Unternehmen fleischlos: Neuburger, vegetarisch

Hermann und Thomas Neuburger
Hermann Neuburger, 66, wurde mit Leberkäse über die Landesgrenzen hinaus bekannt und erfolgreich. Jetzt will er es – unterstützt von seinem Sohn Thomas, 30 – mit der vegetarischen Produktlinie „Hermann“ nochmals wissen. Foto: © beigestellt

Der Unternehmer Hemann Neuburger, bekannt für seinen Leberkäse, ist auf den Pilz gekommen: Kräuterseitlinge sind die Basis für die Produktlinie Hermann, die er nun mit seinem Sohn Thomas im Handel etablieren will.

Ich habe ein Problem mit Fleisch.“ Von kaum jemandem würde man diesen Satz weniger erwarten als von Hermann Neuburger, dessen Name in Österreich geradezu für Fleisch – genauer gesagt für Leberkäse, pardon, Neuburger – steht.

Von dem im oberen Mühlviertel, hart an der tschechischen Grenze gelegenen Ort Ulrichsberg aus hat Neuburger die urösterreichische Spezialität „Leberkäse“ seit den 1980er-Jahren auf ein neues Qualitätslevel gehoben: „Eigentlich stammt die Idee, Edel-Fleischteile für Leberkäse zu verwenden, aber von meinem Vater. Der war Fleischermeister und hat immer gesagt: Auch in die Wurst gehört etwas Gescheites hinein.“

„Sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm“ war dann auch der Slogan, mit dem der Unternehmer viele Jahre lang passenderweise geworben hat: Mit aus Schlachthausabfällen und vielen Gewürzen bestehenden Produkten von so manchem Mitbewerber wollte er sich nicht in einen Topf werfen lassen.

Der Handelsrebell

30 Jahre lang hat Neuburger für seinen Leberkäse gelebt. Er hat dafür alles auf eine Karte gesetzt, die Familien-Fleischerei verpachtet, alle anderen Produkte eingestellt und in der Zeit die Produktion von 15 Tonnen jährlich auf 15 Tonnen täglich ausgeweitet. „Es wäre ganz leicht, die Produktion nochmals zu verdoppeln. Dazu müssten wir nur eine zweite Schicht einführen und könnten weiter expandieren. Das ist aber nicht unser Ziel“, sagt Neuburgers Sohn Thomas. Der 30-jährige Betriebswirt ist vor drei Jahren ins Unternehmen eingestiegen und heute Co-Geschäftsführer an der Seite seines Vaters.

Am Weg zum Erfolg focht Hermann Neuburger diverse Sträuße mit dem Handel aus. So weigerte er sich etwa 2004, die Rewe-Marke Billa wegen des Kostendrucks weiter zu beliefern. Der Schritt war für das Unternehmen eine Belastungsprobe, aber letztlich ein Gewinn. „Wir haben unsere Prinzipien, von denen weichen wir nicht ab“, sagt Neuburger, dessen Verhältnis zu den Handelsketten nach wie vor kompliziert ist. Er kommentiert dieses heute als „professioneller, aber in der Sache noch härter“, sieht sich jedoch inzwischen in einer besseren Position, weil ein guter Teil der Produktion nach Deutschland geliefert werde. „Die Maßnahme von damals wollen wir trotzdem nicht wiederholen“, betont Sohn Thomas. Der Preisdruck lastet dennoch auf den Betrieb, der inzwischen 95 Mitarbeiter beschäftigt. „Fleisch ist einfach zu billig. Es wird durch Förderungen gestützt. Dafür werden in Südamerika Regenwälder abgeholzt – da zahlen alle drauf“, sagt er.

Das Ende der Fleischlust

Im Jahr 2018 interessiert sich Hermann Neuburger aber eigentlich ohnehin nur noch peripher für Fleisch- und Wurstprodukte. Mit seinem Sohn teilt er eine Vision: Die Erfolgsgeschichte zu wiederholen, aber nicht mit Leberkäse, sondern mit der vegetarischen Produktlinie „Hermann“. Fünf Jahre lang haben die Mühlviertler getüftelt, nach Rohstoffen und Zutaten gesucht, aus denen Produkte hergestellt werden können, die es auch Nichtvegetariern schmackhaft machen, auf Fleisch zu verzichten. Weil es in Europa dazu kaum Wissen gab, bereisten sie Asien, verkosteten vegetarische Lebensmittel und eigneten sich verschiedene Produktionstechniken an. „Wir haben gelernt, wie man Tofu aus Soja herstellt und waren mit der Fraunhofer-Gesellschaft in einer Forschungsgruppe, in der mit Extrudern Eiweiß aus Bohnen gewonnen wurde, was technisch sehr aufwändig ist“, erzählt der Junior-Chef.

