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Interview | Mario Garcia: „Leidenschaft tötet“

Ein Interview mit dem Mediendesigner Mario Garcia (Twitter: @DrMarioRGarcia), Gründer von Garcia Media.  Mit über 65 Jahren hat Garcia rund 40 Jahre Erfahrung im Mediendesign und seine Ideen sind immer noch frisch wie am ersten Tag. Kern des Gesprächs ist Social Media, eines von Mario Garcias Lieblingsthemen. Vorab noch schnell eine Empfehlung für sein Mario Blog, eine ständige Inspirationsquelle.

Fernsehen, Radio und Zeitungen haben mit den Social Media Plattformen neue Konkurrenten bekommen: Nachrichten werden über soziale Netzwerke verbreitet. Wie sollen die Medien darauf reagieren?
Mario Garcia: Wenn heute ein Zugsunglück passiert, dann ist sicher jemand mit einem Smartphone in der Nähe, der ein Foto macht und es twittert. Bis ein professioneller Reporter eintrifft ist vergeht sicher eine halbe Stunde. So wird heute über Ereignisse berichtet. Man kann das nicht aufhalten. Wenn es schon zu Adams und Evas Zeiten Smartphones gegeben hätte, wäre auch die Vertreibung aus dem Paradies getwittert worden. Aber Tweets haben nur 140 Zeichen. Darin steht bloß „Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben“. Es ist die Aufgabe der Medien, der Geschichte auf den Grund zu gehen, weshalb. Die Leute brauchen jemand, der ihnen erklärt, was die Nachricht bedeutet. Hier endet Twitter und beginnt der Journalismus. Journalisten müssen ihre Arbeit und die Medien Form ihrer Berichterstattung anpassen.

Nachrichten werden jetzt auf Social Media Plattformen diskutiert. Es gab aber immer schon die Möglichkeit, mit Journalisten zu interagieren. Leserbriefe zu schreiben, beim Radio anzurufen oder E-Mails zu schicken. Was ist jetzt anders?
Auf den Social Media Plattformen läuft die Kommunikation zwischen den Lesern ab und sie ist einfacher geworden. Ich selbst habe nie einen Leserbrief an eine Zeitung geschrieben. Eines Tages habe ich aber im Time Magazin einen Artikel über Kuba gelesen, der mich aufgeregt hat. Ich hatte meinen Computer vor mir, habe losgetippt, auf „senden“ geklickt, und das war es. Der Leserbrief wurde abgedruckt. Hätte ich gewartet, bis ich zuhause gewesen wäre, dann wäre mein Ärger verflogen gewesen und ich hätte den Brief wohl nie geschrieben. Emotionen treiben die Leute zum Handeln an. Menschen töten aus Leidenschaft. Würden sie fünf Minuten nachdenken, dann würden sie das nicht tun. Die Technologie ermöglicht den Leuten, ihre Emotionen direkt mitzuteilen. Wenn man eine Facebook-Seite hat, dann kann man dort sagen, was man will. Man ist sein eigener Verleger, Fotograf und Video-Produzent. Nichts kann einen aufhalten. Diese Möglichkeit gab es bisher nicht.

Wie sollen die klassischen Medien die Social Media Plattformen nutzen?
Sie müssen sie beobachten und wissen, worüber auf den Social Media Plattformen diskutiert wird. Und die Plattformen sind natürlich großartige Marketing-Tools. Ich selbst nutze Twitter, um meinen eigenen Blog zu bewerben. Manchmal mit zwei, drei verschiedenen Tweets am Tag, um verschiedene Gruppen anzusprechen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass das Thema auch die Facebook-Community interessieren könnte, dann schreibe ich dort auch noch eine Nachricht. Auf diese Art kann man eine Menge potenzieller Leser ansprechen. Man muss darüber nachdenken, wie man diese Plattformen für die eigenen Zwecke nutzt.

