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Ötztaler Radmarathon 2018 – Tour de force

Sölden, 31. August 2018: Pünktlich zum Ötztaler Radmarathon war der Super-Sommer 2018 vorüber.

Der Ötztaler Radmarathon 2018 – ein bemerkenswertes und erinnerungswürdiges Erlebnis.

Meinen absoluten Tiefpunkt hatte ich an der Labstation Schönau, auf halber Höhe zum Timmelsjoch, dem letzten der vier Bergpässe, die an diesem verregneten und für die Jahreszeit viel zu kalten Schlechtwettertag bezwungen werden mussten.

Der 2. September 2018 – das war einer der Tage, an denen normal-vernünftige Menschen zuhause bleiben, es sich für einen Fernsehserien-Marathon bequem machen, die Füße hoch legen und nicht einmal ihre Hunde bei der Tür hinaus schicken.

Aber es war eben auch der große Tag des Ötztal-Radmarathons, auf den ich mich – wie 4.000 andere auch – monatelang vorbereitet hatte. Für den ich mein Familien- und Privatleben gefordert und meine Freizeit geopfert hatte. Für den ich tausende Kilometer und noch zehnmal mehr Höhenmeter geradelt war und dabei viele, viele Liter Schweiß vergossen hatte. Ein Tag, auf den ich mein Leben ein halbes Jahr lang ausgerichtet hatte. Wegen ein paar möglicher Regentropfen nicht zu starten wäre ein absolutes No-Go gewesen.

Doch nun stand ich hier, unter blauen Sonnenschirmen an der Labstation Schönau. 180 Kilometer im Rennen. Vor mir nur noch das halbe Timmelsjoch, zwölf Kilometer und 800 Höhenmeter bis zur Passhöhe und dann die Abfahrt nach Sölden. Und es schüttete. Zum wer-weiß-wie-vielen-Mal an diesem Tag. Meine Moral und meine Motivation waren im Keller.

Komplett durchnässt, von der hinter mir liegenden Anstrengung bereits einigermaßen entkräftet und zudem auch noch ziemlich durchfroren beobachtete ich den Regen. Einen Regen, wie es ihn wohl nur in den Bergen gibt, und auch auch dort nur, wenn alle Schleusen geöffnet werden. Die Straße Richtung Timmelsjoch glich einem Fluss und es war nicht nur für die Jahreszeit viel zu kalt, sondern auch für die Tageszeit viel zu dunkel. „Nein“, dachte ich, „bei dem Regen fahre ich nicht weiter. Um nichts in der Welt.“

Ich erbat noch einen Becher wärmender Suppe und Tee. Neben mir nicht minder entmutigte Rad-Marathonis, die skeptisch in die Nebelwand schauten, hinter der sich das Timmelsjoch befinden musste. „Bist du schon einmal gefahren?“, fragte mich einer. „Ja, letztes Jahr. Aber da war Schönwetter. Heute – das ist der echte Wahnsinn.“ „Und fährst du auf Zeit oder nur, um ins Ziel zu kommen?“, war die nächste Frage.

Auf Zeit! Als ob ich noch in der Lage gewesen wäre, an eine gute Zeit zu denken. Nein. Ich wollte nur noch zurück, ins Ziel. Unter die Dusche. In trockenes Gewand. Den Wahnsinn, auf den ich mich eingelassen hatte, zu Ende bringen.

Vor dem Rennen…

Dabei hatte alles gut begonnen. Der Sommer 2018 war mit seiner über viele Wochen anhaltenden Schönwetterperiode perfekt für das Training. Ich hatte außerdem aus dem Vorjahr gelernt, mich konsequenter und besser vorbereitet. Hatte gut tausend Kilometer und über 10.000 Höhenmeter mehr in den Beinen.

Ich hatte über den Sommer auch auf allen Anstiegen neue persönliche Rekorde aufgestellt. All meine Strava-PRs aus dem Vorjahr regelrecht pulverisiert. Außerdem fühlte ich mich, seit ich mein Rennrad bei einem Bike-Fitting an mich anpassen lassen hatte, noch wohler darauf und zum Feintuning hatte ich es zum Schluss, wenige Tage vor dem Rennen, noch einmal zum Service gebracht.

