Clemens Matt, Generalsekretär Österreichischer Alpenverein

„Nachhaltiger Tourismus als Chance für die Zukunft“

Die Corona-Pandemie hat Österreichs Tourismuswirtschaft komplett aus der Bahn geworfen. Clemens Matt, der neue Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins, sieht darin eine Chance für ein neues, nachhaltigeres Business.

trend: Herr Matt, Sie sind nun seit einem halben Jahr Generalsekretär des Österreichischen Alpenverein. Davor waren Sie viele Jahre im Top-Management von Novartis Österreich. Was bewegt einen erfolgreichen Manager dazu, zu einer NGO zu wechseln?
Clemens Matt: Das ist aufs Erste vielleicht nicht ganz nachvollziehbar, denn Novartis ist einer der größte Arbeitgeber im Westen, ein hochprofitabler, globaler Konzern und ich war dort international tätig, konnte mich in der Zeit stark weiterentwickeln.
Auf der anderen Seite ist das Unternehmen aber sehr auf Gewinnmaximierung und Produktivität ausgerichtet. Es gibt permanenten Druck von Shareholdern und Aktionären und die ständige Erwartung, noch mehr zu liefern, egal wie effizient und profitabel es bereits ist. Und dann stellt man sich die Frage, ob es nicht vielleicht noch etwas Anderes gibt.

Und so sind Sie als Quereinsteiger zum Alpenverein gekommen?
Nicht ganz, denn ich hatte dort schon 19 Jahre lang als Ehrenamtlicher mitgearbeitet. Aber klar, von meinem beruflichen Werdegang bin ich ein Quereinsteiger und es war für den Alpenverein daher auch eine mutige Entscheidung, mich als Generalsekretär auszuwählen. Es ist jedenfalls tatsächlich etwas ganz Anderes als die Pharma-Branche. Aber ich habe die Möglichkeit, meine bisher gewonnen Management-Erfahrungen zu nutzen und einzubringen.

In Ihrem neuen Job geht es wohl statt um Gewinnoptimierung mehr um Geld- und Budgetoptimierung, die Frage wo investiert wird und wofür Geld ausgegeben wird. Wie groß ist denn Ihr Budget?
Das Jahresbudget liegt bei rund 43 Millionen Euro, wovon rund die Hälfte aus Mitgliedsbeiträgen kommt. Ein weiterer großer Brocken sind die Hütten-Nächtigungen. Wir haben in unseren Hütten rund 10.000 Schlafplätze und etwa 350.000 Nächtigungen pro Jahr und sind damit auch ein wichtiger Tourismusfaktor mit rund 700 nachgelagerte Arbeitsplätzen. Dazu kommen öffentliche Förderungen, hauptsächlich für den Erhalt der Infrastruktur in entlegenen Gebieten und Einnahmen aus Kursen und anderen Aktivitäten. Ohne die über 25.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die jährlich mehr als 1,5 Millionen unbezahlte Arbeitsstunden leisten wäre der Betrieb trotzdem nicht möglich.

Die touristische Infrastruktur ist in den meisten Fällen mittlerweile ausreichend.

In der Corona-Krise war die Hotellerie viele Monate lang geschlossen oder konnten nur beschränkte Kapazitäten anbieten. Inwiefern hat das auch die 230 Alpenvereinshütten getroffen?
Was die Nächtigungen betrifft hatten wir 2020 trotz der Corona-Krise eigentlich ein ganz gutes Jahr. Die Nächtigungen sind trotz eingeschränkter Kapazitäten nicht so stark nach unten gegangen wie ursprünglich angenommen, weil sie sich besser auf die Wochentage verteilt haben. Dazu hat auch beigetragen, dass die Menschen vermehrt Urlaub in Österreich gemacht haben. Insofern sind wir gut durch die Krise gekommen.

