Sanktionen? Wir sind nicht von den EU und den USA abhängig!

Sanktionen? Wir sind nicht von den EU und den USA abhängig!

Sergej Tscherjomin, Moskauer Stadtrat mit Verantwortung für internationale Investments © Wolfgang Wolak

Mit 11,5 Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt Europas. Sergej Tscherjomin ist in der Stadtregierung verantwortlich für die externen und internationalen Angelegenheiten und hat damit auch die Aufgabe, Investoren aus dem Ausland zur Finanzierung der gewaltigen Stadtentwicklungspläne zu finden. Ein Job, der angesichts der aktuellen Wirtschaftssanktionen zusehends schwieriger wird. Ich traf Tscherjomin, der mit einer Moskauer Delegation im Rahmen einer Pro-Russland-Charme-Offensive in Wien war, zum Interview.

Ihr Job scheint derzeit recht schwierig zu sein.
Sergej Tscherjomin: Wenn ich ganz offen und ehrlich mir selbst und anderen Menschen gegenüber sein will, wenn ich nicht nach doppelten und dreifachen Standards leben will, so habe ich keinerlei Schwierigkeiten mit meinem Job.

Das hatte ich nicht gemeint. Ihre Aufgabe ist es doch darin, ausländische Investoren für Infrastrukturprojekte in Moskau zu gewinnen. Angesichts der über Russland verhängten Sanktionen stellt sich die Frage: Können Sie überhaupt noch Anleger davon zu überzeugen, in die Entwicklung Moskaus zu investieren?
Tscherjomin: Moskau gehört heute weltweit zu den Städten mit der dynamischsten Entwicklung. Im vergangenen Jahr betrug der Umfang von Kapitalanlagen 40 Milliarden US-Dollar (über 30 Milliarden Euro), wobei dies zu zwei Dritteln Privatinvestitionen waren. Moskau lag tatsächlich europaweit auf Rang eins im Hinblick auf eingesetzte Investitionen und die Inbetriebnahme von Immobilienobjekten.
Die Stadt kauft alles, was zur Lebensversorgung und Entwicklung einer Stadt gehört: Aggregate und Maschinen, Elektroanlagen, Medizintechnik, Verkehrsmittel etc. Außerdem geben wir jährlich 7 bis 8 Mrd. Euro für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, vor allem der Metro, aus. Wir investieren weiterhin in die Entwicklung unseres öffentlichen Verkehrsnetzes, von Schulen, Krankenhäusern, für die Gestaltung von Parks und Straßen. Sanktionen können diesen Prozess lediglich abschwächen, ihn aber nicht abbrechen.

Wie gelingt es Ihnen, in der aktuellen Situation Anleger davon zu überzeugen, dass Investitionen in die Entwicklung von Moskau sinnvoll und vor allem auch sicher sind?
Tscherjomin: Die Umsetzung von allen kommunalen Projekten wird fortgesetzt. Die Regierungen der EU-Länder sowie der USA, Kanada, Japan und Norwegen haben beschlossen, die Finanzierung einiger staatlicher russischer Banken sowie mehrerer Rüstungsbetriebe und Energieunternehmen einzustellen. Russland ist aber ein riesiges unabhängiges Land. Früher oder später müssen wir zur Erkenntnis gelangen, dass wir nicht von den Launen von Lieferanten moderner Technik und neuester Technologien abhängen dürfen. Selbstverständlich finden wir neue Partner. Sie können es mir glauben, dass ziemlich viele Länder bereit sind, beliebige europäische und amerikanische Produkte umgehend zu ersetzen. Viele Länder der Erde verfügen über die modernsten Technologien.

Sie sind also der Meinung, dass die Sanktionen wirkungslos sind?
Tscherjomin: Sie können sich gar nicht vorstellen, was für eine intensive Tätigkeit derzeit auf kommunaler Ebene ausgeübt wird. Wir haben zahlreiche Kooperationsangebote von den größten europäischen Städten und Metropolen erhalten, weil die Kommunen im Gegensatz zu staatlichen Gremien mit beiden Beinen auf der Erde stehen, weil sie viel enger mit Unternehmen und Menschen zusammenwirken und Steuern einziehen. Auf kommunaler Ebene sind wir gegenwärtig international äußerst aktiv, das Leben sprudelt.
Vielleicht bekommen wir kurzfristig die einen oder anderen Probleme, sie werden jedoch nicht kritisch sein. Meines Erachtens sollten wir Mittel finden, um diese feindseligen wirtschaftlichen Maßnahmen, die einige Regierungen gegen Russland ergriffen haben, zu stoppen. Wir glauben nicht daran, dass wir uns in einem „kalten Krieg“ befinden, den keiner will, und bauen unsere Beziehungen auf regionaler Ebene weiterhin aktiv aus.

Sergej Tscherjomin © Wolfgang Wolak

Haben sich denn Investoren nicht von Russland und Moskau abgewandt?
Tscherjomin: Wie bereits erwähnt, sind wir auf kommunaler Ebene von den Sanktionen bislang nicht betroffen. Diejenigen, die in Russland bereits Projekte umsetzen, arbeiten daran weiterhin. Es hat sich noch kein einziger Investor zurückgezogen. Aber selbstverständlich weckt diese Situation bei einigen Befürchtungen, und wenn internationale Rating-Agenturen unsere Rankings weiterhin herabsetzen, können auch wir davon in Zukunft betroffen sein. Obwohl ich betonen möchte, dass die wirtschaftliche Situation in Moskau keine negativen Veränderungen aufweist. Wenn man unseren Haushalt betrachtet, so ist klar, dass Moskau zu Städten mit einer ausgesprochen gesunden Wirtschaft gehört: Die Staatsschulden liegen lediglich bei 12 bis 13 Prozent vom Jahreshaushalt. Wenn das Rating von Moskau herabgesetzt werden sollte, so würde dies ausschließlich aus politischen Gründen geschehen.

Wirtschaftssanktionen sind also Ihrer Meinung nach ungerechtfertigt?
Tscherjomin: Ich finde die bestehenden Sanktionen gegen Russland ungerechtfertigt. Soweit mir bekannt ist, hat Russland keine Truppen in die Ukraine geschickt und keine Waffen geliefert. Unser Land setzt sich für eine friedliche Lösung dieses Konflikts und für die Menschenrechte in der Ukraine ein. Wir wollen nur, dass die russischen Menschen im Osten der Ukraine die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten, und das Recht haben, ihre Muttersprache zu sprechen.
Die Initiativen des russischen Präsidenten fanden bei der OSZE, einer Organisation, die für Sicherheit in Europa sorgt, Unterstützung. Ich glaube, die ukrainische Regierung wird sich an die friedlichen Vereinbarungen halten und einen politischen Kompromiss um des Wohls ihres Landes willen halten, das heute am Rande eines Wirtschaftsdesasters steht.

