Archiv der Kategorie: 02 Journalistische Arbeiten

Ausgewählte Texte aus meiner journalistischen Arbeit für die Magazine trend, profil, format, das WirtschaftsBlatt sowie diverse Gastbeiträge (ab 1999). Die Übersicht der Beiträge finden Sie in der Sitemap.

„Das wird etwas richtig Großes“: Jahrhundert-Investment BioNTech

trend: Herr Kromayer, die MIG-Verwaltungs AG war 2008 einer der Gründungsinvestoren in das damals noch kaum bekannte Unternehmen BioNTech und hat das Unternehmen in der Folge aktiv begleitet. 2019 kam der Börsengang und 2020 der große Coup mit dem Corona-Impfstoff. Die Aktie des Unternehmens ist seither fast um unfassbare 1.500 Prozent gestiegen. Zwischenzeitlich wurden bereits hunderte Millionen Euro an Investoren ausgeschüttet. Wie sind Sie damals zu BioNTech gekommen?
Matthias Kromayer: Ich kenne die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci schon seit 2004 von dem Vorgängerunternehmen Ganymed Pharmaceuticals, einem Krebsunternehmen aus Mainz. Die MIG Fonds investierten dort schon 2006. Im Rahmen dieser Investition in Ganymed hat man festgestellt, dass das Unternehmen noch viel mehr hat. Da kam dieses unglaubliche Konzept von Ugur Sahin, der ein sehr visionärer Mensch ist und 10, 15 Jahre in die Zukunft denkt und sagte: „Ich will die Medizin verändern.“

Was war so besonders an diesem Konzept?
Die Idee der individualisierten Medikamente. Statt ein Medikament für alle zu entwickeln, das dann nur für 30 bis 40 Prozent der Patienten wirksam ist, wollte er maßgeschneiderte Medikamente. Ähnlich wie ein Zahnarzt oder ein Kieferorthopäde, der ein Gebiss oder eine Brücke für jeden Patient persönlich anfertigen muss. So ein personalisiertes Prinzip wollte Ugur Sahin auch für Medikamente gegen schwere Krankheiten, und alle haben gesagt, dass das unmöglich ist, Science Fiction. Und aus technischen und kommerziellen Gründen niemals möglich sein wird. Ugur Sahin war aber überzeugt, dass es möglich ist und hat uns sein Konzept gezeigt.

Und das hat Sie überzeugt?
Zufälligerweise hatte ich einige Jahre davor meine Doktorarbeit auf dem Gebiet von mRNA gemacht und verstand ein bisschen was davon. Ich sagte: Vergiss es, das Material löst sich zu schnell auf und ist auch nicht hitzestabil. Dann hat er mir gezeigt, dass es doch funktioniert und über die Jahre ein Arsenal an Technologien zusammengestellt – selbst entwickelte, gekaufte und lizensierte. Das war fantastisch. Er hat vom Ende her gedacht und sich ein Portfolio aufgebaut, statt zu sagen: Ich habe etwas, das ich vermarkten will – wie das 99 Prozent der Wissenschaftler machen. Das hat uns alle zusammen überzeugt. Also haben das Family Office Strüngmann und MIG auf einen Schlag 150 Millionen Euro investiert. Ins Blaue, nur auf das Konzept hin. Wir haben uns gesagt: Wenn das etwas wird, dann wird es etwas richtig Großes.

Auf dem Weg von der Gründung zum Börsengang hatten wir schon 12,5 mal unser Geld gemacht.

Was doch sehr außergewöhnlich ist.
Richtig. Normalerweise füttern Investoren wie wir sehr junge Unternehmen mit einem kleinen Betrag, dann über Jahre immer wieder, wenn die berühmten wertgenerierenden Meilensteine erreicht wurden. So geht das über mehrere Jahre mit mehreren Neufinanzierungsrunden.
Bei der BioNTech haben wir das komplett anders gemacht. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Mit dem vielen Geld konnte das Unternehmen dann quasi die Schotten dicht machen und zehn Jahre lang unter dem Radar der Welt entwickeln und das hingestellt, was es gebraucht hat.
Erst 2018 ist das Unternehmen aus diesem Stealth-Modus herausgekommen, hat dann einige Partnerschaften mit großen Unternehmen wie Sanofi gemacht, 2018 eine A-Runden-Finanzierung, was ein Witz ist, denn die macht man normalerweise ein Jahr nach der Seed-Runde. Das waren dann gleich 275 Millionen Dollar, ein Jahr später die B-Runden-Finanzierung mit ungefähr 300 Millionen Dollar und ein halbes Jahr später der Börsengang (ISIN US09075V1026).