Fernsehen, Radio, Zeitungen sind kostspielige Unternehmen. Bloggen oder Twittern kann jeder. Kommt nun eine neue Mediendemokratie?
Das ist einer der größten Unterschiede zu früher. Wir haben Radio gehört und nicht dabei mitgemacht. Wir haben Zeitungen gelesen und nicht geschrieben. Die Menschen wollen jetzt mitreden, kommentieren und sich engagieren. Jeder, der etwas zu sagen hat kann das heute auch tun. Man hat die Möglichkeit, seine Gedanken zu verbreiten ohne sich um das Weitere kümmern zu müssen. Das gab es noch nie zuvor. Smartphones und das mobile Internet sind die Werkzeuge dafür. Sie treiben die Veränderungen voran. Und lösen eine Revolution aus. Menschen gehen in ein Restaurant, mögen was sie essen, fotografieren es und teilen das Foto auf Facebook. Sofort weiß ganze Welt, wie es ist, in dem Lokal zu essen. Das können selbst Leute, die nicht einmal ein Bankkonto haben und keine tausend Euro im Monat verdienen.

In Österreich läuft ein Rechtsstreit um die Facebook-Auftritte des ORF. Der Verfassungsgerichtshof soll bald darüber entscheiden. Was würde es bedeuten, wenn Journalisten Social Media Plattformen nicht mehr nutzen dürften?
Rechtliche Einschränkungen können kurze Zeit ein Problem und ein Hindernis sein. Plattformen wie Facebook oder Twitter sind aber neue Medien und neue Wege in der Kommunikation der Menschen. Gesetze werden sie nicht aufhalten. Die meisten Menschen, die diese Netzwerke nutzen sind erst in ihren Zwanzigern und Dreißigern. Und diese Netzwerke sind ein Teil ihres Lebens. Wir werden bald Spezialnetzwerke für unterschiedliche Gruppen wie Schwarze oder Latinos sehen. Man kann Journalisten nicht mit Gesetzen von Social Media Plattformen fernhalten. Facebook ist heute der zentrale Platz, auf dem sich die Leute treffen. Die ganze Welt ist dort versammelt, vom Morgen bis zum Abend. Um Nachrichten zu lesen, auszutauschen und mit Freunden zu chatten. Die traditionellen Medien dürfen nicht an der Outlinie stehen und zusehen. Sie müssen dort sein, ihre eigenen Geschichten anbieten und darüber diskutieren.

Haben die traditionellen Medien in ihrer Form noch eine Zukunft über die nächsten zehn Jahre hinaus?
Ich bin überzeugt, dass sie eine Zukunft haben. Die Leute wollen Geschichten, und überall werden Geschichten erzählt. Als Zeitungen erfunden wurden dachte mach auch, niemand würde mehr Bücher lesen, weil es nun jeden Tag etwas Neues zu lesen gäbe. Man dachte, dass das Radio die Zeitungen und das Fernsehen das Radio ersetzen würde. Es gibt aber immer noch Bücher, Zeitungen, Radio, Fernsehen. Kein Medium tötet ein anderes. Aber die Medien werden sich anpassen müssen.

Zeit für Medienkompetenz bei Zeitungen und Magazinen

„Qualitätsjournalismus ist die Zukunft!“ Dieses Mantra habe ich in den vergangenen fünfzehn Jahren als aktiver Magazin- und Zeitungsjournalist immer wieder gehört. Das klingt auch logisch. Jede Wette, dass bei einer Straßenumfrage 100 Prozent unterschreiben, Informationen gut aufbereitet, klar und verständlich in Form und mit entsprechendem Tiefgang zu wollen. Dabei würde sicher die Hälfte der Befragten zuerst unterschreiben und dann an der nächsten Ecke zu einer Gratiszeitung greifen.

Der mit den Gratisblättern härter gewordene Kampf zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus ist aber verglichen mit dem eigentlichen Problem der Printmedien nur eine Marginalie. Wer sich mit Trash zufrieden gibt wäre ohnehin niemals ein Stammleser oder gar ein Abonnent eines Qualitätsmediums geworden.