Um es allgemein verständlich zu formulieren: Mit welchen Beträgen aus dem Ausland rechnen Sie? Wieviel Geld benötigt Moskau, um seine Pläne umzusetzen?
Tscherjomin: Im vergangenen Jahr hat Moskau über 10 Milliarden US-Dollar Direktinvestitionen erhalten, doppelt so viel, wie im Jahr davor. Im I. Quartal 2014 wurden insgesamt 16,4 Milliarden US-Dollar investiert. Wir haben sehr viele Projekte, deshalb ist die Höchstschwelle des Bedarfs an Investitionen schwer einzuschätzen.
Moskau wächst in jeder Hinsicht sehr schnell. Vor zwei Jahren ist die Gesamtfläche von Moskau fast um das 2,5-fache erweitert worden. In den Neugebieten sollen an die 1 Million Arbeitsplätze geschaffen werden. Heute ist Moskau weltweit führend, was Investitionen in die Restaurierung von historischen Bauten angeht, weil dies eine wirklich gute Geldanlage ist. 2013 schlugen solche Investitionen mit 400 Millionen Euro aus dem Haushalt und aus Privatquellen einen Rekord. Ferner setzt Moskau die Modernisierung praktisch der gesamten städtischen Infrastruktur fort – in den Bereichen Verkehr, Energiewirtschaft und Soziales. Wir sind uns darüber im Klaren, dass sie nur unter Einsatz von ausländischen Investitionen, Erfahrungen und einer beiderseitig vorteilhaften Zusammenarbeit zu lösen sind. Wir rechnen auch mit einer Beteiligung unserer Wiener Partner an der Umsetzung zahlreicher ambitionierter Projekte.

Moskau wird im Ausland falsch eingeschätzt

Ganz abgesehen von den Sanktionen gilt doch auch die russische Bürokratie als sehr schwierig.
Tscherjomin: Die Bürokratie entstand in Russland im 18. Jahrhundert dank Deutschland, wo Peter der Große Hauptelemente der Staatsverwaltung übernommen hatte. Heute gibt es die Bürokratie überall, selbst in Wien. An einem Tag erhält man nirgends auf der Welt eine Baugenehmigung. Und selbst wenn sie so ausgestellt worden ist, dann offenbar auf zwielichtigem Wege. Überall auf der Welt braucht die Unterzeichnung von staatlichen Aufträgen seine Zeit und ist mit großem Kraft- und Zeitaufwand verbunden. Moskau ist da keine Ausnahme.
Unsere Hauptwaffe gegen bürokratische Hürden sind unsere Offenheit und transparente Geschäftsabläufe. Die Moskauer Stadtregierung hat eine Investitionsstrategie entwickelt und darin ihre Ziele und Prioritäten gesetzt. Im Internet wurde das Investmentportal von Moskau freigeschaltet. Wir haben ein übersichtliches und transparentes System für Staatsaufträge geschaffen. Alle Aufträge — angefangen bei Lieferungen von Bürobedarf bis hin zu den größten Bauvorhaben – werden über öffentliche Ausschreibungen vergeben. Ein Großteil von Dienstleistungen für die Wirtschaft ist auf E-Verfahren umgestellt worden. Viele Verwaltungsfragen werden per Internet gemanagt ohne überflüssige Behördengänge. In der Stadt funktioniert auch eine Struktur zur Förderung des Unternehmertums, zu der Investmentagenturen, das Zentrum für innovative Entwicklung und Agenturen, die für Kleinunternehmen und Start-Ups zuständig sind, gehören.
Deshalb finde ich, dass das Moskauer Geschäftsklima im Ausland häufig falsch eingeschätzt wird. Moskau wird in der Regel noch nicht als Ort betrachtet, an dem man gute Geschäfte machen kann. Es ist jedoch ein Irrtum. Wir sind bemüht, dies potentiellen Investoren klar zu machen und ihnen nahe zu legen, dass die Geschäfte in Moskau sehr profitabel sein können.

Wir spüren keine Folgen der Sanktionen

Mit was für einer Unterstützung können Unternehmen rechnen, wenn sie sich dazu entscheiden, in Moskauer Projekte zu investieren?
Tscherjomin: Unsere Aufgabe besteht darin, Investoren Hilfestellung zu erweisen und einen Zugang zu unseren Ausschreibungen und der Auftragsvergabe zu ermöglichen. Wir helfen ihnen bei der Suche nach Geschäftspartnern und beraten sie in Bezug auf die Bewältigung von eventuellen Schwierigkeiten. Und selbstverständlich erleichtern wir ihnen die Kontakte zu staatlichen Institutionen.
Die österreichische Wirtschaft ist sehr gut in Moskau vertreten. In der Hauptstadt sind über 1.000 österreichische Unternehmen tätig. Derzeit suchen wir nach Firmen, die uns helfen können, unser Verkehrsnetz zu modernisieren: Metro, Straßen, das heißt das Hauptsystem der Stadt. In dieser Hinsicht bietet Moskau eine große Handlungsfreiheit. Allein in den Bereichen Verkehr und Infrastruktur tätigen wir Investitionen in einer Höhe von sieben bis acht Milliarden Euro jährlich, und zuweilen fehlt es uns an Ressourcen für die Umsetzung von einer noch größeren Anzahl von Projekten. Wir bauen zum Beispiel jedes Jahr 15 bis 16 km U-Bahnstrecken. Gegenwärtig schlagen wir Investoren vor, eine Konzession zu einer großen Klinik abzuschließen. Wir bedienen uns der weltweit besten Praktiken und fortschrittlichen Engineering-Ressourcen.

Und Sanktionen können dies nicht verhindern?
Tscherjomin: Moskau hängt nicht von der EU als Investor ab, und wir haben unsererseits keine Sanktionen eingeleitet. Nur ein Beispiel: Wir haben in Polen eine große Anzahl von Straßenbahnen in Auftrag gegeben. Die Polen sind sehr besorgt wegen der Sanktionen, weil sie uns als Kunden nicht verlieren wollen. Sie wissen, dass wir auch Straßenbahnen aus russischer, chinesischer, koreanischer oder anderer Produktion kaufen können.

