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Wir stehen vor der größten Herausforderung“

„Wir stehen vor der größten Herausforderung“

Georg Serentschy © Rene Prohaska

Georg Serentschy, früherer Chef der Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbehörde RTR und aktuell Managing Partner der Serentschy Advisory Services GmbH und Senior Director von Arthur D. Little, im Interview über die Entwicklungen und Herausforderungen der Telekommunikationsbranche im Jahr 2015.

In Österreich kommt eben die vierte Mobilfunkgeneration LTE ins Laufen. 2015 werden etliche neue Player, wie etwa Hot (Hofer Telekom), UPC oder Tele2 als virtuelle Mobilfunkanbieter (MVNOs) starten oder haben dies bereits getan. Wie geht es weiter?
Georg Serentschy: In der Telekommunikation gibt es einige revolutionäre Entwicklungen, deren Auswirkungen unterschätzt werden. So wie die Entwicklung im Mobilfunk von Anfang an unterschätzt wurde. Ich erinnere mich, 1997 bei einem Kongress die mutige Prognose aufgestellt zu haben, dass wir im Mobilfunk einmal eine Penetration von 50 Prozent erreichen könnten. Das konnte damals selbst Hans-Jörg Tengg nicht glauben. Er meinte, dass das niemals der Fall sein wird. Heute stehen wir bei einer Penetration von über 150 Prozent.

Gemessen an den globalen Herausforderungen der Telcos sind die MVNOs jedoch eine Fußnote. Entscheidend für die Zukunft der Telcos ist, dass ihre traditionellen vertikalen Geschäftsmodelle für ursprünglich getrennte Dienste wie Sprachtelefonie, Textnachrichten (SMS) aber auch für das traditionelle Fernsehen durch das Geschäftsmodell der Internetfirmen („Over-The-Top“ Player, OTTs) zu austauschbaren Anwendungen in einem neuen, horizontal organisierten Feld der „Digitalen Dienste“ werden. Dadurch werden die Telcos in deren traditionellen Bereichen von den OTT-Unternehmen an die Wand gespielt. OTTs wie WhatsApp, WeChat oder SnapChat untergraben das bestehende Geschäftsmodell für SMS, ein Geschäft, das für die Telcos einmal eine Goldgrube war. Die Einnahmen aus dem SMS-Geschäft sind im Sturzflug. SMS war einmal eine Lizenz zum Gelddrucken. Jetzt ist es im freien Fall. Daraus erklärt sich teilweise auch der unglaubliche Wert von WhatsApp. Wie kann so ein Unternehmen 19 Milliarden Dollar wert sein? Die Antwort liegt im Maschinenraum der OTTs, einer gigantischen Datensammel- und Verarbeitungsmaschine. Der Zugang zu diesem Maschinenraum wird zur größten geschäftlichen und regulatorischen Herausforderung aller Beteiligten werden.

Ähnliche Umwälzungen sind auch beim Fernsehen absehbar.
Serentschy: Die subversive Kraft des Internets wird auch das traditionelle Fernsehen mit voller Wucht treffen. Es ist eine strategisch irreführende Wahrnehmung, dass der lineare TV-Konsum steigt, die Nutzerzahlen und –stunden werden noch durch die demografische Entwicklung und das Nutzerverhalten der Generation 55+ gerettet. Das lineare Fernsehen wird – wie die traditionelle Sprachtelefonie und die SMS – durch das Internet überrannt werden. Die Versammlung der Familie um den „Digitalen Feuerplatz“ zur gemeinsamen Konsumation von Nachrichten und Unterhaltung gibt es so nicht mehr, Ausnahmen sind vielleicht sportliche Großereignisse, wie Olympische Spiele. Netflix und Google Chromecast sind erst der Anfang, es wird noch jede Menge weiterer Anbieter für internet-basierte on-demand Angebote geben, mit denen sich jeder sein eigenes Programm erstellt.

