Bernhard Fragner, CEO Globe Air

Privatjet mieten statt Linie fliegen: „Es gibt den Bedarf zu reisen“

Bernhard Fragner, Gründer und CEO der auf Geschäftsreisen spezialisierten Privatjet-Fluglinie GlobeAir, über den Boom der Privatjets in der COVID-19 Krise. Während die ganze Aviation-Branche in der Krise steckt setzt er zur Expansion an.

trend: Herr Fragner, die Austrian Business Aviation Association ABAA, der Verband im Bedarfs- und Geschäftsflugverkehr tätigen Unternehmen, hat vor kurzem bekanntgegeben, dass Österreichs Privatjet-Anbieter in der Coronakrise in ein neues Allzeit-Hoch geflogen sind. Können Sie diese Entwicklung mit GlobeAir bestätigen?
Bernhard Fragner: Absolut. Zu Beginn der Krise stand aber auch bei uns fast alles still. Mit dem 16. März 2020 und den in Europa überall verhängten Landeverboten ist unser Geschäft sehr stark eingebrochen. Wir haben aber unseren Flugbetrieb nicht eingestellt, sondern versucht, weiterzumachen so gut es ging, unsere Flugzeuge nach bestem Wissen und Gewissen in die einzelnen Länder verteilt, wo wir gedacht haben, dass zumindest nationaler Verkehr möglich sein wird.

Ist die Rechnung aufgegangen?
Ja, das hat trotz allem ganz gut funktioniert. Der Einbruch war zwar erheblich, aber nicht so stark wie wir befürchtet hatten. Im April waren wir zwar gegenüber 2019 bei minus 70 Prozent, im Mai aber dann nur noch 40 Prozent unter dem Jahr davor. Wir waren aber positiv gestimmt und hatten geahnt, dass mit den Lockerungen ab Mitte Juni das Geschäft wieder richtig losgehen wird. Das war dann auch der Fall. An den Tagen vor dem 16. Juni 2020 sind bereits mehr Buchungen denn je eingetroffen. Und in den darauf folgenden Monaten hatten wir bis Jänner 2021 einen Rekordmonat nach dem anderen. Die gesamte Aviation-Branche hat in Europa im letzten Jahr um 28 Prozent verloren. Aber genau das Light Jet Segment, in dem wir arbeiten, war das einzige, das gewonnen und um 12 Prozent zugelegt hat. Das zeigen die Statistiken der EuroControl.

Das Volumen aus der Zeit vor der Krise wird nicht mehr zurückkommen.

Bei den Airlines standen auch die meisten Flugzeuge still – was zu einem guten Teil bis heute der Fall ist.
Richtig. Das ist ein wesentlicher Grund, weshalb die Privatjets seither so gefragt sind. Wir sind die ganze Zeit geflogen, die Airlines hatten dagegen wenig bis gar kein Angebot. Und haben für Geschäftsreisende noch immer kaum eines. Viele Airline-Strecken werden wohl auch gar nicht mehr zurückkommen – zumindest nicht in absehbarer Zeit. Ob es zum Beispiel jemals wieder eine Verbindung Linz-Frankfurt geben wird weiß niemand. Um von Wien nach Genf zu kommen muss man heute über Amsterdam oder Frankfurt fliegen. Das ist für Geschäftsreisende inakzeptabel. Oder schauen Sie nach Frankreich: Dort wird mittlerweile überhaupt überlegt, den Inlands-Flugverkehr völlig zu verbieten.

Ist aber nicht in der Pandemie auch das Volumen der Geschäftsreisen massiv zurückgegangen?
Sicher, und das wird auch weiterhin der Fall sein. Geschäftsreisen werden wesentlich reduziert werden, weil wir natürlich gelernt haben, mit Zoom, Teams und allen anderen dieser Möglichkeiten umzugehen. Das heißt: Manager der dritten, vierten, oder fünften Management-Ebene oder aus der Projektebene werden nicht mehr so viel reisen wie wir das gewohnt waren. Vor der Krise haben Unternehmen laufend drei, vier Mitarbeiter irgendwohin geschickt. Manager und Projektingenieure von Exportunternehmen wie Andritz, Rosenbauer oder voestalpine waren viel unterwegs. Dieses Volumen wird nicht mehr zurückkommen. Das ist nicht nur meine Meinung. Lufthansa-CEO Carsten Spohr hat erst vor kurzem in einem Aviation Talk der EuroControl ebenfalls erklärt, dass es bei den klassischen Business-Flügen zu einer massiven Reduktion kommen wird und dass die Lufthansa-Gruppe ihr Angebot weiter reduzieren wird. (Anm.: siehe untenstehendes Video )

Eurocontrol Aviation StraightTalk mit Lufthansa CEO Carsten Spohr

Der EuroControl Aviation Talk mit Lufthansa CEO Carsten Spohr

Und die Privatfluganbieter trifft das nicht?
Man muss sehen: Der Bedarf zu Reisen ist in Unternehmen da. Dafür gibt es verschiedene Gründe wie unaufschiebbare Kundentermine, dass neue Verträge abgeschlossen werden müssen, oder dass man als Manager vielleicht wieder einmal in einer Niederlassung auftauchen und die Mitarbeiter motivieren muss. Das gibt uns Zuversicht, dass unser Segment, bei dem wir uns auf Punkt-zu-Punkt-Verbindungen für Führungskräfte konzentrieren, auch weiter funktionieren wird.

