Test Drive: Tesla Model S P100D

Tesla Model S P100D - das wohl unvernünftigste vernünftige Fahrzeug der Welt.
Tesla Model S P100D – das wohl unvernünftigste vernünftige Fahrzeug der Welt.
Testfahrt im Tesla Model S P100D, dem aktuell am schnellsten beschleunigenden Serienauto der Welt. Ein Erlebnisbericht.

Eigentlich wollten wir zu Beginn bloß herausfinden, wann der erste Model 3, das neue, für durchschnittliche Geldbörsen geschneiderte Auto des Elektroauto-Pioniers Tesla, nach Österreich kommen wird. Dessen Produktion ist vor kurzem angelaufen, Ende Juli wurden die ersten 30 Fahrzeuge ihren Besitzern übergeben.

Rund eine halbe Million Vorbestellungen gibt es für das am 1. April 2016 zum ersten Mal präsentierte Auto. Die geduldig wartenden Käufer haben jeweils eine Anzahlung von 1.000 Dollar – oder Euro – geleistet. Ohne abschätzen zu können, wie lange sie auf ihr Wunschauto, von dem sie bisher nur wenige Fotos sehen konnten, warten müssen.

Um es kurz zu fassen: Wir haben auch nicht herausgefunden, wann der erste „Dreier“ nach Österreich kommen wird und können daher den Wartenden auch nichts anderes raten, als sich eben weiter in Geduld zu üben. „Das ist im Moment leider noch nicht absehbar“, lautete die Antwort von Tesla auf unsere Frage.

Im Gegenzug wurden wir mit der Frage konfrontiert, ob wir nicht vielleicht einmal Tesla fahren wollen. Einen Model S, in der Variante P100D vielleicht? Dem Angebot können wir nicht widerstehen. Obwohl kurz Bedenken hochkamen: Ein P100D? Das ist doch der Tesla mit den 612 PS starken Elektromotoren, der in weniger als 2,5 Sekunden von null auf hundert beschleunigt (was ihn aktuell zum am schnellsten beschleunigenden in Serie produzierten Wagen der Welt macht), und der jede noch so schnelle und hochgezüchtete Sportwagen-Flunder, ob Porsche, Ferrari oder Lamborghini, an der Kreuzung stehen lässt, wenn man richtig aufs Pedal drückt, also „Pedal to the metal“ gibt? Gehört so ein Auto nicht besser auf eine Rennstrecke?

Alles, was Tesla zu bieten hat

Einige Tage später ist es so weit: Wir nehmen bei Tesla Österreich in einem silber-metallic-glänzenden P100D Platz. Der Wagen ist frisch aus der Fabrik, gerade erst ein paar Kilometer gerollt und riecht noch ganz fabrikneu. Die Sitze und Teile der Innenraumverkleidung sind mit weichem, weißem Leder überzogen. Auch sonst ist das Auto mit allem ausgestattet, was Tesla noch in der Schatzkiste zu bieten hat: 21-Zoll-Felgen, Schiebedach, Carbon-Spoiler, das komplette Premium-Paket. Was sich auch auf das Gewicht niederschlägt: Der Wagen wiegt gut zwei Tonnen. Wobei man allerdings nachlesen kann, dass schon die Akkus rund 600 Kilo schwer sind.

Prospektansicht: Die Sport-Limousine und das Interieur des P100D. © Tesla

Auch preislich bringt der Wagen einiges auf die Waage. Alleine die Extras schlagen Mehrkosten von 19.490 Euro – so viel wie ein Mittelklasse-Familienautos kostet – auf den Kaufpreis drauf. Der Gesamtpreis des Autos liegt somit bei 180.790 Euro, was beim Losfahren ein „hoffentlich gut versichert“ durch den Kopf huschen lässt. Die Antwort auf später auftauchende Frage der Tochter, ob wir das Auto denn behalten können, war denn auch: „Wenn wir unser Haus verkaufen und ins Auto übersiedeln, ja.“

Und noch ein Extra spendierte uns Tesla für den Test: Das Beschleunigungs-Update von „Insane“ auf „Ludicrous“ – von „geisteskrank“ auf „komplett durchgeknallt“, mit dem der Wagen noch ein paar Zehntelsekunden beim Sprint auf 100 (und auf 200) herausholt. Und bei dessen Aktivierung sich am Display in der Wagenmitte ein Feuerwerk entzündet und daraufhin der Warnhinweis erscheint, dass damit die Lebensdauer der Batterien und der Motoren eingeschränkt wird. Sei’s drum. Man lebt nur einmal.