Sie wollen also weiterhin mit der EU zusammenarbeiten?
Tscherjomin: Die EU ist ein führender Handelspartner von Russland, auf den ungefähr die Hälfte aller russischen Warenexporte und Importe entfällt. Wir betrachten uns als attraktiven Partner der europäischen und österreichischen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr flossen in die Moskauer Wirtschaft 2,807 Milliarden US-Dollar aus Österreich, was 5,3 Mal mehr ist gegenüber 2012. Unter anderem lagen Direktinvestitionen aus Österreich bei 635,4 Millionen US-Dollar.
Es sei daran erinnert, dass Moskau über 20 Milliarden US-Dollar jährlich für Anschaffungen ausgibt. Wo findet man sonst noch so einen Markt? Moskau erwirbt in Österreich Arzneimittel und Medizintechnik, Produkte des schweren Maschinenbaus, Kräne, Fahrzeuge, Elektromaschinen, Werkzeuge, Optik, Kunststoffe uns so weiter.
Wir kaufen weder Pistolen noch Raketen oder Kampfflugzeuge. Wozu auch? Russland hat seine eigenen sehr guten Hersteller von Waffen. Im vergangenen Jahr importierte Moskau Waren aus Österreich in einem Wert von 1.717,6 Millionen. US-Dollar, aber im ersten Quartal dieses Jahres sind österreichische Importe um 18,7% zurückgegangen gegenüber dem gleichen Zeitraum von 2013 und betrugen nur 300,5 Millionen. US-Dollar. Das heißt, dass es diese Sanktionen gibt und dass sie sich auf die österreichische Wirtschaft auswirken, während wir in Moskau keine Folgen zu spüren bekommen.
Wenn wir wegen der Sanktionen Wirtschaftsprojekte mit der EU oder den USA zurückfahren müssen, sind wir gezwungen die Zusammenarbeit mit Asien auszubauen. Bekanntlich findet man aber gute Partner nicht so leicht.
Auf jeden Fall halten Sanktionen dazu an, zu überlegen und neue Ideen zu entwickeln, wie man zukünftig überleben kann. Sie zwingen uns dazu, dass wir nicht auf der faulen Haut liegen und nur von den Einnahmen aus Öl- und Gasexporten leben. Wir müssen eben selbstgenügsam sein.
In unserer Welt herrscht eine harte Konkurrenz. Alle Städte und insbesondere die Metropolen wetteifern um Investitionen sogar mehr, als Länder oder Industriebranchen. Alle wollen zeigen, dass sie ein besseres Geschäftsumfeld haben und die begehrtesten Objekte für ausländische Investitionen in der Welt sind. Meiner Ansicht nach steht Moskau nach wie vor auf der Liste der weltweit attraktivsten Städte für ausländische Investitionen. Insbesondere für diejenigen, die langfristig investieren wollen.

Sergej Tscherjomin © Wolfgang Wolak

Was wären die Konsequenzen, wenn die Sanktionen aufrechterhalten und weiter verschärft werden?
Tscherjomin: Wenn wir wegen der Sanktionen Wirtschaftsprojekte mit der EU oder den USA zurückfahren müssen, sind wir gezwungen die Zusammenarbeit mit Asien auszubauen. Bekanntlich findet man aber gute Partner nicht so leicht.
Auf jeden Fall halten Sanktionen dazu an, zu überlegen und neue Ideen zu entwickeln, wie man zukünftig überleben kann. Sie zwingen uns dazu, dass wir nicht auf der faulen Haut liegen und nur von den Einnahmen aus Öl- und Gasexporten leben. Wir müssen eben selbstgenügsam sein.
Für Russland haben die Sanktionen zum Teil auch Vorteile. Danone zum Beispiel baut, wie auch andere europäische Unternehmen, die in Russland tätig sind, die Produktion in Russland aus. Wenn die Menge von Produkten, die für den Import freigegeben sind, reduziert wird, muss die Produktion im Inland erfolgen. Damit wird für zusätzliche Arbeitsplätze in Russland gesorgt.
Moskau steht nach wie vor auf der Liste der weltweit attraktivsten Städte für ausländische Investitionen. Insbesondere für diejenigen, die langfristig investieren wollen. Wir wissen aber, dass in unserer Welt eine harte Konkurrenz herrscht. Alle Städte und insbesondere die Metropolen wetteifern um Investitionen. Sogar mehr, als Länder oder Industriebranchen. Alle wollen zeigen, dass sie ein besseres Geschäftsumfeld haben und die begehrtesten Objekte für ausländische Investitionen in der Welt sind.

MOSKAU

Moskau wächst in jeder Hinsicht schnell. Im Juli 2012 wurde das Stadtgebiet mit den Bezirken Nowomoskowski und Troizk auf 2510 Quadratkilometer erweitert. In den Neugebieten sollen eine Million Arbeitsplätze geschaffen werden. Im Stadtgebiet leben 11,5 Millionen Menschen, im Ballungsraum 15,1 Millionen. Damit ist Moskau die größte Stadt Europas. Moskaus jährliches Procurement-Budget liegt bei 20 Milliarden Dollar. 2013 lag der Umfang von Kapitalanlagen bei 40 Milliarden Dollar, die Stadt hat im vergangenen Jahr über zehn Milliarden Dollar an Direktinvestitionen erhalten.

Erinnerungen an Tschernobyl: „Es ist ein Verbrechen“

Am 26. April 1986 ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl. Natalija Tereshchenko war damals 35 Jahre und Ärztin in einer Brigade vor Ort. Im Gespräch mit format.at erinnert sie sich an die Ereignisse vor 28 Jahren: "Es ist unvorstellbar, wie die Menschen damals benutzt wurden. Ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte."

Ich treffe Natalija Tereshchenko im Büro der Wiener Umweltschutzorganisation Global 2000. Es ist fast auf den Tag genau 28 Jahre her, dass ich in Tschernobyl das bis heute unvergessene Reaktorunglück ereignete. Ich selbst war damals in der Maturaklasse des Gymnasiums in Linz und Tschernobyl war für uns Schüler klarerweise das Thema Nummer ein. Auch wenn das wahre Ausmaß des Unglücks niemand wirklich fassen konnte. Radioaktivität hatten wir bislang nur im Unterricht kennengelernt und einige unter uns bei Röntgen-Untersuchungen im Spital.

Obwohl seither viel über Tschernobyl erfahren, gelesen und in Filmen gesehen habe, ist Tereshchenko die erste Person, die ich kennenlerne, die damals direkt vor Ort war. Für mich als Journalist ist das Gespräch mit der schüchternen Frau, die von den Erlebnissen der schicksalhafte Tage und Wochen des Jahres 1986 immer noch merklich traumatisiert ist und beim Erzählen mitunter mit den Tränen kämpft, also auch etwas Besonderes.

Natalija Tereshchenko
Natalija Tereshchenko

Wann haben Sie zum ersten Mal vom Unfall in Tschernobyl gehört?

