Manuel Grgeta, Country Manager Honeypot.io

IT-Fachkräfte: „Wir bringen Unternehmen und Talente zueinander“

Software-Entwickler verzweifelt gesucht. Während in Österreich Rekordarbeitslosigkeit herrscht und viele Unternehmen Mitarbeiter immer noch in Kurzarbeit halten, haben sich in der Corona-Krise der Engpass und der Wettbewerb um Programmierer weiter zugespitzt. Manuel Grgeta, Country Manager der Job-Plattform Honeypot.io, vermittelt die heiß begehrten Fachkräfte.

Herr Grgeta, Sie sind seit Oktober 2019 Country Manager der auf Vermittlung von Software-Developern spezialisierten Job-Plattform Honeypot.io. Von den eineinhalb Jahren in denen Sie in diesem Job sind waren zwei Drittel von der Corona-Pandemie dominiert. Wie hat sich die Nachfrage nach IT-Fachkräften und Developern in dieser Zeit entwickelt?
Manuel Grgeta: Der Bedarf hat massiv zugenommen, auch weil die Digitalisierung in der Corona-Krise massiv gepusht wurde. Es tun sich unzählige neue Felder auf. Wir müssen nur in unser normales Leben schauen, wo wir überall digitale Pools brauchen. Nicht nur in der Wirtschaft. Denken Sie zum Beispiel an die Impf- und Teststrategien. Die müssen auch digital begleitet werden. Als ich begonnen habe gab es in Österreich ca. 10.000 offene Software-Entwicklerstellen, wovon ca. 80 Prozent auf die Region Wien entfallen sind. Der Venture Capitalist Atomico veröffentlicht jährlich einen Tech-Report. Österreich war da schon 2019 mit 27 Prozent europaweit führend beim Zuwachs der schwer zu besetzenden Jobs im Software-Engineering, weit vor dem Zweitplatzierten Portugal mit 16 Prozent.

Ist der Fachkräftemangel der Pferdefuß der Digitalisierung?
Der Bedarf an Developern lässt sich jedenfalls über die vorhandenen Personen überhaupt nicht abdecken und wird weiter massiv steigen, denn woher sollen die Fachkräfte kommen? Mit den Universitäts-Absolventen ist die Nachfrage nicht abdeckbar. Selbst wenn man das Geld und eine Super-Company hat ist es gar nicht so einfach bis unmöglich, 30 bis 40 Entwickler oder Programmierer zu finden. Und genau deswegen gibt es auch ein Unternehmen wie Honeypot. Wir bringen Unternehmen und Talente zueinander.

Wie funktioniert die Vermittlung von IT-Fachkräften über die Plattform?
Die Grundidee war die Erkenntnis, dass die Situation für Entwickler noch unerträglicher ist als für Unternehmen. Sie werden über alle Kanäle mit Anfragen bombardiert, aber in den seltensten Fällen sind diese Anfragen relevant. Daraus ist Idee entstanden, das Recruiting für die Entwickler anders zu gestalten. Transparentere, effizientere und schnellere Recruiting-Prozesse zu schaffen, in denen nur die Talente angesprochen werden, die selbst eine neue Herausforderung suchen und die zu dem Profil des jeweiligen Unternehmens passen.

Für die Work-Location Wien haben wir zu jedem Zeitpunkt 450 bis 500 Kandidaten.

Wie kann man sich das vorstellen?
Die Entwickler registrieren sich bei unserer Plattform, durchlaufen ein Screening und einige Coding-Challenges um ihre fachliche Kompetenz abzuklären. Dann gibt es noch Gespräche um die Soft-Skills, abzuklären. Zum Beispiel: wohin möchte sich die Person entwickeln? Gibt es persönliche Vorlieben für die Arbeit in einem Konzern oder lieber in einem Start-up? Jeden Montag wird ein neuer Schwung an Entwicklern hochgeladen und nach drei Wochen fallen sie auch wieder heraus. Das ist sehr wichtig, weil wir somit nur Kandidaten auf der Plattform haben, die auch tatsächlich einen Job suchen, ein dynamisches, sich selbst erneuerndes System, in dem es jede Woche neue Kandidaten gibt. Unternehmen können sich dann registrieren und in dem aktiven Pool Talente direkt kontaktieren.