Das eigentliche Problem ist die gnadenlose Selbstüberschätzung, die viele Medienmacher in den letzten eineinhalb Jahrzehnten an den Tag gelegt haben und die an vielen Orten immer noch vorhanden ist. Dabei wurde in den Redaktionen ständig darüber geschrieben, wie das Internet die Welt verändert – wie E-Mails Briefe und Faxgeräte ablösten und sich Postkonzerne nach neuen Geschäftsfeldern umsehen mussten; wie der klassische Handel durch die Konkurrenz von Online-Plattformen wie Amazon oder eBay in die Bredouille kam; wie sich die Musikindustrie gegen Downloads aus dem Web wehrte und ihr dann erst von Napster und danach von Apple die Grenzen aufgezeigt wurden. Inzwischen erscheint sogar die traditionsreiche Encyclopedia Britannica nicht mehr in gedruckter Form, sondern nur noch als Online-Edition. Trotzdem hat es niemand für möglich gehalten, dass die eigene Branche als nächste an der Reihe sein könnte.

Krank sparen

„Das Geld verdienen wir immer noch mit Print“ ist der Stehsatz, der als Antwort auf die Frage nach zukunftsorientierten Online-Strategien immer schnell bei der Hand war. Nachsatz: „Ein guter Online-Auftritt kostet Geld. Wer soll den bezahlen?“ Dabei gingen die Verkaufszahlen und Auflagen fast überall kontinuierlich zurück. Als Folge sanken die Werbeeinnahmen und die Verlage mussten sparen. Kosten senken, den Umfang ihrer Produkte reduzieren und Personal abbauen. Trotzdem galten Warner weiterhin als Kassandra.

Ende 2012 ist der Gürtel bei vielen Medien so eng geschnürt, dass er nicht mehr weiter zugezogen werden kann, ohne dass sie sich dabei selbst strangulieren. In Deutschland hat das Zeitungssterben bei der etablierten Frankfurter Rundschau und der Financial Times begonnen, in Österreich wird noch dagegen gehalten. Plötzlich dämmert es, dass mit Print doch nicht mehr so viel Geld verdient werden kann und Strategien und Geschäftsmodelle fehlen, um das Werk wieder in Schwung zu bringen.

Mit gedruckten Sparpaketen, die man zum vollen Preis zu verkaufen versucht, geht das nicht. Leser finden Informationen die sie brauchen online. Lesen hier einen Artikel, sehen sich dort ein Video an und holen sich Hintergrundinformationen und Spezialwissen an dritter Stelle. Ohne fürchten zu müssen, dass die Qualität auf der Strecke bleibt.

Googlen, Twittern und Facebooken

Auch das hat unter den Medienmachern kaum jemand für möglich gehalten: Dass die Leser einmal selbst Informationen suchen. „So viel Medienkompetenz hat kaum jemand“ war die Reaktion auf Hinweise, dass sich das Mediennutzungsverhalten verändern wird. Auf welch hohem Ross kann man sitzen? Wer intelligent genug ist, eine Qualitätszeitung zu lesen ist auch intelligent genug, Informationen im Internet zu suchen und zu finden. Schon einmal etwas von Google gehört? Der weißen Website mit dem bunten Logo und dem Eingabefenster für die Internet-Suche? Von Twitter oder Facebook, wo sich Freunde und Bekannte gegenseitig informieren, was es Interessantes und Lesenswertes gibt?

Google ist vor fast genau 15 Jahren gestartet, Facebook vor acht Jahren und Twitter vor sechs Jahren.  Die ersten Blogs sind Mitte der 1990er Jahre aufgetaucht und 2004 wurde das Wort „Blog“ vom US-Wörterbuchverlag Merriam-Webster sogar zum Wort des Jahres gewählt. Die meisten Zeitungen und  Magazine haben darauf typisch ignorant-überheblich reagiert und viele sind sich der Bedeutung der neuen Plattformen bis heute nicht richtig bewusst, wissen nicht richtig damit umzugehen. Und das ständig verfügbare mobile Internet gibt den neuen Kommunikationsplattformen immer weiteren Auftrieb. Es ist allerhöchste Zeit für mehr Medienkompetenz bei den Printmedien, für neue Überlebensstrategien, denn in den nächsten fünf Jahren wird im Zeitungs- und Magazinmarkt mit Sicherheit kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Journalisten und Social Media

Am Donnerstag, den 31. März 2012 hielt ich im Rahmen des PR-Tages 2012 einen Vortrag über Journalismus und Social Media. Der Standard war dabei im Auditorium und hat dankenswerter Weise einen Artikel dazu verfasst.

http://derstandard.at/1338558506232/PR-Tag-2012-Twitter-ist-die-schnellste-Nachrichtenagentur-der-Welt

Nachfolgend der Artikel zum Nachlesen.

