Schlagwort-Archive: Facebook

Face off Facebook

Fast fünf Jahre lang war ich Mitglied bei Facebook. Im Herbst 2008 bin ich dem in Österreich damals noch relativ kleinen Netzwerk beigetreten. Knapp 300.000 Österreicher waren da erst bei Facebook, etwa 3,6% der Bevölkerung.

Am Anfang waren meine Facebook-Freunde noch echte Freunde. Ich fand dazu schnell noch einige alte Freunde und entfernte Verwandte wieder und knüpfte neue Freundschaften. Ich postete, likte, lud Fotos und Videos hoch, teilte Links und probierte zu Beginn auch das eine oder andere Spiel zum Zeitvertreib aus. Das ging mir jedoch schnell auf die Nerven und eine der ersten Schranken die ich Facebook setzte war, dass ich in meiner Timeline sämtliche Informationen über Spielstände von Farmville & Co blockierte.

Mittlerweile hat das Netzwerk in Österreich etwa zehnmal so viele Mitglieder und mein Facebook-Freundeskreis ist ungefähr gleich schnell gewachsen. Kein Wunder, denn inzwischen sind geschätzte 99 Prozent meiner Bekannten auf Facebook und mit ihren Smartphones immer und überall mit dabei. Bei jedem Anlass, ob öffentlich oder privat. Und ich bis jetzt ebenso. Die Folge: Von meinen am Ende fast 300 Freunden kannte ich vielleicht ein Viertel wirklich, und selbst davon waren viele rein berufliche Kontakte. Aber alle bekamen laufend Momentaufnahmen aus meinem Leben serviert.

Klar bietet Facebook die Möglichkeit, in den Kontoeinstellungen festzulegen, wer was sehen darf und wer nicht. Aber, und das gebe ich offen zu: Es war mir immer zu aufwändig, mich damit zu beschäftigen und für jeden einzeln zu bestimmen, was er sehen und tun darf und was nicht. Freundschaftsanfragen ablehnen wollte ich auch nicht. Man will ja nicht als arrogant verschrien sein.

Vor einigen Monaten habe ich dann meine Timeline aufgeräumt. Stunden damit verbracht, Privates zu löschen. Der nächste Schritt zurück ins Privatleben folgte heute Mittag: Ich habe mein Facebook Profil deaktiviert. Noch nicht endgültig gelöscht, aber de facto bin ich damit jetzt weg. Face off. Und es tat nicht einmal weh. Einfach den Link zum Deaktivieren des Kontos aufrufen (wer es nachmachen will, klickt hier) und ein paar Klicks später war es geschehen. Und um nicht gleich wieder in die nächste Falle zu tappen habe ich auch die Facebook-App vom iPhone und vom iPad entfernt. Es gibt noch einen radikaleren Weg, nämlich das Konto gleich ganz löschen. Wer das will, klickt hier. Nach zwei Wochen Bedenkzeit ist dann vom Benutzerprofil nichts mehr übrig.

Entschuldigung, lieber Alexis, Christian, Florian, Gerald, Maria, Susanne und wie ihr alle heißt. Vielleicht hat Facebook recht. Vielleicht werdet ihr mich vermissen. Eigentlich kann ich mir das aber nicht richtig vorstellen. Wer von Euch meine Telefonnummer hat kann mich gerne anrufen. Und wer die nicht hat kann mir ein Mail schicken. Vielleicht trinken wir auch einmal einen Kaffee und möglicherweise zeige ich Euch dann auch Fotos von meinen Freizeitaktivitäten. Vom Berg, vom Meer, vom Städteausflug, sogar von den Kindern, die ihr auf Facebook nie zu sehen bekommen habt. Auf meinem Smartphone habe ich sie immer dabei. Aber eben nicht mehr für euch alle online und jederzeit sichtbar. Schon gar nicht für Freunde von Freunden und deren Freunde.

