Johanna Urkauf, Geschäftsführerin KTM Fahrrad GmbH

Fahrrad-Business: „Es ist ein Wettlauf, ein regelrechter Kampf“

Die Corona-Pandemie hat einen internationalen Fahrrad-Boom ausgelöst, der Hersteller, Lieferanten und Händler an ihre Kapazitätsgrenzen bringt. Johanna Urkauf, Geschäftsführerin der KTM Fahrrad GmbH, über die abenteuerliche Entwicklung der Branche.

trend: Frau Urkauf, vor ziemlich genau einem Jahr hat die Corona-Pandemie Österreich erreicht. Der erste Lockdown wurde verhängt. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Tage?
Johanna Urkauf: Wenn man ein Jahr zurückblickt war die Situation noch ganz anders. Wir hatten damals Angst, dass viele Stornos hereinkommen, die Lage aus dem Ruder laufen könnten. Wir haben täglich unseren Storno-Stand im Auge behalten. Zum Glück haben wir damals nicht groß bei unseren Vorlieferanten storniert.
Wir waren selbst verunsichert, wussten nicht, was auf uns mit Corona zukommt, wie gefährlich das wird und worauf wir achten müssen. Es war uns auch wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern gute Hygienekonzepte anbieten können. Also haben wir unsere Produktion drei Wochen lang ausgesetzt, um die zu erarbeiten und danach wieder voll losstarten zu können.
Wir hatten ja das ganze Material auf Lager, und wenn wir das Material hier haben, dann muss auch produziert werden. Es muss ein Fahrrad draus werden, alles andere nützt nichts.

Was war das Schwierigste für Sie in der Folge? Es waren ja auch Fabriken in Asien geschlossen, Lieferketten sind kollabiert…
Wir hatten zum Glück zu Beginn genug Material auf Lager und konnten daher gut produzieren. Allerdings haben wir dann schon im Mai und Juni 2020, als die Lockdowns weltweit Stück für Stück beendet wurden, bemerkt, dass sich am Markt etwas ändert. Davor hatten unsere Lieferanten mit Stornos zu kämpfen, sobald die Lockdowns aufgehoben wurden hat ein richtiger Run auf alle Teile eingesetzt.

Die Kosten haben sich teilweise sogar vervierfacht.

Wie stellt sich die Situation heute für Sie dar?
Die Situation hat sich immer weiter zugespitzt. Die Lieferzeiten haben sich um einiges verändert. In Extremfällen haben wir heute bis zu 600 Tage Lead-Time von der Bestellung bis zur Auslieferung von Teilen für unsere Fahrräder. Bei Übersee-Ware kommen schon in Normalzeiten nochmals sechs bis acht Wochen Transportweg dazu, jetzt aufgrund des Container-Mangels nochmals zwei bis drei Wochen. Wir sind in einer Extremsituation. In Asien werden Container zum Teil wie auf einem Bazar gehandelt. Was leider dann auch zu stark steigenden Containerpreisen geführt hat. Die Kosten haben sich teilweise sogar vervierfacht.

Und gleichzeitig mit dem Mangel an Bauteilen ist die auch Nachfrage nach Fahrrädern explodiert?
Diese Entwicklung kam sehr schnell und in solch einem extremen Ausmaß unerwartet. Wir mussten unseren Einkauf, unsere Produktion und unsere Planung auf die neuen Gegebenheiten anpassen. Den Run auf Fahrräder und E-Bikes gibt es ja nicht nur in Europa. Es ist ein weltweiter Fahrrad-Boom ausgebrochen. Weltweit sind die Läger leer. Wir haben Lieferanten, die jetzt Schichtbetrieb fahren, ihre Produktionskapazitäten erweitern – Gebäude errichten, zusätzliche Maschinen anschaffen und Mitarbeiterzahlen um mehr als 50 Prozent erhöhen, aber sie schaffen es trotzdem nicht, der Nachfrage nachzukommen und die Ware pünktlich zu liefern.