Natalija Tereshchenko: Zum ersten Mal habe ich am 25. April im Radio in den Nachrichten gehört, dass es auf dem Dach des Reaktors einen Brand gegeben haben soll. Damals hat man nicht gesagt, dass es für die Bevölkerung gefährlich sein könnte. Es gab überhaupt keine weiteren Informationen. Ich war noch eine junge Ärztin, 35 Jahre alt und konnte das nicht richtig einordnen. Mein Vater ist Physiker und Wissenschaftler. Er hat dann im Feindradio gehört, dass es eine radioaktive Wolke gibt, die wahrscheinlich aus Tschernobyl kommt.

Wo waren Sie damals?

Tereshchenko: In Charkiv, das ist im Osten der Ukraine, etwa 500 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl. Ein paar Tage später fanden dann die Mai-Kundgebungen statt. Das Wetter war schön, die Leute waren im Freien, haben getanzt und gefeiert. Niemand wusste, dass das gefährlich ist.

Dann sind viele Militärfahrzeuge und Rettungsautos Richtung Kiew gefahren. Da haben wir geahnt, dass der Unfall in Tschernobyl nicht so harmlos sein konnte. Danach kamen auch schon die ersten Menschen, die aus der Region um Tschernobyl evakuiert worden waren, nach Charkiv. Sie wurden dekontaminiert und neu eingekleidet.

Wie war das für sie?

Tereshchenko: Es war schrecklich. Es herrschte eine Hysterie. Die Leute hatten Angst. Die Familien hatten alles zurücklassen müssen, die Kinder haben geweint. Es wurden ungefähr 15.000 Familien nach Charkiv gebracht. Wir mussten alle untersuchen und die Leute, deren Blutwerte schlecht waren, in die Spitäler verteilen.

Sind die Menschen in Charkiv geblieben?

Tereshchenko: Für sie wurde später ein neuer Ort, Vilcha, 70 Kilometer von Charkiv entfernt, gebaut. Viele ältere Menschen sind aber wieder in die Zone zurückgekehrt. Das Problem ist, dass jetzt immer wieder Familien mit ihren Kindern in die Zone fahren, um die Großeltern zu besuchen. Kinder unter 19 Jahren sind dort streng verboten, aber sie werden in Autos unter Decken versteckt, um sie hinein zu schmuggeln. Dort essen sie dann alles, was verboten ist. Beeren, Pilze – verstrahltes Essen, das bei Kindern und jungen Menschen schwere Schäden verursachen kann. Es gibt bis heute keine Zone, von der man sagen kann, dass sie sicher ist. Radioaktivität kann überall sein.

Wann sind dann Sie nach Tschernobyl gekommen?

Tereshchenko: Schon am 6. Mai wurden die ersten Leute aus Charkiv nach Tschernobyl geschickt, um dort zu arbeiten. Am 16. August musste ich mit einer Brigade in die Region fahren. Was ich dort machen sollte habe ich nicht erfahren. Es spielte auch keine Rolle, dass ich zwei kleine Kinder hatte. Ich musste sie bei meinem Mann zurücklassen. Ursprünglich hätte ich 20 Tage lang bleiben sollen, dann wurden 33 daraus.

Es ist heute unvorstellbar, wie die Menschen damals benutzt wurden. Insgesamt haben nach dem Unfall sicher eine Million Leute dort gearbeitet. Viele noch ganz junge Soldaten, die nicht wussten, was sie machen. Es ist ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte.

Was mussten Sie dort machen? Welche Aufgabe hatten Sie?

Tereshchenko: Ich war in einem Ärzteteam das die Aufgabe hatte, das Blut der Leute, die in der Atomruine gearbeitet haben, zu untersuchen. Wir wurden in einem örtlichen Spital einquartiert und mussten täglich ohne einen freien Tag 18 Stunden lang arbeiten. In unserem Schlafsaal war die Strahlung beim Fenster enorm hoch und daher versuchten alle, so weit wie möglich davon entfernt zu schlafen. Wir hatten aber keine Messgeräte, um die Strahlung selbst zu messen. Auch keine Schutzkleidung, nur unsere weißen Mäntel und einfache Atemmasken, und davon auch nur zwei pro Tag. Während der ganzen Zeit habe ich auch nur zwei Tabletten bekommen, die von einer Regierungs-Kommission, die den Reaktor untersucht hat, übrig geblieben waren. Sonst gab es nichts für uns.

Waren unter den Leuten, deren Blut Sie untersucht haben, viele Strahlenopfer?

Tereshchenko: Unter 30 waren sicher immer mindestens fünf, sechs, die nicht mehr in den Reaktor zurück durften, weil ihre Werte zu schlecht waren. Auch ich bin nach dem Einsatz krank geworden und in meiner rechten Hand hat sich ein Geschwulst entwickelt. Alle, die dort gearbeitet haben, bekamen Herz- und Kreislaufprobleme, hatten Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Wir durften aber nicht die Diagnose „Strahlenkrankheit“ ausstellen. Das war vom Ministerium so angeordnet. Erst wenn jemand im vierten Grad betroffen war, das waren die ganz schweren Fälle, die alle kurz darauf gestorben sind, durften wir eine Strahlenkrankheit diagnostizieren.

Die Ärzte-Brigade mit Natalya Tereshchenko (2.v.re) Bild: © privat
Die Ärzte-Brigade mit Natalya Tereshchenko (2.v.re) Bild: © privat

Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Ärzten, die ebenfalls dort waren?

Tereshchenko: In der Brigade, mit der ich damals dort war, waren 54 Leute, und es leben nur noch drei. Ich und noch zwei weitere. Die beiden anderen sind auch schon schwer krank. Mein Glück war, dass mein Mann im Jahr 1987 eine Arbeitsstelle in Vietnam bekommen hat. Ich konnte mit ihm aus der Ukraine weg, in eine Umgebung mit frischer Luft und unverstrahlten Lebensmitteln. Deswegen lebe ich wohl noch und bin auch noch weitgehend gesund.

Was ist mit den Untersuchungsprotokollen von damals geschehen?

Tereshchenko: Die Protokolle und anderen Daten, die gesammelt wurden, sind bis heute unter Verschluss. Das ist strengste Geheimsache. Dabei gibt es das Problem noch tausende Jahre. Und die Aufzeichnungen könnten auch wertvoll sein, wenn irgendwo ein ähnlicher Unfall geschieht – was hoffentlich niemals passiert. Es darf sie immer noch niemand sehen. 28 Jahre danach.

Wie geht man heute in der Ukraine mit der Katastrophe um?