Vielleicht werde ich mein Konto auch eines Tages wieder aktivieren. Die Möglichkeit dazu gibt es. Bis dahin verabschiede ich mich mit Andrew Gold: „Thank you for being a friend

gold

Elvis Presley, Facebook und WhatsApp

50.000.000 Elvis Fans Can’t be Wrong ist der Titel des neunten Albums von Elvis Presley, das im November 1959 rechtzeitig zum großen Weihnachtsgeschäft veröffentlicht wurde. Auf dem Cover ist Elvis in vierzehnfacher Ausführung zu sehen. Der King of Rock trägt einen goldglänzenden Anzug und lächelt seine Fans selbstbewusst an.

50,00,00 Elvis Fans Can't Be Wrong - Elvis Presley
Elvis Presley Album Cover, 1959

Elvis war damals DER Star schlechthin und das Cover der Platte wurde zu einer Ikone, die in den folgenden Jahrzehnten von etlichen Künstlern nachgestellt wurde. Das Album zählt zu den einflussreichsten Hits-Compilations aller Zeiten.

Dabei lässt die Sammlung der Elvis-Singles der Jahre 1958 und 1959 keinen Zweifel offen: Elvis hatte bei der Veröffentlichung seinen künstlerischen Zenit bereits deutlich überschritten. Die Songauswahl ist so schwach, dass die zehn Titel gut 50 Jahre später bloß noch für wahre Kenner relevant sind. Sie sind austauschbar und nichtssagend. Kaum eine Radiostation der Welt hat sie noch im Programm.

Facebook ist heute DER Star unter den sozialen Netzwerken schlechthin. Nach sensationellen Wachstumsraten und einem IPO, der zumindest die Gründer steinreich gemacht hat, hält Facebook bei gut einer Milliarde Benutzern. 1.000.000.000 Facebook-Nutzer – die können doch nicht irren. Sollte man meinen. Facebook ist heute so allgegenwärtig wie es Elvis Presley in den Rock’n’Roll Sendungen des US-Radios im Jahr 1959 war.

(Das ist zugegeben eine Vermutung. 1959 war ich noch nichteinmal geboren und meine Kenntnisse der US-Radiolandschaft von vor gut fünf Jahrzehnten sind äußerst rudimentär.)

Das Social Web wird mittlerweile in Betriebssysteme von Smartphones und Tablet PCs – den Massenmedien der Gegenwart – integriert, fehlt auf kaum einem Computer und wenn man heute auch nur ein Foto mit dem Handy macht, kommt garantiert der Satz: „Stell das auf Facebook!“

facebook nutzerzahlen
Entwicklung der Facebook-Nutzerzahlen

Trotzdem könnte Facebook – so wie Elvis im Jahr 1959 – den Zenit bereits überschritten haben. Indizien dafür sind rückläufige Zuwächse bei den Nutzerzahlen – OK, bei einer Milliarde Mitgliedern mag das Argument zählen, dass irgendwann einmal ein Plafond erreicht sein muss. Verschiedene Statistiken zeigen allerdings, dass die Nutzungsdauer gleichzeitig stagniert oder sogar sinkt. Das ist noch nicht in allen Märkten zu erkennen, aber im Kernland USA bereits offensichtlich – siehe die nachfolgende Grafik. Die zeigt zwar den nicht mehr ganz aktuellen Zeitraum von Dezember 2010 bis Dezember 2011, ist dafür aber eindeutig.

grafik_nutzung_social_networks
Nutzungsdauer Sozialer Netzwerke in den USA

Wenn Facebook DER Star unter den Social Networks ist, dann ist WhatsApp DER Shooting Star unter den Social Apps schlechthin. In fast hundert Ländern ist WhatsApp inzwischen die meistverkaufe iPhone-App und im Android Store führt die App die Download-Charts ebenso an. Mit ein Grund: Die App ist für alle Smartphone-Systeme und sogar billige Nokia Handys der Serie S40 und S60 verfügbar. Auch wenn Smartphones auf den Wunschzetteln von Teenagern ganz oben stehen hat noch lange nicht jeder Schüler eines. Bei WhatsApp kann praktisch jeder mitmachen.

