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Interview | Michael Krammer, Orange: „Wir sind kein Non-Profit-Unternehmen“

Interview mit Orange-CEO Michael Krammer zu den Gerüchten über eine mögliche Netzehe mit T-Mobile und den hart umkämpften österreichischen Mobilfunkmarkt.

Seit einigen Tagen ist geht das Gerücht um, Orange und T-Mobile wollen ihre Handynetze zusammenlegen. Das würde wirtschaftlich Sinn machen, aber was ist da dran?
Krammer: Wir haben im April 2011 bekannt gegeben, dass wir in den ländlichen Gebieten unsere UMTS-Infrastruktur zur gegenseitigen Nutzung freigeben wollen. Da sind wir derzeit im Testbetrieb, der im Raum Salzburg schon recht gut funktioniert. Im Raum Salzburg. Alles Weitere sind aber Zukunftsspekulationen oder Projekte, die noch nicht entschieden sind.

Aber Sinn würde so ein Projekt doch machen?
Dazu gibt es eine ganz klare Antwort. In Österreich, einem Land mit dem maximalen Nutzerpotenzial von 8,3 Millionen Menschen und einer Zuwachsrate von 0,6 Prozent pro Jahr sind langfristig vier Infrastrukturen nicht haltbar.

Weshalb nicht?
Der Innovationszyklus im Mobilfunk beträgt ungefähr zehn Jahre. 1980 gab es den analogen Mobilfunk, 1990 kam GSM, 2000 UMTS und 2010 dann LTE. Diese Serie werden wir nicht durchbrechen. Wir werden um herum 2020 den nächsten Evolutionsschritt sehen. Das bedeutet aber, dass jedes Mal eine neue Netzinfrastruktur und neue Endgeräte, die subventioniert unters Volk gebracht werden müssen, notwendig sind.

Und somit jedes Mal neue Investitionen…
Natürlich, einen doppelseitigen Investitionsaufwand, der auf der Seite der Infrastruktur größer ist. Gleichzeitig sinken die Preise und der Markt ist weiterhin reguliert. Auch im Roaming und bei den Terminierungsentgelten. Vier leistungsfähige Infrastrukturen, die diesem Innovationszyklus Stand halten sind da schlicht nicht machbar. Außer die Mobilfunkunternehmen werden zu Non-Profit-Unternehmen. Aber das ist nicht vorgesehen.

Auf welchen Zeithorizont werden die vier derzeitigen Netze noch zu halten sein?
Die Kooperationen haben in Kleinbereichen ja schon begonnen. Hutchison hatte beispielsweise nie ein eigenes GSM-Netz und kooperiert in diesem Bereich mit A1. Wir haben im April die Kooperation im 3G Bereich mit T-Mobile bekannt gegeben. Das wird weiter gehen. Ich bin mir sicher, dass es in maximal drei Jahren nur noch drei komplette Infrastrukturen geben wird.

Es gibt aber dennoch heute schon viel mehr Marken. Red Bull etwa, Ihre Diskont-Tochter Yesss, Bob und so weiter. Wird sich dieser Trend weiter fortsetzen?

So ist es. Im Jahr 2000 gab es in Österreich vier Handynetze und vier Marken. Heute gibt es ebenfalls vier Netze und 13, 14, vielleicht sogar schon 15 Marken. Der Wettbewerb entsteht immer aufgrund von Marken und Angeboten, nicht auf Basis von Netzinfrastrukturen. Es muss sicher eine gewisse Anzahl von Netzen geben. Eines ist zu wenig. Aber sobald es zwei Netze gibt, die Marken eigene Angebote ermöglichen entsteht Wettbewerb.

Was den Wettbewerb vorantreibt…
..und die Preise drückt. 2001 gab es zum Beispiel bei One den Tarif „Everyone“ mit einer Grundgebühr von 199 Schilling und einer Gesprächsgebühr von zwei Schilling in alle Netze. Wenn man damals 500 Minuten telefoniert und 180 SMS verschickt hat, dann hat man dafür 90 Euro bezahlt. Heute ist das alles in einem Tarif um 15 Euro monatlich enthalten.