Tereshchenko: In der Ukraine ist der Unfall auch bis heute ein Tabu-Thema. Nur zum Jahrestag am 26. April spricht man ein wenig darüber. Dabei ist es die schrecklichste Katastrophe, die unser Land getroffen hat. Es gibt sehr viele Behinderte und immer noch viele schwere Krankheiten, die in Zusammenhang mit der Strahlung stehen. Die Regierung schweigt das aber tot und von den Menschen, die damals dort gearbeitet haben, lebt kaum noch jemand. Niemand kann davon erzählen und die Kinder erfahren in den Schulen auch kaum etwas von Tschernobyl. Wie soll man aber auch den Kindern sagen, dass ihr Land noch tausende Jahre kontaminiert sein wird?

Natalija Tereshchenko war auf Einladung der Umweltschutzorganisation Global 2000 in Österreich

Crowdfunding: With a little help from my friends

Wer hatte  nicht schon einmal eine tolle Idee, aber nicht genug Geld um sie umzusetzen? Keine Bank und auch keinen Investor, der die Idee mindestens genauso grandios fand und die bloß noch fragten, auf welches Konto das notwendige Startkapital überwiesen werden soll? Crowdfunding und Crowdinvesting Plattformen sind neue Möglichkeiten, um vielleicht doch an das notwendige Kapital zu kommen und durchstarten zu können. Freilich ohne Erfolgsgarantie, aber wie beim Lotto gilt der Spruch: „Alles ist möglich!“

In den USA ist das Crowdfunding und das Crowdinvesting bereits weiter verbreitet. Aber auch dort hat die US Securities and Exchange Commission erst am 23. Oktober 2013 einen Vorschlag abgegeben, wie das Crowdfunding in den USA künftig geregelt sein soll. Auf über 500 Seiten wird dabei erklärt, wie und unter welchen Umständen sich private Kleinanleger an Unternehmen beteiligen können sollen (Den ganzen Vorschlag findet man hier pdf-Dokument). Die wichtigsten Punkte daraus:

  • Unternehmen dürfen maximal eine Million Dollar pro Jahr über Crowdfunding einsammeln
  • Investoren mit einem jährlichen Nettoeinkommen unter 100.000 $ dürfen maximal 2000 $ oder 5 % davon investieren, wer jährlich mehr als 100.000 $ netto verdient darf davon zehn Prozent investieren.

SEC

Für einen Artikel im profil habe ich mir vor kurzem die österreichischen Crowdfunding-Plattformen angesehen. Mit conda.at und 1000 x 1000 waren erst zwei Plattformen aktiv, und auch die hatten bisher kaum Erfolge vorzuweisen. Geld zu investieren ist eben Vertrauenssache. Auch wenn es sich nur um relativ kleine Beträge handelt. Hier ist der Artikel zum Nachlesen:

Zur guten Hoffnung 

Investieren. Für Privatanleger war es bisher kaum möglich, in Startups zu investieren. Über das Internet und Crowdinvesting-Plattformen können sich jetzt aber auch Kleinanleger Geld an neu gegründeten Unternehmen beteiligen – mit der Aussicht auf eine hohe Rendite, aber auch dem Risiko eines Totalverlusts.

Das alte Bauernhaus, in dem die Lebenskünstler Christian Frantal und Markus Pötzl ihre Werkstatt eingerichtet haben, erinnert an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. Umgeben von Apfelbäumen, Maisfeldern und Pferdekoppeln arbeiten die zwei Aussteiger mit drei Gleichgesinnten an ihrem Traum: Einem in traditioneller Handarbeit gefertigten, hölzernen Wagon, der auf kleinstem Raum Platz zum Wohnen und Arbeiten bietet. Dazu gehören ein Wohn- und Arbeitszimmer mit Kochnische, ein kleines Badezimmer und ein Schlafzimmer, das tagsüber mit Hilfe einer Kurbel im Dach des Wagons verstaut werden kann. Damit der Wagon ganzjährig bewohnbar ist wird er auch entsprechend gedämmt und eine im Dach integrierte Photovoltaik-Anlage soll die zum Leben benötigte Energie liefern.

Soweit der Plan, denn noch haben Frantal und seine Mitstreiter nicht einmal den ersten Prototyp fertig gebaut. Trotzdem haben sie schon jetzt erste konkrete Anfragen für die je nach Größe und Ausstattung zwischen 30.000 und 70.000 Euro teuren Wohnwagons. Für die Gründer, deren Unternehmen erst Ende Juni offiziell im Firmenbuch eingetragen wurde, ein Ansporn, sich noch mehr ins Zeug zu legen.

Das Interesse kommt nicht von ungefähr. Die bodenständigen Handwerker aus Sachsendorf in Niederösterreich haben für ihr Untenehmen mangels Eigenkapital oder eines Bankkredits die neue Finanzierungsform genutzt und sich und ihre Idee dafür öffentlich gemacht. Mit Erfolg. Wohnwagon ist das erste Projekt, das über die neue österreichische Internet-Plattform Conda finanziert wurde. Insgesamt 108 Investoren haben dem Unternehmen über conda.at Geld zur Verfügung gestellt, sich damit an dem Unternehmen beteiligt und die für den Start und den Bau des ersten Prototyps notwendigen 75.000 Euro aufgebracht.

wohnwagon
„Wir wohnen wo wir wollen“ ist das Motto von Wohnwagon.at, dem ersten erfolgreich finanziertem Crowdinvesting-Projekt Österreichs

„Crowdinvesting“ wird diese Art der Finanzierung genannt, bei der sich Privatpersonen über das Internet mit kleinen Beträgen – zwischen zehn und 5.000 Euro – an Start-ups beteiligen und als stille Teilhaber am späteren Unternehmenserfolg partizipieren. In den USA hat das Sytem ausgehend von Kickstarter.com, der ersten Plattform zur Finanzierung neuer Produkten und Innovationen, bereits eine ziemliche Dynamik bekommen. Rund 1,6 Milliarden Dollar haben die Internet-Plattformen im Jahr 2012 eingenommen. In Österreich haben es die Vermittler wegen der komplizierten Gesetzeslage nicht ganz so leicht. Hierzulande dürfen sie den Bestimmungen der Finanzmarktaufsicht (FMA) zufolge auch nur Finanzierungen bis zu 250.000 Euro stellen.

Für ihr Geld werden den Investoren je nach Plattform unterschiedliche Rechte zugestanden. In der Regel bekommen Anleger einen Jahreszins von einem Prozent und werden am Gewinn beteiligt. Bei einem allfälligen Verkauf des Unternehmens wird ihnen entsprechend ihres Einsatzes ein Anteil am Erlös ausbezahlt und nach Ablauf der mehrjährigen Bindefrist, die zwischen vier und zehn Jahren liegen kann, können sie ihre Anteile zu dem zu diesem Zeitpunkt errechneten Unternehmenswert abstoßen.

