Peter Llewellyn-Davies, CEO APEIRON und Präsident BIOTECH AUSTRIA

Apeiron CEO Llewellyn-Davies: „Wir brauchen ein Medikament“

Peter Llewellyn-Davies, CEO von APEIRON und Präsident des neuen BIOTECH AUSTRIA Verbands, im Interview über die Fortschritte bei der Entwicklung eines Corona-Medikaments, die Mühen der österreichischen Biotechnologie-Unternehmen und Versäumnisse in der Politik.

Herr Llewellyn-Davies, gestern hat die Europäische Union dem ersten Impfstoff gegen COVID-19 die EU-weite Zulassung erteilt. Das Ereignis wurde breit gefeiert. Können wir nun aufatmen und durchatmen, zum Jahreswechsel das Ende der Pandemie feiern?
Llewellyn-Davies: Die Pandemie wird leider nicht so einfach und so schnell zu Ende sein. Die neuen Behandlungsmethoden werden die Krise reduzieren und minimieren, aber ich bin mir sicher, dass COVID-19 noch für lange Zeit eine chronische Krankheit sein wird. Ich kann nicht sagen, wie lange, aber wir werden auf jeden Fall noch eine lange Zeit in einem reduzierten Maß mit dieser Krankheit leben müssen.

Der Impfstoff ist also noch kein Allheilmittel?
Nein, denn wie lange ein Impfstoff wirkt ist noch nicht bekannt. Es werden sich auch nicht alle Menschen impfen lassen. Und Möglicherweise gibt es Nebenwirkungen – wir wissen das alles noch nicht. Ich bin wirklich nicht müde zu sagen: Ein schwach getesteter Impfstoff ist ein Risiko. Die Impfstoffentwicklung dauert normalerweise viel länger. Ich will keine Angst machen, aber man weiß eben noch nicht, ob es funktioniert oder nicht, wenn man einen gesunden Menschen impft.

In die Entwicklung des Impfstoffs sind aber hunderte Millionen geflossen, was den Entwicklungsprozess beschleunigt hat.
Corona zeigt ganz extrem die krasse Diskrepanz zwischen der Finanzierung von Impfstoffen und Medikamenten. Für die Erforschung von Medikamenten gegen COVID-19 ist bisher nur ein Bruchteil der Fördergelder geflossen. Die Impfstoffprojekte haben viel mehr Unterstützung bekommen. Die einseitige Förderung des Impfstoffes ist gefährlich. Die Entwicklung der Therapie ist viel weniger riskant. Derzeit ist alles fokussiert auf Impfung, aber Therapien und Medikamente sind genauso wichtig.

Unser Medikament ist sicher und verträglich.

Apeiron hat mit APN01 ein solches Medikament in Entwicklung, das schon sehr früh als Hoffnungsträger in der Aktivbehandlung von COVID-Patienten gehandelt wurde. Wie ist dabei der aktuelle Stand, wie steht es um eine eventuell baldige Zulassung?
So ein Prozess dauert lange, denn wir prüfen ordnungsgemäß nach den vorgegebenen Protokollen und den mit den Behörden abgestimmten Vorgehensweisen. Unser Ziel ist, dass die Menschen gesund werden und nicht an der Infektion sterben. Wir hatten in unserer Studie 200 Patienten, von denen die Hälfte mit einem Placebo und die andere mit unserem Medikament behandelt wurde. Die Behandlung der Patienten wird Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Danach werden die Daten analysiert. Diese Daten bekommen wir im ersten Quartal. Parallel dazu sprechen wir jetzt schon mit den europäischen Zulassungsbehörden, um eine möglichst schnelle Zulassung zu bekommen. Die Zulassung kann aber natürlich erst erfolgen, wenn die Daten verfügbar sind. Es ist sehr aufregend. Wir haben den höchsten Fokus drauf und sind sehr optimistisch, dass das alles gut läuft.

Ein Medikament zu entwickeln dauert im Normalfall rund zehn Jahre. Wie kann Apeiron jetzt schon ein Medikament parat haben?
Das Projekt läuft ja schon seit längerem. Josef Penninger hat es bei der Gründung der Firma im Jahr 2003 eingebracht. Er ist 2005 von der operativen Seite ausgestiegen, das Projekt wurde vom Team weiterentwickelt und wir haben in den letzten zehn Jahren verschiedene Studien gemacht und das Medikament auch schon getestet. Es ist sicher und sehr verträglich. Die Zeit kommt uns jetzt zu Gute.