Zum Ansehen der Präsentationsunterlagen auf Slideshare auf das Bild oder hier klicken

PR-Tag 2012

Twitter ist die „schnellste Nachrichtenagentur der Welt“

4. Juni 2012, 13:04

Was Journalisten davon haben, auf Social-Media-Plattformen vertreten zu sein: Peter Sempelmann, Leiter Digitale Medien beim „Wirtschaftsblatt“, über Communitypflege, Instant-Infos und Recherchetools

„Social Media ist für Journalisten eine große Herausforderung und Bereicherung. Eine Bereicherung, weil dadurch eine andere Art des Arbeitens und andere Art von Content möglich ist. Es reizt mich als Journalist, immer wieder Neues erleben“, sagt Peter Sempelmann beim PR-Tag, er ist beim „Wirtschaftsblatt“ für digitale Medien und die Onlineaktivitäten des Verlags zuständig.

Beim „Wirtschaftsblatt“ habe man bis vor einiger Zeit gemeint, Social Media sei nicht wichtig für ein Wirtschaftsmedium. Das habe sich geändert. Mittlerweile gibt es in Österreich rund 2,6 Millionen Facebook-Accounts, also sei doch ein relevanter Teil der „Wirtschaftsblatt“-Leser auf Facebook unterwegs. Und die Zahl der Twitter-Accounts sei sehr stark steigen.

Nachrichten am Tablett servieren

Sempelmann: „Als Journalist soll man sich dieser Entwicklung nicht verschließen.“ In Österreich sind die Menschen mit den meisten Twitter-Followern durchwegs Journalisten, zitiert er aus dem Social Media-Radar. Für Medienmacher sei es auch wichtig, auf Facebook vertreten zu sein. Vor allem, um zukünftige Leser dort abzuholen. Sempelmann: „Die Gruppe der Digital Natives beziehen ihre Infos aus Sozialen Netzwerken, die bekommen dort ihre Nachrichten am Tablett serviert.“

Präsent bleiben

Fakt sei, dass den Medienhäusern die Kunden Zug um Zug abhanden kommen, die Infos würden aus anderen Quellen bezogen. Sempelmann: „Twitter, Facebook & Co ersetzen zunehmend Tageszeitungen, TV, Radio oder auch die klassischen Onlineportale. Wenn wir da als Medienhäuser und Journalisten nicht mitspielen, sind wir im Kopf dieser Konsumenten nicht so präsent, wie wir sein sollten.“

Hinzu komme, dass der Content aus Social-Mediaplattformen eine wesentlich höhere Akzeptanz habe als andere Informationsquellen. Man finde dort Peergroups, die ein großes Vertrauen haben. Wichtig sei auch die Instant-Information, die vor allem Twitter möglich mache. Als Beispiel bringt er die Kurznachricht von Janis Krums mit einem Foto vom Flugzeug im Hudson River, das sich in Windeseile verbreitete, noch bevor eine Nachrichtenagentur darüber berichten konnte.

Schnellste Nachrichtenagentur der Welt

Twitter werde natürlich aktiv zur Informationsgewinnung genutzt, sei ein Recherchetool und „die schnellste Nachrichtenagentur der Welt“, sagt Sempelmann und in der täglichen Arbeit so wichtig wie der Reuters-Account. Wenn man den richtigen Leuten folgt, bekommt man dort Informationen, die man sonst nicht bekommen würde.