Für die Anleger ist der Reiz dabei die Chance, dass ein Unternehmen tatsächlich den großen Coup landet und sich damit ihr Einsatz binnen weniger Jahre vervielfacht. Es lebt der Traum vom neuen Apple, das im Jahr 1976 mit einem Startkapital von nur 1300 Dollar gegründet wurde. Wer wäre nicht gerne Mike Markkula, der 1977 als erster Investor bei Apple einstieg und für seine 250.000 Dollar 26 Prozent der Unternehmendanteile bekam? Hochgerechnet auf die aktuelle Marktkapitalisierung von 334 Milliarden Dollar wäre sein damaliges Investment heute knapp 87 Milliarden Dollar wert. Auf 100 Crowdinvestoren umgelegt wäre jeder Einzelne 870 Millionen Dollar schwer.

Apple-Gründer Steve Jobs (re) mit Mike Markkula im Jahr 1977
Apple-Gründer Steve Jobs (re) mit Mike Markkula im Jahr 1977

Den hohen Gewinnaussichten steht jedoch auch das erhebliche Risiko gegenüber, dass viele neu gegründete Unternehmen trotz erfolgreicher Startfinanzierungen, guter Geschäftsideen und ausgeklügelter Businesspläne die ersten Jahre nicht überleben. Optimistischen Schätzungen zufolge liegt die Drop-Out-Quote neu gegründeter Unternehmen innerhalb der ersten fünf Jahre bei 40 Prozent, Pessimisten gehen davon aus, dass überhaupt nur eines von zwölf Unternehmen so lange durchhält. Selbst wenn die tatsächliche Überlebenschance irgendwo in der Mitte liegt müssen sich Investoren bewusst sein, dass es extrem risikoreich ist, in Start-ups zu investieren.

Daniel Horak, einer der beiden Geschäftsführer von Conda, macht sich und potenziellen Kleinanlegern auch keine Illusionen. Obwohl Conda mit Partnern wie der Wirtschaftstreuhand- und Steuerberatungsgesellschaft TPA Horwath, der Rechtsanwaltskanzlei Schönherr, der VBV Vorsorgekasse oder Kapsch zusammenarbeitet und jedes Unternehmen, das eine Finanzierung über die Crowdinvesting-Plattform anstrebt, auf Herz und Nieren prüft, bleibt das Risiko eines Totalausfalls. „Es ist und bleibt absolutes Risikokapital“, bestätigt er.

Für Theresa Steininger, der Geschäftsführerin von Wohnwagon, war es daher auch keineswegs so klar, dass tatsächlich über 100 Leute Geld in das Unternehmen investieren werden: „Man stellt sich das so schön vor. Da gibt es eine Plattform, dann kommt die Cloud, und schon hat man genug Geld. Tatsächlich war es harte Arbeit. Wir haben den Markt ein halbes Jahr lang mit Veranstaltungen und Vorträgen bearbeitet, um die Leute von unserer Idee zu begeistern.“ Zudem hat Steininger die Crowd-Investoren als durchaus kritische Geldgeber kennengelernt, die sich sehr genau über das Unternehmen, seine Ziele und seinen Businessplan informieren, ehe sie auch nur einen Cent investieren. Für die Wohnwagon-Chefin war das eine sehr lehrreiche Erfahrung, denn Schwächen im Businessplan wurden schonungslos aufgezeigt.

Steininger verspricht jedenfalls, dass die Geldgeber aus dem Internet nicht enttäuscht werden. Ab dem nächsten Jahr wird es den Wohnwagon in drei verschiedenen Größen und in zwei Varianten geben: Einer stationären mit einem nur für Transporte genehmigten Fahrgestell für den Zweitwohnsitz im Grünen und einer mobilen, reisefähigen, die wie ein Wohnwagen an ein Auto gehängt werden kann. Für die zweite Variante müssen allerdings noch einige Details geklärt werden. So suchen die Wagon-Bauer etwa noch nach Lieferanten für gut gedämmte, bruchsichere Polycarbonat-Fenster.

Conda-Geschäftsführer Daniel Horak ist indessen damit beschäftigt, neue Projekte, Businesspläne und Start-ups zu prüfen. Und nicht nur die von Start-ups: Auch bestehende kleine Unternehmen, die für ein neues Projekt Geld benötigen, sollen die Plattform zur Finanzierung nutzen können. Aktuell etwa die Brain Company, die versucht, über die Crowdinvesting-Plattform das Kapital zur flächendeckenden Markteinführung einer neuen Software zu bekommen. „Wir wollen den Investoren die Möglichkeit bieten, in mehrere verschiedene Unternehmen, darunter auch einige die schon etwas länger am Markt sind, zu investieren. So wird das Risiko etwas gestreut“, erklärt er

Doch auch Conda selbst hat noch mit den Problemen eines Start-ups zu kämpfen. Das erfolgreich abgewickelte Pilotprojekt Wohnwagon hat den Business-Angels aus dem Internet eine gewisse Publicity beschert. Von dem Ziel, im nächsten Jahr 30 bis 35 Projekte abwickeln zu können und damit auch selbst den Break-Even zu erreichen – Conda behält bei einer erfolgreichen Vermittlung und Finanzierung neun Prozent des Kapitals als Honorar – ist das Unternehmen noch ein ganzes Stück weit entfernt. Ein Großteil der Geschäftsideen und Businesspläne, die Horak und sein Team zu Gesicht bekommen, werden nämlich vom Fleck weg aussortiert, weil sie nicht den Qualitätskriterien der Plattform entsprechen. Horak: „Wir haben mittlerweile rund 250 Anfragen bekommen. Viele Businesspläne sind aber einfach schlecht. Nach dem ersten Check bleiben vielleicht 15 bis 20 Prozent übrig.“ Allen Start-ups, die sich Geld aus der Crowd erhoffen, gibt der Conda-Chef daher den dringenden Rat, zuerst einmal einen ordentlichen Businessplan und einen Finanzplan zu erstellen und vorab ein erstes Feedback aus dem eigenen Umfeld einzuholen: „Viele Gründer vergessen in den Businessplänen die grundlegenden Dinge ihres Geschäfts. Ein Businessplan für einen Online-Shop ohne Eckdaten wie User-Zahlen oder Conversion-Rate ist nicht gut. Auch wenn die Zahlen nie stimmen muss man sich darüber Gedanken machen.“

Ein Grund weshalb den Conda-Gründern oft unausgegorene Businesspläne vorgelegt werden ist, dass die Idee des Crowdinvesting in Österreich noch ziemlich neu. Neben conda.at ist mit 1000×1000.at nur eine weitere heimische Plattform online. Eine dritte, seedsmart.at, ist im Lauf des Jahres über das Beta-Stadium nicht hinausgekommen. Auch wenn der Firmenchef Andreas Köttner betont, dass die Plattform noch heuer in den Echtbetrieb gehen soll sieht es derzeit nicht danach aus.

