wolak

Was wären die Konsequenzen, wenn die Sanktionen aufrechterhalten und weiter verschärft werden?
Tscherjomin: Wenn wir wegen der Sanktionen Wirtschaftsprojekte mit der EU oder den USA zurückfahren müssen, sind wir gezwungen die Zusammenarbeit mit Asien auszubauen. Bekanntlich findet man aber gute Partner nicht so leicht.
Auf jeden Fall halten Sanktionen dazu an, zu überlegen und neue Ideen zu entwickeln, wie man zukünftig überleben kann. Sie zwingen uns dazu, dass wir nicht auf der faulen Haut liegen und nur von den Einnahmen aus Öl- und Gasexporten leben. Wir müssen eben selbstgenügsam sein.
Für Russland haben die Sanktionen zum Teil auch Vorteile. Danone zum Beispiel baut, wie auch andere europäische Unternehmen, die in Russland tätig sind, die Produktion in Russland aus. Wenn die Menge von Produkten, die für den Import freigegeben sind, reduziert wird, muss die Produktion im Inland erfolgen. Damit wird für zusätzliche Arbeitsplätze in Russland gesorgt.
Moskau steht nach wie vor auf der Liste der weltweit attraktivsten Städte für ausländische Investitionen. Insbesondere für diejenigen, die langfristig investieren wollen. Wir wissen aber, dass in unserer Welt eine harte Konkurrenz herrscht. Alle Städte und insbesondere die Metropolen wetteifern um Investitionen. Sogar mehr, als Länder oder Industriebranchen. Alle wollen zeigen, dass sie ein besseres Geschäftsumfeld haben und die begehrtesten Objekte für ausländische Investitionen in der Welt sind.

MOSKAU

Moskau wächst in jeder Hinsicht schnell. Im Juli 2012 wurde das Stadtgebiet mit den Bezirken Nowomoskowski und Troizk auf 2510 Quadratkilometer erweitert. In den Neugebieten sollen eine Million Arbeitsplätze geschaffen werden. Im Stadtgebiet leben 11,5 Millionen Menschen, im Ballungsraum 15,1 Millionen. Damit ist Moskau die größte Stadt Europas. Moskaus jährliches Procurement-Budget liegt bei 20 Milliarden Dollar. 2013 lag der Umfang von Kapitalanlagen bei 40 Milliarden Dollar, die Stadt hat im vergangenen Jahr über zehn Milliarden Dollar an Direktinvestitionen erhalten.

Erinnerungen an Tschernobyl: „Es ist ein Verbrechen“

Am 26. April 1986 ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl. Natalija Tereshchenko war damals 35 Jahre und Ärztin in einer Brigade vor Ort. Im Gespräch mit format.at erinnert sie sich an die Ereignisse vor 28 Jahren: "Es ist unvorstellbar, wie die Menschen damals benutzt wurden. Ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte."

Ich treffe Natalija Tereshchenko im Büro der Wiener Umweltschutzorganisation Global 2000. Es ist fast auf den Tag genau 28 Jahre her, dass ich in Tschernobyl das bis heute unvergessene Reaktorunglück ereignete. Ich selbst war damals in der Maturaklasse des Gymnasiums in Linz und Tschernobyl war für uns Schüler klarerweise das Thema Nummer ein. Auch wenn das wahre Ausmaß des Unglücks niemand wirklich fassen konnte. Radioaktivität hatten wir bislang nur im Unterricht kennengelernt und einige unter uns bei Röntgen-Untersuchungen im Spital.

Obwohl seither viel über Tschernobyl erfahren, gelesen und in Filmen gesehen habe, ist Tereshchenko die erste Person, die ich kennenlerne, die damals direkt vor Ort war. Für mich als Journalist ist das Gespräch mit der schüchternen Frau, die von den Erlebnissen der schicksalhafte Tage und Wochen des Jahres 1986 immer noch merklich traumatisiert ist und beim Erzählen mitunter mit den Tränen kämpft, also auch etwas Besonderes.