whatsapp

WhatsApp ist vom Grunde her ein aufgebohrter SMS-Dienst. Neben Einzelnachrichten können damit auch Gruppenchats mit bis zu 30 Personen abgewickelt und Fotos, Videos oder Sprachnachrichten verschickt werden. Die Nachrichten werden als Push-Meldungen verschickt und landen somit sofort am Display des Empfängers. Steht ein WLAN zur Verfügung, dann werden die Nachrichten darüber verschickt. Für die Benutzer ist das kostenlos. Im Gegensatz zu Facebook ist WhatsApp obendrein werbefrei und das von den US-Amerikanern Brian Acton und Jan Koum gegründete Unternehmen versichern auch, abgesehen von den Telefonnummern keine Daten zu sammeln oder zu speichern.

Das kommt an. Die App wird genutzt wie kaum eine andere: Rund zwei Milliarden Nachrichten werden täglich über WhatsApp verschickt. Die Jugendlichen sind sehr vorsichtig mit dem, was sie auf Facebook posten und wie sie das soziale Netzwerk nutzen. Sie halten den Kontakt innerhalb des vielleicht auch aufgrund des Alters noch einigermaßen überschaubaren Freundeskreises lieber über die Smartphone-App WhatsApp. König Facebook ist noch lange nicht tot, aber die Thronfolger bereiten sich auf die Nachfolge vor. WhatsApp lässt das milliardenschwere Facebook-Reich mitunter etwas alt aussehen.

Social Media Plattformen als Medienhäuser?

Ist die Zukunft der bestehenden großen Medienhäuser durch Social Media Plattformen in Gefahr? Sind Facebook, Twitter und Co die Zukunft? Diese spannende Frage war Teil der heutigen Diskussionen auf der Social Media Week in Hamburg.

Link zur Homepage der Social Media Week Hamburg
Link zur Homepage der Social Media Week Hamburg

„Facebook ist kein Massenmedium“ wurde da ebenso postuliert wie dass das Social Network „nur zur Kommunikation unter Freunden genutzt wird“, dass es „keine Qualitätskontrolle für die Inhalte“ gäbe und die Inhalte, die via Facebook, Twitter usw. verbreitet werden keine Relevanz haben. 90 Prozent der Mediennutzer wären außerdem „Passivkonsumenten“, die sich abends gerne vor den Fernseher setzen, um dort Nachrichten zu sehen und sich zu informieren, was in der Welt passiert ist. Oder das Gleiche eben am nächsten Tag in einer Zeitung lesen wollen. Die Zahlen der Twitter-Nutzer werden mit denen der Reichweiten von TV-Sendern verglichen und argumentiert, dass die traditionellen Medien den Social Media Plattformen überlegen sind.

#FAIL! Ist das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt. Die Vertreter der etablierten Medienhäuser, die diese Argumente vorgebracht haben, sehen wieder einmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Facebook, Twitter oder auch in zunehmenden Maße Google+ oder YouTube mögen zwar heute noch in vielen Bereichen eine vernachlässigbare Relevanz im Informationsverhalten der Gesamtbevölkerung eines einzelnen Staates oder innerhalb des Kerngebiets eines publikumsstarken Mediums haben, aber die Argumente sind glatte Realitätsverweigerung.

Kein Massenmedium? Die Definition von Masse, die alleine den drei in Europa größten Netzwerken – Facebook, Twitter und Google+ abspricht, keine Massenmedien zu sein muss mir jemand näher erklären. Die Leser sind herzlich eingeladen, das in einem Kommentar zu diesem Blog-Eintrag zu tun. Ende Dezember 2012 verwendeten weltweit über eine Milliarde Menschen Facebook. Twitter hatte zur gleichen Zeit 850 Millionen Mitglieder und  Google+ im September 2012 (leider habe ich dazu keine aktuelleren Zahlen) 400 Millionen Mitglieder. In Summe kamen die drei Plattformen damit zum Jahreswechsel auf ein Zielpublikum von rund 2,3 bis 2,5 Milliarden Menschen. Verglichen damit sind selbst potenziellen Reichweiten der großen TV-Stationen der USA – nun ja – bescheiden.

