Mario Herger über autonomes Fahren: „Man wird Menschen nicht mehr ans Steuer lassen“

Innovationsstratege Mario Herger: „Der Mensch ist der Risikofaktor.“
„Wir werden bald keine Autos mehr besitzen“, sagt Innovationsstratege Mario Herger, Autor des Buches „Der letzte Führerscheinneuling“ im Interview. Ein Ausblick auf die nahe Zukunft der selbstfahrenden Autos.

trend: Es ist jetzt fast zehn Jahre her, da gab es im trend eine Coverstory zur Elektromobilität. Darin hieß es „Ihr nächstes Auto könnte ein Elektroauto sein“. Wann kann die Story heißen „Ihr nächstes Auto könnte ein autonomes sein?“
Mario Herger: Gar nicht. Ein autonomes Auto wird man nicht besitzen. Wir werden es on Demand bestellen, per App und es wird in wenigen Minuten da sein. Fahrerlos. Der Artikel könnte heißen „Ihr nächstes Auto wird keines sein“.

trend: Das klingt nach einer fernen Zukunft.
Herger: Nein. Die Unternehmen, die an selbstfahrenden Autos arbeiten, springen jetzt überall hervor. Mittlerweile gibt es in Kalifornien aktuell 50 Unternehmen, die selbstfahrende Autos testen. Es gibt Unternehmen – chinesische Hersteller wie Nio, die ein Elektroauto – den Eve – herstellen, das von Anfang an autonom fahren soll. Nio hat eben eine Milliarde Dollar an Venture Capital eingehoben, nachdem das Unternehmen im März bereits 600 Millionen Dollar eingehoben hatte. Investiert haben große chinesische Fonds und andere Hedgefonds. Seit 2013 wurden insgesamt rund 80 Milliarden Dollar in die Entwicklung autonomer Fahrzeuge gesteckt. Da gibt es tatsächlich einen massiven Push.

Nio Eve – das autonom fahrende Auto aus China. © nio.io

 

trend: Autonome Autos im Straßenverkehr sind bisher aber trotzdem bestenfalls Feldversuche.
Herger: Die Ankündigung von Waymo, in Phoenix, Arizona einen öffentlichen Fahrdienst mit autonomen Autos in Betrieb zu nehmen, ist ein historischer Meilenstein in der Entwicklung. Es gibt jetzt erstmals ein Auto, das autonom ohne Sicherheitsfahrer im öffentlichen Verkehr fährt. Kalifornien wird das im Jahr 2018 ebenfalls offiziell erlauben. Der amerikanische Senat und der US-Kongress haben beide einstimmig Gesetze für autonomes Fahren verabschiedet, die jetzt noch harmonisiert werden müssen. Es geht im Prinzip darum, ob in den nächsten drei Jahren 80.000 oder 100.000 autonome Fahrzeuge auf den amerikanischen Straßen eingesetzt werden dürfen. Die National Highway Traffic Safety Association (NHTSA) der USA hat ein 1.000-seitiges Papier mit Sicherheitsauflagen herausgebracht, an das sich die Hersteller von autonomen Fahrzeugen halten müssen. Ein autonomes System benötigt zum Beispiel keine Rückspiegel mehr. Heute sind Rückspiegel auch im autonomen Auto noch Vorschrift.

trend: Gibt es in Europa schon ähnliche Ansätze und Bestimmungen?
Herger: Nicht in diesem Umfang. Hersteller haben bereits heute die Möglichkeit, Testfahrzeuge auf die Straße zu bringen, aber sie trauen sich offenbar nicht wirklich. Es gibt jetzt Gesetzesentwürfe, die allerdings immer noch ziemlich eingeschränkt sind. Man konzentriert sich zum Beispiel darauf, dass Ethikkommissionen zu dem Thema eingesetzt werden – in Deutschland zum Beispiel. Man erkennt ganz klar den Unterschied im Mindset zwischen Europa und den USA. In den USA gibt es die „Mission Zero“, dass es bis 2040 keine Verkehrstoten mehr gibt. In der EU will man so etwas Ähnliches auch schaffen, aber in den USA wurde das ganz konkret formuliert. Manche Städte wie Los Angeles sind sogar noch aggressiver und wollen das Ziel bereits 2030 erreicht haben. Autonome Fahrzeuge sind der Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen.

