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Crowdsourcing – Mitarbeit erwünscht

Meine Story zum Thema Crowdsourcing aus trend, Juni 2013

Soziale Netzwerke, Online-Foren und Blogs sind für Unternehmen hochinteressant. Die Meinungen der Menschen im Netz werden beobachtet und analysiert, ihre Kreativität für Produktinnovationen genutzt. Die Kreativität der Masse ist groß.

Kochen Sie gerne? Wenn ja, dann haben Sie sich garantiert schon einmal geärgert, weil Ihnen beim Aufschlagen von einem Ei ein Stück Schale in die schwabbelige Masse gerutscht ist oder das Eiweiß und der Eidotter durcheinander gekommen sind. Keine Sorge. Wie die Internet-Anleitungen und Diskussionen auf Facebook oder Twitter zu diesem Alltagsärgernis zeigen, liegt es nicht daran, dass Sie besonders ungeschickt wären. Selbst Profi-Köche sind sich nicht zu gut, um dazu via YouTube-Video Anleitungen zu geben.

 

Hier einige Links für alle, die beim Eier Aufschlagen professionelle Hilfe brauchen… http://www.youtube.com/watch?v=4jg-T503Ro0
http://www.youtube.com/watch?v=1xtAe4V7HxI
http://www.youtube.com/watch?v=cVdfe8NZLsU

Seit kurzem gibt es auf die Frage, wie man ein Ei richtig trennt ohne sich die Finger schmutzig zu machen eine neue Antwort: Pluck, ein weißes Kunststoff-Ei, mit dem man einen Eidotter aufsaugen und fein säuberlich vom Eiweiß trennen kann.

 

http://www.youtube.com/watch?v=vip0F43L-oo

Auf die Erfindung des Amerikaners Mark Fuso scheint die Welt gewartet zu haben. Zumindest einige ungeschickte Hobbyköche. Das Crowdsourcing-Portal Quirky.com hat sie realisiert und den 13 Dollar Dotter-Sauger seit Dezember 2012 bereits tausende Male verkauft. Quirky (Twitter: @Quirky) stand dem Erfinder bei der Entwicklung des marktreifen Produkts, bei der Suche nach geeigneten Produzenten und bei der Organisation des Vertriebs zur Seite. „Von der Idee und der ersten Skizze bis zum Verkaufsstart dauerte es bloß 30 Tage. Damit war Pluck von unseren bisher realisierten Produkten am schnellsten auf dem Markt“, sagt Adam Paskow, Produktdesigner bei Quirky. Auch der Erfinder ist von der Zusammenarbeit begeistert. Nicht nur wegen der gut 4500 Dollar, die er als Beteiligung für die Verkaufserlöse im ersten Halbjahr verdient hat. „Mit einem anderen Partner hätte die Entwicklung vermutlich Jahre gedauert“, ist sich Fuso sicher.

 

Zum Video-Statement von Pluck-Erfinder Mark Fuso

Als Crowdsourcing-Portal sucht Quirky laufend nach Ideen für neue Produkte. Im vergangenen Jahr hat das im Juni 2009 gestartete Portal insgesamt 121 neue Produkte in den Handel gebracht hat. Die Plattform setzt dabei hauptsächlich auf Lösungen für Alltagsprobleme, die in Online-Foren, Blogs und sozialen Netzwerken regelmäßig diskutiert werden. Inzwischen hat Quirky eine eigene Online-Community von 405.000 Mitgliedern aufgebaut, die sich untereinander austauschen und gegenseitig zu neuen Ideen anspornen. Kein Wunder, dass Firmengründer und CEO Ben Kaufman zu den neuen Shooting Stars der Internet-Unternehmer zählt. 91 Millionen Dollar Venture-Kapital hat Kaufman bereits eingenommen, um die Ideen der beteiligten Internet-Nutzer – der Crowd – marktreif zu machen. 2012 setzte das Unternehmen damit 18 Millionen Dollar umgesetzt, 2013 rechnet man bereits mit 50 Millionen. Die Chancen dafür stehen gut, zumal im April eine Partnerschaft zwischen dem Internet-Start-up und General Electric bekannt gegeben wurde. Sie zielt darauf ab, mehr Produkte schneller in den Handel zu bringen. General Electric beteiligt sich an den Kosten und wird im Gegenzug an den Erlösen beteiligt.

