Kristina Knezevic, Country Managerin Xing Österreich

„Corona hat die Arbeitswelt radikal verändert“

Kristina Knezevic, Country-Managerin von Xing Österreich, über die Konsequenzen der Corona-Krise für die Arbeitswelt, die Wünsche und Führung von Mitarbeitern und das Recruiting.

Wir treffen einander Corona-bedingt zum Interview via Zoom und sitzen beide im Homeoffice. Ein Setting, das eindeutig den Stempel „2020“ hat. Man kann es auch als das „Jahr des Homeoffice“ sehen.
Kristina Knezevic: Das stimmt, in unserem Unternehmen gab es das hybride Leben und Arbeiten aber schon vor Corona. Es war für uns normal, abwechselnd im Büro und im Homeoffice zu arbeiten.

Im Frühjahr 2020, zum ersten Lockdown, haben Unternehmen in ganz Österreich ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Das war davor schlichtweg unvorstellbar. Es gab viele Ressentiments.
Ja, man ist davon ausgegangen, dass die Mitarbeiter nicht produktiv sind. Jetzt sieht man das anders und spricht von einem Digitalisierungsschub in Österreich.

Zu Recht? Sind Mitarbeiter mit Laptops und Homeoffice schon gleichzusetzen mit Digitalisierung?
Die Unternehmen haben oft den Eindruck, dass Homeoffice gleich Digitalisierung ist. Aber das ist nur ein Aspekt des Ganzen, das hat uns die Krise gezeigt. Die Digitalisierung ist zur Realität jedes Einzelnen geworden, nicht nur in der Arbeitswelt. Es gab digitale Sportstunden, digitalen Musikunterricht, Online-Ärztesprechstunden, Online-Kulturangebote. Für jeden Einzelnen gab es viel mehr als nur Homeoffice.

New Work ist nicht Old Work im Homeoffice. Da gehört viel mehr dazu.

Wurde die Corona-Krise von den Unternehmen richtig genutzt, um die Digitalisierung voranzutreiben?
Da gibt es noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Aber es wird selbstverständlicher, dass man Digitale Tools und die Digitalisierung für sich einsetzt. Eine professionelle digitale Visitenkarte zu haben war bis vor Kurzem noch überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Da merke ich eine Veränderung, die Chance der Digitalisierung zu nutzen. Es ist ähnlich wie mit dem Thema „New Work“ vor Corona. Unternehmen haben einen Obstkorb hingestellt, und das war deren Interpretation von „New Work“. Jetzt haben wir Laptops und die Remote-Arbeitsmöglichkeit für die Mitarbeiter, also sind wir digital. Ich muss dann leider sagen: Ja, das ist ein wesentlicher Aspekt, aber nicht der einzige. Es gibt noch viel mehr zu tun. Das ist ein kleiner Enttäuschungsmoment, den ich bei den Unternehmen generiere.

Man musste da aber offenbar durch, um die Erfahrung zu machen, dass es funktioniert.
So ist das. Es war klar, dass man etwas tun muss. Aber der Zeitraum – 30 Jahre, zehn Jahre oder sofort -macht natürlich einen Unterschied.

Und welche Lehren können wir aus dem Corona-Jahr ziehen? Welchen Einfluss wird es auf die Arbeitswelt haben?

Viel von dem, was wir jetzt gelernt haben, das „New Normal“ wird nicht weggehen. Um ein paar Beispiele zu nennen: neue Technologien, mit denen man umgehen muss. Auch CEOs und Vorstände haben Crashkurse in Zoom-Meetings oder Skype bekommen. Auf der Arbeitnehmerseite wird jetzt nicht nur in der Millennial-Generation, sondern in allen Generationen sehr stark die Sinnfrage gestellt. Das eigene Wertesystem wird hinterfragt, mit dem des Unternehmens verglichen: Was ist der Sinn meiner Arbeit? Was ist der Sinn des Unternehmens? Welchen Beitrag leistet es für mich, für die Gesellschaft? Das sind valide Punkte, die nicht weggehen werden. Die Veränderung der Arbeitswelt geht sehr stark einher mit dem Thema „New Work“. Das ist nicht „Old Work im Homeoffice“. Da gehört viel mehr dazu.

Man muss in Unternehmen hin zu einer Führung, die auf Vertrauen basiert.

Was wären da aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte?
In den Lockdown-Phasen haben wir zum Beispiel alle erlebt, woran es noch fehlt, um Remote arbeiten zu können. Es wurde schnell klar, dass es nicht überall stabile Breitbandinternetverbindungen gibt. Das ist eine Grundvoraussetzung, die geschaffen werden muss. Auf der anderen Seite gibt es viele Dinge, die Unternehmen selbst tun können. Es müssen die Strukturen hinterfragt werden. Die Arbeitswelt hat sich radikal verändert. Es ist nicht nur „remote“. Es gehören ein System-und ein Strukturwandel dazu. Flexible Organisationsstrukturen, agiles Arbeiten miteinander. Die Zukunft ist volatil und agil. Man muss in Unternehmen weg vom Kontrollieren hin zu einer Führung, die auf Vertrauen basiert. Das betrifft alle Jobs.