Natalija Tereshchenko
Natalija Tereshchenko

Wann haben Sie zum ersten Mal vom Unfall in Tschernobyl gehört?

Natalija Tereshchenko: Zum ersten Mal habe ich am 25. April im Radio in den Nachrichten gehört, dass es auf dem Dach des Reaktors einen Brand gegeben haben soll. Damals hat man nicht gesagt, dass es für die Bevölkerung gefährlich sein könnte. Es gab überhaupt keine weiteren Informationen. Ich war noch eine junge Ärztin, 35 Jahre alt und konnte das nicht richtig einordnen. Mein Vater ist Physiker und Wissenschaftler. Er hat dann im Feindradio gehört, dass es eine radioaktive Wolke gibt, die wahrscheinlich aus Tschernobyl kommt.

Wo waren Sie damals?

Tereshchenko: In Charkiv, das ist im Osten der Ukraine, etwa 500 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl. Ein paar Tage später fanden dann die Mai-Kundgebungen statt. Das Wetter war schön, die Leute waren im Freien, haben getanzt und gefeiert. Niemand wusste, dass das gefährlich ist.

Dann sind viele Militärfahrzeuge und Rettungsautos Richtung Kiew gefahren. Da haben wir geahnt, dass der Unfall in Tschernobyl nicht so harmlos sein konnte. Danach kamen auch schon die ersten Menschen, die aus der Region um Tschernobyl evakuiert worden waren, nach Charkiv. Sie wurden dekontaminiert und neu eingekleidet.

Wie war das für sie?

Tereshchenko: Es war schrecklich. Es herrschte eine Hysterie. Die Leute hatten Angst. Die Familien hatten alles zurücklassen müssen, die Kinder haben geweint. Es wurden ungefähr 15.000 Familien nach Charkiv gebracht. Wir mussten alle untersuchen und die Leute, deren Blutwerte schlecht waren, in die Spitäler verteilen.

Sind die Menschen in Charkiv geblieben?

Tereshchenko: Für sie wurde später ein neuer Ort, Vilcha, 70 Kilometer von Charkiv entfernt, gebaut. Viele ältere Menschen sind aber wieder in die Zone zurückgekehrt. Das Problem ist, dass jetzt immer wieder Familien mit ihren Kindern in die Zone fahren, um die Großeltern zu besuchen. Kinder unter 19 Jahren sind dort streng verboten, aber sie werden in Autos unter Decken versteckt, um sie hinein zu schmuggeln. Dort essen sie dann alles, was verboten ist. Beeren, Pilze – verstrahltes Essen, das bei Kindern und jungen Menschen schwere Schäden verursachen kann. Es gibt bis heute keine Zone, von der man sagen kann, dass sie sicher ist. Radioaktivität kann überall sein.

Wann sind dann Sie nach Tschernobyl gekommen?

Tereshchenko: Schon am 6. Mai wurden die ersten Leute aus Charkiv nach Tschernobyl geschickt, um dort zu arbeiten. Am 16. August musste ich mit einer Brigade in die Region fahren. Was ich dort machen sollte habe ich nicht erfahren. Es spielte auch keine Rolle, dass ich zwei kleine Kinder hatte. Ich musste sie bei meinem Mann zurücklassen. Ursprünglich hätte ich 20 Tage lang bleiben sollen, dann wurden 33 daraus.

Es ist heute unvorstellbar, wie die Menschen damals benutzt wurden. Insgesamt haben nach dem Unfall sicher eine Million Leute dort gearbeitet. Viele noch ganz junge Soldaten, die nicht wussten, was sie machen. Es ist ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte.

Was mussten Sie dort machen? Welche Aufgabe hatten Sie?