MIt „Hermann“ will Neuburger ab 2019 den Handel in Österreich, Deutschland und der Schweiz flächendeckend beliefern. Dafür werden jetzt 15 Millionen Euro investiert. © beigestellt

Die Resultate konnten die kritischen Unternehmer aber nicht überzeugen. Sie lieferten nicht das richtige „Mundgefühl“. „Das muss stimmen, sonst ist der Geschmack sekundär“, sagt der Vater, der schließlich auf Pilze kam – genauer gesagt Kräuterseitlinge, die eine festfasrige Struktur und einen milden Geschmack haben.

Der Nachteil: Kräuterseitlinge waren am Markt schwer zu bekommen und dreimal so teuer wie das Fleisch, das Neuburger für die Leberkäse-Produktion verwendet – obwohl man auch dabei auf österreichische Qualität setzt. „Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen“, sagt Hermann Neuburger kopfschüttelnd dazu, der, so betont er, niemand dazu bringen will, Vegetarier zu werden, sich aber für einen bewussteren Umgang und Konsum von Fleisch stark macht.

Er habe lange vom Fleisch profitiert. Doch im Lauf der Jahrzehnte hätten ihm viele Entwicklungen missfallen: „lch möchte eine Änderung herbeiführen. Das gelingt aber nicht, wenn ich den Vegetariern eine neue Mahlzeit gebe, sondern wenn ich es schaffe, dass bei den anderen die eine oder andere Fleischmahlzeit pro Woche ersetzt wird. Wir richten uns an die Flexetarier – und das ist die am stärksten wachsende Gruppe unter den Konsumenten.“

Welteroberung, zweiter Teil

Von der Idee, vegetarische, fleischähnliche Produkte herzustellen besessen, wurde das Unternehmen Neuburger neu strukturiert. Die Führung des Leberkäse-Imperiums wurde an die Mitarbeiter und weitgehend dem Prokuristen Franz Rohringer übertragen, der inzwischen die Kernmarke Neuburger, mit der im letzten Geschäftsjahr ein Umsatz von rund 3,1 Millionen Euro erzielt wurde, leitet.

Hermann Neuburger fokussierte sich als Eigentümer auf die neue, wie schon der Leberkäse nach ihm benannte vegetarische Linie „Hermann“ – ein Name, der einmal in einer Runde vorgeschlagen wurde und dann hängengeblieben ist.

Bewusst essen: Kräuterseitlinge aus eigener Zucht sind die Basis für die vegetarischen „Hermann“-Produkte, © beigestellt

Als mit dem Seitling und wenigen weiteren Zutaten – Eiern, Salz und Gewürzen – einmal eine Rezeptur gefunden war, die bei Verkostungen gut ankam, gab es für den Unternehmer kein Zurück mehr. Um bei den Pilzen von den Marktpreisen unabhängig zu sein und vor allem auch eine entsprechende Menge für die Produktion zur Verfügung zu haben, werden am Standort Ulrichsberg 15 Millionen Euro investiert.

Wie beim Leberkäse will Neuburger mit „Hermann“ nämlich keine halben Sachen machen. Nach Probeläufen, in denen erste Handelspartner gefunden wurden, will man ab 2019 expandieren und den Handel im gesamten deutschsprachigen Raum flächendeckend beliefern. „Wir wollen das Projekt Hermann so hochfahren, dass wir in zehn Jahren damit so bekannt sind, wie wir es heute mit Neuburger sind“, sagt Thomas Neuburger. „Das mittelfristige Ziel ist, im D-A-CH-Raum richtig präsent zu sein. Darüber hinaus wäre Holland ein interessanter Markt. Und dann kann man natürlich auch noch über eine Lizenzproduktion nachdenken.“

Sohn Thomas wird sich um die Produktion kümmern – geplant sind rund zehn verschiedene Produkte. Der Vater wird das Marketing übernehmen und sich als Markenbotschafter zur Verfügung stellen. „Neuburger habe ich alleine gemacht, das machen wir jetzt im Duett. Und ich bleibe noch so lange dabei, bis das Projekt richtig lebensfähig ist“, sagt der 66-Jährige im Wissen, dass das wohl eine Dekade dauern wird. „Eine Marke aufzubauen, geht nicht in einem, zwei drei oder vier Jahren. Das ist ein langer Prozess.“ Nachsatz: „Aber ich habe in meinem Leben nichts anderes mehr vor.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.