Beinharter Wettbewerb: Fahrrad-Komponenten wurden in der Corona-Krise weltweit Mangelware. Hersteller müssen bereits mit Lieferzeiten von zwei Jahren kalkulieren. | Foto: Heiko Mandl

Inwiefern betrifft das KTM Fahrrad und Ihre Produktion?
Was KTM Fahrrad betrifft so sind wir zum Glück verhältnismäßig gut aufgestellt. Es ist wichtig, dass wir flexibel reagieren können, und da sind wir zurzeit sehr gut unterwegs. Ein Fahrrad besteht aber aus irrsinnig vielen Teilen, und wenn ein Schutzblech oder eine Speiche fehlt – oder auch einfach nur ein Griff -, dann kann man das Fahrrad nicht zusammenbauen. Aber man hat gleichzeitig auch das Material auf Lager. Es kann daher passieren, dass man ein volles Lager hat, aber dennoch nicht genügend Fahrräder zusammenbauen und die Produktion auch nicht sinnvoll auslasten kann. Das kann für manche kleinere Hersteller noch zu einem Risiko werden. Geht ein Teil ab, kannst du nicht produzieren und ausliefern. Trotzdem muss das Material im Lager bereits vor Produktion bezahlt werden.

Große internationale Player agieren extrem aggressiv.

KTM hat ja eine sehr breite Produktpalette – können Sie aktuell noch jedes Rad bauen, das Sie gerne herstellen würden?
Wir können unsere Produktion noch gleichmäßig versorgen, weil wir in sehr engem Kontakt mit unseren Lieferanten sind. Wir müssen aber auch teilweise auf alternative Transportwege wie Zug oder im Extremfall Luftfracht umsteigen, um unsere Produktion auslasten zu können. Jetzt im Frühling haben wir die ersten Einschnitte bemerkt, aber es geht noch. Ich glaube aber, dass es im Herbst noch spannend werden kann.

Was bedeutet das für Ihre Kalkulation? Die hohe Nachfrage hat ja wohl nicht nur bei den Containern einen Preisanstieg ausgelöst.
Wir wollen natürlich auch unseren Händler und unseren Endkunden gegenüber ein verlässlicher Partner sein, leider haben wir aber auch von unseren Lieferanten unterjährig Preiserhöhungen erhalten. Wir sehen auch, dass sich diese Preiserhöhungen fortsetzen werden. Wir geben zwar unser Bestes, Preise stabil zu halten, aber wir können eine Preisentwicklung auch nicht komplett abblocken, denn sonst bekommen wir die Ware nicht. Deswegen mussten wir – wie andere Fahrradmarken übrigens auch – unsere Preise erhöhen.

Wer liefern kann, der gewinnt. Trotz der breiten Modellpalette kann KTM Fahrrad dank vorausschauender Einkaufspolitik die Nachfrage noch bedienen. | Foto: Heiko Mandl

Wie hart ist denn der Wettbewerb um Komponenten in der Branche?
Es ist ein Wettlauf, ein regelrechter Kampf. Ich möchte nicht zu melodramatisch sein, aber wir sind beim Einkauf und der Modellplanung so weit fortgeschritten wie noch nie. Und es gibt große internationale Player, die extrem aggressiv agieren und noch weiter vorne sind. Es scheint so als ob einfach Kapazitäten am Markt aufgekauft werden.
Derzeit gilt das Motto: Wer liefern kann, der kann auch verkaufen und die Kunden bedienen. Das ist auch wichtig für die zukünftige Beziehung zum Kunden. Wer jetzt in der Materialnot liefern kann, der kann auch ganz klar Pluspunkte sammeln.
Es wird immer schwieriger, je weiter man nach vorne planen muss, wir haben aber kaum eine andere Alternative. Auch die Lieferanten drängen uns, Bestellungen abzugeben und warnen uns teilweise, dass Kapazitäten aufgekauft werden.

Wir sind durch gute und innovative Produkte groß geworden. Darauf setzt auch unser Markenimage auf.

