Regional einkaufen: Start-ups und Initiativen zeigen wie es geht

Mit der 627.000 Euro teuren Online-Plattform „Kaufhaus Österreich“ haben das Wirtschaftsministerium und die Wirtschaftskammer einen harten Bauchfleck hingelegt. Start-ups und diverse Initiativen zeigen vor, wie regionaler Handel online wirklich funktionieren kann.

627.000 Euro. Nahezu allen, die beruflich mit dem Internet und dem Erstellen von Websites zu tun haben, verschlägt es bei dieser Zahl die Sprache. Doch laut Auskunft des Wirtschaftsministeriums ist das der für die Erstellung der Website „kaufhaus-oesterreich.at“ ausgegebene Betrag.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre: Die vom Bundesrechenzentrum programmierte Online-Plattform ist obendrein noch ein kompletter Reinfall. Das Design und die Usability erinnern an die Jahrtausendwende, die Funktionalität ist erbärmlich und der Nutzen beschränkt sich auf ein unfreiwilliges Amusement von Konsumenten.

Dabei war die Intention, mit der Plattform den regionalen Handel zu fördern. Den österreichischen Klein- und Mittelbetrieben eine Möglichkeit zu geben, ihre Shops und Produkte online zu präsentieren und die Konsumenten dazu zu bringen, vermehrt bei heimischen Unternehmen einzukaufen.

Regionaler Handel, der funktioniert

Obendrein kommt das von Wirtschaftskammer und Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebene „kaufhaus-oesterreich.at“ auch viel zu spät. Acht Monate nach dem ersten Lockdown, als das Motto „Bleib daheim, kauf daheim“ angesichts geschlossener Geschäfte in der Online-Welt die Runde machte.


#zammhalten „Wir haben das schon beim ersten Lockdown für die Region und Stadt Wiener Neustadt in ein paar Stunden aufgesetzt. Inklusive Möglichkeit, Gutscheine online über die Plattform zu kaufen“, kommentiert Doris Kapuy von KAPUY Communications. Das im Vergleich um ein Butterbrot aufgestellte Portal zammhalten.com sieht sich als private Initiative für die Wirtschaft in Wiener Neustadt Stadt und Bezirk und listet aktuell 112 Betriebe aus der Region auf. Freilich ist „#zammhalten“ auch keine Alternative zu Amazon & Co, doch das war in dem Fall auch gar nicht die Intention. Das Ziel war vielmehr, die regionale Wirtschaft im Lockdown zu unterstützen, indem Gutscheine für die Zeit danach gekauft werden konnten.


Markta.at Mit markta.at hat Theresa Imre einen boomenden Onlinemarktplatz für regionale Lebensmittel ins Leben gerufen. Demnächst wird man dort auch Haushaltswaren finden. „Unsere Kunden sollen künftig ihren gesamten Bedarf über unser Portal decken können“, kündigt die Gründerin von Markta an. Dass Imre diesen Satz heute sagen kann, hätte die 30-jährige Geschäftsführerin vor Ausbruch der Pandemie wohl selbst nicht für möglich gehalten. Denn da fristete Markta noch eher ein Nischendasein.

„Die Corona-Krise hat uns zum Durchbruch verholfen“, bestätigt sie. Mit Markta bedient sie sowohl die Veränderung des Einkaufsverhaltens hin zu mehr Regionalität als auch die unfreiwillig entdeckte Liebe der Kunden zu Onlineshops. Und jeder weitere Lockdown sorgt für einen kräftigen Schub bei den Bestellungen, die aktuell bei 2.000 pro Woche liegen. „Wir können unseren Businessplan nun zwei Jahre früher erreichen als ursprünglich geplant“, freut sich Imre, deren Unternehmen mittlerweile ganz Österreich beliefert.