Diesseits der Sinnfrage

Zunächst gilt es jedoch, alle Sinne beisammen zu haben, denn an einen Tesla muss man sich als Fahrer erst einmal gewöhnen, und erst recht, wenn man privat eine Familienkutsche, einen VW Passat Kombi Diesel mit 6-Gang-Schaltgetriebe, fährt. Gangschaltung gibt es im vollelektrisch betriebenen Tesla natürlich keine. An der Stelle, an der sich im eigenen Auto der Schaltknüppel befindet, bietet eine geräumige Mittelkonsole Platz für jeglichen Krimskrams, den man während einer Fahrt bei sich haben kann. Das kennt man allerdings auch von herkömmlichen, also mit Benzin oder Diesel angetriebenen Automatik-Autos.

Richtig gewöhnungsbedürftig ist jedoch das Display im A4-Format in der Mitte des Dashboards. Nicht nur wegen seiner beeindruckenden Größe (ja, auch die Auflösung ist brillant – Tesla dürfte an der gleichen Stelle wie Apple einkaufen). Das Display ist auch die zentrale Steuer- und Bedienstelle für das Auto und seine sämtlichen Funktionen. Abgesehen von den Knöpfen am Multifunktions-Lenkrad gibt es nämlich im Fahrzeug sonst nur zwei weitere Knöpfe: einen zum Öffnen des Handschuhfachs und einen weiteren zum Aktivieren der Warnblinkanlage.

Das ist konsequent, aber nicht immer praktisch. Zum Öffnen und Schließen des Schiebedachs oder zum Öffnen der automatisch verriegelten Beifahrertür hätten wir etwa bis zum Schluss des Tests gerne einfache Druckknöpfe oder Schalter gehabt, zumal Navis und andere Geräte wie Smartphones während einer Fahrt vom Fahrer eigentlich nicht bedient werden dürfen. Das gilt wohl auch für das Display des Tesla, wobei uns erspart blieb, das Thema mit Straßenaufsichtsorganen ausdiskutieren zu müssen.

Davon abgesehen spielt das Display natürlich alle Stückeln, ist zugleich Navi und Entertainment-Zentrale inklusive Spotify Account, mit dem das Auto zu einer fahrenden Jukebox mit richtig fettem Sound wird. Es ist die Anzeige für die Rückfahrkamera, ein elektronischer Lotse, der einem hilft, mit dem Auto und dessen Akkus überhaupt weitere Strecken zurücklegen zu können. Bei einer Fahrt gibt das Auto darüber Empfehlungen, wo und an welchen Stromtankstellen, also Tesla Superchargern, man Halt machen sollte, um mit ausreichend Saft ans Ziel – und von dort auch wieder weg – zu kommen.

Position „D“

Dann ist es so weit: Ganghebel in Position „D“ und der Tesla setzt sich lautlos in Bewegung, gleitet sanftmütig dahin und gibt sich zahm als fahrbares Wohnzimmer. Die Frage, ob der Tesla nicht besser auf eine Rennstrecke passen würde, ist damit auch schon beantwortet: Nein. Das Auto verhält sich im normalen Straßenverkehr nahezu unauffällig. Mitunter fast schon ein bisschen zu unauffällig, wie wir später einmal feststellen sollten, als wir spätabends durch eine Ortschaft glitten und eine Gruppe Jugendlicher etwas verdattert war, weil sie der lautlose Tesla überrascht hatte.