Nach meinen 10:56 Stunden des Jahres 2017, als ich quasi als Tourist die Strecke besichtigte und nur das Ziel als Ziel hatte, war ich 2018 schon mit ehrgeizigeren Zielen ins Ötztal gefahren. Ich peilte eine Zielzeit unter zehn Stunden an – fast eine Stunde schneller als bei der ersten Teilnahme.

Endlich die Startnummer in der Hand…

Mein Plan war ganz einfach:  „2/4/6/9“ – nach zwei Stunden am Kühtai, nach vier Stunden am Brenner, nach sechs Stunden am Jaufen und nach neun Stunden am Timmelsjoch, um dann nach ungefähr 9:45 Stunden in Sölden im Ziel zu sein. Ich hatte dafür die Strecke analysiert und mit Fahrdaten aus dem letzten Jahr verglichen. Das sollte möglich sein. Dachte ich.

Eines hatte ich im Super-Sommer 2018 jedoch nicht trainieren können: Bei Schlechtwetter zu fahren. Und weil es oft so ist, dass wenn man kein Glück hat auch noch Pech dazukommt, fing ich mir zwei Wochen vor dem Rennen auch noch einen lästigen Virus ein, der mich zwar nicht ins Bett zwang, aber reichte, um meinem Trainingseifer jähes ein Ende zu setzen und mich halb krank zittern ließ.

Von da an zählte ich nur noch die Tage: Zwölf, zehn,  eine Woche, fünf Tage bis zum Rennen – ich hoffte, wieder richtig fit zu werden.

Auf ins Ötztal…

Am Donnerstag, den 30. August war dann zumindest endlich der Reisetag gekommen. Packen, die Räder auf den Radträger schnallen und Abfahrt, von Wien Richtung Westen, bei 30 Grad und Sonnenschein. Herrlich.

In Mondsee angekommen begann es zu regnen und mit jedem Kilometer weiter Richtung Westen verschwanden die Berge mehr in Wolken, bis sie schließlich komplett verschluckt waren. An Innsbruck vorbei, das Hinweisschild „Kühtai“, aber der Berg in dichten Wolken und Nebel verborgen. Eine schlimme Vorahnung: „Da oben schneit es jetzt vermutlich.“

Aber es war ja noch nicht der Tag des Rennens. Und die Bergfex-Wetter-App meines iPhones, die an und für sich mit zuverlässigen Daten der ZAMG (Zentralanstalt für Metrologie) gespeist wird, ließ auf gute Bedingungen hoffen.

1. September 2018: Neuschnee am Gaislachkogel

Der Freitag und der Samstag in Sölden zogen sich wie Kaugummi. Das Ausflugsprogramm wurde witterungsbedingt auf die neue James Bond Elements Erlebniswelt oben am Gaislachkogel, wo auf über 3.000 Metern Seehöhe frischer Schnee lag, einen Besuch in der Therme in Längenfeld und eine kurze Wanderung vom Giggijoch runter nach Sölden reduziert. An eine längere Bergwanderung oder eine Radausfahrt war nicht zu denken. Bloß nicht wieder eine neue Erkältung riskieren!

Big Day Coming…

Dann, endlich, der Tag des Rennens. Um 6:30 stand ich am Start. Es war kalt, offiziell 6 Grad. Doch zumindest regnete es nicht. In mir keimte die Hoffnung, dass die Bergfex-Wetter-App doch recht behalten könnte. Auch wenn bei der letzten Rennbesprechung am Abend davor Schauer „für möglich“ gehalten wurden. Zumindest werde es nicht schneien, hatte es da geheißen.

Neben mir am Start standen die beiden Pacemaker, die es beim Ötztaler erstmals gab. 9:00 Stunden und 10:00 Stunden stand auf den Rücken ihrer orangenen Trikots. „Vielleicht gelingt es mir, mich an den Zehner anzuhängen“, denke ich kurz. Doch ich ahnte bereits, dass es eher das letzte Mal bleiben würde, dass ich eine der beiden Tempomaschinen sehen sollte.

Wenige Minuten vor dem Start: Dichte Wolken über dem Ötztal, die Stimmung angespannt

Dann fiel der Startschuss und der Tross der hoffnungsvollen Rennradfahrer setzte sich in Bewegung. In einem Tempo, das ich bald auf der von der Nacht noch regennassen Straße nicht mehr zu fahren wagte. Auf der Abfahrt Richtung Ötz  schossen rechts und links von mir die Räder vorbei, als ob beim Ötztaler Radmarathon nicht 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter, sondern bloß die Abfahrt durch das Ötztal, von Sölden nach Ötz zu fahren wäre. Oder es zumindest eine eigene „Talwertung“ Ötz gäbe.

