Jon Stephenson von Tetzchner: „Unternehmen brauchen eine Vision, eine Mission“

Jon Stephenson von Tetzchner Foto: © Vivaldi.com

Der Internet-Pionier Jon Stephenson von Tetzchner ist weltweit als Gründer von „Opera“ und dem gleichnamigen Internet-Browser bekannt geworden. Nun will er mit dem „Vivaldi“ Browser nochmals durchstarten. Gleichzeitig kämpft er gegen die Daten-Sammelwut von Google, Facebook und Co und positioniert sich als Anti-These zu Start-ups, die den schnellen Exit suchen. Ich traf von Tetzchner zum Lunch in Wien.

Die am besten bekannte Geschichte über Jon Stephenson von Tetzchner ist rund zwölf Jahre alt: Im April 2005 rief der Gründer von „Opera“ und Erfinder des gleichnamigen Browsers die „1 Million Download Challenge“ aus: Er erklärte, dass er den Atlantik von Norwegen bis in die USA durchschwimmen werde, falls die damals neue Version 8 des Opera-Browsers innerhalb der ersten vier Tage über eine Million Mal heruntergeladen würde.

Wenige Tage später löste er sein Versprechen ein. Er stürzte sich in das kalte Meer, brach aber den ohnehin nicht ganz ernst gemeinten Versuch kurz darauf wieder ab, nachdem das Begleit-Schlauchboot gekentert war.

Im Frühling 2017 ist der Internet-Pionier mit einem Unternehmen und einem neuen Browser an die Öffentlichkeit getreten. Und wieder tragen beide einen sehr musikalischen Namen: „Vivaldi“. Ob er wieder versuchen werde, in die USA zu schwimmen, wenn mit Vivaldi“ ein ähnlicher Coup gelänge? „Ich hoffe, dass ich das dieses Mal nicht machen muss. Es ist eine der Geschichten, die überlebt haben, weil sie die Leute lustig fanden, und es war auch ein Spaß“, sagt er beim Mittagessen mit dem trend (siehe das folgende Interview).

Erfolgsrezept: Gut sein

Derzeit ist der Vivaldi Browser aber ohnehin noch weit davon entfernt, binnen weniger Tage auf eine Million Downloads zu kommen. Aktuell hält man bei Version 1.10 und knapp einer Million regelmäßiger aktiver Nutzer. Für einen Break-even wären drei bis fünf Millionen User notwendig, wie von Tetzchner erklärt. Er ist zuversichtlich, dass diese Marke bald erreicht werden kann. Trotz der scheinbar fast übermächtigen Konkurrenz durch Google (Chrome), Mozilla (Firefox), Microsoft (Edge, Internet Explorer) oder der seines alten Unternehmens (Opera): „Wir hatten immer schon harte Konkurrenten. Das war auch bei Opera so. Damit haben wir 350 Millionen User erreicht, den Großteil davon durch Mundpropaganda. Es hat einmal funktioniert, warum nicht auch ein zweites Mal?“

Braucht die Welt tatsächlich noch einen weiteren Internet-Browser, noch dazu einen für den es – noch keinen Smartphone-Client gibt? Von Tetzchner ist überzeugt, dass das der Fall ist. Zumal Vivaldi, wie er erklärt, für eine besondere Klientel optimiert ist: Die Gruppe der Internet-Poweruser, die besonders viel Zeit im Netz verbringt, dutzende Tabs gleichzeitig geöffnet hat, mit Keyboard-Shortcuts umgehen kann, viel mit Bookmarks und der Verlauf-Funktion arbeitet. Und der auch wichtig ist, dass ihr Internet-Browser nicht im Hintergrund Daten sammelt und diese für Marketing-Zwecke verwendet. „Wir haben immer unseren Weg gemacht“, sagt von Tetzchner, „ein gutes Produkt ist der Schlüssel zum Erfolg.“


ZUR PERSON

Jon Stephenson von Tetzchner

Große, europäische Internetpioniere gibt es nicht sonderlich viele. Jon Stephenson von Tetzchner, dessen Bekanntheitsgrad hierzulande eher enden wollend ist, gehört zu den wenigen, die man in jeder Hinsicht als einen solchen bezeichnen kann.