Muss die oberste Lehre der Pandemie vielleicht der Schluss sein, dass wir unser Verhalten ändern müssen?
Ich habe einen interessanten Bericht über die Spanische Grippe vor fast hundert Jahren gesehen. Auch damals haben die Menschen Masken getragen, Geschäfte wurden geschlossen, es gab eine Art Lockdown. Damals sind über 30 Millionen Menschen gestorben. An COVID-19 sind bisher knapp unter zwei Millionen Menschen gestorben. Was furchtbar ist. Kein Mensch hatte das erwartet. Aber unser Verhalten hat sich schon geändert. Wir tragen Masken, halten Abstand und achten auf Hygiene. Meine persönliche Sicht ist, dass wir das auch beibehalten werden, bis sich jeder Einzelne sicher fühlt und wir Behandlungsmethoden haben.

Biotechnologie-Unternehmen sind chronisch unterfinanziert und kämpfen ums Überleben. In einem solchen Umfeld kann man nicht viel entwickeln.

Sie wurden vor kurzem zum Präsident des neuen Biotech Austria Branchenverbands gewählt. Es überrascht, dass Ihre Branche bisher kein Interessensvertretung hatte.
Es war wirklich überraschend, auch für mich. Den Anstoß gab COVID-19. Als es zu Jahresbeginn aufkam, wollte ich mich erkundigen, wie es mit Fördermitteln aussieht, mit Unterstützungen, an wen man sich in der Politik wenden kann usw. Und ich wusste nicht, wen ich anrufen sollte. So entstand die Idee des Verbands. Im Sommer begann ich mit einigen Kollegen und Kolleginnen zu reden und ihre Meinung abzufragen. Alle waren dafür. Also haben wir es gemacht und sind stolz darauf, 30 Gründungsmitglieder zu haben.

Hat die Biotech-Branche in der Pandemie darüber hinaus auch ein „Neues Gemeinsam“ im Kampf gegen COVID-19 entdeckt?
Die Corona-Krise hat viele Schwächen im System aufgezeigt, gerade für unsere Branche. Ein Beispiel: Die Biotechnologie entwickelt Vakzine und Medikamente. Viele der heute bestehenden Medikamente wurden von der Biotechnologie auf den Markt gebracht. AMGEN, BioNTech, Moderna oder CureVac sind Beispiele für Biotechnologieunternehmen, die jetzt erfolgreich sind, weil sie sie ein wirksames Medikament oder Vakzine entwickelt haben. Aber ohne Finanzierung schafft man keine Entwicklung und in Österreich sind Biotechs wie in den meisten Ländern chronisch unterfinanziert. Die Unternehmen kämpfen teilweise ums Überleben. In einem solchen Umfeld kann man auch nicht viel entwickeln. Wenn man jeden Tag nur schauen muss, ob das Geld reicht, die Gehälter zu bezahlen, hat man wenig Möglichkeiten, etwas zu tun.

Es scheint, als habe man in Österreich dankbar hingenommen, dass es ein gut funktionierendes Gesundheitssystem gibt.
Genau. Letztendlich darf man nicht vergessen: Ja, man ist dankbar, wenn ein Medikament am Markt ist. Wenn man zur Apotheke gehen und sich eine Medizin holen kann. Aber man vergisst ganz schnell, was dahinter steht, so ein Produkt zu entwickeln. Es dauert ein Jahrzehnt, um ein Medikament auf den Markt zu bringen. Es kostet zig Millionen und es wird meistens von Privatinvestoren oder beim Börsengang finanziert. Nur so geht das. Hier hat aus meiner Sicht auch die Politik versagt. Es gibt viel Geld für Forschungsaktivitäten und Universitäten, aber so gut wie gar nichts für die Entwicklung von Medikamenten, Vakzine oder andere Wirkstoffe. Das ist kein Umfeld, in dem Entwicklung möglich ist.

Das Biotech-Geschäftsmodell passt nicht zum Rating-System der Banken.