Da ist es gut, wenn man bereits länger im Geschäft ist und gute Beziehungen zu Lieferanten hat. Sind Sie da vielleicht etwas im Vorteil gegenüber dem Mitbewerber aus dem eigenen Ort – Stefan Pierer ist mit seiner Pierer Mobility in das E-Bike-Geschäft eingestiegen.
Ich kann jetzt natürlich in unseren Konkurrenten nicht hineinblicken, aber die Konkurrenz wird auf jeden Fall härter. Der Markt ist schwer umkämpft, schließlich boomen E-Bikes auch schon seit Jahren. Wir nehmen unsere Konkurrenz jedenfalls immer ernst, aber es ist natürlich gut, jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklung von Fahrrädern und E-Bikes zu haben. Wir haben 1994 das erste E-Bike in den Handel gebracht, waren 2009 unter den ersten, die E-Mountainbikes in den Markt gebracht haben.
Auch wenn es jetzt so scheint, dass man nur kaufen und bestellen und der erste sein muss, um zu gewinnen ist für uns klar: Wir sind durch gute und innovative Produkte groß geworden und es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Daher dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir von technischer Innovation und guten Produkten leben. Darauf setzt auch unser Markenimage auf.
Wie wichtig die Innovation ist zeigt, dass wir in den letzten Jahren immer ein Drittel unseres Umsatzes mit Produkten erwirtschaftet haben, die es im Jahr davor noch gar nicht gab. Im letzten Jahr waren es sogar 50 Prozent unseres Umsatzes. Man darf wichtige Innovationen nicht verpassen.

Innovation bei KTM E-Mountainbikes: Modell eLycan aus 2010 (oben) und Modell Macina Prowler (2021). Akku, Motor und Kabelzüge sind im Rahmen verschwunden, die Reichweite und die Reifen gewachsen, das Handling und das Fahrvergnügen um Welten besser.

Neben den Teilen, die schwer zu bekommen sind, bestimmen am anderen Ende die Produktionskapazitäten, die Menge der verfügbaren Räder.
Wir versuchen unsere Produktionskapazitäten natürlich zu erhöhen und haben auch mehr Teile bestellt. Es kann sein, dass wir den Ausbau der Linien nicht so schnell realisieren können wie wir gerne würden, weil das Material vielleicht nicht rechtzeitig kommt, aber zur Zeit schaut es so aus, als ob alles in einem akzeptablen Ausmaß bleibt.
Wir haben auch vor zwei Jahren unsere neue Produktionshalle fertiggestellt, letztes Jahr das neue Logistikzentrum in Betrieb genommen, von dem aus unsere Fahrräder weltweit verschickt werden. Zurzeit bauen wir ein neues Lager für das Produktionsmaterial und unser Großhandelsbereich für Ersatzteile bekommt jetzt ebenfalls ein neues Lager, damit wir für die Produktion mehr Platz haben.
Eine Engstelle ist die Lackiererei, wo nicht so leicht weitere Maschinen installiert werden können. Da sind wir dabei, eine zweite Schicht aufzusetzen, damit wir unsere Produktion entsprechend anpassen können.

Wir können nicht von einem Tag auf den anderen unsere Kapazitäten in Mattighofen verdoppeln.

Sie haben vor drei Jahren die Geschäftsführung von Ihrer Mutter übernommen, die bei dem Ausbau der Produktionskapazitäten immer sehr vorsichtig war. Wie ist denn da Ihre Strategie?
Ich arbeite sehr eng mit meiner Mutter zusammen und sehe das ähnlich. Eine Produktionssteigerung muss ja auch Sinn machen. Für uns ist eine Steigerung nur sinnvoll, wenn wir gleichzeitig die Qualität stabil halten. Wir als Hersteller haben die Verantwortung nicht nur Quantität, sondern Innovation und Qualität zu liefern. Dies ist unsere Seele und Firmenphilosophie. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Aus diesem Grund konnten unsere E-Bikes 2018 und 2020 hintereinander zwei Mal Stiftungwarentestsieger sein.
Es gibt auch Konkurrenten, die ihre Mengen einfach verdoppeln. Diese vergeben teilweise 100 Prozent der Aufträge an externe Hersteller und produzieren kein einziges Rad selbst. Das können und wollen wir nicht. Wir können nicht von einem Tag auf den anderen unsere Kapazitäten in Mattighofen verdoppeln.

Chefin am E-Rennrad: für Johanna Urkauf gehört das Fahrrad auch in der Freizeit dazu. | Foto: Heiko Mandl

2021 dürfte der Fahrrad-Boom ungebrochen weitergehen, besonders am E-Bike-Sektor. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Nachfrage ein?
Man fragt sich immer, wie lange die Entwicklung der letzten Jahre anhalten kann. Wir uns auch. Ich sehe den Trend aber auf jeden Fall weiter positiv. Einerseits aufgrund von Produktinnovationen. Gleichzeitig trägt auch die Internationalisierung des E-Bike-Markts zum Wachstum bei.
Das E-Bike hat das Fahrradfahren wieder für eine breitere Bevölkerungsschicht und mehr Menschen attraktiv gemacht. Auch die Gespräche mit unseren Lieferanten signalisieren uns, dass die Entwicklung gut weitergeht. Und durch Corona zusätzlich beschleunigt wird.