Zurück zur Telekommunikation: Auch Roaming war für die Netzbetreiber einmal eine Goldgrube.
Serentschy: Falls sich das Soft-SIM Konzept, an dem Apple seit 2010 arbeitet, durchsetzen sollte, wird damit – unabhängig von politischen Entscheidungen und noch dazu schneller – das Ende von Roaminggebühren kommen. Viel wichtiger ist jedoch ein anderer Paradigmenwechsel: Mit Einführung dieses Konzeptes geht die Kundenbeziehung vom Netzbetreiber auf den Hersteller des Endgerätes über, eine brandgefährliche Entwicklung für die Mobilfunkfirmen. Eine Soft-SIM ist keine physische SIM-Karte im herkömmlichen Sinn mehr, sondern eine im Gerät installierte Software. Damit soll es möglich sein, in einem beliebigen Land einen beliebigen Netzbetreiber auszuwählen und dessen Angebot zu nutzen – ohne dass man zuvor einen Vertrag mit dem jeweiligen Netzbetreiber abschließt. Mit dem Launch des iPad Air 2 hat Apple einen Zwischenschritt zur Soft-SIM getan, mit einer „universellen“ SIM-Karte von Apple, die dem Verbraucher die Option gibt, aus den an der Apple SIM-Karte teilnehmenden Netzbetreiber zu wählen. Derzeit nehmen in den USA AT&T, Sprint und T-Mobile teil (nicht jedoch Verizon), in Europa nur EE (Everything Everywhere) in UK. Es bleibt abzuwarten, wie dieser Versuch von Verbrauchern und Netzbetreibern aufgenommen werden wird und ob damit der Weg zur Soft-SIM geebnet wird.

Damit wird die Regulierung der Märkte aufgebrochen.
Serentschy: Technologische Entwicklungen und Innovationen gehen meist so schnell vor sich, dass Politik, Ordnungshüter und Regulatoren dabei oft zu Statisten werden. Ein Problem in der europäischen Telekom-Politik und -Regulierung ist, dass sie unglaublich detailverliebt ist und daher jede Anpassung an Markt- und Technologieentwicklungen langsamer von Statten geht als die Technologiezyklen in den Markt kommen. Das noch größere Problem liegt jedoch in der Tatsache, dass das riesige Feld der Digitalen Services, erbracht durch OTTs völlig unreguliert ist und gleichzeitig wettbewerbende Dienste, die von den traditionellen Telcos erbracht werden mikro-reguliert sind. Für die wirklich großen Herausforderungen fehlen Wettbewerbsbehörden und Regulatoren die passenden Instrumentarien. Da wird zum Beispiel unter Ausschöpfung aller Fristen in Brüssel lange diskutiert, unter welchen Auflagen in einem europäischen Land zwei Mobilfunkbetreiber fusionieren dürfen – wie es etwa in Österreich im Fall von 3 und Orange und gleichzeitig wird die Mega-Fusion von Facebook und WhatsApp einem Konglomerat mit fast 2 Mrd. Kunden, größer als der weltgrößte Mobilfunkbetreiber, ohne vertiefte Untersuchung einfach durchgewunken. Es ist wohl nicht böser Wille, aber den Ordnungshütern fehlen für solche Fälle einfach die Instrumentarien. Für die großen Themen, die den Markt bewegen und die Kunden beherrschen, wie zum Beispiel den Zugang zu den gigantischen Datensammlungen der OTTs, gibt es derzeit keine regulatorischen Ansätze.