Ein Zeitpunkt, bei dem viele Investoren Kasse machen.
Auf dem Weg von der Gründung zum Börsengang hatten wir schon 12,5 mal unser Geld gemacht.

Matthias Kromayer, Vorstand MIG Verwaltungs AG
Matthias Kromayer: „BioNTech hat Science Fiction möglich gemacht.“ © www.henthorn.eu

Und dann kam Corona.
Am 24. Jänner 2020 hat Ugur die Veröffentlichung zum neuen Virus gelesen, und am nächsten Tag hat BioNTech entschieden, den Impfstoff zu entwickeln. Das geht in keinem Großkonzern und in der Pharmaindustrie schon gar nicht, weil die eigentlich ziemlich risikoavers ist. BioNTech war als zweiter mit einem mRNA COVID Vakzin in der klinischen Entwicklung, wenige Tage nach Moderna, und hat dann alle überholt.

Bleiben wir bei der Vision von Ugur Sahin: Was muss ein Unternehmen denn mitbringen, damit es Sie als Investor interessiert?
Das erste war, dass ein paar ausgewählte Personen etwas gemacht haben, das man normalerweise nicht macht. Ich war als Berater immer neutral und habe nie gesagt: „Da müsst ihr investieren.“ An der Stelle bin ich aber über meinen Schatten gesprungen und habe gesagt: „Bitte schaut euch das zumindest an.“ Auch das Management der Ganymed hat neue Investoren gesucht, die längerfristig denken konnten. Und die Brüder Strüngmann und MIG haben eben eine unglaublich große Seed-Finanzierung auf die Beine gestellt.

Fünf der sieben erfolgreichen Deutschen Biotech-Exits der letzten zehn Jahre wurden von MIG angeführt.

Bis zum Börsengang sind dann aber elf Jahre vergangen. Da braucht man auch als Investor einen langen Atem.
Wir haben das Unternehmen jahrelang in Frieden gelassen. Das hatte ja nicht einmal eine Website. Es war ein Unternehmen mit 50, 100, 150 Mitarbeitern und dann immer mehr und keiner kannte es. Wir haben es als Investoren aber über Jahre extrem eng betreut, waren bei jeder strategischen Entscheidung dabei – fast wie bei einer Familie, die über Jahre eng zusammengearbeitet hat.
Von den 150 Millionen, die damals investiert wurden, kamen 13,5 Millionen von unseren Fonds, was auch schon viel ist. So viel machen wir auf einen Schlag selten, und schon gar nicht in einem so frühen Stadium. Der große Erfolgsfaktor war natürlich die große Nähe zum Family Office der Familie Strüngmann. Als Familie haben die keine zeitlichen Limits. Die Brüder Strüngmann sind Sammler, keine Händler, die etwas einkaufen und wieder verkaufen. Sie sammeln für die nächste Generation und werden sich mit Sicherheit von ihrer Beteiligung an BioNTech nicht so schnell trennen. Etwa 50 Prozent an BioNTech gehören der Strüngmann-Vermögensverwaltung.

Wie viel Geld muss man mitbringen, um bei einem Ihrer Fonds einsteigen zu können?
Wir verwalten 16 Publikumsfonds, die im Lauf der letzten 15, 16 Jahre aufgelegt wurden. Die Anleger sind Leute wie Sie und ich, die einen kleinen Teil ihres verfügbaren Geldes in diese Fonds investieren. Man hat aber dadurch die Möglichkeit, so zu investieren wie ein Thomas Strüngmann, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein Vermögen von mehreren Milliarden Euro hatte.
Die Mindest-Tickets in solchen Venture-Finanzierungen liegen eben bei einer Million, darunter geht es nicht. In unseren Fonds liegt das derzeit bei 5.000 Euro. Hinzu kommt, dass unsere Fonds in der Vergangenheit auch Modelle angeboten haben, wo jemand auch sagen konnte, er will 50.000 Euro investieren, die er aber gerade nicht hat – also investiert er jetzt 2000 Euro und dann in den nächsten 20 Jahren monatlich 200 Euro – eine Art Ratensparplan, könnte man sagen.

