Ötztal Tourismus Chef Oliver Schwarz und das leere Top Mountain Star in Hochgurgl: "Wir können nur hoffen"

Tourismus im Lockdown: „Es herrscht eine eigenartige Stille“

Das Ötztal, Tirols bedeutendste Tourismusregion, ist in den Monaten des Lockdowns ein Ort der Stille. Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Ötztal Tourismus, zur schwierigen Lage im Corona-Winter 2020/2021.

Kurze Zeit gab es Hoffnung. Mitte Oktober, als der Ski-Weltcupzirkus zum Auftakt der Saison 2020/2021 nach Sölden kam und in der vom Tourismus geprägten Gemeinde im Ötztal seine Zelte aufschlug. Trotz der damals rigiden Auflagen – die Rennen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und die Organisatoren, Veranstalter, Rennfahrer, Trainer, Betreuer sowie die wenigen zugelassenen Pressevertreter waren streng voneinander getrennt – kam ein Funke Hoffnung auf. Hoffnung, dass die in ganz Europa verhängten Reisebeschränkungen noch rechtzeitig vor dem eigentlichen Beginn der Wintersaison aufgehoben werden können und das Coronavirus soweit in Schach gehalten werden kann, dass ein einigermaßen normaler Betrieb der Hotellerie und der Seilbahnen möglich sein werde.

Oliver Schwarz, dem Geschäftsführer des Ötztal Tourismus, schwante jedoch angesichts der sich häufenden Stornierungen schon damals Schlimmes. Dreieinhalb Monate später, Anfang Februar 2021, zu Beginn der Semesterferien in Ostösterreich, zieht er ernüchtert Bilanz. „Unsere schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen“, gesteht er ein. Sölden, Obergurgl, Hochgurgl oder Hochsölden – Orte, die in normalen Wintern zur gleichen Zeit praktisch restlos ausgebucht sind, gleichen Geisterstädten.

Mit 2.311.069 Übernachtungen war das Ötztal mit seinen über vier Talstufen und sechs Gemeinden verteilten rund 70.000 Gästebetten in der vorausgegangenen Wintersaison noch die mit Abstand wichtigste und meistbesuchte Region Tirols und die einzige Region, die mehr als zwei Millionen Übernachtungen zählen konnte. Mit Respektabstand zurück lagen an zweiter Stelle der Tourismusverband Paznaun-Ischgl (1,767 Millionen Übernachtungen), gefolgt von Serfauss-Fiss-Ladis (1,356 Millionen Übernachtungen). Übers Gesamtjahr 2019 konnte das Ötztal 4,2 Millionen Übernachtungen zählen und ist damit neben Wien der größte Tourismusverband Österreichs.

Tal der Stille

Im Winter 2020/2021 wird grob geschätzt nicht einmal ein Zehntel des Vorjahreswerts erreicht werden. Die Lage zum Februarbeginn: Die Hotels sind geschlossen, die Gastronomie und der Handel ebenso. Im Skigebiet Sölden sind trotz strenger Covid-19-Maßnahmen wie kontrolliertem Anstellen an Kassen und Liften, laufender Durchlüftung von Gondelbahnen, breit verteilten Desinfektionsmitteln in allen öffentlichen Bereichen und wöchentlicher Antigentests bei den Mitarbeitern praktisch nur einige wenige Einheimische unterwegs. Trotz ausgezeichneter Schneelage. Im Tal liegt gut 1,70 Meter, am Berg doppelt so viel des weißen Goldes, dank dem Sölden etwa in den vergangenen Jahrzehnten vom kleinen Bergdorf zur international bekannten Tourismus-Hochburg wachsen konnte.

Bei nur rund 30.000 Einwohnern im ganzen Tal – Sölden hat als flächengrößte Gemeinde Österreichs nur knapp über 3.000 Einwohner – sind die meisten Liftanlagen geschlossen. In Sölden sind nur drei der 31 Skilifte und Gondelbahnen in Betrieb. Das Skigebiet Obergurgl – Hochgurgl ist komplett geschlossen, in Vent steht ebenso alles still. Weiter unten im Tal, in Ötz – Hochötz geht zumindest ein bisschen was. Dort bewegen sich vier von 13 Liften. „Es herrscht eine eigenartige Stille im Tal“, sagt Schwarz.