Der 1967 in Reykjavik Island, geborene, knapp zwei Meter große Hüne, hat Zeit seiner beruflichen Laufbahn mit und an der Weiterentwicklung des Internets gearbeitet. Er gehörte zu den ersten, die in Europa einen Internet-Server aufgesetzt haben, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sein Heimatland überhaupt auf die globale Internet-Karte kam und wurde mit dem von ihm gegründeten Unternehmen „Opera“ und dem gleichnamigen Opera Browser zu einem Global Player.

2010 trat er als CEO von Opera zurück. Ein Jahr später zog er sich nach Differenzen mit dem Vorstand ganz aus Opera zurück und investierte in Island, unter anderem in Tourismusprojekte und das auf Laktosefreie Molkereiprodukte spezialisierte Unternehmen Arna, ehe er mit „Vivaldi Technologies“ auf die Internet-Bühne zurückkehrte.


INTERVIEW Jon Stephenson von Tetzchner:

„Ich fühle mich für das Internet verantwortlich“

Vivaldi CEO Jon Stephenson von Tetzchner bei einem seiner Vorträge.

Vivaldi CEO Jon Stephenson von Tetzchner bei einem seiner Vorträge. Foto: © Vivaldi.com

Jon Stephenson von Tetzchner sieht sich bei der Entwicklung eines besseren Internet-Browsers betrifft, auf einer Mission. Er hält viele aktuelle Entwicklungen in der Online-Welt für bedenklich, macht sich stark gegen die Daten-Sammelwut der Internet-Giganten und Portale, die Falschmeldungen und Fake-News begünstigen. Auch zu manchen Aspekten Start-up-Kultur hat er – nicht zuletzt aufgrund der selbst mit Opera gesammelten Erfahrungen – eine sehr differenzierte Meinung.

trend: Wie kommt man im Jahr 2017 darauf, mit einen neu entwickelten Internet-Browser an den Start zu gehen?
Jon Stephenson von Tetzchner: Es ist das, was ich immer schon gemacht habe und wir haben gesehen, dass es in verschiedenen Communities einen Bedarf dafür gibt.

trend: Weltweit dominieren eine Hand voll Unternehmen, Google hat mit Chrome einen Marktanteil von rund 60 Prozent. Dann gibt es noch den Internet Explorer, Safari, Edge und ein paar andere mit geringen Marktanteilen.
von Tetzchner: Wir hatten immer schon sehr starke Konkurrenten. Das war auch so, als wir mit Opera begonnen haben. Dann sind wir damit auf 350 Millionen Installationen gekommen. Warum sollte das mit Vivaldi nicht noch einmal funktionieren? Ich bin überzeugt, dass man mit einem guten Produkt Erfolg haben kann.

trend: Ist die Art und Weise, wie zum Beispiel Google mit Chrome Daten sammelt und nutzt, dabei ein Startvorteil? 
von Tetzchner: Es werden zu viele Daten gesammelt. Von der gesamten Industrie, vor allem von ein paar Unternehmen. Ich denke, das ist zu viel und stelle mir die Frage, wie es dazu gekommen ist. Normalerweise, wenn eine Firma Daten von einem Kunden oder einem Benutzer hat, ist es illegal die Daten mit anderen zu teilen.

trend: Google und ein paar andere Unternehmen haben regelrechte Imperien darauf aufgebaut.
von Tetzchner: Google das Unternehmen nicht wirklich darauf aufgebaut hat. Sie haben das nicht von Anfang an gemacht. Ursprünglich war Google eine reine Web-Suche, und zwar eine wirklich gute. Dann kam Google Ads, und die Werbung wurde mit dem Content verknüpft, den man gesucht oder den man sich angesehen hat. Google hat also die Seiten analysiert, die sich die Leute angesehen haben. Dann hat sich etwas geändert: Es wurden nicht mehr Werbungen angezeigt, die mit dem Inhalt der besuchten Seiten verknüpft waren, sondern mit den Personen, die sie besuchten. Das war ein wirklich radikaler Einschnitt. Die Werbungen sind nun mit individuellen Interessen verbunden. Damit, wer man als Person ist, was man im Internet macht. Das bedeutet, dass Informationen von allen Seiten und allen Unternehmen gesammelt werden, die man besucht. Ich habe das Gefühl, dass das nicht legal ist. Und wenn es nicht legal ist, dann werden entweder Gesetze gebrochen oder es wird die Absicht der Gesetze gebrochen.