Matthias Kromayer, Vorstand MIG Verwaltungs AG
Matthias Kromayer: „BioNTech wird das drittgrößte Biotech-Unternehmen der Welt sein.“ © www.henthorn.eu

Als Investor suchen Sie vermutlich immer wieder Co-Investoren, die sich mit großen Summen beteiligen.
Unsere Fonds sind Publikumsfonds und für Privatanleger geeignet, von denen es rund 50.000 gibt. Rund ein Viertel der Anleger und auch des investierten Kapitals kommt aus Österreich – darunter Bauunternehmer, Großwinzer, Kanzlei-Inhaber. Österreich ist eine sehr wichtige Region für uns. Wenn Investments einmal siebenstellig werden, dann geht das eher in Richtung professionelle Anleger. Wir sind aktuell dabei, den ersten Fonds für diese professionellen Anleger aufzulegen.
Bei den institutionellen Investoren haben wir die Zusage von großen Family-Offices. Wir wurden schon vor dem BioNTech Erfolg von großen Family Offices angesprochen. Von den sieben erfolgreichen Biotech-Exits der letzten zehn Jahre in Deutschland waren fünf von MIG angeführt, das spricht sich natürlich herum.

Die klassischen Industriegrenzen brechen auf. BioNTech ist ein Super-Beispiel wie Technologien konvergieren.

Man könnte bei einem Börsenkurs von aktuell rund 180 Euro jetzt schön Kasse machen, aber BioNTech ist sicher ein Unternehmen, das noch eine größere Perspektive hat.
Genauso ist es. Die Prognosen, was BioNTech 2021 an Umsatz und Ertrag generieren wird – da lässt sich noch viel machen, man kann die ursprünglichen Investitionsziele um viele weitere ergänzen. Umsatzmäßig wird man das drittgrößte Biotech-Unternehmen der Welt sein, vom Ertrag vermutlich sogar noch deutlich drüber liegen. Da kann das BioNTech-Team jetzt Dinge realisieren, von denen es früher nicht einmal träumen konnte. Das ist jetzt eigentlich erst der Anfang. Unsere Investoren haben aber auch bisher schon profitiert. Seit Anfang 2000 haben wir über 600 Millionen Euro an sie ausgeschüttet.

Welche Qualitäten muss denn ein Unternehmen mitbringen, um für Sie für ein Investment interessant zu sein? In welchem Feld sollte es tätig sein, welche Branchen und Technologien sprechen Sie besonders an und aus welchem Grund?
Das muss man auf zwei Ebenen beantworten. Die eine ist die formale Ebene – welche Branchen finden wir interessant – und dann: was macht es in den Segmenten eigentlich aus, dass wir bestimmten Unternehmen besondere Chancen einrichten?
Wir sind nach unserem Wissen der einzige Investor in Europa – und wahrscheinlich gibt es auch in den USA nicht sehr viele – der quer über so viele Technologie- und Branchensegmente investiert. Dafür haben wir einen guten Grund: Wir haben schon Ende der Nuller-Jahre festgestellt, dass diese klassischen Industriegrenzen aufbrechen. Biotechnologie, Pharma auf der einen Seite, Deep Tech auf der anderen Seite. BioNTech ist ein schönes Beispiel. BioNTech ist nicht nur ein Biotech- und Pharma-Unternehmen, sondern auch ein Big Data Unternehmen. BioNTech ist also ein Super-Beispiel wie all diese Technologien konvergieren.

