„Der Kampf gegen den Klimawandel wird in den Städten entschieden“

Siemens Generaldirektor Wolfgang Hesoun
Siemens Generaldirektor Wolfgang Hesoun
© trend / Lukas Ilgner

Technologie gegen Klimawandel: Wolfgang Hesoun, Vorstandschef der Siemens AG Österreich, im trend-Interview über über die Notwendigkeit, Städte zu Smart Cities zu entwickeln, warum neue Technologien und Konzepte wichtiger sind als Verbote und die Zukunft fliegenden Bussen und selbstfahrenden Autos gehört.

Österreich muss laut EU-Vorgabe seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um 36 Prozent gegenüber 2016 reduzieren. Die Digitalisierung und Modernisierung der Städte hin zu „Smart Cities“ sind integrale Punkte, um dieses Ziel zu erreichen. Wo sehen Sie dabei die wichtigsten Hebel? 
Wolfgang Hesoun: Die Klimaziele sind vor dem Hintergrund der starken Urbanisierung besonders herausfordernd: Weltweit wird sich die städtische Bevölkerung in den nächsten vier Jahrzehnten nahezu verdoppeln, auch Wien wird bald mehr als zwei Millionen Einwohner zählen. Obwohl Städte nur zwei Prozent der Erdoberfläche einnehmen, beherbergen sie aber rund 50 Prozent der Bevölkerung, die wiederum 75 Prozent der Energie verbraucht und 80 Prozent aller CO2-Emissionen verursacht. Diese Zahlen machen klar: Der Kampf gegen den Klimawandel wird in den Städten entschieden werden. Intelligente Infrastrukturen können diese Herausforderungen lösen. Mit einem Mix aus Maßnahmen können wir aus einem grauen Häusermeer eine Smart City machen: Sie beinhalten intelligente Gebäude die selbst kleine Kraftwerke sind, effiziente Stromnetze – Smart Grids -, ein nachhaltiges multimodales Verkehrskonzept und einige andere Dinge mehr. 

In der Seestadt Aspern wird mit Beteiligung von Siemens an Technologien für Smart Cities geforscht. Allerdings in einem neu entstandenen Stadtteil. Ist es eine lösbare Aufgabe, das Pilotprojekt in die historisch gewachsenen Städte Österreichs und Europas zu tragen? 
Genau daran arbeiten wir: Wir erforschen die Technologien der Zukunft und machen dieses Knowhow zu einem Exportschlager. Hier sind wir auf einem guten Weg. Unser konkreter Fokus in der Seestadt liegt auf der Effizienzsteigerung im Energienetz und in Gebäuden. Mit intelligenter Monitoring- und Automatisierungstechnik können die vorhandenen Netze effizienter betrieben werden, was eine Reihe von Vorteilen bringt: Die Betreiber müssen weniger in den Netzausbau investieren und auch die Stromkunden profitieren, da die hohe Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet bleibt. Wir erhalten dadurch vor allem eine effiziente Infrastruktur, die ihren Bürgern eine hohe Lebensqualität bei einem gleichzeitig besonders kleinen ökologischen Fußabdruck ermöglicht. Neue Gebäude können wir schon vor dem Bau mit Hilfe unseres Digitalen Zwillings am Computer simulieren und den Entwurf in Richtung Energieeffizienz maximieren. Bei älteren Gebäuden ist das in dieser Form natürlich nicht mehr möglich, dennoch ist auch in solchen Stadtvierteln sehr viel Potential ausschöpfbar, vor allem bei der Energieeffizienz und dem sehr wichtigen Verkehrskonzept.

Die Technik ist heute auf einem Stand, der noch vor kurzem kaum für möglich gehalten wurde.