Gurkerl.at Ebenfalls auf den Verkauf regionaler Lebensmittel setzt auch das Wiener Start-up „Gurkerl.at„, dessen Website dem kaufhaus-österreich genauso die Gurke gibt. Das Liefergebiet beschränkt sich zwar vorerst noch auf Wien und seine Umgebung, doch dort funktioniert das Angebot zumindest. Im Angebot sind über 7.500 Produkte, hochwertige und regionale Schmankerl aus Supermärkten, Bauernhöfen und Fachgeschäften, neben Lebensmittel auch Kosmetik- und Babyartikel. Geliefert wird binnen drei Stunden nach Bestellung oder zu einem vereinbarten Termin.


Aus unserer Region Produkte steirischer Klein- und Mittelbetriebe findet man auf der Website aus-unserer-region.at.
Heimat, Nähe, Tradition, regionale Wertschöpfung und regionales Einkaufen stehen im Mittelpunkt der Online-Shopping-Plattform für Betriebe mit maximal 25 Mitarbeitern, die hauptsächlich Produkte in Handarbeit herstellen. Knapp 250 Unternehmen sind dort gelistet, von der Alpaka Ranch Frauental bis zum Zirbitzlamm – Bio Schafbauernhof der Familie Wernig.


kauftregional.at Das Start-up kauftregional aus Obertrum hat mit kauftregional.at eine Plattform für regionale Produkte aufgebaut. Auch Dienstleister können dort ihre Angebote präsentieren. Klar strukturiert nach Bundesländern und diversen Produktkategorien findet man dort eine Fülle von Angeboten von Regionalversorgern. Unternehmen können sich kostenlos eintragen lassen, auch wenn sie keinen eigenen Webshop haben.


Kaufhaus.at Nicht zu vergessen auch die vom Handelsverband ins Leben gerufene Plattform „kaufhaus.at“, die zu rund 5.000 heimischen Webshops führt. Auch wenn das Portal kein Shopping-Portal ist, sondern sich nur als Hub zu den Online-Shops der österreichischen Händler versteht – zumindest die Suchfunktion funktioniert dort und Unternehmen sind übersichtlich nach Produktkategorien sortiert. Und die Kosten für das ebenfalls während des ersten Lockdowns erstellten Angebots waren zudem äußerst überschaubar. trend-Informationen zufolge lagen sie bei lediglich 4.000 Euro.


Shöpping.at Bereits vor drei Jahren hat die Österreichische Post die Online-Plattform „shöpping.at“ ins Leben gerufen, ein Marktplatz für heimische Händler. Begünstigt durch die Corona-Krise konnte die Plattform im Jahr 2020 Rekordumsätze verbuchen und den Tausendsten Händler für sich gewinnen. In der Spitzenzeit des Lockdowns haben sich die Zugriffszahlen verzehnfacht, der Umsatz wird sich im laufenden Jahr von 20 auf rund 60 Millionen Euro verdreifachen.


Erlebnis bieten

4.000 österreichische Klein- und Mittelbetriebe haben den Zahlen der Initiative E-Commerce Austria seit dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr einen Online-Shop eröffnet. Gleichzeitig stieg der Online-Anteil am gesamten Handelsumsatz gegenüber dem Vorjahr von 9,6 Prozent auf 17 Prozent.

Die wenig überraschende Erkenntnis: Um Kunden zu begeistern muss das Shopping-Erlebnis passen. Das Ladendesign ist im Online-Geschäft ebenso wichtig wie im stationären Handel und ein Händler mit offensichtlichen technische Baustellen kann mit einer hohen Absprungrate rechnen. Vertrauenswürdiges Auftreten, eine zuverlässige Technik und reibungslose, sichere Bezahlmöglichkeiten sind Grundvoraussetzungen für jeden Online-Shop, sind sozusagen das kleine Einmaleins.

Wer sich nicht mit aufwändigen Programmierungen herumschlagen will, kann sich an Shop-Lösungen von der Stange halten, etwa von Shopify oder PrestaShop und so schnell zum Online-Händler werden. Darauf warten, dass die Kunden über „kaufhaus-oesterreich“ in den Online-Shop kommen lohnt sich jedoch offenbar nicht.

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