Für BioNTech war die Pandemie vorsichtig gesagt ein etwas glücklicher Zufall, weil man das Werkzeug dagegen schon fast parat hatte. Aber eigentlich kommt das Unternehmen ja aus der Krebsforschung.
Impfstoffe gegen Krebs sind natürlich ein viel dickeres Brett als Impfstoffe gegen Viren, die jetzt nicht so wahnsinnig schwierig sind. Es ist aber schwierig, sie schnell zu machen und damit die ganze Welt zu versorgen.
Bei Krebs gibt es ganz andere Herausforderungen. Die erste ist, dass Krebs biologisch gesehen etwas Eigenes, ein biologisches „Selbst“ ist, während ein Virus – egal ob es ein abgetötetes Virus oder ein Virusprotein ist, vom Immunsystem sofort als fremd erkannt wird. Da läuten alle Alarmglocken im Körper. Das ist dann auch bei einer Impfung der Fall.
Bei Krebs ist es schwieriger, man muss viel mehr Tricks anwenden, zuerst einmal die Unterschiede zwischen den Krebszellen zu den gesunden Zellen herausarbeiten, was sehr anspruchsvoll ist und die ganzen erwähnten Technologien erfordert.

Für die Geschäftsmodelle der Zukunft muss man die Datenseite verstehen.

Können Sie das ein wenig präzisieren?
Bei der individuellen Krebstherapie wird für jeden einzelnen Patient, für jeden einzelnen Tumor von hunderttausenden Zellen, die man bei einer Biopsie entnimmt, das gesamte Genom sequenziert. Das sind Terabyte an Sequenzdaten für einen einzelnen Patienten. Die muss man speichern, analysieren, transportieren usw. Dann muss man aus diesen Daten sehr spezifisch und sehr anspruchsvoll genetische Signaturen identifizieren, das kann man nur über maschinelles Lernen, ein normaler Algorithmus kann das nicht, ein Mensch schon gar nicht. Dafür ist Artificial Intelligence und Machine Learning notwendig und sinnvoll.
Dann ist das Unternehmen hochgradig automatisiert. Vieles passiert mit Robotern, für die benötigt man wieder die entsprechende Technologie und Software zur Steuerung. Und am Ende steht dann auch noch eine wahnsinnige logistische Herausforderung – entweder für Milliarden von Menschen Milliarden von Dosen in kurzer Zeit die Produktion zu skalieren und auch zu verteilen. Oder auch eben für vielleicht 50.000 Patienten jährlich jeweils ein individuelles Medikament mit einer eigenen mRNA herzustellen, Qualitätskontrolle und Freigabe-Analytics zu machen und das dann eben auszuliefern.

Das klingt nach einem extrem kostspieligen Unterfangen.
Sie kennen das Mooresche Gesetz aus der Informationstechnologie. Das kann man auch auf die Genom-Sequenzierung ansetzen.. Viele Leute haben gedacht, als wir 2008 in BioNTech investiert haben: Die Sequenzierung des humanen Genoms kostet 50.000, wenn nicht 100.000 Euro. Meine Antwort war: Ja, jetzt, aber in zehn Jahren kostet das 1.000 oder vielleicht nur 100 Euro. Und genauso ist es heute. Heute kostet das 100 bis 150 Euro und ist über Nacht erledigt.
Das Wissen aus anderen Brachen konnten wir immer per Analogieschluss auf andere Segmente übertragen. Und wir schauen uns Geschäftsmodelle von Unternehmen an, die genau auf diese Konvergenzen setzen.

Matthias Kromayer, Vorstand MIG Verwaltungs AG
Matthias Kromayer: „Technologie wird massiv überbewertet. Sie alleine verkauft sich nicht.“ © www.henthorn.eu

Hochtechnologie als Mittel zum Zweck?
Es trügt vielleicht der Eindruck, wir seien Tech-Investoren. Klar, wir verstehen Technologien. Technologie an sich wird aber massiv überbewertet und das Geschäftsmodell dahinter massiv unterbewertet. Das ist aber, was uns interessiert: Wenn jemand ein neues Geschäftsmodell hat, eine Lösung für eine Nachfrage im Markt, die heute nicht befriedigt wird.
Dafür werden verschiedene Technologien benötigt. Präzisionsmedizin braucht immer maschinelles Lernen zur Unterstützung; bildgebende Verfahren in der Diagnostik, digital therapeutics, Zugang zu Patientendaten – anonymisiert natürlich – das sind Geschäftsmodelle der Zukunft. Dazu muss man die Datenseite verstehen, Analytics, künstliche Intelligenz und natürlich die Anwendung. Wir erleben im Moment unglaublich viele Anfragen von Investoren, die aus dem Tech-Bereich kommen.
Diese Überschneidungsbereiche der Technologien interessieren uns besonders, und darin interessiert uns weniger die Technologie selbst. Die Technologie als Selbstzweck ist nichts wert. Technologie allein verkauft sich nicht. Man muss die Technologie in Anwendungen überführen, aus den Anwendungen Produkte entwickeln, die Produkte müssen marktfähig, zugelassen und vertrieben werden – sodass die Leute auch ordentlich dafür bezahlen.