Das forderte Opfer. Schon nach den ersten Kurven sah ich Verletzte am Straßenrand. Die Folgen brutaler Stürze, die in dem Pulk, der sich mit über 4.000 Teilnehmern talwärts bewegte, schnell zu gefährlichen Massenkarambolagen werden können. Ich ermahnte mich, aufzupassen und defensiv zu fahren. Bei jeder Kurve nach rechts und links über die Schulter zu schauen, um bloß in keine Kollision verwickelt zu werden. Trotzdem wurde es ein paar Mal ziemlich eng. Vor mir schnitten einige Teilnehmer gefährlich in meine Linie. Ich nahm noch ein bisschen Tempo heraus und ließ mich etwas zurückfallen, wo sich das Feld schnell lichtete.

Anlaufprobleme

Dann das Kühtai. Die erste Challenge. 1200 Höhenmeter geht es hier bergauf. Im letzten Jahr hatte ich mir vor der Auffahrt die Regenjacke ausgezogen. Diesmal war das nicht nötig, ich zog nur die langen Handschuhe aus und steckte sie in mein Trikot.

Am Kühtai geht es den ersten steilen Zacken aus dem Ötztal hoch und dann in die Serpentinen hinein. An und für sich eine schöne Bergstrecke, doch diesmal hatte ich nicht wirklich Augen dafür. Und das lag gar nicht in erster Linie an der schlechten Sicht. Ich merkte schon auf den ersten Höhenmetern, dass meine Beine nicht so frisch waren, wie sie sein sollten und sich mein Magen zu verkrampfen begann. Ich fischte die mitgebrachte Frühstücks-Banane aus der Trikottasche und zwang mich dazu, ein paar Bissen zu essen. Der Magen dankte es mir, aber die Beine blieben schwer.

So schwer, dass ich knapp dran war vom Rad ab- und in den Rettungswagen, der eine ganze Weile hinter mir her fuhr,  einzusteigen. „Wenn das nicht besser wird, bringe ich das heuer nicht ins Ziel“, fürchtete ich.

Doch ich fuhr weiter, blieb nur kurz an einer Steilstufe stehen, um durchzuschnaufen. Erinnerte mich daran, dass ich im Vorjahr ohne Probleme hochgefahren war und dabei einige hundert Plätze gut gemacht hatte. Und ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass ich Plan 2/4/6/9 vergessen konnte.

Dann war ich wieder im Rennen. Die Beine, der Kopf, der Magen wieder klar – im Gegensatz zur Sicht. Am Ochsengarten hing der Nebel über der Alm, aus dichten Wolken kamen erste Regentropfen. Ich fuhr weiter, fand einen Rhythmus und begann einige Teilnehmer zurück zu überholen. Dann erkannte ich die Skilifte, sah erste Zuschauer am Streckenrand, freute mich über ihr Klatschen und die Anfeuerungsrufe und wusste, dass das Kühtai geschafft war.

Kurz vor der Passhöhe wurde der Regen intensiver und oben angelangt goss es zum ersten Mal richtig wild. Mein Garmin zeigte vier Grad Außentemperatur an. Ich fuhr an der Labe vorbei und hielt nur kurz an, um die restliche Banane zu essen und die langen Handschuhe wieder anzuziehen, ehe ich mich in die Abfahrt warf.

Die war mit der rasanten Schussfahrt des letzten Jahres nicht zu vergleichen. Der Regen war so stark, dass ich meine Brille abnehmen musste, um ausreichend Sicht zu haben. Ich fuhr mit zusammengekniffenen Augen und ließ die Bremsen dazwischen immer wieder schleifen, damit sie wieder greifen. Gab acht, um bloß nicht von Weiderosten oder Schlaglöchern aus dem Rennen geworfen zu werden. Und bereute einen groben taktischen Fehler: Ich hatte am Morgen meine Regen-Schuh-Überzieher nicht angezogen. Schon waren meine Füße klatschnass und kalt.