Eine Grundvoraussetzung dabei sind intelligente und vorausschauende Systeme – Predictice Systems – die anhand von Daten und aktuellen Verhältnissen Situationen erkennen, bewerten und rechtzeitig steuernd eingreifen. Sind die vorhandenen Systeme dafür gut genug? 
Die Sensorik und die IT-Analysekapazitäten sind heute auf einem Stand, der noch vor kurzem kaum für möglich gehalten wurde. Deswegen bieten wir vorausschauende Systeme schon in den unterschiedlichen Bereichen an. So wurde unser City-Performance-Tool, das wir vor Jahren gemeinsam für die Stadt Wien entwickelt haben, mittlerweile zum Exportschlager. Stark vereinfacht erfasst das System unterschiedliche Parameter wie etwa die Luftqualität, zum Beispiel Feinstaub-, Stickstoff- und CO2 Belastung. Die Werte werden mit erwarteten Entwicklungen abgeglichen, worauf ein Frühwarnsystem geeignete Abwehrmaßnahmen vorschlägt.

Siemens Generaldirektor Wolfgang Hesoun
Wolfgang Hesoun: „Mit Sensorik die Versorgung sicherstellen.“ © trend / Lukas Ilgner

Moderne Züge melden sich heute von selbst, wenn sie demnächst besser in die Werkstatt zur Reparatur geholt werden sollten. Mit dieser vorausschauender Wartung garantieren wir eine Verfügbarkeit von 99 Prozent. Für den Bahnbetreiber bedeutet das: Züge fallen nicht plötzlich aus, Ersatzteile können frühzeitig beschafft werden, die Wirtschaftlichkeit steigt und auch die Kunden sind zufriedener.

Im Wasserbereich haben wir mit Wiener Wasser (MA31) vor kurzem einen neuen Leitrechner installiert, der das 3.000 Kilometer umfassende kommunale Wasserversorgungsnetz, sowie sämtliche Anlagen und Kraftwerke entlang der I. und II. Hochquellleitung überwacht und steuert. Der Fokus liegt dort auf Ausfallsicherheit und Effizienz, wir stellen mit umfangreicher Sensorik die hochwertige Wasserversorgung Wiens sicher.

Ohne Energie keine Digitalisierung. Aber Energie muss in Zukunft anders erzeugt, umverteilt und gespeichert werden. Die dezentrale Energieversorgung und die Integration von Erneuerbaren Energien sind eine große Herausforderungen. 
Mit den Erkenntnissen aus unserer Seestadt-Forschung entwickeln wir neue Applikationen für Smart Grids, intelligente Stromsysteme und Gebäudetechnik und erzielen damit entscheidende technologische Fortschritte. Im Zentrum unserer Arbeit stehen nicht einzelne Technologien bzw. Erzeugungs- und Speicherarten, sondern die Frage, wie diese in Kombination mit anderen Faktoren optimal funktionieren. Es werden also keine Einzelelemente, sondern komplexe Zusammenhänge anhand realer Daten erforscht. Und hier geht es darum, aus Big Data wirklich informative Smart Data zu machen. In der ersten Phase des Projekts, die noch bis Ende 2018 läuft, wurden rund 60 Forschungsfragen beantwortet sowie 15 prototypische Lösungen entwickelt. 30 Erfindungsmeldungen, von denen elf als Patente angemeldet wurden, und drei öffentlich geförderte Projekte mit einem Gesamtvolumen von elf Millionen Euro vervollständigen die Erfolgsbilanz.

Welche Rolle nehmen dabei E-Autos ein? 
Auch die zunehmende Elektromobilität muss in das Energienetz integriert werden. Fahrzeuge sollen mit wenig Zeitaufwand jederzeit und überall aufgeladen werden können. Wenn nun viel mehr Strom für das Laden von Autos verbraucht wird, sind im Hintergrund natürlich massive Maßnahmen an der Infrastruktur nötig, auch hier ist ein intelligentes Netzmanagement essentiell. Für die Menschen wird der Strom aber weiterhin einfach aus der Steckdose kommen. Wir kümmern uns mit unserer im Hintergrund arbeitenden Technologie darum, dass es wirklich so ist. Diese Aufgabenstellen sehen wir uns auch in der Seestadt an: Wie können wir diese relativ neue Technologie auf effiziente und wirtschaftliche Weise in ein bestehendes Stromnetz integrieren? Auch Wiens erstes autonom fahrendes Fahrzeug, der See.Stadt.Bus, den wir gemeinsam mit Partnern wie etwa den Wiener Linien entwickeln, ist in der Seestadt zuhause. 