Natürlich haben die Nutzer dieser Plattformen die unterschiedlichsten Interessen. Und es mag auch stimmen, dass viele davon vorrangig dort sind um mit ihren Freunden Kontakt zu halten.  Aber eben nur vorrangig. Die Facebook-Freunde, die eigene Twitter-Community oder die Menschen Google+ Kreise sind nicht nur Kommunikationspartner. Sie suchen, sammeln und verbreiten auch Nachrichten und Informationen zu allen nur vorstellbaren Themen. Wer spöttisch meint, dass es dabei keine Qualitätskontrolle gibt liegt falsch. Die eigene Community. Die Freunde und deren Freunde, Bekannte, Follower oder was auch immer sorgen dafür.

Eine Facebook-Statusmeldung oder ein Tweet, der inhaltlich falsch, belanglos, uninteressant oder einfach nur vernachlässigbar ist, wird von den Menschen in den Netzwerken eben nicht so oft geliked, geshared, re-tweeted oder was auch immer. Inhaltliche Fehler werden in der Regel umgehend kommentiert und richtiggestellt.

Hier kommen die Ranking-Algorithmen der Sozialen Netzwerke ins Spiel. Sie funktionieren vereinfacht gesagt ähnlich wie die der Google-Suche oder der Amazon-Bewertungen: Häufiger kommentierte und geteilte Inhalte oder die mit besseren Bewertungen werden etwa in der Facebook-Timeline hervorgehoben und somit für immer mehr Benutzer sichtbar. Die Masse der Anwender übernimmt die Qualitätskontrolle. Ich bin der Meinung, dass die Qualitätskontrolle eines einzelnen Journalisten, der in einer Redaktion einer Tageszeitung unter dem Zeitdruck des Redaktionsschlusses einen Artikel fertigstellen muss, garantiert nicht effizienter sein kann.

Hinter der Aussage, 90 Prozent der Medienkonsumenten wären „Passivkonsumenten“ sehe ich ebenfalls bloß ein Wunschdenken. Vielleicht liegt der Anteil derjenigen, die vor einem Fernseher sitzen ohne gleichzeitig am Tablet-PC oder mit dem Smartphone in der Hand zu halten noch bei 90 Prozent. Wobei meine Beobachtungen etwas ganz Anderes zeigen: Vor allem für die Jüngeren ist es mittlerweile völlig normal, gleichzeitig fernzusehen und ihre Sozialen Netzwerke zu nutzen. Ein Fernsehabend ohne Smartphone wäre für sie bloß langweilig. Sie wollen sich mit der Community austauschen, eigene Kommentare abgeben, die der anderen lesen oder diese kommentieren.

facewall
Die Facewall in Contra|der Talk

Das beeinflusst auch die Arbeit der traditionellen Medien. Oder sollte es zumindest. Teilweise geschieht das auch, etwa im ORF, wenn ZIB2 Anchorman Armin Wolf Kommentare oder Fragen aus seiner Community in Live-Interviews einbaut. In der Sendung Contra|der Talk wagte sich der Sender sogar noch einen Schritt weiter hinaus: Über eine Facewall wurden Zuseher, die sich das Programm Online via Webstream ansahen, in die Sendung eingeblendet und ihre Fragen und Kommentare während der Sendung diskutiert. Auch wenn die Interaktion mit der Online-Community noch nicht ganz den erhofften Erfolg hatte und die Sendung inzwischen eingestellt wurde: Die Zukunft gehört dem „Social TV“ und den „Mitmach-Medien“. Die Aussage, 90 Prozent der Medienkonsumenten wären nur an passiver Berieselung interessiert würde ich nicht unterschreiben.