Doch zum Glück spürte ich bald, wie es wärmer wurde. Dann war Kematen erreicht, vor mir Innsbruck und der Brenner. Der Regen hörte auf, die Wolken lichteten sich. Die Sonne blinzelte hervor. Ich fand eine kleine Gruppe. Es gelang mir, sie gemeinsam mit zwei anderen an eine noch größere vor uns heranzubringen. Hinterrad an Hinterrad, im Windschatten von rund 50 Teilnehmern kam ich durch die Tiroler Landeshauptstadt, am Berg Isel und der Sprungschanze vorbei zur Brennerstraße. Die Quälerei am Kühtai – sowohl bei der Auffahrt als bei der Abfahrt war schon wieder fast vergessen.

Gefahr in Verzug

„Der Brenner ist der gefährlichste der vier Berge“, hatte ich vor dem Rennen einige Male gehört. „Hier kann man sich richtig verbrennen.“ Es stimmt. Die Auffahrt zum Brennerpass ist, wenn auch nicht sonderlich steil, heimtückisch lang. Aber ich kenne meinen Körper und weiß, wie er reagiert. Und ich kannte auch die Strecke schon und wusste daher, was noch vor mir lag. Deshalb fuhr ich konsequent meine Pace weiter und konzentrierte mich auf die Atmung und einen runden Tritt. Zwischendurch fiel ich aus einer Gruppe heraus, wurde von der nächsten aufgesammelt und überholte dann mit der neuen Gruppe wieder die in der ich davor war. In den Ortschaften klatschte ich Kindern am Straßenrand ab. Das Wetter war immer noch freundlich, die Fahrt mittlerweile ein Vergnügen. Stetig näherten wir uns dem Niveau der Autobahn, die unten im Tal noch hoch über uns gethront hatte. und ich wusste: Wenn wir auf der Höhe der Autobahn angelangt sind, ist der Brennerpass erreicht, wo nach Kilometern – allerdings nicht nach Höhenmetern – gerechnet Ötzi-Halbzeit ist.

Dann die Brenner-Labstation. Wieder regnete es. Ich suchte Unterschlupf, trank Suppe, zwang mich wieder dazu, einige Bissen zu essen, ließ meine Trinkflaschen auffüllen und warf in jede zusätzlich drei Salztabletten, ehe es an die Abfahrt ging.

Südtirol hielt, was man sich davon verspricht. Vorerst zumindest. Der Regen hörte bald auf und bei der Anfahrt zum Jaufenpass kam wieder die Sonne heraus.

Der Jaufen ist, wenn man ihn kennt und ihn richtig angeht, sehr schön mit dem Rennrad zu fahren. Die Straße windet sich lange, aber immer gleichmäßig mit sechs bis sieben Prozent Steigung durch den Wald Richtung Passhöhe und wenn der Wald einmal geschafft ist, dann ist es auch nicht mehr besonders weit bis ganz nach oben.

Die Wetterprognose vor dem Rennen hatte auf ein angenehmes Rennen hoffen lassen.

Bei der Anfahrt und auf den ersten Kilometern wurde ich wieder von einigen Teilnehmern überholt. Ich ließ sie ziehen. Manche holte ich vor der Passhöhe wieder ein. Ich fiel in eine Art Meditations-Modus, war in einem herrlichen Flow und hantelte mich Kurve um Kurve, Kehre um Kehre nach oben. Wieder einmal fuhr ein Stück lang eine Rettung hinter mir her, doch diesmal war diese „Mitfahrgelegenheit“ keinen Gedanken wert.

Ein paar entgegenkommende Radfahrer riefen aufmunternd: „Geht schon, Burschen! Super schaut das aus! Ist nicht mehr weit! Das Wetter ist gut oben!“ Stimmte. Fast alles. Oben war das Wetter nämlich ganz und gar nicht mehr gut. Ich machte an der Labstation kurz Halt, um meine Trinkflaschen wieder auffüllen zu lassen, würgte ein paar Bissen hinunter, trank zwei, drei Cola und Red Bull und bemerkte besorgt, wie sich die Wolken an der Passhöhe zusammenzogen. In der Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden würde, schwang ich mich wieder aufs Rad. Ich wusste, was noch vor mir lag: Ein kurzer Schupfer rauf zur Passhöhe und dann 16 Kilometer Abfahrt ins Passeiertal, nach Moos und St. Leonhard und danach das Timmelsjoch – und dann wäre es geschafft.