Die Frage ist, wie man damit umgeht: Lässt man die Marktkräfte entscheiden oder versucht man, lenkend einzugreifen?
Serentschy: Auf Grund der Tatsache, dass Politik und Ordnungshüter in und außerhalb der EU ein Methodendefizit für diese Umwälzungen haben, gibt es in der Tat vermehrt Strömungen, die es alleine dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen wollen, wer gewinnt und wer verliert. Ich bin da skeptisch und meine, dass sich Politik und Regulatoren nicht zurück lehnen dürfen, sondern sich intensiv und vorausschauend mit den internationalen Entwicklungen befassen müssen und diese mutig in ihre Entscheidungen einfließen lassen sollten. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Netzneutralität, also die Frage nach der Gleichbehandlung oder Priorisierung von Daten bei der Übertragung im Internet. Etwas überspitzt formuliert: Irgendeine europäische Lösung wäre besser, als keine und damit die Regelung den einzelnen Staaten zu überlassen. So würden wir in Europa einen Fleckerlteppich, mit 28 unterschiedlichen Lösungen in den EU-Mitgliedsstaaten bekommen.

Es gibt auch ein regulatorisches Paradoxon. Enttäuscht von der Politik in Brüssel, versuchen einige Unternehmen wieder verstärkt, ihre Anliegen national zu regeln. Die Verfechter dieser paradoxen Position haben offenbar übersehen, dass es seit dem Inkrafttreten des Vertrages von Lissabon kein Veto in Brüssel mehr gibt; vielmehr ist es erforderlich, für seine Anliegen in Brüssel qualifizierte Mehrheiten zu organisieren und diese Prozesse sind wesentlich anspruchsvoller als die Vetokeule zu schwingen.
Eine der wichtigsten Aufgaben im Bereich der Regulierung ist daher, dass es schleunigst zu einer Harmonisierung der Frequenz Vergaben kommen muss. Aber die Mitgliedsstaaten haben im Rat dagegen gestimmt, jeder will weiter sein eigenes nationales Süppchen kochen. Die Folge ist, dass Europa weiter hinter die anderen Regionen der Welt zurückgefallen ist.

Der nächste Rückschlag für Europas IT-Industrie?
Serentschy: Europas IT-Industrie ist ja bereits weitgehend den Bach hinunter gegangen, und die Netzwerkausrüster in Europa sind heute lange nicht mehr das, was sie vor 20 Jahren waren. In Europa wurde GSM erfunden und zum Weltstandard. Siemens, Alcatel, Nokia und Ericsson waren damals Technologieführer. Davon ist nur wenig geblieben, weil sich Europa nicht zu einer konzertierten Industriepolitik durchringen konnte und damit meine ich nicht Protektionismus.

Für die Konsumenten ist immer auch interessant, wie geht es mit den Preisen weitergeht. Zuletzt wurden die Preise im Mobilfunk etwas erhöht. Wie schätzen Sie die Entwicklung auch angesichts der MVNO’s ein?
Serentschy: Der Fokus der Brüsseler Wettbewerbshüter liegt offenbar in der Magie der Zahl „vier“, ein Denken, das sehr stark von statischen Effizienzüberlegungen getragen ist. Andererseits gibt es die gut abgesicherte empirische Evidenz, dass die Frage ob es drei oder vier Anbieter im Markt gibt, letztlich für das Preisniveau nicht entscheidend ist, entscheidend ist vielmehr ob die Netzbetreiber ausreichend EBITDA Marge verdienen um überhaupt die gewaltigen Investitionen in neue Technologien, Netzausbau sowie Netzqualität stemmen zu können. Neuere ökonomische Forschung hat gezeigt, dass 38% EBITDA Marge das Optimum an Investitionsanreizen für den Netzbetreiber bietet, eine Marge, von der die meisten Europäischen Telcos nur träumen können. Die Anzahl der Anbieter in einem Markt ist ein Resultat ökonomischer Fakten und sollte daher – in gewissen Grenzen – dem Markt überlassen werden und nicht den Behörden. Was die jüngsten Entwicklungen der Endkundenpreise in Österreich betrifft, sollte man nicht hektisch auf eine kurzfristige Entwicklung reagieren, sondern bedenken, dass die Preise immer noch unter dem Niveau von 2011 liegen, im internationalen Vergleich nach wie vor sehr günstig sind und der Eintritt der MVNOs sicherlich eine preisdisziplinierende Wirkung ausüben wird.