Neues Arbeiten erfordert eine neue Art der Mitarbeiterführung?
New Work und Remote Work erfordern beide eine neue Art von Leadership. Es geht stark um Inspiration und Vertrauen. In vielen Unternehmen war vor Corona die größte Sorge der Kontrollverlust. In einer Studie haben wir gefragt, wie viele im Homeoffice arbeiten dürfen. Da haben ungefähr 70 Prozent gesagt: „Bei uns ist das nicht möglich.“ Warum war es nicht möglich? Weil die Geschäftsführung die Präsenz gewünscht hat. Jetzt hat sich das komplett gedreht. Wir sehen auch: Überall dort, wo es schon ein Wertesystem gab, das auf Selbstständigkeit aufgebaut war, auf Vertrauensarbeit und auf Vertrauen zur Führungskraft, hat das Remote Working besser funktioniert. Unternehmen, in denen das nicht etabliert war, haben sich schwergetan.

Wie hat sich das Recruiting in einer Zeit, in der physische Vorstellungsrunden oder Bewerbungsgespräche kaum mehr möglich waren, weiterentwickelt?
Wichtig ist, zu sagen, dass E-Recruiting keine Erfindung der Krise war. Zu New Work gehört auch New Recruiting. Die ersten Steps gab es schon zuvor. Onlinestellenanzeigen und aktive Kandidatenansprache etwa. Die Krise hat das E-Recruiting verstärkt. Durch Homeoffice und Video-Calls wurde digitales Onboarding Realität. Und es hat sich gezeigt, dass die Erfolgsfaktoren des modernen Recruitings wie Effizienz, Geschwindigkeit oder Messbarkeit dem Anspruch Genüge leisten und man auch Kosten sparen kann.

Wir haben in der Krise gelernt, welche Prozesse man digitalisieren kann. Es war eine gute Möglichkeit, zu reflektieren.

Wird das Recruiting künftig fast nur noch digital ablaufen?
Wir haben in der Krise gelernt, welche Prozesse man digitalisieren kann. Es war eine gute Möglichkeit, zu reflektieren: Wo kann Digitalisierung künftig im Recruiting verwendet werden, um Zeit und Kosten zu sparen? Auf der anderen Seite natürlich auch bewusst zu erfahren, was man lieber wieder analog machen möchte.

Ein spezieller Punkt beim Recruiting ist künstliche Intelligenz: Sie beginnt etwa in Form von KI-geführten Telefoninterviews Fuß zu fassen.
Heute gibt es einige Algorithmen und KI-Mechanismen, die uns helfen. Unser Büro kann man zum Beispiel mit einem 360-Grad-Video und einer VR-Brille ansehen und so ein Gefühl von der Realität bekommen. Man kann durch die Gänge laufen. Auch in Zeiten wie diesen, wo das eigentlich nicht möglich ist. Viele andere Unternehmen haben das schon im Einsatz. Ein zweites Beispiel sind die Selektionskriterien. Wir haben Systeme und Algorithmen auf Xing laufen, die aus einem Talent-Pool Kandidaten vorschlagen, die zu einer Stelle passen. Xing-Mitgliedern werden so auch Vorschläge zu Jobs gemacht, die zu ihnen passen könnten. Der Algorithmus ist eine Künstliche Intelligenz, die daraus lernt, wie man sich auf der Plattform bewegt und welche Keywords man hinterlegt.

Werden HR-Mitarbeiter durch künstliche Intelligenzen ersetzt?
In einer unserer Befragungen waren 90 Prozent der Personaler der Meinung, dass in 15 Jahren das Robo-Recruiting eine wesentlichere Rolle im Recruiting spielen wird, aber eben die Arbeit des Personalers nicht ersetzen, sondern unterstützen wird, vor allem bei der Vorauswahl. KI wird uns helfen, Routineaufgaben zu erledigen. Ein „Cultural Fit“ kann noch programmiert werden. Aber ob Menschen zueinander passen, kann man nur als Mensch beurteilen.

Xing wurde im Jahr 2020 volljährig. Wie sehen Sie Ihre Position in Österreich? Inwiefern haben Sie von der Krise profitiert?
Ich bin besonders stolz darauf, dass wir mit 280 Mitarbeitern der zweitgrößte Standort in der Unternehmensgruppe sind. Der Schwerpunkt unserer Arbeit in Österreich liegt stark auf dem Diskurs Digitalisierung -New Work -Veränderung der Arbeitswelt. Das war im Jahr 2020 das Thema der Stunde. Wir verstehen uns als lokaler Arbeitgeber und Teil der lokalen Wirtschaft. 2020 haben wir die Auszeichnung zum „Leitbetrieb Austria“ und den „Hermes.Wirtschafts.Preis“ bekommen. Das sind Zeichen, die klar zeigen, dass wir die richtigen Dinge ansprechen.


Zur Person

Kristina Knezevic ist seit Anfang April 2019 Country-Managerin für Xing in Österreich, ein Unternehmen der New Work SE, die in Österreich zudem mit den Marken kununu, Prescreen und Honeypot vertreten ist und hier 280 Mitarbeiter beschäftigt. Knezevic ist Spezialistin für die Bereiche New Work und E-Recruiting. Vor ihrer Zeit bei Xing arbeitete sie bei dem Tochterunternehmen kununu und im Consumer-Research-Bereich von Nielsen.

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