Unternehmen nutzen Daten für ihre Propaganda. Das gefährdet unsere Demokratien.

trend: Google ist da natürlich anderer Meinung.
von Tetzchner: Die Tatsache, dass Google ein Dienstleister all dieser Unternehmen ist, ändert nichts daran, dass Unternehmen X eigentlich nicht bei einem Besuch bei Unternehmen Y gesammelten Daten nutzen dürfte. Manche meinen, dass das keine große Sache ist und es sogar positiv ist, wenn die Unternehmen Leute gezielt ansprechen können. Aus Unternehmersicht ist das nett ist. Aber es gibt noch eine andere Seite: Unternehmen nutzen diese Daten, um die Besucher zu psychoanalysieren und für ihre Propaganda zu nutzen. Das ist ein signifikantes Problem, das unsere Demokratien gefährdet.

trend: Sie sprechen die Falschmeldungen und Fake-News an.
von Tetzchner: Das ist ein ernsthaftes Problem. Die Technologie bringt es mit sich, dass die Leute im Internet einer Gehirnwäsche unterzogen werden können – mit guten oder schlechten Absichten. Ich will nicht, dass irgendjemand meine Gedanken oder die von irgendjemand anderen manipuliert. Das ist ein wirklich gefährliches Spiel. Ich habe über 20 Jahre mit dem Internet gearbeitet. Auf eine eigenartige Weise fühle ich mich dafür verantwortlich. Auf einer Mission, den Leuten Zugang zum Internet und zu Informationen zu geben. Jetzt aber sehen wir, dass all das, wofür wir gearbeitet haben, für das Gegenteil genutzt wird. Das Internet wird vom Informationskanal zum Desinformationskanal.

trend: Ich glaube, dass viele Leute verlernt haben, nach Fakten zu suchen. Dass sie irgendwelche Informationen von irgendwoher bekommen und die für bare Münze nehmen. 
von Tetzchner: Dazu kommt die gefährliche Einstellung, man könne traditionellen Medien nicht mehr trauen. Die bringt die Leute zu den Kanälen, wo Informationen vorsätzlich verdreht wurden. Diese manipulierten Informationen werden den Leuten zugespielt, um sie weiter zu manipulieren. So kommt es, dass man manchmal mit Leuten spricht und sich denkt, dass die von einem anderen Planeten sind. Das kommt davon, dass sie tatsächlich auf einem anderen Planeten sind: Man bekommt nicht die gleichen Informationen wie diese Leute. Und man ist sich dessen gar nicht bewusst, weil man denkt, selbst gut informiert zu sein, ausgewogene Nachrichten und Fakten, die stimmen zu kennen. Das denken diese Leute aber auch. Wenn ich jemand treffe, der Ansichten hat, die ich befremdlich finde, dann frage ich nach, woher die Informationen dazu kommen, weil sie nicht dem entsprechen, was ich weiß. Normalerweise finde ich dann heraus, dass diese Leute nicht wirklich Zeit nehmen, sich mit Nachrichten auseinanderzusetzen und nach Quellen zu suchen. Es ist typisch, dass sie Informationen über Facebook, Twitter oder ähnliche Kanäle von ihren Freunden bekommen. Und diese Kanäle werden eben kompromittiert.

Es ist falsch und illegal, wie Daten genutzt werden.

trend: Das Problem der Social-Media-Informationsblase…
von Tetzchner: Das ist eine ganz andere Einstellung, eine andere Welt. Die Leute wägen Dinge nicht ab, versuchen nicht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen oder die Welt von verschiedenen Gesichtspunkten zu sehen. Und diese Plattformen sind zu einem gewissen Grad der Grund, warum es überhaupt möglich ist, dass Menschen analysiert und mit verschiedenen Inhalten gefüttert und in ihren manchmal abstrusen Meinungen bestärkt werden.Natürlich sehe ich den kommerziellen Wert davon, dass Daten von und über Leute gesammelt werden. Aber ich glaube, dass es schlichtweg falsch ist, wie sie genutzt werden. Und illegal obendrein. Es sollte und dürfte nicht sein.