Spannend ist die Entwicklung vor allem was die Preise für die Internet-Nutzung betrifft. Europas Netzbetreiber sind noch nicht auf die Unit-Preis-Debatte aufgesprungen. Ein „Kilo Internet“ kostet in Europa wesentlich mehr als in Nordamerika. Wenn man „Preis“ sagt, sollte man dazu sagen, ob man den monatlichen Rechnungsbetrag meint, oder den Preis pro MB Daten, SMS oder Minute Gespräch.

Angesichts des Kosten- und Investitionsdrucks ist fraglich, wie lange es noch in jedem Land drei nationale Netzbetreiber geben wird.
Serentschy: Der europäische Binnenmarkt wird kommen und Zug um Zug wird es eine Welle von Mergern geben. Die Anzahl der physischen Netze in Europa wird damit schrittweise zurückgehen. Wesentliche ökonomische Treiber hinter diesen Mergern sind einerseits die Erweiterung des Produktportfolios („Triple Play und Quad Play“) und andererseits die Nutzung von Größenvorteilen. Diese Größenvorteile („Dynamischer Effizienzgewinn“) stellen die Basis für die erforderliche Investitionskraft der Telcos für Netzausbau und Innovation dar.

Die gegenwärtig spannendste Entwicklung sind die Merger zwischen Kabel- und Mobilfunkbetreibern, weil damit neben den traditionellen nationalen Spielern („Incumbents“) ein zweiter Vollanbieter in den Markt eintritt. Darüber hinaus erfahren diese Merger auch wenig Gegenwind von den Wettbewerbshütern, weil dabei Unternehmen aus zwei verschiedenen Sektoren zusammenkommen.

Sie hatten 2012 auch den Vorsitz im Gremium der europäischen Regulierungsbehörde BEREC und kennen auch daher die EU-Diplomatie. Was wären ihre Wünsche an Günther Oettinger, den neuen EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft?
Serentschy: Das sind vier. Erstens, dass der digitale Binnenmarkt mit sehr energischen Schritten vorangetrieben wird. Es dauert schließlich an die fünf Jahre, dass man auch etwas in diese Richtung bewegen kann.

Zweitens muss eine EU-einheitliche Lösung für das Copyright-Problem gefunden werden, die dem digitalen Zeitalter angepasst ist, den Verbrauchern Rechtssicherheit gibt, der Kreativwirtschaft zu Gute kommt und deren bürokratischen Überbau eindämmt.
Drittens muss eine EU-einheitliche Lösung für das Thema Netzneutralität gefunden werden, basierend auf dem Prinzip der Ko-Existenz von nicht gemanagten Diensten, wie dem freien und unbehinderten Internetzugang und gemanagten Spezial-Diensten, wie zB e-Health, Videokonferenzen und sicherheitskritische Dienste, um nur einige zu nennen.
Viertens muss es rasch zu einer koordinierten Vergabe weiterer Mobilfunk-Frequenzen, wie zB dem 700MHz Band, der sogenannten zweiten Digitalen Dividende kommen. Es ist aus Europäischer Sicht völlig ineffizient, dass diese in jedem EU-Land zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlichen Methoden vergeben werden; so werden wir keine Europäischen Telcos von Weltformat schaffen. Und man muss über die Laufzeit der Nutzungsrechte nachdenken. In den USA gibt es „Eternal licences“ – also „ewig“ gültige Lizenzen, die zur sehr hohen Investitionsbereitschaft der Unternehmen beitragen. Europa hat eine Generalüberholung der Frequenzpolitik verdient und nicht die Fortsetzung der Kleinstaaterei. Um erfolgreich zu sein, müssen wir Europäische Souveränität gewinnen und dafür wohl ein Stück nationale Souveränität aufgeben.