Ötztal: Vom Ski- zum Rad-Mekka in den Alpen

Bike Republic Sölden: Fahrräder machen den Wintersportort auch zur Sommer-Destination
Bike Republic Sölden: Fahrräder machen den Wintersportort auch zur Sommer-Destination Foto:
© Rudi Wyhlidal

Die Wintersport-Saison geht langsam dem Ende zu. Auch im Ötztal, wo die Saison am Gletscher noch bis in den Mai andauert, denkt man bereits an den Sommer, und der steht ganz im Zeichen des Radsports. Tourismus-Direktor Oliver Schwarz will das Ötztal zum „Whistler der Alpen“ machen.

Der Blick in den Kalender ließ eigentlich nichts Gutes erahnen: angesichts des späten Oster-Termins im Jahr 2019 fürchteten viele Wintersport-Orte um ihr Geschäft. Doch noch ehe das große Klagen richtig eingesetzt hatte kam der große Schnee und ließ alle verstummen. Schnee, das weiße Gold der Alpen-Touristiker, gab es nämlich in der Saison 2018/2019 mehr als genug und für viele Skigebiete wird daher die Bilanz des Winters außergewöhnlich gut ausfallen.

Während auf den Bergen noch die Wintersportler unterwegs sind, wird in den Tourismus-Regionen bereits eifrig daran getüftelt, wie man auch in den Sommermonaten vermehrt Gäste anlocken kann. Eine immer größere Bedeutung dabei spielt das Fahrrad.

Mountainbiken und Rennradfahren in den Alpen – das war bis vor einigen Jahren noch eine Sache, für die sich nur besonders Hartgesottene und Durchtrainierte begeistern konnten.Mit dem Siegeszug der E-Bikes, der von City-Bikes über Trekking-Bikes und Mountainbikes nun sogar den Rennrad-Sektor erfasst hat, wurde das alles anders. Fahrräder sind seither wichtige Puzzlesteine in den Sommer-Tourismus-Konzepten und das Wegnetz, auf denen man sich in den Alpen mit dem Fahrrad bewegen kann wächst Jahr für Jahr weiter an.

Abseits der Straßen: Mit E-Mountainbikes können auch durchschnittlich trainierte Sportler die Welt der Berge erkunden.
Hoch hinaus: Mit E-Bikes lassen sich hochalpine Gebirgswege kraftsparend erkunden. © KTM Bikes / heikomandl.at

Natürlich löst die Entwicklung nicht nur Begeisterung aus. So gut die E-Bikes auch fürs Geschäft sind, gibt es immer wieder Konflikte zwischen Grundstücksbesitzern und Radfahrern – zum Teil auch als Folge schwer nachvollziehbarer Fahrverbote und fehlender Beschilderung. Hinzu kommt, dass E-Bikes die hochalpinen Regionen auch den weniger Versierten erschließen. Um dort unfallfrei fahren zu können sind auch eine entsprechende Fahrtechnik und Erfahrung notwendig – besonders bergab, wo besonders die vergleichsweise schweren E-Bikes nicht immer von allen richtig kontrolliert werden können.

Der Weg zum Ganzjahres-Tourismus

In Sölden, im oberen Ötztal, setzt man dennoch voll auf den Rad- und Mountainbike-Tourismus. Mit der Bike-Republic ist es den Söldener Touristikern bereits nachhaltig gelungen, sich im Mountainbike-Bereich zu positionieren. In den vergangenen drei Jahren wurden sechs Millionen Euro in das Angebot, Trails und Bike-Parks investiert. „Und wir investieren weiter. Unser Ziel ist, ein europäisches Whistler zu werden“, sagt Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Ötztal-Tourismus. Davon profitiert die Hotellerie und die Gastronomie Söldens: Die Mountainbiker bringen im Sommer Leben in den Ort und lassen Sölden zur Ganzjahres-Tourismus-Destination werden.

Doch nicht nur an die Mountainbiker, die Rock’n’Roller der Berg-Trails, denkt Schwarz. Eines seiner Herzensprojekte ist der Ötztal-Radweg, der bald eine familientaugliche, durchgängig mit Fahrrädern befahrbare Verbindung von Innsbruck über das Ötztal und das Timmelsjoch bis nach Meran in Südtirol sein soll. Freilich voll ausgerichtet auf den E-Bike-Tourismus, denn wer den ganzen Radweg abfahren will, muss dabei deutlich über 2000 Höhenmeter bewältigen.