Waymo hat den ersten öffentlichen Fahrdienst mit autonomen Fahrzeugen gestartet. © Video: Waymo

trend: Wie kann man die autonomen Fahrzeuge in den bestehenden Verkehr integrieren?
Herger: Das ist die große Herausforderung. Autonome Fahrzeuge werden zunächst im normalen Verkehr mitfließen und müssen dabei Fehler der manuell gesteuerten Fahrzeuge korrigieren, was übrigens beim Google-Projekt einer der größten Aufwände ist. Bald werden aber in Stadtzentren, zum Beispiel in der Wiener Innenstadt, nur noch Roboter-Taxis erlaubt sein.

trend: Öffentliche Verkehrsmittel sind prädestiniert für das autonome Fahren, aber auch dort sind wir davon noch ein Stück weit entfernt. In Wien gibt es ja auch noch U-Bahn-Fahrer, obwohl die rein technisch gesehen gar nicht mehr notwendig wären. 
Herger: Bei einer U-Bahn oder einem Zug ist der Kostenfaktor des Fahrers auch deutlich geringer als bei einem Taxi. Bei einem Taxi verursacht der Fahrer rund 50 Prozent der Kosten. Sobald man aber aus den Daten einer autonomen Taxiflotte erkennt, dass die viel weniger Unfälle oder Zwischenfälle hat, ein geringerer Wartungsaufwand anfällt und die Fahrzeuge auch noch spritsparender sind, werden andere Flottenbetreiber bemerken, dass sie damit Geld sparen und mit autonomen Autos Kosten reduzieren können. Und die überragende Sicherheit wird den ethischen Druck anderer Stadtteile auslösen, dass man das auch dort einführt.

trend: Es gibt die ewige ethische Frage, die in Zusammenhang mit dem autonomen Fahren immer wieder auftaucht: Was ist, wenn plötzlich links ein kleines Kind und rechts eine Pensionistin auf die Fahrbahn tritt und das Auto nicht mehr anhalten kann – wen soll das Fahrzeug töten? 
Herger: Das ist ein abstruses Szenario. Niemand, der selbst Auto fährt, ist jemals vor so einer Entscheidung gestanden, auch wenn er viele Jahre lang gefahren ist. Diese Frage stellt sich einfach nicht. Abgesehen davon könnten autonome Fahrzeuge auch solche Situationen antizipieren und entsprechend abbremsen oder reagieren. Ein autonomes Fahrzeug hat eine permanente 360-Grad-Übersicht. Es ist nie abgelenkt oder müde, es gibt keinen genervten Fahrer, keinen Drogen-Einfluss,… es kommt gar nicht in so eine Situation. Ich habe dem Thema in meinem Buch ein längeres Kapitel gewidmet: „Das ethische Problem mit dem ethischen Dilemma“. Dieses abstrakte, so selten auftretende Problem verstellt die Sicht darauf, dass wegen eines einzigen Todesfalls, der möglicherweise eintreten könnte, alleine in Österreich über 400 reale Verkehrstote pro Jahr in Kauf genommen werden.

Verkehrstote in Österreich von 1961 bis 2017 (Stichtag 12.11.2017) Quelle: Statistik Austria

Verkehrstote in Österreich von 1961 bis 2017 (Stichtag 12.11.2017) Quelle: Statistik Austria © trend/iStock

trend: Wenn autonome Fahrzeuge so sicher sind – müsste man konsequenterweise nicht das Selbstfahren verbieten? 
Herger: Wenn man Ethikkommissionen und das ethische Dilemma ernst nimmt, würde die Konsequenz sein: Sobald man die ersten Daten betreffend der Unfallhäufigkeit usw. von autonomen Fahrzeugen hat, dass die Schlussfolgerung sein müsste: Ja, man müsste manuelles Fahren verbieten. Man darf Menschen eigentlich gar nicht mehr fahren lassen. Nicht das autonome Auto ist das Problem, sondern der Mensch, der am Steuer sitzt.

trend: Von den Autos, die von Menschen am Steuer gelenkt werden, gibt es aber zig Millionen. Was macht man mit denen?
Herger: Es werden Nachrüst-Kits entwickelt, die manuell gesteuerte Autos zu autonomen Autos machen. Man kann ab einer bestimmten Fahrzeuggeneration, die bereits mit entsprechenden Kameras und Sensoren ausgerüstet ist, zum Beispiel hinter dem Rückspiegel und am Kennzeichen ein Einbau-Kit installieren, das verkabeln, eine Software einspielen und schon hat man ein autonomes Auto.