Wie sehr das Crowdinvesting in Österreich noch im Anfangsstadium ist zeigt die im Februar nach einer zehnmonatigen FMA-Prüfung vom Grazer Reinhard Willfort gestartete Plattform 1000×1000. Trotz bewusst niedrig angesetzter Schwellen für Investoren – beim Equity-Modell kann man sich ab einer Summe von 250 Euro an Unternehmen beteiligen und bei dem zur Finanzierung kleinerer Projekte wie etwa Smartphone-Apps geschaffenen Reward-Modell sogar schon mit fünf Euro – tun sich die Gründer schwer, von der Crowd das notwendige Startkapital zu bekommen.

Von Mitte Februar bis Ende September versuchte etwa der Autor Folke Tegetthoff gemeinsam mit seinem Partner Peter Schreiner von der Crowd 50.000 Euro für seine Idee der „Geschichtenbox“ zu bekommen. Ohne Erfolg: Die 16 Investoren hätten gemeinsam bloß 12.350 Euro zur Verfügung gestellt. Die Finanzierung ist damit gescheitert. Die Crowd-Investoren hatten dadurch das zumindest kein Schaden. Sie erhielten – wie das bei Projekten, deren Finanzierung nicht zustande kommt allgemein üblich ist – ihr Geld zurück.

Für das Buch-Café, das die Wiener Neustädterin Manuela Grabherr-Gappmayer eröffnen wollte, sieht es ebenfalls schlecht aus. 50.000 bis 100.000 Euro hoffte sie in der Zeit vom 28. Juni bis zum 28. Oktober von der Crowd einsammeln zu können. Ende der ersten Oktoberwoche hatten sich jedoch sich erst 20 potenzielle Investoren gefunden, die in Summe 7800 Euro, 16 Prozent des Mindestkapitals, zu finanzieren bereit gewesen wären.

Nicht einmal der Promi-Faktor der Torwart-Legende Michael Konsel zieht: Dem von Konsel mit den Partnern Helmut Hofer-Gruber und Michael Göbharter gestarteten Unternehmen Panna-KO Austria, das eine südamerikanische Spielart des Fußball nach Österreich bringen will, ist es in einem halben Jahr nur gelungen, 15 Investoren anzusprechen. Mit bisher eingesammelten 14.000 Euro ist das Trio noch weit vom Ziel entfernt. Das einzige auf der Website ersichtliche ausfinanzierte Projekt der Plattform ist die vom Initiator selbst ins Leben gerufene Ideenplattform „Neurovation.net“. Insgesamt 84 Investoren finanzierten das Projekt mit 75.100 Euro.

Für den 1000×1000 Geschäftsführer Willfort ist das dennoch kein Grund, an der Idee des Crowdinvesting zu zweifeln: „Für Start-ups ist es mittlerweile extrem schwierig, Finanzierungen zu bekommen. Die Situation hat sich mit Basel III dramatisch verschärft. Banken geben kein Geld mehr her und Risikokapital ist in Österreich kaum vorhanden.“ Diese Lücke könnte und sollte das Crowdinvesting schließen. Willfort: „In einigen Jahren wird das Crowdinvesting ein ganz wichtiges Element bei der Start-up Finanzierung sein.“

Interview mit Hutchison 3G CEO Jan Trionow: „LTE ist wie ein flächendeckend verfügbares WiFi Netzwerk“

Interview-Reihe zur LTE-Auktion in Österreich: Für einen Artikel im Magazin trend anlässlich der Vergabe der 4G-Lizenzen in Österreich  habe ich Interviews mit den CEOs der drei österreichischen Mobilfunk-Anbieter und mit dem Georg Serentschy, Chef der Telekom-Regulierungsbehörde RTR geführt.

Hier ist das vierte Interview dazu. „3“-CEO Jan Trionow wagt einen Ausblick in die vierte Mobilfunkgeneration LTE.

3-CEO Jan Trionow

3-CEO Jan Trionow

trend: In Österreich steht der landesweite Rollout der vierten Mobilfunkgeneration LTE an. Was wird sich dadurch verändern?

Jan Trionow: Die Veränderungen in der Branche sind schon länger im Gange. Der Fokus der Dienste entwickelt sich weg von Sprachdiensten hin zu Datendiensten. Smartphones und USB-Modems haben dazu einen Beitrag geleistet, das Breitband-Internet über Mobilfunk auf eine ganz einfache und bequeme Art und Weise zur Verfügung stellen.
LTE wird diesen Prozess nochmals beschleunigen. Zum einen weil LTE die Möglichkeit gibt, noch leistungsfähigere Dienste anzubieten – noch höhere Datenraten, noch kürzere Latenzzeiten. Damit wird das Thema Performance generell, aber auch neue Dienste eine neue Dimension erreichen. Auf der anderen Seite wird mit LTE den Betreibern auch das Mittel in die Hand gegeben, das Ganze auch effizient zu produzieren. Es ist eine Technologie mit der wir effizient das weiter exponentiell steigende Datenvolumen bearbeiten können.

Wird sich dadurch auch die strategische Ausrichtung von Drei ändern?
Trionow: Wir haben uns als Angreifer positioniert und wollen die Rolle mit den Möglichkeiten von LTE weiter einnehmen. Drei stand von Anfang an dafür, am Telefon mehr zu machen als bloß Sprache und SMS. Es war unsere Vision, dass sich unser Leben dadurch ändert. Das tritt jetzt ein und wird mit LTE Realität. Dazu muss LTE landesweit funktionieren. Es reicht nicht, es punktuell in den Städten zu haben. Das wird der Technologie nicht zum Durchbruch verhelfen. es geht darum, die Dienste landesweit anzubieten, die Technologie reif für den Massenmarkt zu machen.

Wann wird der Massenmarkt etwas davon haben?
Trionow: Im Fall von LTE wird der Nutzen für die Bevölkerung wesentlich schneller sichtbar werden als das bei UMTS der Fall war. Zum einen gibt es Versorgungsauflagen, die Richtung nahezu 100 Prozent gehen. Viel wichtiger aber ist, dass diesmal der Bedarf vorhanden ist. Am Anfang von UMTS hat man sich die Frage gestellt, wozu man das überhaupt braucht. Das ist heute kein Thema. Es geht darum, ob man wirtschaftlich einen möglichst schnellen Roll-Out schafft. Wir bei 3 haben eine einmalige Chance. Wir sind gerade dabei, aus ehemals zwei Netzen – dem von Orange und dem früheren Netz von 3 ein neues zu machen. Wir fassen also ohnehin das ganze Netz an, und bei der Gelegenheit werden wir auch gleich landesweit LTE ausrollen. Unser Plan ist sehr klar. Bis Anfang 2015 soll es landesweit LTE geben. Das werden Versorgungsgrade jenseits der 95 Prozent sein, also etwas, das das Attribut landesweit durchaus verdient.