Auch wir mussten uns mit der Tatsache vertraut machen, dass es kein Motorengeräusch gibt und nur der Fahrtwind, das Rollen der Räder und die Musik aus dem Tesla Sound System zu hören sind: Der Silent-Mode des Autos bringt es mit sich, dass man tunlichst immer wieder einen Kontrollblick auf die Tachonadel werfen sollte.

Dann die Autobahn. Auffahrt und ein LKW verstellt die freie Fahrt. Also überholen. 3-S-Blick, Blinker raus und Pedal durchtreten. Binnen Sekundenbruchteilen verwandelt sich das bis dahin sanft dahin rollende Wohnzimmer in ein Katapult, eine Schleuder. Das Auto macht einen Satz nach vorne und drückt den Fahrer nach hinten, tief in den Sitz. Die Beschleunigung ist aberwitzig, krasser als gedacht. Keine Achterbahn, mit der wir je gefahren sind, kommt da mit. Und von wegen geräuschlos: die Elektromotoren surren ordentlich. In Nullkommanichts passiert die Tachonadel die Grenze des Erlaubten und der LKW, der eben noch ein Berg vor dem Auto war, ist nur noch ein Fliegenschiss im Rückspiegel.

Ein breites Grinsen schiebt sich über die Lippen, begleitet von einem kurzen Moment der Sorge, ob da jetzt vielleicht ein Radar war. Ach was, es wird schon nichts passiert sein. Und schon juckt es wieder im rechten Fuß. Einmal noch kurz fest aufs Pedal, wieder diese Beschleunigung. Und die Antwort auf die Frage, ob das Auto nicht besser auf eine Rennstrecke passen würde, wird um einen Zusatz ergänzt: Es wäre viel zu schade, damit nur auf abgeschotteten Rundkursen zu bleiben.

Dann ist auch schon die Ausfahrt da. Blinker rechts und wir rollen lautlos von der Autobahn, nach Hause und parken das Auto vor dem Haus. Keine zehn Minuten vergehen, ehe die ersten Nachbarn vorstellig werden. Auch daran muss man sich als Tesla-Fahrer gewöhnen: Praktisch jeder will wissen, wie es ist. Einmal Tesla (mit-) fahren. Eine Runde drehen. Einmal die „bist-du-deppert-Beschleunigung“, den „Raketenstart“ von null auf hundert erleben.

Warum auch nicht? Der Abend ist noch lang, und daher werden noch ein paar Runden gedreht. Und jeder, der in das Auto einsteigt, hat am Ende der Runde etwas zu erzählen. Kann den theoretischen Zusammenhang zwischen Beschleunigung und Fliehkräften anhand der Selbsterfahrung beschreiben. Wobei der rein elektrisch angetriebene Tesla im Gegensatz zu herkömmlichen Autos der physikalischen Formel für eine gleichmäßig beschleunigte, geradlinige Bewegung folgt. Das Drehmoment bleibt vom ersten Sekundenbruchteil bis zur Höchstgeschwindigkeit konstant. Konstant krass.

Schnell ist langsam und teuer

Der Nachteil der abendlichen Runden zeigt sich alsbald, denn schnell ist auch teuer. Strafzettel bleiben uns gottlob erspart, doch die Sprints von null auf 100 km/h schlagen sich ordentlich auf den Verbrauch nieder. Was – um bei der Physik und ihren Gesetzen zu bleiben – auch logisch ist. Schließlich ist die kinetische Energie das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit. Wird ein Objekt – also der Tesla mit rund zwei Tonnen Leergewicht – aus dem Stillstand heraus auf eine bestimmte Geschwindigkeit (100 km/h) beschleunigt, dann steht die dafür notwendige Beschleunigungsarbeit oder Leistung in direktem Zusammenhang mit der Zeit, in der sie aufgewendet werden muss. Wobei sich der Faktor Zeit, beziehungsweise die Geschwindigkeit, in der Formel sogar zum Quadrat niederschlagen.

Soviel zur Physik. Einfacher gesagt bedeutet das in der Praxis: Wenn man den Tesla im „Ludicrous“ Fahrmodus (zur Erinnerung: „komplett durchgeknallt“) mehrmals hintereinander von null auf hundert fetzt, dann kann man regelrecht zusehen, wie der Saft aus den Akkus rinnt.