Google Hangout mit US-Präsident Barack Obama
Google Hangout mit US-Präsident Barack Obama

Die traditionellen Medienhäuser setzen sich damit nur langsam auseinander und werden dabei von einer weiteren Entwicklung überholt: Die Social Media Kanäle werden zusehends genutzt, um klassische Medienformate in angereicherter Form zu ersetzen. Auch von Politikern. Sie brauchen nicht mehr unbedingt Fernsehen oder Radio, um die breite Masse zu erreichen. US-Präsident Barack Obama stellt sich etwa in Google-Hangouts Diskussionen. Unternehmen, die bisher teure Sendezeiten oder Werbeplätze kaufen mussten, tun das ebenso. Der Sportartikelhersteller Adidas hat ebenfalls schon eigene Hangouts mit Sportlern wie den deutschen Fußballstars Per Mertesacker, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger veranstaltet. Eine Besetzung, die sich so manches Sportstudio nur wünschen würde.

hangout
Adidas Fußball-Hangout

Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, dass die Social Media Plattformen die besseren Medienhäuser wären, eine Frage, die im Titel einer Diskussion im Rahmen der Social Media Week gestellt wurde. TV- und Radiostationen, Zeitungen und natürlich auch Magazine produzieren klarerweise wertvolle, gute, besonders hochwertige Inhalte. Sie haben damit eine sehr wichtige Position, die sie auch gut ausfüllen. Den Social Media Plattformen die Relevanz abzusprechen und von „ganz, ganz kleinen Bruchteilen“ des Publikums zu sprechen, für die diese Plattformen eine Bedeutung zu haben ist aber idiotisch.

Es wird garantiert nicht jedes Medienhaus in Existenznot kommen, wenn die Entwicklung der letzten Jahre anhält. Dazu sind sie einfach zu gut aufgestellt. Das eine oder andere Magazin, die eine oder andere Zeitung, vielleicht auch kleinere TV-Stationen könnten aber durchaus Probleme bekommen. Special Interest Magazine etwa, Musikmagazine oder Heimwerker-Hefte oder sonstige Ratgeber, bei denen die Diskussion und der Austausch der Leser besonders nützlich ist. Sie können in digitaler Formen und über Social Media Plattformen mit Audiofiles, Videos, Chats und direkter Kommunikation der Benutzer angereichert werden. Aus der Community kommt Soforthilfe. Direkt in die eigene Mailbox oder Statusmeldung. Statt wie bisher mit dem Abdruck des Leserbriefes und einer Antwort in der nächsten Ausgabe. Von der gar nicht sicher ist, dass sie derjenige, der die Frage gestellt hat, auch lesen wird.

Für die übrigen Medien gilt der Vergleich mit den Diskont-Airlines, die der ganzen Luftfahrtindustrie das Fürchten gelernt und zum Sparen gezwungen haben. Radio, Fernsehen, Printmedien – sie alle müssen sich Gedanken machen, wie sie die neuen Kommunikationsmöglichkeiten in ihre bestehenden Formate einbinden und welche Formate daraus für die Zukunft entwickelt werden können. Tun sie das nicht, dann werden es andere tun, ein Publikum finden und Erfolg haben.

Interview | Mario Garcia: „Leidenschaft tötet“

Ein Interview mit dem Mediendesigner Mario Garcia (Twitter: @DrMarioRGarcia), Gründer von Garcia Media.  Mit über 65 Jahren hat Garcia rund 40 Jahre Erfahrung im Mediendesign und seine Ideen sind immer noch frisch wie am ersten Tag. Kern des Gesprächs ist Social Media, eines von Mario Garcias Lieblingsthemen. Vorab noch schnell eine Empfehlung für sein Mario Blog, eine ständige Inspirationsquelle.