Spaßbremse Regen

An der Passhöhe machte ich den zweiten taktischen Fehler des Tages. Ich hatte damit gerechnet, dass der Regen so wie bei der Brenner-Abfahrt bald wieder aufhören würde und deshalb meine langen Handschuhe nicht übergezogen. Doch der Regen hörte nicht auf, sondern wurde immer stärker. Der Nebel hing im Berg, die Sicht war miserabel, es war grimmig kalt und meine Finger wurden klamm. Ich wusste, dass es 16 Kilometer ins Tal waren, musste mich aber so auf die mitunter schlechte Straße mit ihren Schlaglöchern und im Regen besonders tückischen Längsrillen, die Kurven und die Kehren konzentrieren, dass ich bald keine Ahnung mehr hatte, wie weit es noch war. Die Finger wurden immer kälter, ich konnte kaum mehr bremsen und hielt Ausschau nach einer Stelle, an der ich sicher anhalten konnte, um meine vom Regen durchnässten langen Handschuhe wieder überziehen zu können. Doch dann überlegte ich, dass es nicht mehr weit sein konnte. Und schließlich, als ich es fast nicht mehr aushielt, rissen die Wolken wieder auf und der Regen war vorüber. Nur noch ein paar Kurven und ich war unten im Tal, in Moos in Passeier.

Im Ort herrschte Volksfeststimmung. Obwohl ich von der Abfahrt noch durchnässt und fast steifgefroren war brachten mich die klatschenden Zuschauer in ihren T-Shirts zum Lachen. Ich winkte ihnen zu und fühlte, wie mich die Sonne wieder aufwärmte.

An der Ortsausfahrt zog ich – zum ersten und einzigen Mal an dem Tag – meine Regenjacke aus. Ein paar weitere blieben ebenfalls stehen. Ein Blick in Ihre Gesichter sagte alles: Auch sie hatten sich den Tag einfacher – trockener – vorgestellt.  „Fuck, das ist hart“, sagt einer zu mir. „Der komplette Wahnsinn. Die dritte Abfahrt im Regen. Ein Horror“, antwortete ich.

Bei der Durchfahrt durch St. Leonhard erinnerte ich mich daran, dass ich im Vorjahr, bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen von rund 30 Grad, an dieser Stelle von netten Südtirolern mit dem Schlauch bespritzt wurde. „Wenn da jetzt einer steht und mich mit dem Schlauch anspritzt, dann….“, dachte ich.

Aber es war natürlich niemand hier. Und es ging weiter, vorbei an der Markierung „Ötztaler Radmarathon, Abschnitt Timmelsjoch“.  Es war nicht der Berg, der mich abschreckte. Nicht die 1800 Höhenmeter und auch nicht die über 20 Kilometer. Die zu bewältigen hatte ich trainiert. Das Wetter, die Kälte zehrten an meinen Kräften. Ich hatte viel mehr Energie verbraucht als das sonst der Fall gewesen wäre, alleine um den Körper warm zu halten. Ich hatte nur wenig essen können. Und schon wieder verdichteten sich die Wolken.

Ich zog meine Regenjacke wieder über, und kurz darauf war wieder alles nass, nur noch nass. In den Kehren hingen Transparente. „Ausgeträumt?“ stand darauf. Nein. Das nicht. Die Fahrt war aber zu einem Alptraum geworden, aus dem ich gerne aufwachen würde.

Dann die rettende Raststation Schönau. Ich stieg vom Rad und es schüttete – wieder einmal – als gäbe es kein Morgen. Ich bewunderte die tapferen, freiwilligen Helfer, die von Wind und Wetter, von den Bergen und stundenlangen Strapazen zermürbte Teilnehmer mit Essen, Trinken und motivierenden Sprüchen aufpäppelten. Die dabei aber selbst auch schon den ganzen Tag lang in der Kälte standen und dabei immer freundlich und hilfsbereit geblieben waren. Auch das ist der Ötztaler Radmarathon.

Eine geschätzte Viertelstunde blieb ich an der Labe stehen und wartete den Regen ab. Es spielte keine Rolle mehr, dass ich mein ursprüngliches Ziel (unter zehn Stunden) bei weitem verfehlen würde. Ich wollte nur noch zurück nach Sölden, ins Ziel.