trend: Wie realistisch ist das? Von welcher Kosten- und Zeitdimension sprechen wir da?
Herger: Da gibt es Bandbreiten. George Hotz von Comma.ai will das zum Beispiel für unter 1.000 Dollar schaffen. Kopernikus, ein deutsches Start-up, rechnet mit Kosten von 3.000 bis 4.000 Euro, wobei der Großteil aber auf die Montage, also die Arbeitszeit entfällt. Kopernikus hat vom Schweizer Volkswagen-Generalimporteur AMAG den Auftrag erhalten, bis Ende 2018 insgesamt 10.000 Nachrüst-Kits für Autos ab dem Baujahr 2015 zu liefern. Der Gedanke war dabei, dass Leasing-Fahrzeuge im Wert sinken, wenn sie an den Händler zurückkommen und autonomes Fahren nicht unterstützen. Für die Werkstätten ist das sehr interessant. Es ist ein zusätzliches Geschäft. Die AMAG hat das an ihre Händler mitgeteilt, und die haben sich massiv dafür interessiert. Mittlerweile wird dieses Kit zusammengesetzt und zusammengebaut.

Comma.ai will mit günstigen Nachrüst-Kits autonomes Fahren für alle ermöglichen.

Comma.ai will mit günstigen Nachrüst-Kits autonomes Fahren für alle ermöglichen. © Comma.ai

trend: In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass die deutsche Automobilindustrie den Kampf schon verloren hat, es nur noch nicht weiß.
Herger: Es gibt ein paar Nationen, die bisher sehr stark in der Automobilindustrie waren, Deutschland zum Beispiel. Jetzt kommen andere Nationen wie die Schweiz oder Niederlande, aber auch Länder wie Frankreich und Italien, deren Industrien in der Krise stecken. Die sehen jetzt eine Chance, den Deutschen einen Stück vom Kuchen wegzuschnappen.
Die deutsche Automobilindustrie hat viel Geld und viel Einfluss, aber anscheinend noch nicht bemerkt, wie die anderen die Messer wetzen. Auch Zulieferer wie Magna oder Bosch könnten jederzeit autonome Fahrzeuge bauen. Die machen das nur deshalb nicht, weil sie die bestehenden Kooperationen nicht gefährden wollen. Wenn die großen der Industrie aber zu schwächeln beginnen, kommen die mit eigenen Entwicklungen. Die Tendenzen gibt es. Bosch hat ja das Google-Auto mitgebaut. Sie können das.
Und die Marke der Autos wird an Bedeutung verlieren. In einem Taxi, einer U-Bahn oder Straßenbahn ist die Marke des Fahrzeugs für den Passagier auch völlig nebensächlich. Da ist es viel wichtiger, dass eine Lademöglichkeit für das Smartphone gibt.

trend: Wann schätzen Sie wird es in Europa und Österreich Gesetze geben, die autonomes Fahren erlauben?
Herger: In Europa wird es womöglich in der Schweiz und den Niederlanden erste Regelungen und Bestimmungen geben. Die Schweiz ist ja nicht in der EU und die Niederlande bauen ihre eigene Industrie auf. Die Chinesen machen es vor: Im Großraum Peking, wo es 70.000 Taxis gibt, wird jetzt umgestellt auf E-Taxis. Der Umstieg wird binnen weniger Jahre erfolgt sein, autonome Taxis sind dabei nur der nächste Schritt. Baidu, der chinesische Suchmaschinenen-Gigant hat Apollo, ein Open-Source-Betriebssystem für selbstfahrende Autos entwickelt und wirft jetzt sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um das System weiter zu entwickeln.
In Autos gibt es heute hundert, 150 Chips, die von einem Betriebssystem koordiniert werden müssen. Da haben Unternehmen wie Apple oder Google unheimlichen Vorsprung gegenüber den deutschen Automobilherstellern.

trend: Was bedeutet das letztlich für unsere Mobilität?
Herger: Man wird Autos anders nutzen als heute, sie nicht mehr als Eigentum sehen. Ein Auto kann ein fahrendes Hotel sein, ein Partybus, ein mobiler Wohnraum oder ein mobiler Arbeitsplatz – was auch immer. Wir müssen uns vom Auto, wie wir es bisher kannten, verabschieden. Es wird sicherer und günstiger sein, ein Auto zu benutzen. Die meisten, die über die Entwicklung jammern oder schimpfen haben noch nie ein autonomes Auto erlebt.


Zur Person

Mario Herger ist CEO von Enterprise Garage Consultancy und lebt seit 2001 im Silicon Valley. Der ehemalige SAP-Entwicklungsleiter und Innovationsstratege berät Unternehmen, wie sie den Spirit des Silicon Valley auf ihre Organisationen übertragen können. Er ist Autor der Bücher „Das Silicon-Valley-Mindset“ und „Der letzte Führerscheinneuling“.


Buchtipp

Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren

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