Fernsehen, Radio und Zeitungen haben mit den Social Media Plattformen neue Konkurrenten bekommen: Nachrichten werden über soziale Netzwerke verbreitet. Wie sollen die Medien darauf reagieren?
Mario Garcia: Wenn heute ein Zugsunglück passiert, dann ist sicher jemand mit einem Smartphone in der Nähe, der ein Foto macht und es twittert. Bis ein professioneller Reporter eintrifft ist vergeht sicher eine halbe Stunde. So wird heute über Ereignisse berichtet. Man kann das nicht aufhalten. Wenn es schon zu Adams und Evas Zeiten Smartphones gegeben hätte, wäre auch die Vertreibung aus dem Paradies getwittert worden. Aber Tweets haben nur 140 Zeichen. Darin steht bloß „Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben“. Es ist die Aufgabe der Medien, der Geschichte auf den Grund zu gehen, weshalb. Die Leute brauchen jemand, der ihnen erklärt, was die Nachricht bedeutet. Hier endet Twitter und beginnt der Journalismus. Journalisten müssen ihre Arbeit und die Medien Form ihrer Berichterstattung anpassen.

Nachrichten werden jetzt auf Social Media Plattformen diskutiert. Es gab aber immer schon die Möglichkeit, mit Journalisten zu interagieren. Leserbriefe zu schreiben, beim Radio anzurufen oder E-Mails zu schicken. Was ist jetzt anders?
Auf den Social Media Plattformen läuft die Kommunikation zwischen den Lesern ab und sie ist einfacher geworden. Ich selbst habe nie einen Leserbrief an eine Zeitung geschrieben. Eines Tages habe ich aber im Time Magazin einen Artikel über Kuba gelesen, der mich aufgeregt hat. Ich hatte meinen Computer vor mir, habe losgetippt, auf „senden“ geklickt, und das war es. Der Leserbrief wurde abgedruckt. Hätte ich gewartet, bis ich zuhause gewesen wäre, dann wäre mein Ärger verflogen gewesen und ich hätte den Brief wohl nie geschrieben. Emotionen treiben die Leute zum Handeln an. Menschen töten aus Leidenschaft. Würden sie fünf Minuten nachdenken, dann würden sie das nicht tun. Die Technologie ermöglicht den Leuten, ihre Emotionen direkt mitzuteilen. Wenn man eine Facebook-Seite hat, dann kann man dort sagen, was man will. Man ist sein eigener Verleger, Fotograf und Video-Produzent. Nichts kann einen aufhalten. Diese Möglichkeit gab es bisher nicht.

Wie sollen die klassischen Medien die Social Media Plattformen nutzen?
Sie müssen sie beobachten und wissen, worüber auf den Social Media Plattformen diskutiert wird. Und die Plattformen sind natürlich großartige Marketing-Tools. Ich selbst nutze Twitter, um meinen eigenen Blog zu bewerben. Manchmal mit zwei, drei verschiedenen Tweets am Tag, um verschiedene Gruppen anzusprechen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass das Thema auch die Facebook-Community interessieren könnte, dann schreibe ich dort auch noch eine Nachricht. Auf diese Art kann man eine Menge potenzieller Leser ansprechen. Man muss darüber nachdenken, wie man diese Plattformen für die eigenen Zwecke nutzt.

Fernsehen, Radio, Zeitungen sind kostspielige Unternehmen. Bloggen oder Twittern kann jeder. Kommt nun eine neue Mediendemokratie?
Das ist einer der größten Unterschiede zu früher. Wir haben Radio gehört und nicht dabei mitgemacht. Wir haben Zeitungen gelesen und nicht geschrieben. Die Menschen wollen jetzt mitreden, kommentieren und sich engagieren. Jeder, der etwas zu sagen hat kann das heute auch tun. Man hat die Möglichkeit, seine Gedanken zu verbreiten ohne sich um das Weitere kümmern zu müssen. Das gab es noch nie zuvor. Smartphones und das mobile Internet sind die Werkzeuge dafür. Sie treiben die Veränderungen voran. Und lösen eine Revolution aus. Menschen gehen in ein Restaurant, mögen was sie essen, fotografieren es und teilen das Foto auf Facebook. Sofort weiß ganze Welt, wie es ist, in dem Lokal zu essen. Das können selbst Leute, die nicht einmal ein Bankkonto haben und keine tausend Euro im Monat verdienen.