Für ein solches Umfeld setzen Sie sich jetzt als Präsident des Biotech Austria Verbands ein.
Ja, und ich fühle mich geehrt, dass ich zum ersten Präsidenten gewählt wurde, aber ich bin auch stolz, dass wir als Team den Verband in wenigen Wochen mit so vielen Mitgliedern und Unterstützern auf die Beine gestellt haben. Wir haben elf außerordentliche Mitglieder und Förderer, darunter die Vienna Insurance Group, KPMG, Comites, oder die Erste Bank. Unternehmen, die bereit sind, die Biotechnologie zu unterstützen, auch die Pharmig, der Verband der pharmazeutischen Industrie.

Was sehen Sie nun als erste, wichtigste Aufgaben als Interessensvertreter?
Wir haben drei wichtige Aufgaben. Erstens das Thema Investitionsschutzgesetz, zweitens bessere Rahmenbedingungen für Gründer zu schaffen und drittens die Entwicklung von Medikamenten fördern.

Was stört Sie am Investitionsschutzgesetz?
Die Idee des Investitionsschutzgesetzes ist, Firmen vor fremden Investoren aus nicht EU-Mitgliedsstaaten zu schützen. Das ist im Falle der Biotech-Unternehmen problematisch. Wenn es die Mittel zur Entwicklung eines Medikaments oder eines Produktes vom Staat nicht gibt, dann müssen wir anderswo eine Finanzierung suchen. Banken geben selten Geld, weil Biotech-Unternehmen immer in Vorleistung sind, obendrein unterkapitalisiert und meistens defizitär. Das passt nicht zum Rating-System der Banken. Also bleiben nur noch Investoren. Das Geschäftsmodell der Biotech ist so aufgebaut, dass Investoren bis zur Zulassung eines Medikaments ein gewisses Risiko auf sich nehmen, denn es kostet ja zig Millionen, ein Medikament von der Forschung auf den Markt zu bringen. Wenn es zugelassen wird, ist der Wert des Unternehmens viel höher. Investoren kaufen daher bei Beginn einer Medikamentenentwicklung und verkaufen dann beim Exit oder beim Börsengang. Das beste Beispiel ist BioNTech. Das Unternehmen hatte vor einem Jahr ein Viertel des Wertes, den es heute hat.

Wir waren 2003 mit dem SARS-Virus konfrontiert. Wir wussten schon, dass es so etwas gibt.

Und Sie brauchen die Investoren aus Nicht-EU-Ländern?
Bei Apeiron haben wir viele Österreicher als Privatinvestoren und wir freuen uns sehr darüber, keine Frage. Aber man braucht viel Geld. Außerdem ist die Bereitschaft der österreichischen Investoren, in ein Biotech-Unternehmen zu gehen recht niedrig. Also müssen wir ins Ausland gehen und Biotech-Investoren gibt es hauptsächlich in angelsächsischen Ländern. Das neue Investitionsschutzgesetz schreckt diese Investoren ab, weil es einen Deckel gibt, über den sie nicht investieren können. So bleiben wir wieder chronisch unterfinanziert.

Inwiefern erwarten Sie sich mit dem Verband im Rücken auch leichtere Projektfinanzierungen und besseren Zugang zu Forschungsförderungen?
Da komme ich auf den Punkt zurück: Wir müssen die Botschaft herüberbringen, dass es besser ist, vorher zu investieren und bereit zu sein, als im Nachhinein Löcher zu stopfen. Also Entwicklung für verschiedene Krankheiten vorantreiben. Beispiel COVID-19: Wir waren 2003 mit dem SARS-Virus konfrontiert. Wir wussten schon, dass es so etwas gibt. Die Asiaten waren viel besser vorbereitet als wir. Doch die Wissenschaft ist da, die Intelligenz ist da, die Ideen sind da – wir müssen es nur umsetzen und etwas daraus machen. Der Schritt von der Forschung hin zur Entwicklung auf den Markt, der muss noch verbessert werden.

Das heißt, man konnte nach 2003 annehmen, dass wieder ein ähnliches Virus auftreten wird, hat es aber verabsäumt, Geld in Entwicklung eines SARS-Medikaments zu investieren?
Ja, absolut. Die Problematik ist natürlich schwierig zu beantworten. Ich kann jetzt den direkten Vorwurf nicht machen, indem ich sage. „Hätten wir nur mehr Geld da reingesteckt.“ Das ist ein Risiko, eine Risk-Return-Kalkulation. Wenn die Krankheit da ist, behandelt man. Wenn die Krankheit nicht da ist – woher soll man wissen, dass sie kommt? Jetzt wissen wir natürlich: Wir brauchen ein Medikament. Daran führt kein Weg vorbei.

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