Quirky ist nicht die einzige Online-Plattform, die es Designern, Erfindern und Ideenspendern aus der Internet-Crowd ermöglicht, Geld zu verdienen. Jovoto.com, Threadless.com, Localmotors.com oder Eyeka.com arbeiten ähnlich.

 

Die Kreativ-Plattform Jovoto

Die auf T-Shirt und Modedesigns spezialisierte Plattform Threadless belohnt jeden Entwurf, der auf ein T-Shirt gedruckt wird mit einer Prämie von 2000 US-Dollar. Das klingt nach nicht besonders viel, in Summe hat Threadless aber bisher bereits 7,12 Millionen Dollar an seine Community ausgeschüttet.

 

 Design-Plattform Threadless

Und Crowdsourcing wird längst nicht mehr nur von Start-ups ohne eigene Entwicklungsabteilungen genutzt. Laut Marktforschungsinstitut Interbrand setzen bereits neun der zehn Top-Marken der Welt diese Methode offensiv zur Produktentwicklung ein. Wie weit verbreitet Crowdsourcing bereits ist demonstriert die interaktive Timeline, die Yannig Roth (Twitter: @Yannigroth), Student an der Pariser Universität Sorbonne angelegt hat. Darin sind die Crowdsourcing-Aktivitäten der wertvollsten Marken der Welt von 2005 bis in die Gegenwart gesammelt und nach Kategorien sortiert. (Zur Timeline hier klicken.)

 

Yannig Roths Timeline von Crowdsourcing Projekten internationaler Marken

Coca-Cola Deutschland hat etwa erst vor kurzem über die Crowdsourcing-Plattform Jovoto einen Ideenwettbewerb für die Getränkekiste der Zukunft abgewickelt und dafür ein Preisgeld von 25.000 Euro vergeben.

 

Gewinner beim Coca-Cola Design+ Award

Andere Unternehmen versuchen es auf eigene Faust. Fiat hat die Internet-Crowd schon zweimal eingeladen, am Design und an der Entwicklung von Autos mitzuarbeiten. Ein gutes Jahr vor dem Verkaufsstart des Fiat 500 wurden die Vorlieben hinsichtlich der Innenausstattung, des Armaturenbretts, der Form des Auspuffs oder auch der Seitenspiegel ausgelotet. Über 170.000 Entwürfe und mehr als zehn Millionen Klicks gaben Fiat wertvolle Hinweise darauf, was die Kunden wollen. In Brasilien ging Fiat noch einen Schritt weiter und rief die Menschen auf, ein Konzept für ein neues Stadtauto zu überlegen. Aus den mehr als 10.000 Ideen, die von 17.000 Internet-Nutzern eingebracht wurden, entstand der Fiat Mio.

Fiat Mio – das Auto aus der Crowd

Der Spielwarenfabrikant Lego hat sich und sein Portal lego.cuusoo.com der Crowd geöffnet. Die Initiative war ursprünglich nur als eine kurzfristige Marketing-Aktion geplant, aufgrund des großen Erfolgs aber beibehalten. Lego evaluiert das Portal nun regelmäßig. Entwürfe mit mehr als 10.000 Unterstützungserklärungen werden ihre Marktchancen geprüft. Wird einer von ihnen in die Produktpalette aufgenommen, so wird der Erfinder am Umsatz beteiligt.

 

 Bastelstube Lego Cuusoo

Eine dritte Möglichkeit, um die Wünsche und Ideen der Internet-Community auszuforschen ist, Online-Foren, Blogs und Social Media Portale zu beobachten. Die Kommentare und Diskussionen rund um die eigenen Produkte und die der Mitbewerber zu analysieren und für Produktverbesserungen oder Marketingkampagnen zu nutzen. Die Stimmung der Benutzer richtig zu deuten und zur Entwicklung neuer Produkte zu nutzen ist allerdings eine schwierige Übung, die viel Erfahrung erfordert. Es gibt zwar etliche Analyse-Tools, die eine effektive Beobachtung von Kampagnen und Aktivitäten auf Facebook, Twitter, LinkedIn oder Xing in Aussicht stellen. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass die weit verbreiteten Programme keine besonderen Erkenntnisse liefern. Selbst die von Systemhäusern wie SAP oder IBM angebotenen Softwarelösungen sind noch in einer Frühphase der Entwicklung. „Das Problem ist, dass eine Unmenge unstrukturierter Daten semantisch analysiert werden muss. Das ist schon im Englischen sehr schwierig und im Deutschen heute noch kaum möglich“, erklärt Yussi Pick (Twitter: @Yussipick), Co-Geschäftsführer und Social Media Experte der Wiener Agentur Pick & Barth. Ein weiterer Haken ist, dass die Software-Tools nur frei verfügbare Daten untersuchen können. Gerade bei Facebook gehen aber die Benutzer immer mehr dazu über, möglichst wenig von sich selbst zu verraten.