In Österreich läuft ein Rechtsstreit um die Facebook-Auftritte des ORF. Der Verfassungsgerichtshof soll bald darüber entscheiden. Was würde es bedeuten, wenn Journalisten Social Media Plattformen nicht mehr nutzen dürften?
Rechtliche Einschränkungen können kurze Zeit ein Problem und ein Hindernis sein. Plattformen wie Facebook oder Twitter sind aber neue Medien und neue Wege in der Kommunikation der Menschen. Gesetze werden sie nicht aufhalten. Die meisten Menschen, die diese Netzwerke nutzen sind erst in ihren Zwanzigern und Dreißigern. Und diese Netzwerke sind ein Teil ihres Lebens. Wir werden bald Spezialnetzwerke für unterschiedliche Gruppen wie Schwarze oder Latinos sehen. Man kann Journalisten nicht mit Gesetzen von Social Media Plattformen fernhalten. Facebook ist heute der zentrale Platz, auf dem sich die Leute treffen. Die ganze Welt ist dort versammelt, vom Morgen bis zum Abend. Um Nachrichten zu lesen, auszutauschen und mit Freunden zu chatten. Die traditionellen Medien dürfen nicht an der Outlinie stehen und zusehen. Sie müssen dort sein, ihre eigenen Geschichten anbieten und darüber diskutieren.

Haben die traditionellen Medien in ihrer Form noch eine Zukunft über die nächsten zehn Jahre hinaus?
Ich bin überzeugt, dass sie eine Zukunft haben. Die Leute wollen Geschichten, und überall werden Geschichten erzählt. Als Zeitungen erfunden wurden dachte mach auch, niemand würde mehr Bücher lesen, weil es nun jeden Tag etwas Neues zu lesen gäbe. Man dachte, dass das Radio die Zeitungen und das Fernsehen das Radio ersetzen würde. Es gibt aber immer noch Bücher, Zeitungen, Radio, Fernsehen. Kein Medium tötet ein anderes. Aber die Medien werden sich anpassen müssen.

Zeit für Medienkompetenz bei Zeitungen und Magazinen

„Qualitätsjournalismus ist die Zukunft!“ Dieses Mantra habe ich in den vergangenen fünfzehn Jahren als aktiver Magazin- und Zeitungsjournalist immer wieder gehört. Das klingt auch logisch. Jede Wette, dass bei einer Straßenumfrage 100 Prozent unterschreiben, Informationen gut aufbereitet, klar und verständlich in Form und mit entsprechendem Tiefgang zu wollen. Dabei würde sicher die Hälfte der Befragten zuerst unterschreiben und dann an der nächsten Ecke zu einer Gratiszeitung greifen.

Der mit den Gratisblättern härter gewordene Kampf zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus ist aber verglichen mit dem eigentlichen Problem der Printmedien nur eine Marginalie. Wer sich mit Trash zufrieden gibt wäre ohnehin niemals ein Stammleser oder gar ein Abonnent eines Qualitätsmediums geworden.