Die niedrigeren Preise haben aber auch dazu beigetragen, dass die Leute ihre Handys öfter und mehr nutzen.
Ja, aber die Netzbetreiber verdienen trotzdem nicht mehr. Laut Statistik Austria lagen die durchschnittlichen Ausgaben eines Haushalts für Kommunikation im Jahr 1993/94 bei 1,9 Prozent des Haushaltsbudgets. Das war damals ausschließlich Festnetztelefonie. Im Jahr 2010 lag der Anteil bei 1,7 Prozent des Budgets. Aber für die gesamte Kommunikation. Da ist das iPhone, das Internet, der Telefonanschluss, einfach alles dabei. Inflationsbereinigt bedeutet das für das Jahr 1993 monatliche Ausgaben von 46 Euro und 36 Euro für alle Leistungen zusammen im Jahr 2010.

Was aber auch daran liegt, dass die Kommunikation 1993/94, zur Zeit des Monopols, noch sehr, sehr teuer war.
Ja, sicher. Meine erste Freundin in Graz hat 2000 Schilling Telefonrechnung verursacht.

Zusammengefasst: die Fusion von Netzen ist aufgrund von steigenden Kosten und sinkenden Margen für alle Betreiber sinnvoll?
Richtig. Und muss auf jeden Fall überlegt werden, auch im Sinne des Wirtschaftsstandortes Österreich. Wenn man als kleiner Markt mit den Innovationen Schritt halten will und die Vorreiterrolle im Bereich Mobilfunk nicht abgeben will, dann muss man das zulassen und fördern.

Der Wettbewerb in Österreich ist beinhart. Marktauftritte, Werbeaktionen, Preise werden kopiert. Als Konsument hat man mitunter den Eindruck, dass man alles geschenkt bekommt. Auch wenn das nicht stimmt. Wie positionieren Sie Orange in diesem Umfeld? Wie können Sie da Marktanteile gewinnen?
Wir untersuchen natürlich permanent die Entscheidungskriterien der Kunden, weshalb sie bei einem Betreiber loyal sind und warum sie wechseln würden. Da gibt es als ausgesprochene Gründe den Preis und die Netzabdeckung. In Wahrheit ist aber das Beziehungsmanagement der wichtigste Punkt. Wie der Betreiber mit mir in Rechnungsfragen umgeht, wenn ich Probleme mit der Bedienung des Smartphones habe und so weiter. Das ist für die Loyalität der Kunden entscheidend. In einem Markt wie Österreich stellt sich daher die Frage, ob es besser ist, immer wieder aggressiv um neue Kunden zu kämpfen oder ob es besser ist, zuerst einmal auf die eigenen Kunden zu schauen und dort Up- und Cross-Selling zu machen. Wir haben uns dafür entschieden. Das ist für uns die effizientere Methode um die Umsätze stabil zu halten, und das ist die Devise.

Gleichzeitig werden aber Kunden mit immer längeren Fristen an die Netzbetreiber gebunden.
Die Bindung ist notwendig, um die subventionierten Endgeräte zu refinanzieren. Unser Ziel ist aber eindeutig, die Kunden weit über diese Minimalbindungsdauer zu halten. Deswegen setzen wir auch auf eigene Shops und Aktionen speziell für unsere Bestandskunden.

Und wie leben Sie damit, dass Neukunden nur noch mit erheblichem Kraftaufwand zu gewinnen sind und gleichzeitig regulatorische Eingriffe die Einnahmen sinken lassen?
Unsere Branche ist wahrscheinlich diejenige, die den Lebenszyklus einer Industrie am schnellsten durchlaufen hat. Der Privatisierung im Jahr 1996 folgte ein gigantisches Wachstum, dann die Konsolidierung. Jetzt befinden wir uns in einer Branche. Die Mitarbeiterzahl in der Branche hat sich seit dem Jahr 2000 halbiert. Natürlich gab es zu Beginn auch noch erhebliches Optimierungspotenzial. Daran haben wir gearbeitet, und deshalb sind unsere EBITDA-Margen immer noch von über 30 Prozent. Irgendwann ist es aber einmal vorbei mit dem Optimieren. Und wir brauchen diese Marge auch, weil wir einen hohen Investitionsbedarf haben und mit zwei Millionen Kunden ein relativ kleiner Betreiber sind. Skaleneffekte sind in unserer Branche enorm wichtig.

Investitionen werden da aber immer mehr zu einem Risiko.
Es wird zunehmend schwieriger, eine hohe EBITDA-Marge zu erwirtschaften und vollständig alle Technologiesprünge mitzumachen. Und es auch nicht klug, das alles alleine zu machen. Automobilhersteller arbeiten schon längst so. Mehrere Hersteller bauen auf einer Plattform verschiedene Autos. Genau dahin wird sich die Mobilfunkbranche hin entwickeln. Ganz sicher. Das ist der nächste Evolutionsschritt. Bei uns ist sonst nicht mehr viel an Effizienzsteigerung möglich.