Ich halte von reinen Fahrverboten nicht viel. Das Bedürfnis nach Mobilität ist ja vorhanden.

Die Mobilität „Carbon-Free“ zu machen ist nur ein Punkt. Es geht auch darum neue Lösungen zu entwickeln, um den Verkehr einzudämmen oder von den Städten fernzuhalten. Es gibt Ideen für Liefer-Drohnen oder für Paket-Leitsysteme ähnlich dem alten „Rohrpost-System“. Wie ist Ihre Vorstellung davon? 
Der Individualverkehr ist heute einer der größten CO2-Verursacher, zusätzlich machen die vielen Staus, zunehmender Parkplatzmangel und immer mehr Parkplatzbewirtschaftungssysteme sichtbar, dass es umfassendere Lösungen braucht. Dennoch halte ich von reinen Fahrverboten nicht viel, denn das Bedürfnis nach Mobilität ist ja vorhanden. Sinnvoller ist es, nicht länger in Asphalt für zusätzliche Straßen zu investieren, sondern das bestehende System mit mehr Intelligenz ausstatten. Der öffentliche Nahverkehr muss wegen des Bevölkerungswachstums ein immer größer werdendes Fahrgastaufkommen bewältigen. Mit Automatisierung und Digitalisierung kann man den Durchsatz erhöhen und die Zugfolgezeiten verkleinern, wie wir das beispielsweise mit der selbstfahrenden Wiener U5 machen werden. Ergänzend braucht es durchgängige Mobilitätsketten im Nahverkehr für mehr Reisekomfort: Die Digitalisierung kann im Interesse der Fahrgäste vernetzte Systeme erzeugen, wodurch sie Zeit sparen und Lebensqualität gewinnen. Sie können Mobilität nutzen und müssen sie nicht mehr besitzen.

Siemens Generaldirektor Wolfgang Hesoun
Wolfgang Hesoun: „2050 werden nicht mehr viele Menschen ihr Auto selbst lenken wollen.“ © trend / Lukas Ilgner

Langfristig arbeiten wir gemeinsam mit Airbus seit 2016 an der Entwicklung hybrid-elektrischer Antriebe für die Luftfahrt. Mit dem viersitzigen „CityAirbus“ könnte der Luftverkehr bald in die Städte kommen: Unser Konzept sieht vor, bis zu vier Passagiere sicher, schnell, bei niedrigen Betriebskosten und lokal emissionsfrei über verstopfte Megastädte zu transportieren. Möglich wird dies durch drehzahlstarke e-Motoren. Typische Ziele dafür sind Flughäfen, Bahnhöfe oder Hochhausdächer.

Wird es im Jahr 2050 in Städten überhaupt noch von Menschen gelenkte Autos geben? 
In den Städten liegt die Mobilität der Zukunft im vernetzten und autonomen Fahren, weil die Vorteile sehr groß sind: Autonome Taxis und Kleinbusse können die letzte Meile zwischen Haustür und öffentlichem Nah- und Fernverkehr schließen, sind ständig unterwegs und dadurch an jedem Ort der Metropolen abrufbar. Zusätzlich wird das Mobilitätsangebot durch den schon heute klar ersichtlichen, weltweiten Trend zum Ausbau von Schienensystemen wie U-Bahn und Zügen viel attraktiver sein. In Summe macht dies Privatfahrzeuge in der Stadt größtenteils überflüssig, was das Verkehrsvolumen in Innenstädten deutlich entlastet, die Abgase senkt, die Lebensqualität in den Metropolen steigert. Durchaus möglich, dass Menschen im Jahr 2050 ihr Auto selbst lenken wollen. Allerdings werden das nicht viele sein, denn auch auf lange Distanzen gibt es Nachteile, wenn man selbst fährt: Die hohe Sicherheit, Verfügbarkeit und auch die Reisegeschwindigkeit von Zügen wird nicht erreichbar sein. Zusätzlich kann man die Reisezeit viel besser nutzen, in dem man selbst zum Beispiel online ist, aber jemand anderer – wie eben das Auto selbst – das Fahren übernimmt. 

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