Einen Privatjet zu mieten ist aber doch ein etwas kostspieliges Unterfangen. Und gerade in der Krise stehen Unternehmen oft unter starkem Kostendruck. Wie passt das zusammen?
Wenn man die totalen Kosten einer Geschäftsreise analysiert, dann merkt man schnell, dass die Rechnung eigentlich zugunsten der Privatjets ausfällt. Wenn Unternehmen Business-Flüge in der StarAlliance, Lufthansa-Gruppe oder wo auch immer buchen, dann normalerweise auch mit der Möglichkeit, Flüge kurzfristig umbuchen zu können, wenn sich ein Termin verschiebt. Für diese Flexibilität haben sie auch gezahlt. Unabhängig von der Destination kosten solche Tickets innerhalb Europas rund 1.000 bis 1.200 Euro. Wenn man zu dritt oder zu viert unterwegs ist, dann liegt der Privatjet-Ticketpreis pro Person vielleicht um zwei, dreihundert Euro über dem Linienflug – mehr Unterschied ist da nicht mehr.

Wir bieten Geschäftsreisenden völlige Flexibilität zu einem kompetitiven Preis.

Wird dafür auch ein besonderes Service geboten?
Wir sind mit unseren Light-Jets in einer speziellen Nische angesiedelt, genau an der Schwelle zwischen der Business-Class und der Luxus-Klasse. Da geht es eben nicht nur – oder besser gesagt gar nicht – um Kaviar und Champagner, sondern schlichtweg darum, effizient von A nach B zu reisen. Unser spezielles Service sind sozusagen Tagesreisen mit Direktverbindungen, bei denen am Morgen hingeflogen und am Abend zurückgeflogen wird. Etwas, das die Airlines quasi nicht mehr anbieten.

Was auch angesichts der wegen der Pandemie in fast ganz Europa geschlossenen Hotels attraktiv ist.
Richtig. In München oder auch in Wien ist das Hotel-Angebot seit einem Jahr bei rund zehn Prozent. Unsere Kunden konnten also gar nicht übernachten und auch keine Geschäftspartner zum Essen einladen, weil die Gastronomie ebenfalls geschlossen ist. Die Unternehmen haben zu rechnen gelernt, und erkannt, dass es günstiger ist, einen Privatjet für mehrere Personen zu mieten und am selben Tag hin- und zurückfliegen. Man darf ja nicht vergessen, dass ein Top-Manager einem Unternehmen schnell einmal 300, 400 Euro pro Stunde kostet – zuzüglich der Kosten für die Übernachtung.
Ein angenehmer Nebeneffekt in der Pandemie war, dass wir aufgrund des leeren Luftraums mit Slots überhaupt keine zeitlichen Probleme und Einschränkungen hatten. Die Kunden konnten kommen und gehen, wann sie wollten. Wenn ein Termin eine halbe Stunde oder eine Stunde länger gedauert hat, dann war und ist das jetzt alles kein Problem mehr. Wir können den Kunden also zu einem kompetitiven Preis völlige Flexibilität anbieten. Das lernen die Kunden natürlich und buchen immer wieder.

Inwiefern waren oder sind Hygiene-Einschränkungen aufgrund der Pandemie dabei ein Problem? Ihre Jets sind ja nicht besonders geräumig.
Wir nehmen die Sache sehr ernst, besonders wegen unserer Kunden. Die kommen in der Regel aus einem Unternehmen, kennen sich und sind vorher getestet. Insofern ist das kein besonderes Risiko. Andererseits habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen – auch Führungskräfte und gestandene Industriekapitäne Angst haben, sich in großen Menschenansammlungen zu bewegen. Sei es am Flughafenterminal oder in der Schlange zum Gate, beim Boarding oder in einem Flugzeug. Auch aus Sicht der Unternehmen ist das ein Thema. Sie wollen nicht, dass ein Geschäftsführer oder ein C-Level-Manager an Covid erkrankt. Aus Sicherheitsgründen reisen die daher nicht mit der Linie, sondern mit einem Privatjet.

Unsere Kunden sind gerne bereit, einen Mehrbetrag zu zahlen, um ihre Flüge klimaneutral zu stellen.

Gibt es trotz allem nicht eine gewisse Luxus-Debatte?
Derzeit weniger. Das zeigt sich auch daran, dass wir neue Unternehmen als Kunden gewonnen haben, die wir davor gar nicht am Radar hatten. Unternehmen, die sich einen Privatjet vielleicht auch aus optischen Gründen nicht leisten wollten. Etliche haben zumindest für die erste und zweite Führungsebene Reise-Richtlinien ausgegeben, um Infektionen zu verhindern. Der Anteil der neuen Unternehmen, die bei uns Geschäftsreisen buchen hat bei uns auch deshalb seit Juni 2020 massiv zugenommen. Konkret waren es 26 Prozent mehr Neukunden, sogenannte „First Timers“.