Die zweite Art, wie Twitter den Journalismus verändert, sei der sogenannte Crowd Journalism. Hier bringt er das bekannte Beispiel von Paul Lewis, er ist „Guardian“-Redakteur in London. Lewis hat die Möglichkeit der Twitter-Community im Zuge der Riots in London genutzt, er wusste so, wo die Riots stattfinden, und hat direkt über Twitter darüber berichtet. Diese Berichterstattung wurde auch mit Preisen ausgezeichnet. Wie er das macht, erzählt er in diesem Vortrags-Video (Youtube).

Kaum noch exklusive Nachrichten

Beim „Wirtschaftsblatt“ gibt es derzeit zwei Twitteraccounts, erzählt Sempelmann. Der erste sei ein automatisierter Feed, der jede halbe Stunde die aktuellen Meldungen der Website nach außen kommuniziert. Spannender sei der neue Ansatz, hier werden Redakteure angehalten, direkt von Veranstaltungen live zu kommunizieren. Diese zwei Channels könne man nicht mischen.

Die nächsten Schritte beim „Wirtschaftsblatt“ seien, dass alle Redakteure dazu gebracht werden sollen, einen eigenen Twitter-Account anzulegen. Derzeit würden etwa zwei Drittel der Redakteure Twitter noch gar nicht nutzen.

Manche hätten die Sorge, dass exklusive Meldungen durch Social Media zu schnell nach außen dringen, noch bevor der Artikel fertig sei und so auch andere Kollegen auf die Story aufmerksam würden. Sempelmann: „Aber heute gibt es kaum noch exklusive Geschichten, weil ohnehin alles über Soziale Netzwerke verbreitet wird.“ Die reine Nachricht, dass etwas passiert sei, wird in Zukunft kaum noch etwas wert sein. Die Aufgabe der Journalisten werde es sein, die Erklärung im Hintergrund dazu abzuliefern.

Scribble-Live-App

Ein Tool, das Journalisten die Arbeit einfacher mache, sei zum Beispiel die Scribble-Live-App. Damit könne man direkt in eine Homepage oder einen Blog hinein Fotos, Kommentare aus einer Veranstaltung schicken und auch Twitter- oder Facebook-Kommentare einbinden. Sempelmann: „Wenn man vor Ort ist, soll man diesen Ort des Geschehens auch nutzen um von dort aus Nachrichten zu liefern.“ Die Arbeit danach, das Erklären, erfolgt dann später.

Marktplatz

Facebook sieht Sempelmann als einen „Marktplatz für Nachrichten“. „Wenn jemand Fisch kaufen will, geht er auf den Naschmarkt. Wenn jemand Fisch verkaufen will, dann sollte er ihn auch dort anbieten.“ Für Medienleute gehe es darum, diese Community bestmöglich zu bedienen. Dabei gehe es aber nicht so sehr darum, Links auf Artikel zu posten. Wichtiger sei vielmehr, einen eigenen Social Media-Content zu Themen, über die diskutiert wird, mit Videos, Audiofiles, Fotos zu liefern oder einen Einblick in die Arbeit der Journalisten zu geben. Das könne dazu beitragen, eine Markenbindung zu schaffen, die dann dazu führen kann, dass sich jemand vielleicht doch die Zeitung kauft oder sich eine Fernsehsendung ansieht. Die Community müsse freilich auch entsprechend betreut werden.

Als Beispiel wohin hier die Entwicklung geht, bringt er die Social-Media-App des „Guardian“ auf Facebook. Sempelmann: „Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das ‚Wall Street Journal‘ oder auch die ‚Kronen Zeitung‘ mit Krone.tv als Konkurrenz zum ORF„.

Google+, SlideShare, Pinterest

Google+ wiederum sei in Österreich noch relativ wenig verbreitet. Für Journalisten sei es aber wichtig, dort vertreten zu sein, sagt Sempelmann. Auch aus folgendem Grund: Die Google-Search reihe Beiträge von Journalisten nach oben, die mit Bild und der Angabe des Mediums bei Google+ vertreten sind.