Berge als Herausforderung

Wie es ist, im Ötztal ohne E-Motor-Unterstützung mit dem Rad unterwegs zu sein, davon können die Teilnehmer eines der berüchtigsten Radrennen der Alpen, des Ötztal-Radmarathons, ein Lied singen. Seit fast 40 Jahren gehört der Ötztaler Radmarathon – der „Ötzi“ zu den schwierigsten Prüfungen im Amateur-Rennradsport. Der Rundkurs, der von Sölden über das Kühtai nach Innsbruck, von dort über den Brenner nach Südtirol und danach über den Jaufenpass und das berüchtigte Timmelsjoch über 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter zurück nach Sölden führt, verlangt den Teilnehmern alles ab.

Oliver Schwarz, Geschäftsführer Ötztal-Tourismus und Dominic Kuen, Leiter Organisationskommitte Ötztaler Radmarathon
Oliver Schwarz, Geschäftsführer Ötztal-Tourismus und Dominic Kuen, Leiter Organisationskommitte Ötztaler Radmarathon © Benedikt Steiner

Obwohl sich die selektive Strecke über die vier fordernden Bergpässe mit den modernen Carbon-Rennrädern und den Übersetzungen der Gegenwart erheblich leichter bewältigen lässt als mit den Stahl-Rennrädern, die bei der ersten Austragung im Jahr 1980 das Maß aller Dinge waren, beißen sich alljährlich viele Starter an der Strecke die Zähne aus. Trotz monatelanger, konsequenter Vorbereitung mit strukturiertem Training, bei dem die Teilnehmer durchschnittlich 5.000 Kilometer und etwa zehnmal so viele Höhenmeter zurücklegen.

Die Strecke ist nicht das einzige Kriterium. Hinzu kommen die unberechenbaren, nicht vorhersehbaren Witterungsbedingungen, die extreme Willensstärke erfordern. Bei der letzten Auflage des Klassikers im Jahr 2018 waren etwa Regen und Kälte mindestens ebenso harte Gegner wie die Berge und haben dazu geführt, dass ein Viertel der 4.000 Teilnehmer das Ziel nicht erreichten.

Das Rad, ein Tourismus-Magnet

Und für Sölden – den Start- und Zielort des Rennes – sowie die Tourismusregion Ötztal ist der Radmarathon ein ähnlich wichtiger Event wie die alljährliche Eröffnung der Ski-Weltcup-Saison am Söldener Rettenbachgletscher: Der berüchtigte Ötzi ist ein Aushängeschild für die Region, ein veritabler Faktor im Tourismus, der dem Wintersport-Ort im Sommer einige Tage lang volle Auslastung beschert und er steht auch für den in den vergangenen Jahren stark forcierten, sanften Radtourismus – sowohl auf den Straßen als auch abseits davon, auf Pfaden und Wegen, die zuvor nur Wanderer und Wildtiere kannten.

Weiter befeuert wird der Reiz des Ötztals für Radsportler durch Profi-Rennen wie der Tour de Suisse, der Deutschland-Tour und der Rennrad-WM, die im September 2018 in Ötz gestartet wurde. Tourismus-Manager Schwarz ist sich angesichts der anhaltend positiven Entwicklung jedenfalls sicher, aufs richtige Pferd gesetzt zu haben: Fahrräder, egal welcher Bauart als Motor eines sanften und nachhaltigen Tourismus.


Ötztaler Radmarathon

„Hart-härter-Ötztaler“ – wer einmal beim Ötztaler Radmarathon dabei war – ob als Fahrer oder als Begleitperson und Zuschauer – weiß, dass der Slogan, der zum Rennen auf T-Shirts und Taschen gedruckt wird, kein bisschen untertrieben ist. Gerade das macht aber für die Amateursportler den Reiz des Klassikers aus: Sich der Prüfung stellen und sich selbst und die Strecke bezwingen ist die Devise.

© skarwan.com

Im Jahr 2019 findet der Ötztaler Radmarathon am Sonntag, den 1. September statt. Die Teilnahme ist aus Sicherheitsgründen auf 4.000 Starter begrenzt. Die Verlosung der Startplätze unter den erwarteten rund 15.000 Anmeldungen erfolgt in der ersten Märzhälfte 2019.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Veranstaltung unter oetztaler-radmarathon.com

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