„Die Ergebnisse automatisierter Analysen sind enttäuschend“, weiß auch Ursula Riegler, Social Media Verantwortliche bei McDonald’s Österreich. Nach einigen Versuchen ist sie von der softwaregestützten Analyse der Netzwerke wieder abgekommen. Ihr Resümee: „Monitoring Tools haben dann Sinn, wenn die Mitarbeiter wenig Web-Affinität haben. Bei uns haben die Erkenntnisse die Kosten nicht gerechtfertigt.“ Wer Social Media ernst nähme käme nicht darum herum selbst aktiv zu werden und die direkte Kommunikation mit den Konsumenten zu nutzen. „Das ist eine Form der Individualisierung in Zeiten der Globalisierung“, meint Riegler. Die im Mai zum dritten Mal gestartete Kampagne, bei der Kunden online Burger gestalten können, die bei auch in den Restaurants verkauft werden, fällt für sie in die gleiche Kategorie. Und sie sind auch eine gute Möglichkeit, um Geschmacksvorlieben zu erforschen und neue Produkte zu entwickeln.

 

Burger-Crowdsourcing von McDonald’s Österreich

Statt auf Software-Tools sollten Unternehmen, die selbst nicht ausreichend Kapazitäten haben, besser auf die Unterstützung spezialisierter Agenturen setzen. Die deutsche Agentur Dialego ist eine davon. „In unseren Analysen spielt Facebook aber nur eine untergeordnete Rolle. Es ist kaum möglich, die dort laufenden Diskussionen zur Produktentwicklung oder Verbesserung zu nutzen“, erklärt Detlef Happel, Spezialist für Online-Analysen. Die in Foren geführten Diskussionen wären wesentlich aufschlussreicher. Happel: „Die Flop-Rate neuer Produkte im Handel liegt bei 70 bis 80 Prozent. Unsere Analysen helfen, die Flop-Raten deutlich zu reduzieren.“

Eine im Handel erfolgreich platzierte Palette von Tierpflegeprodukten für die Marke Swirl oder ein neuer Staubsauger mit Ultraschall-Unterstützung sind zwei Projekte, die Happel begleitet hat. Vor Schnellschüssen oder Analysen auf Knopfdruck warnt er jedoch. Seriöse Empfehlungen wären erst nach etwa sechs Wochen möglich. Alles andere sei unseriös und könne auch ins Auge gehen. Wie danebengegangene Crowdsourcing-Kampagnen ohne Fallback-Strategien zeigen. 2011 rief Henkel etwa die Crowd auf, ein neues Design für ein Spülmittel der Marke Pril zu entwickeln. Es gewann ein Entwurf mit einem braunen Etikett das versprach: „Schmeckt lecker nach Hähnchen.“ Das schmeckte Henkel gar nicht. Der Konzern brach die Kampagne ab, die Crowd protestierte.

 

 Reinfall: Henkel schmeckte die Kreativität der Crowd nicht

Ein Schuss nach hinten war auch ein Fotowettbewerb des Otto-Versand. Gesucht war das neue Gesicht für die Facebook-Seite des Unternehmens. Sieger wurde ein BWL-Student, der dich mit Perücke und Federboa auf einem Sofa räkelte. Der Otto-Versand nahm es wenigstens mit Humor, lud den Gewinner zu einem Fotoshooting ein und stellte somit seine Internet-Community zufrieden. „Die wichtigste Grundregel bei allen Crowdsourcing-Initiativen ist, dass man auf alles gefasst sein muss“, meint Happel. Und: „Man darf die Intelligenz und die Macht der Community nie unterschätzen.“

PS: Danke an Thomas Gegenhuber (Twitter: @gegenhuber), Crowdsourcing-Spezialist der Uni Linz