Und das funktioniert?
Die Antwortraten der Talente sprechen dafür. Sie liegt bei über 90 Prozent, zwei Drittel akzeptieren Einladungen auch. Das Recruiting wird dadurch besser planbar, das Procedere beschleunigt.

Wie groß ist der Kandidatenpool aus dem Unternehmen auswählen können?
Für die Work-Location Wien sind zum Beispiel zu jedem Zeitpunkt 450 bis 500 Kandidaten live auf der Plattform. Das klingt vielleicht nicht nach sehr viel, es würde aber nichts bringen, irgendwelche Karteileichen zu haben, die sich vielleicht vor einem Jahr einmal registriert haben und längst kein Interesse mehr an einem neuen Job haben.

Die Gehälter sind nicht exorbitant hoch.

Wie sieht das Businessmodell dahinter aus?
Wir arbeiten mit Subscription-Modellen, mit verschiedenen Ausprägungen. Unternehmen zahlen eine monatliche Gebühr für einen gewissen Zeitraum, dafür können sie in den nächsten Monaten eine bestimmte Anzahl von Kandidaten einstellen. Das Recruiting ist somit finanziell gut planbar, auch für ganz junge Unternehmen, die vielleicht gerade ihr erstes Tech-Team aufbauen. Wir sind vom klassischen System der Vermittlungsprovision abgekommen, denn die oft hohen Einmalzahlungen haben viele Unternehmen abgeschreckt. In Österreich arbeiten wir aktuell mit rund 80 Unternehmen als Kunden zusammen, Tendenz stark steigend.

Manuel Grgeta, Country Manager Honeypot.io
Manuel Grgeta, Country Manager Honeypot.io: „Der IT-Fachkräftemangel wird sich weiter zuspitzen.“ © beigestellt

Die Nachfrage nach IT-Fachkräften ist enorm – halten die Gehälter dabei mit?
Wenn man die Gehalts-Benchmarks der Nachfrage gegenüberstellt dann kann es durchaus passieren, dass man im ersten Moment einmal überrascht ist. So exorbitant hoch sind die Gehälter nämlich nicht, vor allem nicht im Einstiegsbereich und im mittleren Bereich. Es gibt natürlich immer wieder Ausreißer in Nischen. Grundsätzlich sind die Bezüge aber mit anderen Berufsgruppen durchaus vergleichbar.

Wo bewegen sich die Einstiegsgehälter?
Junior-Entwickler liegen in Österreich zwischen 39.000 und 45.000 Euro Brutto-Jahresgehalt, es geht dann Richtung 50.000 bis 55.000 und bei Senior-Developern dann wieder eine breitere Spanne bis hin zu 80.000 Euro. Auf CTO-Level sind dann auch durchaus sechsstellige Brutto-Jahresgehälter möglich.

Wenn man gut ist wird man als Developer immer einen Job bekommen.

Man wird also auch als Programmierer nicht schnell reich?
Selbst wenn Unternehmen einen enormen Bedarf haben sind sie nicht wirklich bereit, besonders viel Geld dafür in die Hand zu nehmen. Sie versuchen, auch in diesem Bereich in ihren normalen Gehaltsstrukturen zu bleiben. Auch wenn ein Unternehmen vielleicht 100 Mitarbeiter in den nächsten 12 Monaten sucht gibt es kaum Bereitschaft, sich auch über das Gehalt abzuheben und dadurch herauszustechen. In der Entwickler-Community spielen aber auch andere Dinge als das Gehalt eine ganz wesentliche Rolle. Das Gehalt ist ein Hygienefaktor, der passen muss.