Vor Weihnachten habe es noch die Hoffnung auf einen Saisonstart am 15. Jänner gegeben, dann war es der 8. Februar und mittlerweile steht fest, dass die Hotellerie und Gastronomie ohne die ein wirtschaftlicher Skitourismus nicht möglich ist, erst im März öffnen können wird. „Wir können nur noch hoffen, dass zumindest im April und in den Osterferien noch ein bisschen was möglich ist“, sagt der Tourismus-Experte. Wissend, dass auch das nur ein Strohhalm für die zwischen Hoffnung und Resignation hin- und hergerissene Bevölkerung ist.

Internationaler Kollaps

Eines der im Pandemie-Winter größten Probleme ist die Internationalität des Tourismus-Geschäfts. „Die österreichischen Touristen haben im Ötztal nur einen Anteil von weniger als vier Prozent“, sagt Schwarz. Selbst wenn in Österreich die Hotels öffnen dürfen wird das den Ötztalern wenig bringen. So lange die Pandemie in ganz Europa und den weiteren wichtigen Herkunftsländern grassiert und die Reisebeschränkungen nicht aufgehoben werden wird das touristische Leben nicht in die Ötztaler Gemeinden zurückkehren.

„Der Sommer war dennoch gut, auch weil der Anteil an Touristen aus Österreich im Sommer höher ist“, sagt Schwarz. Außerdem kam dem Tourismusverband im Sommer das weitläufige Gelände zu Gute. Corona schien in der Tiroler Bergwelt kaum ein Thema zu sein.

Nun hadert man im Ötztal mit der Inzidenz von 50, jener vom Deutschen Robert Koch Institut festgelegten Zahl, ab der positive PCR-Tests pro 100.000 Einwohner zu lokalen Verschärfungen und Kontaktbeschränkungen führen. „Diese Zahl wird praktisch nirgendwo erreicht. Es wäre vielleicht auch einmal an der Zeit, sie zu evaluieren und davon abzugehen, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden“, argumentiert Schwarz.

Dabei könnten die Regeln durchaus streng sein. Die Gastronomie und Hotellerie habe bewiesen, dass sie Regeln einhalten kann und dass ein Betrieb unter diesen Auflagen möglich ist. „Und es muss eine sinnvolle Teststrategie geben“, fordert Schwarz.

Wirtschaftlich abgesichert

Der Ötztaler Tourismuschef ist zumindest zuversichtlich, dass die Unternehmer im Tal die Lockdowns dank der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen ohne größeren Schaden überstehen werden und es als Folge der Pandemie zu keiner Pleitewelle kommen wird. Wenn auch die Situation für einige Bereiche besonders schwierig ist. Für den Sportartikelhandel etwa, der im Tal stark vom Verleihgeschäft lebt und nun Ware auf Lager hat, die nicht gedreht wird. Oder für die knapp 1000 Verpächter im Ötztal, die bei den Entschädigungszahlungen bisher leer ausgegangen sind. Und natürlich auch für die Zulieferbetriebe der Hotels sowie der diesen angeschlossenen Dienstleistern. Schwarz: „Außerdem ist für die Großbetriebe die Deckelung der Zuschüsse mit 800.000 Euro problematisch. Die Therme Längenfeld macht etwa in Normalzeiten monatlich 3,5 Millionen Euro Umsatz.“ Auch ein Einmal-Ersatz von 800.000 Euro ist da ebenso schnell verdampft wie ein Aufguss in der Sauna.

Dennoch stellt Schwarz klar, dass alle die Situation durchstehen und sich an die Regeln halten müssen: „Wofür ich absolut kein Verständnis habe ist, dass manche mit Tricks versuchen, trotzdem Gäste ins Haus zu holen und Aufenthalte zum Beispiel als Skilehrer-Ausbildung deklarieren. Das ist in dieser Situation absolut kontraproduktiv und geht in die ganz falsche Richtung.“

Und schließlich gibt es mit der Impfung und breit verfügbaren Tests einen Hoffnungsschimmer. Schwarz: „Ganz haben wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass in diesem Winter noch ein bisschen was möglich ist. Immerhin geht bei uns die Saison bis in den Mai. Wenn man uns lässt und es wirtschaftlich vertretbar ist, dann sperren wir sofort auf.“

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