Ich beobachtete, wie einige Teilnehmer die Nerven wegschmissen und aufgaben. Andere setzten sich im strömenden Regen auf ihre Räder und fuhren los. Ich trank noch einen Becher Tee und dann wurde der Regen mit einem Mal wieder schwächer, ging in ein feines Nieseln über.  „Besser wird es wohl nicht mehr“, dachte ich, schnappte mein Rad und mache mich auf die letzten zwölf Kilometer den Berg hoch. Noch 800 Höhenmeter. Ein Klacks.

Und dann sah ich sie, die pittoreske, alte italienische Militärstraße, die sich in Serpentinen den Berg hinauf schlängelt bis zum Tunnel an der Grenze Österreich/Italien. Und ich wusste, dass genau das für mich der wahre Reiz eines Berg-Radmarathons ist: Auf solchen Straßen,  wo man an normalen Tagen als Radfahrer neben den motorisierten Verkehrsteilnehmern immer der Letzte ist, fahren zu können ohne auf den Verkehr achten zu müssen. Dass man abgesichert und geschützt unterwegs ist und an Verpflegungsstationen versorgt wird. Eine Sternfahrt mit Vollpension quasi. Und für den Fall der Fälle gäbe es sogar Besenwagen, die einen sicheren Rücktransport für die von der Strecke zur Strecke gebrachten garantierten.

„Warum machst du das?“, werde ich immer wieder gefragt. „Weil es schön ist“, ist dann meine Antwort, die Nicht-Radfahrer kaum verstehen. Aber natürlich gibt es noch eine weitere Ebene: Die der Selbstbestätigung. Um mir zu beweisen, dass ich es kann. Immer noch. Auch wenn der Kampf gegen das Alter und die Vorbereitung mit jedem Jahr mühseliger werden.

Grande Finale

Die letzten Serpentinen hinauf zum Timmelsjoch wurde dieser Kampf zum Sieg, zum Genuss. Die Wolkendecke riss wieder auf und nach Süden öffnete sich das herrliche Bergpanorama. Die Strapazen des Tages, die Schinderei waren vergessen. Und dann war es da, das braune Schild mit der Aufschrift „Passo Rombo“ und ich wusste, es war geschafft. Nur noch gut 30 Kilometer Abfahrt, unterbrochen von einem kleinen Schupfer hinauf zur Mautstation. Doch der tat nicht mehr weh. Wurde mit dem Adrenalin im Körper weggeradelt als wäre er gar nicht da. Und dann ging es abwärts. Hochgrugl, Obergurgl, Sölden – die erste Abfahrt des Tages, bei der es nicht regnete. Ich fuhr nicht, ich flog dem Ziel entgegen.

Bei der Einfahrt nach Sölden wurden die Augen feucht. Obwohl ich mit fast fünf Stunden Rückstand auf den Sieger im Ort ankam, standen an der Strecke immer noch Zuschauer, die mich beklatschten als ob ich gerade dabei wäre, einen neuen Streckenrekord aufzustellen. Dann der Zielbogen und ich hörte, wie ich vom Sprecher beglückwünscht wurde.

Im Ziel, am Ende

Im Ziel klatschte ich mit einigen anderen ab. Zielfaust. Keine Worte. Es gab nichts zu sagen. Niemand hatte Worte für das, was in den letzten zehn, elf Stunden geschehen war. In die gezeichneten aber auch glücklichen Gesichter zu sehen genügte, um zu wissen, dass die Emotionen für alle ähnlich waren. Und dass es allen Finishern ähnlich wie mir ging: Wir hatten alle schon einige harte Challenges durchgezogen, der Ötzi 2018 war aber unter den allerhärtesten, wenn nicht die bisher härteste überhaupt.  Und er wird deshalb noch lange in Erinnerung bleiben.

Für alle hart verdient: Das Finisher Trikot 2018.

Ob ich 2019 auch wieder dabei sein wollen würde? Zwei, drei Wochen nach dem Rennen ist das noch schwer vorstellbar. Die Strecke ist so anspruchsvoll, sie erfordert eine monatelange, konsequente Vorbereitung. Ob ich mich der wieder widme? Noch kann ich das nicht sagen. Aber bis zu 1. September 2019 ist noch lange Zeit. Und da wäre auch noch die Challenge 2/4/6/9 …