trend: Die Freiheit des Internets, die uns immer so wichtig war… es ist erstaunlich, dass wir jetzt über die Notwendigkeit gesetzlicher Schranken sprechen. 
von Tetzchner: Sind denn die Umsätze von Google und Facebook und einer Handvoll anderer Unternehmen wichtiger? Ich hatte die Ehre, einige der Top-Leute von Google oder Facebook zu treffen. Und daher kann ich sagen, dass ich überrascht wäre, wenn zum Beispiel Sergey Brin unterstützen würde, was passiert.

trend: Es gibt mittlerweile Stimmen, dass Google oder auch Facebook Inhalte zensurieren sollten.
von Tetzchner: Was wieder problematisch ist. Gerade in den USA, wo die Meinungsfreiheit in der Verfassung festgehalten ist. Sollen Unternehmen wie Google oder Facebook dagegen vorgehen, dass die Meinungsfreiheit für Propaganda missbraucht wird? Unternehmen, die auch Teil des Problems sind? Oder ist es vielleicht besser, dem Problem auf gesellschaftlicher Ebene zu begegnen? Dazu sollte man bedenken, dass seit Donald Trump Präsident geworden ist, die Unternehmen mehr Freiheiten bekommen haben, Daten zu sammeln und zu nutzen, statt die Möglichkeiten einzuschränken. Jetzt dürfen das auch Telekommunikationsunternehmen. Es sollte in die andere Richtung gehen: Daten, die von einem Unternehmen gesammelt werden sollten von keinem anderen Unternehmen genutzt werden können.

trend: Das ist ein Problem des Internets: Es hört nicht an den Grenzen auf. US-Unternehmen, die sich beim Datenschutz nur an die lockereren Gesetze in den Staaten halten müssen unterminieren weltweit Gesetze.
von Tetzchner: Ja, und es sollte genau umgekehrt sein. Es gibt Möglichkeiten, um das zu erreichen. Das Problem ist meiner Meinung nach zu groß geworden und ich sehe keine andere Option, als den Rahmen der Möglichkeiten juristisch einzuschränken.

Eine eigene Community ist viel mehr wert als eine Facebook-Community.

trend: Einer der Gründe weshalb Facebook so groß werden konnte war aber gerade, dass man Informationen von Freunden bekommen hat. Man musste nicht lange suchen.
von Tetzchner: Was Facebook wirklich groß gemacht hat war, dass sie die Namen der Leute und ihre Adressen hatten. Das war neu. Man war nicht irgendjemand, sondern hatte seine eigene, richtige Identität. Dann kam der Marketing-Aspekt dazu, und das hat Facebook verändert, zu einem Marketing-Kanal gemacht. Viele Unternehmen haben in der Folge ihre eigenen Communities aufgegeben und sind zu Facebook gewechselt. Auch deswegen, weil es mit Kosten verbunden ist, eine eigene Community zu pflegen. Das ist nicht richtig. Eine eigene, engagierte Community bringt einem Unternehmen wesentlich mehr, ist veil mehr wert als eine Facebook-Community. Auch wenn sie vielleicht nicht ganz so groß ist.

trend: Wenn man in der Stadt beobachtet, was die Leute mit ihren Handys machen, dann sind sie meistens in Facebook. Ich schätze, dass es eines Ihrer Hauptziele ist, mit Vivaldi auch auf Smartphones zu kommen, oder? 
von Tetzchner: Nicht wirklich. Wir werden sicher einmal einen mobilen Browser haben, aber für uns ist es wichtiger, dass wir ein richtig gutes Produkt anbieten können.

trend: Aber immer mehr Leute nutzen das Internet nur noch am Smartphone.
von Tetzchner: Das erinnert mich jetzt an die Zeit, als ich mich dafür rechtfertigen musste, dass wir den mobilen Opera-Browser gebaut haben. Jetzt ist es andersrum. Ja, es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Internet zu nutzen. Die zu unterstützen ist wichtig: Desktop PCs, Smartphones, aber auch automatisierte Anwendungen – das Internet der Dinge. Das Internet war immer eine Technologie, die überall sein sollte. Mit dem Internet der Dinge geht die Entwicklung aber übrigens in eine etwas falsche Richtung.