BioNTech ist bei der individuellen Krebstherapie relativ nah am Ziel.

Wie weit ist denn BioNTech heute bei der individuellen Krebstherapie?
BioNTech hat sich seit 2008 alle notwendigen Instrumente und Mittel erarbeitet, um die Unterschiede zwischen Krebszellen und gesunden Zellen herauszufiltern, und zwar sehr, sehr schnell. Es wurden die Software und Algorithmen entwickelt, um Angriffspunkte zu suchen und auszuwählen, die am besten geeignet sind. Das sind in der Regel zehn verschiedene, denn Krebszellen mutieren, ändern sich viel schneller als Viren. Man muss deshalb gegen mehrere Targets gleichzeitig aktiv sein, dann hat der Tumor kaum noch eine Chance, dem zu entkommen. Die zehn richtigen Targets aus 1.000 möglichen herauszusuchen, braucht eben auch wieder viel Technologie.

Wann könnte ein solches Medikament zugelassen werden?
Meine vorsichtige Prognose ist, dass die BioNTech zum ersten Mal 2024 ein Produkt auf den Markt bringt. Ich kann mir vorstellen, dass in zwei Jahren ein Zulassungsantrag gestellt wird und dann 2024 die Marktzulassung kommt. Man ist ein sehr großes Stück des Weges gegangen, aber es fehlt jetzt noch der Nachweis der Wirksamkeit. Der heilige Gral der Krebsmedizin ist, wenn die Patienten auch tatsächlich einen Überlebensvorteil haben. Dieses in der Fachsprache „mOS“ genannte „median Overall Survival“ – das ist eigentlich, woran man gemessen wird. Bisher deutet vieles aus den klinischen Studien darauf hin, dass dieser individualisierte Ansatz am Ende dazu führt, dass man dem Patienten am Ende einen erheblichen Überlebensvorteil bieten kann.

Matthias Kromayer, Vorstand MIG Verwaltungs AG
Matthias Kromayer: „Neue Technologien werden die Stützen der Gesellschaft.“ © www.henthorn.eu

Könnte ein solches Medikament Patienten eine Heilung bringen?
Das Fernziel von Ugur Sahin war immer: Er möchte das erreichen, was man bei anderen Erkrankungen auch geschafft hat – insbesondere HIV. Vor 30, 35 Jahren als man das HIV-Virus entdeckt hat, war es für Infizierte praktisch ein Todesurteil. Dann kamen die Medikamente der ersten, zweiten und dritten Generation und heute stirbt man nicht mehr an einer HIV-Infektion, sondern mit einer HIV-Infektion und hat weitgehend die gleiche Lebensqualität, auf jeden Fall aber dieselbe Lebenserwartung wie nicht infizierte Menschen. Das ist das Ziel: Krebs von einer akut lebensbedrohlichen zu einer chronischen Erkrankung zu machen, die man aber bis zum natürlichen Tod im Griff halten kann. Das ist sicher noch eine Weile hin – den Krebs wird man nie ganz besiegen können, aber ich glaube, die BioNTech ist relativ nah an diesem Ziel.

Wir müssen einen erheblichen Teil des privaten Vermögens mobilisieren.