Wie wird sich durch LTE die Tarifstruktur ändern?
Trionow: Heute unterstützt LTE bis zu 150 Mbit/s. die werden allerdings geteilt werden müssen. Die aktuelle Spitzenrate wird daher von der Netzdimensionierung, aber auch vom Tarif abhängen. Es wird in der Tariflandschaft mit LTE eine sehr starke Differenzierung geben zwischen sehr günstigen Einsteigertarifen und Tarifen, die zu einem höheren Preis eine Top-Performance haben. Diese ganze Palette, von günstigen Einsteiger-Tarifen bis zu hochwertigen Premium-Angeboten, kann man mit LTE anbieten. Als Branche sind wir da auf dem Weg. Die Differenzierung haben wir heute schon im Portfolio, mit LTE wird man sie richtig erleben können.

Kann das mobile Internet mit LTE das Festnetz-Internet ersetzen?
Trionow: Besonders im ländlichen Bereich ist das mobile Breitband auch ein Standortfaktor. Die Hoffnungen gehen in Richtung Glasfaser, der wirklich machbare Schritt ist aber in nächster Zeit LTE. Es geht daher darum, jetzt mit LTE in die Fläche zu kommen. Dann mit einem Glasfaser-Ausbau sicherzustellen, dass die Mobilfunkstationen angebunden sind. Gerade in Österreich, wo es auch Gebiete mit relativ geringer Bevölkerungsdichte gibt, geht es darum einen hohen Versorgungsgrad zu erreichen. Man kann Österreich eben nicht mit Hongkong oder Singapur vergleichen.

Was kommt nach LTE?
Trionow: Landesweites LTE mit 100, 150 Mbit wird ein Riesenschritt. Mit dem ersten Schritt ist die Reise noch nicht zu Ende, wie weit wir aber in Zukunft weitermachen können hängt auch von der wirtschaftlichen Gesamtsituation ab. LTE Advanced ist eine neue Technologie, bei der auch die Endgeräte noch ihren Preis haben. Die derzeitigen Piloten zeigen was möglich ist. Das ist sehr interessant, es wird aber noch einige Zeit dauern, ehe das für den Massenmarkt relevant wird.

Also laufend weitere Technologien und Investitionen?
Trionow: Die Diskussion um Regulierung, die Frequenzauktion und die Kosten der Frequenzen ist deshalb auch extrem wichtig. Die Politik und der Regulierer dürfen nicht übertreiben und der Branche die Mittel entziehen, die sie für weitere Investitionen braucht. Wir werden auch weitere Frequenzen benötigen. Die Digitale Dividende 2 ist ein wichtiges Spektrum, das wir brauchen werden. Die EU hat sich bereits positioniert, dass dieses Spektrum mittelfristig zur Verfügung gestellt wird. Es wird auch für Österreich wichtig sein, sie möglichst schnell dem Mobilfunk zur Verfügung zu stellen. Heute passiert in dem Frequenzbereich noch DVB-T 2. Dort muss die medienpolitische Sicht angepasst werden.

Soll die Frequenzvergabe anders geregelt werden?
Trionow: Aktuell läuft in Österreich eine Auktion von Frequenzen für Mobilfunk. Die Minimalpreise wurden dabei auf 526 Millionen festgelegt. Auf der anderen Seite gibt es ein Fernsehspektrum, das de facto gratis vergeben wird. Auf diesen Frequenzen läuft ein Bezahl-Bündel für Privatfernsehen. Auf einem mobilen Breitbandnetz läuft vor allem Video. Natürlich YouTube, aber auch die Mediatheken der einzelnen Fernsehsender. Das heißt in beiden Fällen geht es um Videoübertragung, das Internet bietet aber eine viel größere Vielfalt. Zu behaupten, dass ein terrestrisches Fernsehen medienpolitisch wichtiger wäre als ein Breitband ist daher aus meiner Sicht falsch. Warum schenke ich dem einen die Frequenzen und zocke den anderen ab? Das ist für mich nicht nachvollziehbar.

Werden die Mobilfunkanbieter zu Fernsehanbietern?
Trionow: Wir sind im IP-TV bereits sehr stark unterwegs mit Mobile TV. Da geht es darum, dieses Produkt immer leistungsfähiger zu machen. Heute sind es SD-Formate, mit LTE und den höheren Kapazitäten wird die Qualität unserer Videosignale steigen und wir werden besser geeignet sein für Übertragungen auf dem großen Schirm. Das ist heute zum Teil bereits erlebbar, wir brauchen aber mehr Kapazität und mehr Geschwindigkeit, und das bietet LTE. Mobilfunker werden damit in Zukunft eine ähnliche Rolle einnehmen wie Kabelnetzbetreiber. Das ist bereits vorgezeichnet. Inwieweit es darüber hinausgehen wird ist noch unklar.

Wie wird sich mit LTE die mobile Kommunikation verändern?
Trionow: Mit LTE ist es zum ersten Mal geglückt, einen echten Weltstandard zu definieren. Das bedeutet, dass es wesentlich günstiger ist, LTE in elektronische Geräte einzubauen. So wie heute in jedem Laptop und vielen anderen Geräten ganz selbstverständlich WiFi integriert ist wird in Zukunft auch LTE drin stecken. LTE und das mobile Breitband werden so in immer mehr Winkel unseres Lebens vordringen. Günstig und einfach sein und dort Wert schaffen. LTE wird universell verfügbar sein. Stellen Sie sich eine Welt mit einem flächendeckend verfügbarem WiFi Netzwerk vor. Das ist, was LTE in Zukunft bieten können wird.

Daten überall und jederzeit nutzen?
Trionow: Es wird ganz selbstverständlich, dass ich alle Dinge, die ich zuhause machen kann zum Beispiel auch auf meinem Display im Auto machen kann oder auf meinem kleinen Navi-System auf meinem Mountainbike. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn die Connectivity immer und überall günstig verfügbar ist, dann werden die Daten auch mehr und mehr in die Cloud wandern. Ich brauche meine Daten, meine Applikationen nicht ständig bei mir. Cloud-Services werden daher durch die Verbreitung von LTE massiv gefördert werden. Jedes elektronische Gerät, jede Straßenlaterne, jeder Gehsteig vor dem ein Parkplatz ist und viele andere Dinge sind günstig und sinnvoll mit LTE verbindbar. Ein bisschen sind wir heute auch schon in dieser Welt. Mit LTE werden die Möglichkeiten viel, viel größer.