Tereshchenko: Ich war in einem Ärzteteam das die Aufgabe hatte, das Blut der Leute, die in der Atomruine gearbeitet haben, zu untersuchen. Wir wurden in einem örtlichen Spital einquartiert und mussten täglich ohne einen freien Tag 18 Stunden lang arbeiten. In unserem Schlafsaal war die Strahlung beim Fenster enorm hoch und daher versuchten alle, so weit wie möglich davon entfernt zu schlafen. Wir hatten aber keine Messgeräte, um die Strahlung selbst zu messen. Auch keine Schutzkleidung, nur unsere weißen Mäntel und einfache Atemmasken, und davon auch nur zwei pro Tag. Während der ganzen Zeit habe ich auch nur zwei Tabletten bekommen, die von einer Regierungs-Kommission, die den Reaktor untersucht hat, übrig geblieben waren. Sonst gab es nichts für uns.

Waren unter den Leuten, deren Blut Sie untersucht haben, viele Strahlenopfer?

Tereshchenko: Unter 30 waren sicher immer mindestens fünf, sechs, die nicht mehr in den Reaktor zurück durften, weil ihre Werte zu schlecht waren. Auch ich bin nach dem Einsatz krank geworden und in meiner rechten Hand hat sich ein Geschwulst entwickelt. Alle, die dort gearbeitet haben, bekamen Herz- und Kreislaufprobleme, hatten Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Wir durften aber nicht die Diagnose „Strahlenkrankheit“ ausstellen. Das war vom Ministerium so angeordnet. Erst wenn jemand im vierten Grad betroffen war, das waren die ganz schweren Fälle, die alle kurz darauf gestorben sind, durften wir eine Strahlenkrankheit diagnostizieren.

Die Ärzte-Brigade mit Natalya Tereshchenko (2.v.re) Bild: © privat
Die Ärzte-Brigade mit Natalya Tereshchenko (2.v.re) Bild: © privat

Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Ärzten, die ebenfalls dort waren?

Tereshchenko: In der Brigade, mit der ich damals dort war, waren 54 Leute, und es leben nur noch drei. Ich und noch zwei weitere. Die beiden anderen sind auch schon schwer krank. Mein Glück war, dass mein Mann im Jahr 1987 eine Arbeitsstelle in Vietnam bekommen hat. Ich konnte mit ihm aus der Ukraine weg, in eine Umgebung mit frischer Luft und unverstrahlten Lebensmitteln. Deswegen lebe ich wohl noch und bin auch noch weitgehend gesund.

Was ist mit den Untersuchungsprotokollen von damals geschehen?

Tereshchenko: Die Protokolle und anderen Daten, die gesammelt wurden, sind bis heute unter Verschluss. Das ist strengste Geheimsache. Dabei gibt es das Problem noch tausende Jahre. Und die Aufzeichnungen könnten auch wertvoll sein, wenn irgendwo ein ähnlicher Unfall geschieht – was hoffentlich niemals passiert. Es darf sie immer noch niemand sehen. 28 Jahre danach.

Wie geht man heute in der Ukraine mit der Katastrophe um?

Tereshchenko: In der Ukraine ist der Unfall auch bis heute ein Tabu-Thema. Nur zum Jahrestag am 26. April spricht man ein wenig darüber. Dabei ist es die schrecklichste Katastrophe, die unser Land getroffen hat. Es gibt sehr viele Behinderte und immer noch viele schwere Krankheiten, die in Zusammenhang mit der Strahlung stehen. Die Regierung schweigt das aber tot und von den Menschen, die damals dort gearbeitet haben, lebt kaum noch jemand. Niemand kann davon erzählen und die Kinder erfahren in den Schulen auch kaum etwas von Tschernobyl. Wie soll man aber auch den Kindern sagen, dass ihr Land noch tausende Jahre kontaminiert sein wird?

Natalija Tereshchenko war auf Einladung der Umweltschutzorganisation Global 2000 in Österreich

Texte und mehr