Das riecht nach einer weiteren Chance für Investoren. Und man kann mit dem Geld auch gleichzeitig etwas zum Wohl der Menschheit tun – die Forschung im Gesundheitsbereich vorantreiben.
Absolut. Aber es geht um mehr als etwas Gutes tun und dabei Geld zu verdienen. Wir sind Finanzinvestoren und haben als solche einen hohen Anspruch. Wir wollen, dass die Anleger bei uns überproportional Geld verdienen. Die gehen auch ein Risiko ein. Jedes einzelne Unternehmen kann natürlich auch floppen.
Wir glauben aber, dass die Volkswirtschaften der hochindustrialisierten Länder langfristig nur dann eine Chance haben, gut durch weitere Krisen zu kommen, wenn sie sich besinnen und von den klassischen Branchen wegkommen. Kohle, Stahl und vermutlich auch Automobil können nicht die Stützen der Volkswirtschaft der Zukunft sein, sondern eben neue Technologien – die Biotechnologie, die Digitalisierung, das sind Kombinationen aus diesen Branchen. Insbesondere aus dem Gesundheitsbereich.
Als ich in der Branche begonnen habe, war die Erfolgschance eines Medikaments, das zum ersten Mal einem Menschen gegeben wird und dann zugelassen wird, bei weniger als zehn Prozent. Heute reden wir in bestimmten Bereichen bei über 30, 40 Prozent. Ich würde sagen, dass wir bei der Vakzin-Entwicklung mittlerweile bei 80 Prozent sind – wenn es nicht gerade HIV ist, das echt ein dickes Brett ist. Das bedeutet, dass das Risiko für Anleger wesentlich geringer ist, die Erfolgswahrscheinlichkeit ist größer und die Renditewahrscheinlichkeit ist deutlich höher.

In Österreich ist die Bereitschaft, Unternehmen Venture-Kapital zur Verfügung zu stellen, trotzdem noch relativ gering. Viele sind ja schon mit dem Aktien- und Anleihenmarkt überfordert.
Natürlich soll man nicht alles in Venture investieren. Aber wer in Bundesanleihen investiert und minus 0,68 Prozent auf zwei Jahre bekommt, der darf sich nicht wundern, dann eben nicht für die Zukunft gerüstet zu sein. Ich glaube, wir müssen einen erheblichen Teil des privaten Vermögens mobilisieren. In Deutschland liegt das Barvermögen privater Haushalte bei 6.000 Milliarden Euro. Das muss man sich einmal vorstellen. In Österreich wird das proportional auf die Bevölkerung ähnlich hoch sein – es sind dann vielleicht 600 Milliarden Euro. Das meiste davon liegt unter dem Kopfkissen, steckt in Bundes- oder Staatsanleihen oder auf Sparbüchern. Das ist nur eine scheinbare Sicherheit.
Man muss sich klar machen, dass man ein bisschen mehr amerikanisch denken muss: Wie geht man am besten ein Risiko ein, aber kann damit dann auch richtig reich werden?

Das könnte mit dem nächsten BioNTech möglich sein. Gibt es da Unternehmen, bei denen Sie ein ähnliches Potenzial sehen?
MIG hat im Tech-Bereich zwei Investments, die das Potenzial haben, in diese Richtung zu gehen. Das eine ist Konux, ein Unternehmen, das im Bereich Internet of Things im Schienenverkehr aktiv ist. Wenn man das auf die Bahngesellschaften der Welt ausrollt, ist das schon ein riesiges Geschäft. Und die Lösung lässt sich auch auf viele andere Bereiche erweitern.
Das andere ist im Bereich Quantencomputer, die Firma IQM. Wir brauchen in Europa eine eigene Infrastruktur für Quantencomputer. Die Chinesen und die Amerikaner werden uns da nicht mitrechnen lassen. Und obwohl ich keine nationalistische Tendenzen habe – ganz im Gegenteil – bin ich überzeugt, dass wir das in Europa brauchen.
Wenn Sie sich die Bewertungshistorie bei IQM und bei Konux anschauen – da sind wir jetzt schon auf demselben Pfad wie bei BioNTech.


Zur Person

Matthias Kromayer ist seit 2010 bei der MIG Verwaltungs AG tätig und dort aktuell General Partner und Vorstand. Nach mehreren Jahren als Unternehmensberater bei der Consulting Partner/Investment Partner Group und im Corporate Development der Xerion Pharmaceuticals AG gründete er das auf Life Sciences spezialisierte Beratungsunternehmen tavia consulting. Kromayer studierte Biologie und Chemie in München (Ludwig-Maximilians-Universität) und London (King´s College) und verfügt über einen Abschluss als Diplombiologe. Er promovierte in molekularer Mikrobiologie.