Das eigentliche Problem ist die gnadenlose Selbstüberschätzung, die viele Medienmacher in den letzten eineinhalb Jahrzehnten an den Tag gelegt haben und die an vielen Orten immer noch vorhanden ist. Dabei wurde in den Redaktionen ständig darüber geschrieben, wie das Internet die Welt verändert – wie E-Mails Briefe und Faxgeräte ablösten und sich Postkonzerne nach neuen Geschäftsfeldern umsehen mussten; wie der klassische Handel durch die Konkurrenz von Online-Plattformen wie Amazon oder eBay in die Bredouille kam; wie sich die Musikindustrie gegen Downloads aus dem Web wehrte und ihr dann erst von Napster und danach von Apple die Grenzen aufgezeigt wurden. Inzwischen erscheint sogar die traditionsreiche Encyclopedia Britannica nicht mehr in gedruckter Form, sondern nur noch als Online-Edition. Trotzdem hat es niemand für möglich gehalten, dass die eigene Branche als nächste an der Reihe sein könnte.

Krank sparen

„Das Geld verdienen wir immer noch mit Print“ ist der Stehsatz, der als Antwort auf die Frage nach zukunftsorientierten Online-Strategien immer schnell bei der Hand war. Nachsatz: „Ein guter Online-Auftritt kostet Geld. Wer soll den bezahlen?“ Dabei gingen die Verkaufszahlen und Auflagen fast überall kontinuierlich zurück. Als Folge sanken die Werbeeinnahmen und die Verlage mussten sparen. Kosten senken, den Umfang ihrer Produkte reduzieren und Personal abbauen. Trotzdem galten Warner weiterhin als Kassandra.

Ende 2012 ist der Gürtel bei vielen Medien so eng geschnürt, dass er nicht mehr weiter zugezogen werden kann, ohne dass sie sich dabei selbst strangulieren. In Deutschland hat das Zeitungssterben bei der etablierten Frankfurter Rundschau und der Financial Times begonnen, in Österreich wird noch dagegen gehalten. Plötzlich dämmert es, dass mit Print doch nicht mehr so viel Geld verdient werden kann und Strategien und Geschäftsmodelle fehlen, um das Werk wieder in Schwung zu bringen.

Mit gedruckten Sparpaketen, die man zum vollen Preis zu verkaufen versucht, geht das nicht. Leser finden Informationen die sie brauchen online. Lesen hier einen Artikel, sehen sich dort ein Video an und holen sich Hintergrundinformationen und Spezialwissen an dritter Stelle. Ohne fürchten zu müssen, dass die Qualität auf der Strecke bleibt.

Googlen, Twittern und Facebooken

Auch das hat unter den Medienmachern kaum jemand für möglich gehalten: Dass die Leser einmal selbst Informationen suchen. „So viel Medienkompetenz hat kaum jemand“ war die Reaktion auf Hinweise, dass sich das Mediennutzungsverhalten verändern wird. Auf welch hohem Ross kann man sitzen? Wer intelligent genug ist, eine Qualitätszeitung zu lesen ist auch intelligent genug, Informationen im Internet zu suchen und zu finden. Schon einmal etwas von Google gehört? Der weißen Website mit dem bunten Logo und dem Eingabefenster für die Internet-Suche? Von Twitter oder Facebook, wo sich Freunde und Bekannte gegenseitig informieren, was es Interessantes und Lesenswertes gibt?

Google ist vor fast genau 15 Jahren gestartet, Facebook vor acht Jahren und Twitter vor sechs Jahren.  Die ersten Blogs sind Mitte der 1990er Jahre aufgetaucht und 2004 wurde das Wort „Blog“ vom US-Wörterbuchverlag Merriam-Webster sogar zum Wort des Jahres gewählt. Die meisten Zeitungen und  Magazine haben darauf typisch ignorant-überheblich reagiert und viele sind sich der Bedeutung der neuen Plattformen bis heute nicht richtig bewusst, wissen nicht richtig damit umzugehen. Und das ständig verfügbare mobile Internet gibt den neuen Kommunikationsplattformen immer weiteren Auftrieb. Es ist allerhöchste Zeit für mehr Medienkompetenz bei den Printmedien, für neue Überlebensstrategien, denn in den nächsten fünf Jahren wird im Zeitungs- und Magazinmarkt mit Sicherheit kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.