Geplant war, am nächsten Morgen ohne Zwischenstopp von Wien nach Oberösterreich zu fahren. Bei der Übernahme des Autos hatte das Display eine Reichweite von 570 Kilometern angezeigt. „Das geht sich locker aus“, wurde uns versichert. Ja, sicher. Das wissen wir nach dem Test auch. Allerdings nur bei einer normalen, energiesparenden Fahrweise.

Am Ende der nächtlichen Ausfahrten – also physikalischen Demonstrationen – war gerade noch Saft für 170 Kilometer in den Akkus. Zu wenig für die geplante Fahrt. Also hieß es frühmorgens bald aus den Federn und als erstes zum nächsten Supercharger, um den Energiebedarf zu stillen. Rund eine Stunde dauerte es, dort um Energie für rund 400 Kilometer Fahrt aufzutanken.

Am Supercharger: Tesla Model S P100D

Angedockt: Beim Laden am Supercharger relativiert sich der Geschwindigkeitsvorteil des P100D. In einer Stunde kann Energie für knapp 400 km geladen werden. © trend

Familienkutsche mit 600 PS

Schließlich ist alles bereit für die Fahrt und der Tesla muss seine Qualitäten als Familienfahrzeug unter Beweis stellen. Eine Aufgabe, die er recht anständig erledigt. Mit dem Passat Kombi kann sein Ladevolumen natürlich nicht mithalten, aber das Wochenend-Gepäck für vier Personen und ein Rennrad für die Attersee-Runde am Sonntagvormittag schluckt er brav. Wobei dann allerdings auch schon der vordere Zusatz-Kofferraum belegt werden muss.

Der Sitzkomfort und die Beinfreiheit sind sowohl an den Vordersitzen wie auch im Fond amerikanisch-großzügig. Und selbst wenn es in der Preisklasse, in der Autos in etwa so viel kosten wie Einfamilienhäuser, edlere und besser verarbeitete Modelle gibt: Bequem reisen kann man im Tesla allemal und im Gegensatz zu anderen Elektrischen dabei auch die Klimaanlage und andere Spaßetteln in Betrieb nehmen, ohne fürchten zu müssen, dass deswegen der Saft vor dem Ziel ausgeht.

Wobei das Auto den Fahrer regelrecht erzieht. Wer eine weitere Strecke zurücklegen will, legt sich schnell eine zurückhaltend-energiesparende Fahrweise zu. Es bringt einfach nichts, aufs Pedal zu drücken, wenn man deshalb dann wieder eine halbe Stunde lang an einem Supercharger Halt machen muss. Der alte Slogan „gleiten statt hetzen“ fällt einem da wieder ein. Wobei man sich dann fragt, wozu man zum Gleiten mehr als 600 PS braucht.

Die Antwort darauf kann man sportlich sehen: Weil es möglich ist, ein solches Auto zu bauen. Der Tesla P100D ist wohl das unvernünftigste vernünftige Auto, das bisher in Serie produziert wurde. Was ihn erst recht reizvoll macht, wenn man das nötige Kleingeld dafür parat hat. Und weil das Auto vielleicht sogar mehr als andere Limousinen oder Sportwägen fasziniert. Selbst an einem Parkplatz vor einem versteckten Mostheurigen im oberen Mühlviertel gibt es Leute, die seine technischen Daten genau kennen und im Internet, auf YouTube & Co Videos gesehen haben, wie Beifahrer und Passagiere reagieren, wenn der Ludicrous-Kick einsetzt.

Dabei handelt es sich um keine Fakes – das können wir nach dem Test aus eigener Erfahrung bestätigen. Im normalen Leben bewegt man sich dann aber doch lieber innerhalb der Grenzen der Vernunft als am Rande der Grenzen der Physik. Weshalb die 380-Volt-Ladestation am eigenen Carport vorerst doch noch nicht benötigt wird. Vielleicht dann, wenn der „Dreier“ in Österreich anrollt.

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