Und wer wird dann am Markt überleben?
Unsere Eigentümer kennen den Trend zur Netzzusammenlegung. Es gibt in Polen eine Kooperation zwischen T-Mobile und Orange, in England ein Joint Venture, in Spanien eine Kooperation zwischen der Vodafone und Orange. Da brauchen wir uns in Österreich nicht davor verschließen. Und wir brauchen einer France Telekom nicht erzählen, dass das in Zukunft Sinn macht.

An einem Thema kommt man in Österreich in der Branche derzeit nicht vorbei: Der Telekom-Affäre. Kennen Sie eigentlich den Herrn Hochegger? Wollte der Sie auch beraten?
Nein. Nie. Ich habe ihn nie kennengelernt.

Wie sehr schadet diese Affäre Ihrer Branche?
Das ist ganz klar die Geschichte eines teilverstaatlichten Unternehmens, der Telekom Austria. Ein Unternehmen an der Nahtstelle zur Politik. Für mich stellt sich abgesehen aller illegaler Dinge, die dort passiert sind die Frage, ob in einem vom Staat regulierten Markt, in dem es nur eine gewisse Anzahl von Frequenzen gibt: Bin ich in erster Linie derjenige, der darauf achtet, dass der Wettbewerb gut funktioniert oder schaue ich darauf, dass das Unternehmen, an dem ich beteiligt bin, eine möglichst gute Dividende abwirft? Das habe ich mich auch gefragt, als manche Telekommunikationsgesetze und Universaldienstverordnungen herausgekommen sind.

Industriellenpräsident Veit Sorger sagt, dass die Telekom Austria voll privatisiert werden sollte. Ist das auch Ihre Meinung?
Als jemand, der ein Unternehmen betreibt, das keine Besitzverhältnisse zum österreichischen Staat hat, kann ich nur sagen: „Gleiche Bedingungen für alle.“ Das wäre mehr als fair. Dann würde auch die gesamte Problematik der Nähe zur Politik gelöst.

Bei den Lizenzvergaben geht es ja auch immer um riesige Summen. Können Sie da ruhigen Gewissens sagen, das immer alles mit rechten Dingen zugeht?
Diese Verfahren sind sehr transparent. Dort sind die Bedingungen für alle gleich. Problematisch sind andere Bereiche, wo Gesetze und Verordnungen gemacht werden, die den gesamten Markt betreffen. Wie eben die berühmte Universaldienstverordnung, bei der es um rund zehn Millionen Euro geht, die die Telekom Austria von den anderen Betreibern kassiert.

2012 sollen wieder neue Frequenzen vergeben werden. Die der Digitalen Dividende, also die durch die Digitalisierung des Fernsehens frei gewordenen. Sie haben gleichzeitig gefordert, dass bereits bestehende Frequenzen für künftige Technologien geöffnet werden. Was ist da wichtiger?
Wir brauchen beides. Es gibt die klare Empfehlung der EU-Kommission, die bestehenden GSM-Frequenzen freizugeben, um sie für LTE verwenden zu können. Das ist in Österreich noch nicht umgesetzt. Wir brauchen auch in Kürze die Frequenzen der Digitalen Dividende, weil der Bedarf an Datendiensten explodiert. Bei Orange hat sich alleine im letzten der durchschnittliche Datenverkehr verdreifacht, durch Apps, Tageszeitungen, die Apps machen, Videoclips und so weiter. Die Basis dafür sind Frequenzen. Wenn unsere GSM-Frequenzen, für deren Nutzung wir bis 2017 die Lizenz haben, für LTE freigegeben würden, dann könnten wir sehr schnell mit dem Ausbau beginnen.

Was passiert, wenn Ihre Lizenzen im Jahr 2017 auslaufen?
Es gibt die glorreiche Idee, diese schon 2012 zur Wiederversteigerung zu bringen. Das ist mir völlig unverständlich. Warum soll ich etwas, das ich noch fünf Jahre habe und nutzen darf schon bezahlen, damit ich es nach 2017 weiter benutzen darf? Außerdem ist es eine massive Ungleichbehandlung, wenn diejenigen, bei denen die Frequenzen 2015 auslaufen, zur gleichen Zeit wieder investieren müssen wie diejenigen, deren Lizenzen noch zwei oder vier Jahre länger laufen. Das wäre wirtschaftlich bedenklich.