Stichwort Tourismus: Der Alpenverein hat sich bereits vor der Corona-Krise für einen naturnahen, sanften Tourismus stark gemacht. Sehen Sie sich – vor allem auch durch die Entwicklung im Skitourismus im Winter 2020/21 bestätigt?
Ich habe dazu einen pragmatischen Zugang, zumal ich selbst begeisterter Skifahrer bin. Es wurde in den Bergen eine wertvolle Infrastruktur geschaffen. Es spricht nichts gegen sinnvolle Ergänzungen und weitere Investitionen in die Qualität, aber man muss ganz klar sagen, dass die Infrastruktur in den meisten Fällen mittlerweile ausreichend ist. Man braucht nicht auf jeden Berg einen Lift, nicht in jedes Tal eine Anbindung. Deshalb stellen wir uns zum Beispiel auch gegen das Projekt Schlick 2000 im Stubaital. Wir müssen die Krise als Chance nützen und ein Umdenken einleiten.

Sanfter und nachhaltiger Tourismus als Zukunftschance?
Die Tourismuswirtschaft wirbt selbst auch selten mit Liften, sondern mit unberührter Natur, einer Bergidylle oder auch mit unseren Hütten. Insofern ist es vielleicht wirklich eine Corona-Lehre, dass man auch mit einem sanften Tourismus und ohne Ramba-Zamba etwas erwirtschaften kann. Das wird es zwar auch weiterhin geben – da mache ich mir keine Illusion –, aber das Corona-Jahr hat uns gezeigt, dass das Bedürfnis nach einem Erlebnis abseits davon sehr stark ist.

Es ist mein Ziel und unser Anliegen, aktiv und zukunftsorientiert mitzugestalten.

Dennoch wurden auch nach der Jahrtausendwende viele solcher Großprojekte umgesetzt. Inwiefern glauben Sie, dass der Alpenverein mit seiner Haltung in Zukunft mehr Gehör findet?
Mit unseren mittlerweile 600.000 Mitgliedern haben wir einen noch starken Rückhalt. Wir sind auch die größte Jugendorganisation des Landes und bilden junge Alpinisten aus. Wir können daher Stellung nehmen und haben auch Gewicht in der öffentlichen Diskussion. Der alpine Lebensraum ist auch ein Erholungsraum und es sind Lenkungsmaßnahmen erforderlich, nicht nur beim Skitourismus. Etwa auch was das Mountainbiken und getrennte Trails für Wanderer und Radfahrer betrifft. Es ist mein Ziel und unser Anliegen, aktiv und zukunftsorientiert mitzugestalten.

Stichwort Zukunft: Eines Ihrer weiteren Ziele ist der Ausbau der Digitalisierung und Modernisierung der Infrastruktur. Was kann man sich hier erwarten?
Klar ist: Das Erlebnis am Berg wird man nicht digitalisieren können. Aber die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten. Mit unserer Alpenvereins Aktiv App haben wir bereits ein gutes Produkt, das wir durch die Integration neuer Angebote weiter ausbauen wollen, etwa indem wir die Fahrpläne öffentlicher Verkehrsmittel oder Klettertopos mit einbinden wollen und so ein besseres Service schaffen. Andererseits gibt es auch in der Vereinsstruktur und bei der Verbindung zu den 196 Sektionen viel Potenzial die Digitalisierung voranzutreiben und näher zusammen zu rücken.
Auch in die Erneuerung der Infrastruktur am Berg wird investiert, etwa die Installation von Photovoltaikanlagen für die Stromversorgung von Berghütten, um auch da langfristig flächendeckend weg von fossilen Energiequellen zu kommen. Diese Projekte kosten aber auch sehr viel Geld und müssen gut geplant und professionell gemanagt werden.


Zur Person:

Clemens Matt (48), ist seit September 2020 Generalsekretär und Leiter der Geschäftsleitung des Österreichischen Alpenvereins, dem mit 600.000 Mitgliedern größten Verein Österreichs. Davor hatte der Diplomingenieur für Baumanagement und Bauplanung mit Master in Wirtschaftswissenschaften 17 Jahre lang beim Pharma-Konzern Novartis gearbeitet, wo er als Mitglied des Country Leadership Teams zuletzt verantwortlich für die Shared Services für die 4 Standorte in Österreich zuständig war. Seine Erfahrungen im Management und Bereich der Digitalisierung will er nun auch im Alpenverein einsetzen und den Verein damit modernisieren. Wichtige Anliegen sind ihm zudem die Jugendarbeit und der Einsatz für einen nachhaltigen Tourismus.

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