Auch SlideShare-Anwendungen seien für Journalisten ein interessantes Tool für die tägliche Arbeit geworden. Hier könne man oft Präsentationen und Unterlagen von Unternehmen finden, an die man sonst nicht so leicht komme. Pinterest sei in Österreich noch relativ wenig bekannt und auch urheberrechtlich bedenklich. Aber es gehe einen großen Boom in diese Richtung. Xing, LinkedIn diene eher der Kontaktpflege im Businessbereich.

Höhere Relevanz

Warum es also wichtig ist für Medien, auf Social Media vertreten zu sein, fasst Sempelmann so zusammen: „Social-Media-Beiträge haben in Suchmaschinen höhere Relevanz, dadurch ergibt sich auch eine Steigerung der Reichweite und eine bessere Klickrate. Der Rücklauf des Traffics auf Online-Portale liegt derzeit durchschnittlich zwischen fünf und zehn Prozent, beim „Wirtschaftblatt“ ist dieser Wert bei ca. zwei bis drei Prozent.“

Die Präsenz von Medien auf Social Media-Netzwerken steigere natürlich die Seher- beziehungsweise Leserbindung und diene der Image- und der Markepflege. Natürlich seien oft persönliche und individuelle Meinungen von Journalisten oft genau das, was die Menschen interessiert. Oft sei es eine Gratwanderung, hier das Private vom Beruflichen zu trennen.

Koordination und Steuerung

Natürlich sei die Social Media-Präsent für Journalisten und Medienhäuser mit Arbeit verbunden. Sempelmann: „Es braucht in den Redaktionen jemanden, der sich der Social Media-Agenden annimmt, sie koordiniert und steuert.“ Die Aufgabe dieser Social Media-Redakteure sei es, die Plattformen zu beobachten und herauszufiltern, welche Themen dort diskutiert werden. Es gehe darum, aus diesem Diskurs heraus relevante Themen zu finden, Geschichten, die die Community interessiert. Diese Redakteure repräsentieren das Medium nach außen und kümmern sich auch um den Diskurs mit der Community. Ohne Community-Management kann man keine Social-Media-Plattform betreiben. Nur einen Facebook-Account online zu stellen und auf Likes zu warten ist der falsche Ansatz.“

Blogger einbinden

Was bedeutet diese Entwicklung für die Public Relations? Die tägliche Arbeit mit den Journalisten verlangte zunehmend auch Socal Media Relations. So wie es in Medienhäusern Social-Media-Redakteure geben soll, so soll es auch in PR-Agenturen oder Unternehmen Zuständige dafür geben. Auch Blogger sollten in die tägliche Arbeit integriert werden. Wie das geht, könne man bei Nokia beobachten. Hier würden extra Veranstaltungen für die Blogger-Community gemacht oder versucht, sie mit speziellen Themen zu bedienen, um nicht nur auf den klassischen Journalisten zu setzen.

Acht Millionen potenzielle Journalisten

Der Trend in der Pressearbeit gehe dazu, nicht nur auf Social Media seine Themen zu verbreiten sondern generell eine größere Community anzusprechen. Sempelmann: „Man hat es heute eben nicht mehr nur mit einer Handvoll Medien zu tun. Heute kann jeder mitreden, jeder seine Meinung abgeben. Aufgrund der Social Media-Plattformen gibt es in Österreich acht Millionen potenzielle Journalisten, genauso wie es acht Millionen Fußballtrainer gibt.“ Das sei sowohl für die klassischen Journalisten und Medienhäuser eine große Herausforderung als auch für Unternehmen, die in keiner Weise darauf vorbereitet sind und PR-Agenturen, die auch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.“

Sempelmann zitiert den Zeitungsdesigner Mario Garcia: Journalisten, die glauben, dass sie ihre Arbeit so weitermachen könnten wie bisher, müssten in Pension gehen. „Man muss in diesem täglichen, minütlichen Konzert mitspielen und proaktiv mit der Community umgehen. Das ist eine große Herausforderung, die uns zeitlich immer wieder an unsere Grenzen bringt“, sagt Sempelmann. (ae, derStandard.at, 4.6.2012)