E-Bikes werden durch neue JobRad-Initiativen leistbarar und eröffnen neue Chancen für den Tourismus.

In der Corona-Krise haben Fahrräder – und wieder besonders E-Bikes – nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als nachhaltige Verkehrsmittel eine Aufwertung erfahren.
Heute gibt es entsprechende Förderungen zur Unterstützung von nachhaltigen Verkehrsmitteln. Die JobRad-Initiativen, über die Mitarbeiter von Unternehmen günstig Fahrräder finanzieren können und die in Deutschland bereits seit einigen Jahren gut funktionieren kommen jetzt auch nach Österreich. In Deutschland wird bereits jedes dritte Fahrrad über einem Verkaufspreis von 1.000 Euro über ein solches Leasing finanziert. Das sind gute Möglichkeiten, damit E-Bikes leistbarer werden. Wir gehen daher sehr stark davon aus, dass das auch dem Fahrradverkauf in Österreich einen starken Impuls geben wird.

Rennerprobt. Der französische Rennradprofi Pierre Rolland, zweimaliger Etappensieger der Tour de France, bei der Tour de France 2020 im Team von KTM (Modell Relevator Alto). | Foto: B&B HOTELS VITAL CONCEPT

Ist oder wird das E-Bike das neue Dienstauto?
Kürzere Distanzen im städtischen Bereich kann man mit einem Fahrrad oder E-Bike schneller zurücklegen als mit dem Auto. Man steht auch nicht im Stau, muss keinen Parkplatz suchen und auch die E-Energie wird bei einem E-Bike unglaublich effizient eingesetzt: Das Fahrzeug selbst wiegt ein Drittel oder ein Viertel des Eigengewichts der Fahrerin oder des Fahrers, dann kommt auch noch die eigene Muskelkraft hinzu.
Das E-Bike hat aber in den letzten Jahren auch für die Tourismusbranche immer mehr an Bedeutung gewonnen. Das ist zwar aufgrund von Corona etwas ins Hintertreffen gelangt, wird aber wieder kommen. E-Bikes und Trails zum Beispiel wie der Berge-Seen-Trail im Salzkammergut eröffnen im Sommertourismus eine ganz neue Chance für den Tourismus, besonders auch in Österreich.

Welche Rolle spielen dabei für die die Marke und Investitionen ins Brand-Building wie das KTM-Team bei der Tour de France?
In Österreich sind wir als heimische Marke in einer sehr guten Position, besonders weil wir schon immer auf „Made in Austria“, Qualität und ein attraktives Preis-Leistungsverhältnis gesetzt haben.
Eine starke Marke schafft zudem Sicherheit und wird im internationalen Umfeld immer wichtiger. Wir pflegen unsere Marke und legen in diese unser ganzes Geld und Gewicht. Die Präsenz im Spitzensport ist dabei ein wichtiger Faktor. Wir nehmen dieses Jahr zum Beispiel zum zweiten Mal an der Tour de France teil. Die Tour de France trägt als weltweit größtes Radrennen mit ihren Bildern wesentlich zur Emotionalisierung und Internationalisierung der Marke KTM bei. Sie beweist, dass die superleichten Carbon-Rennräder die in Mattighofen mit großem technologischen Aufwand entwickelt und produziert wurden, im Wettbewerb der besten Teams und Marken der Welt state-of-the-art sind.



Zur Person

Johanna Urkauf, geb.1989, ist seit Dezember 2017 Geschäftsführerin der KTM Fahrrad GmbH mit Sitz in Mattighofen, Oberösterreich. Sie ist die Tochter von Carol-Urkauf und Hermann Urkauf, der 1991 den Fahrradbereich und die dazugehörenden Markenrechte aus der insolventen KTM übernahm. 1995 rettete Carol-Urkauf-Chen KTM Fahrrad ein zweites Mal vor der Pleite und baute das Unternehmen in der Folge zu einem florierenden Unternehmen mit 600 Mitarbeitern in Mattighofen auf, das bei einer Jahresproduktion von aktuell rund 400.000 Fahrrädern und E-Bikes in rund 50 Länder exportiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.