Welche anderen Faktoren fallen bei den Kandidaten ins Gewicht? Warum wird man Developer?
Es gibt in diesem Bereich auf jeden Fall eine Job-Sicherheit. Wenn man gut ist wird man immer einen Job bekommen, denn der Bedarf ist da. Vonseiten der Unternehmen kommen praktisch immer die klassischen Employer Branding Angebote wie dass sich Mitarbeiter ihren Computer aussuchen können, gratis-Obst und Kaffee. Ganz stark hängt das Interesse der Entwickler aber davon ab, woran in Unternehmen gearbeitet wird: Welche technischen Probleme gibt es, welche Technologien werden eingesetzt, wie ist das Projekt aufgesetzt – Stichwort agil und Scrum – dann die Themen freie Zeiteinteilung, Homeoffice usw. Developer sind sehr wissbegierige, kreative Menschen, die auch einen künstlerischen Touch haben.

Worauf sollten Unternehmen beim Recruiting eher nicht pochen?
In der Entwicklung kann man sich die Arbeit eigentlich wirklich sehr gut selbst einteilen und dann arbeiten, wann man am besten funktioniert. Es gibt aber Unternehmen, die nach wie vor mit fixen Kernarbeitszeiten und maximal ein, zwei Tagen Homeoffice arbeiten. Das sieht die Community dann nicht so gerne. Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten sind gefragt.

Es gibt sehr gute Entwickler, die gerne bereit sind, hier zu arbeiten.

Unternehmen sollten bei der Suche nach IT-Fachkräften und Developern also mehr über ihren eigenen Schatten springen?
Definitiv. Und auch über den Tellerrand – also über die Grenzen schauen. Unternehmen müssen viel internationaler denken. Gerade bei diesen Rollen, bei denen die eigentliche Sprache eine technische Kunstsprache ist, sollte es keine Rolle spielen, woher die Leute kommen und welche Muttersprache sie haben. Es gibt sehr gute Entwickler, die gerne bereit sind, hier zu arbeiten. Start-ups sind da oft im Vorteil. Sie konzipieren Ihre Unternehmen ohnehin auf Englisch, beginnen vom Start weg mit einem internationalen Setting oder haben gar kein Team vor Ort. Da tun sich größere Unternehmen dagegen schwerer.

Hat Österreich auch das notwendige Image als Hochtechnologie-Standort? Im Vergleich zu Israel, der „Start-up-Nation“, Berlin, London, dem Silicon Valley?
Von diesen Hochburgen gibt es ja nicht allzu viele. Und es können und wollen da auch nicht alle hin. In der zweiten Liga hat Österreich mit Wien einen durchaus attraktiven Standort, auch was die Lebensbedingungen betrifft. Und die österreichische Start-up-Szene wächst weiter, im Raum Wien, im Raum Linz, in Graz, rund um die Universitäten Innsbruck und Salzburg – es tut sich etwas im Land. Ich würde Österreich jetzt gar nicht so im Nachteil sehen.

Bieten Sie Unternehmen auch Unterstützung bei der Rekrutierung von Fachkräften aus EU-Drittländern?
IT-Fachkräfte gelten als Mangelberufe. Es ist also möglich, für Mitarbeiter aus EU-Drittländern Arbeitsgenehmigungen und Visa zu bekommen. Und ja, wir unterstützen Unternehmen auch dabei. Bei unseren internationalen Kandidaten gibt es allerdings schon einmal einen Schockmoment, wenn sie von unserem Steuersystem und der Besteuerung ihrer Gehälter erfahren. Dass zwischen 40 und 50 Prozent an den Fiskus gehen kennen sie so nicht. Das kann man dann aber auch argumentieren mit Lebensqualität, Gesundheit und sozialer Sicherheit.


Zur Person

Manuel Grgeta ist seit Oktober 2019 Country Manager der zur New Work SE (vormals Xing) gehörenden Job-Plattform Honeypot.io, die auf die Vermittlung von Developern und Programmierern spezialisiert ist. Honeypot ist in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz aktiv und soll in den nächsten Jahren mit weiteren Niederlassungen zu einer europäischen Marke ausgebaut werden. Das Unternehmen vermittelt auch Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern.

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