Stehen dieser Entwicklung nicht die CO2-Debatte und das Flight-Shaming im Weg?
Ich sehe uns auch hier gegenüber den Airlines im Vorteil, denen es nie wirklich gelungen ist, in diesem Punkt echte Transparenz zu zeigen. Bei uns können die Kunden ein CO2-Zertifikat erwerben und somit ihren Flug klimaneutral stellen. Die Kunden, die wir bedienen, sind gerne bereit, dafür einen Mehrbetrag von 50, 60 Euro pro Flug zu zahlen. Ein Großteil unserer Kunden will auch, dass ihr Flug neutral gestellt wird, weshalb wir in handelbare Zertifikate investieren.
Ich bin auch überzeugt, dass die Nachhaltigkeits-Thematik in der Pandemie nur etwas verdeckt wurde und danach sicher in voller Stärke wieder zurückkommt. Es wird sich Flugverkehr auf die Bahn verlagern, und das ist auch schlau. Auch das 29-Euro-Fliegen von Wien nach Palma für eine Partynacht wird sich aufhören. Damit werden diese Segmente kleiner und unrentabler für Airlines, die ohnehin unter einem sehr starken Kosten- und Wettbewerbsdruck stehen.

Wie ist denn nun Ihr Ausblick auf das Jahr 2021 und darüber hinaus?
Europa wird nicht mehr zugesperrt wie im letzten Jahr, davon bin ich überzeugt. Wir sind auch im Jänner und Februar 2021 trotz der regionalen Beschränkungen und Lockdowns geflogen wie in normalen Jahren, sogar deutlich mehr – wie auch die aktuellen Februarzahlen zeigen. Der Bedarf ist vorhanden. Wir gehen daher davon aus, dass wir 2021 um gut 20 Prozent gegenüber 2020 zulegen werden. Da sind die drei Monate Lockdown des Jahres 2020 und ein kleines Wachstum von fünf bis sechs Prozent einkalkuliert. Wir wollen auch bis zu fünf zusätzliche Flugzeuge anschaffen und sind dafür gerade in der Akquise.
Das einzige, das dagegen sprechen könnte wäre ein wirtschaftlicher Einbruch in der zweiten Jahreshälfte, wenn der finanzielle Kollateralschaden der Pandemie in ganz Europa sichtbar wird. Grundsätzlich ist unser Ausblick aber für die nächsten drei bis fünf Jahre sehr positiv. Auch weil wir davon ausgehen, dass die Airlines in dieser Zeit nicht in die Höhe kommen werden.


Zur Person

Der Oberösterreicher Bernhard Fragner, geb. 1972, ist Gründer, Vorstand, CEO und Miteigentümer der im Jänner 2008 gegründeten GlobeAir mit über 20 Jahren Erfahrung in der Luftfahrtbranche. Er studierte Bauingenieur für mechanischen Anlagenbau an der Universität Wien und absolvierte in der Folge ein MBA-Programm für Luftfahrtmanagement an der Blue Danube University in Krems. Er besitzt zudem eine EASA ATPL-Lizenz, also eine amtliche Verkehrspiloten-Lizenz ohne Ablaufdatum, einschließlich einer Type Rating Instructor- und Examiner-Berechtigung.

Fragner wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Flight Safety Award der EBAA im Jahr 2015, dem Preis für das leistungsstärkste österreichische Exportunternehmen im Jahr 2016, dem österreichischen Pegasus Award für das beste Unternehmen im Jahr 2016 sowie dem besten Business Jet Operator Award 2017 und von Sapphire für das Lebenswerk in der Luftfahrt.


Zum Unternehmen

Eine Citation Mustang aus der GlobeAir Flotte
Eine Citation Mustang aus der GlobeAir Flotte© Ch./Ju.Fotodessign

GlobeAir wurde im Jänner 2008 gegründet und zählt zu den Pionieren in der Lufttaxi-Industrie. Die Fluglinie mit Heimatflughafen Hörsching bei Linz setzt auf eine homogene Flotte von Textron Citation Mustang Jets des US-Herstellers Cessna. Die für Geschäftsreisen konzipierten Flugzeuge fallen in die Kategorie der Very Light Jets, bieten Platz für vier bis fünf Passagiere, haben eine Reichweite von 2.161 km und erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 772 km/h.

GlobeAir betreibt aktuell 20 Flugzeuge, das Unternehmen beschäftigt rund 150 Mitarbeiter und hat zuletzt einen Jahresumsatz von rund 35 Millionen erwirtschaftet. Jährlich werden von der Flugline rund 8.000 Flüge durchgeführt und rund 17.000 Passagiere transportiert. Mehrheitseigentümer (85 %) ist die Huemer Invest GmbH von Polytec-Chef Friedrich Huemer, Gründer Bernhard Fragner hält über seine AMCI (Aviation Management Consulting Investment GmbH) die verbleibenden 15 Prozent an der Airline.

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