trend: Inwiefern?
von Tetzchner: Es gibt fast nur geschlossene Systeme. Man hat für jedes Gerät, jede Anwendung eine eigene App, und die Apps können nicht untereinander kommunizieren. Also sind viele Dinge, die man vielleicht machen wollen würde entweder sehr kompliziert oder gar nicht möglich. Es gibt ein paar Ansätze, um Einzellösungen zu verbinden. Von Google, Apple oder Amazons Alexa. Aber man muss sich in jedem Fall auf einen der Anbieter und sein Ökosystem entscheiden. Sie sind nicht untereinander kompatibel, die Standards sind nicht offen. Das ist nicht, wie das Internet gedacht und aufgebaut wurde. Obendrein ist die Hardware oft besser als die Software. Die ist oft schlecht getestet und hat signifikante Security-Mängel. Eine Standardisierung hätte zur Folge, dass Entwickler untereinander in Wettbewerb stehen, Dinge laufend verbessern und regelmäßig Updates liefern. Es gäbe viel bessere und erheblich sicherere Lösungen.

Die Entwicklung im Internet der Dinge geht in eine falsche Richtung.

trend: Das heißt, wir brauchen offene Standards im Internet der Dinge. 
von Tetzchner: Ja. Und die großen Player müssen zustimmen, dass sie sich daran halten und sie verwenden. Dann könnte zum Beispiel auch ein kleines Start-up in Österreich eine Home-App-Lösung entwickeln, die mit allen Dingen kommuniziert, die man hat: Dem Kühlschrank, dem Fernseher, dem Licht, dem Auto – einfach mit allem. Es wäre für die weitere Entwicklung viel einfacher, wenn all diese Geräte auch tatsächlich untereinander kommunizieren könnten.

trend: Es wird innovative Unternehmen, wahrscheinlich auch Start-ups geben, die Lösungen dafür entwickeln.
von Tetzchner: Das ist zu hoffen. Leider gibt es aber oft andere Interessen, die einem durchschlagenden Erfolg im Weg stehen. Bei Opera hatten wir zum Beispiel an einer Art Fernbedienung gearbeitet, mit der man alle Geräte steuern konnte. Geräte updaten, sie upgraden und ihre Funktionen erweitern konnte. Das war eine schöne Lösung, ein wirklich mächtiges Tool mit einer funktionierenden Technologie. Leider wurde das eingestellt, nachdem ich das Unternehmen verlassen hatte. Den neuen Eigentümern ging es nicht nicht mehr darum, technologisch etwas voranzubringen. Sie wollten mit einem Exit Geld machen.

Unternehmen brauchen eine Mission und eine Vision, um erfolgreich sein zu können.

trend: Das passiert leider oft. Wenn das Geld wichtiger wird als das Produkt, dann wird es schwierig.
von Tetzchner: Das ist der Punkt. Unternehmen und brauchen eine Mission und eine Vision um erfolgreich sein zu können, visionäre Leute an der Spitze. Bei einem Unternehmen geht es darum, warum das tut, was man tut. Dass man damit Geld verdient sollte ein Nebeneffekt sein. Natürlich ein wichtiger, denn man muss Rechnungen bezahlen und auch Investoren glücklich halten. Wenn das Ziel aber „Geld verdienen“ ist, dann konzentriert man sich nicht darauf, was ein Unternehmen erfolgreich macht. Und man trifft Entscheidungen, die man am Ende bereut. Zum Beispiel, dass man nicht investiert hat, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass man auf eine Bedrohung im Wettbewerb nicht reagiert, weil es Geld kosten würde. Oder dass man ein Unternehmen nicht umorganisiert, obwohl sich die Umstände geändert haben, den Kopf in den Sand steckt und hofft, dass das Problem von selbst verschwindet.

trend: Oder es werden Leute aus der Forschung entlassen, die sich mit Dingen beschäftigen, aus denen möglicherweise einmal etwas werden könnte. 
von Tetzchner: Das ist genau, was bei Opera geschehen ist. Als ich gegangen bin hatte das Unternehmen 750 Mitarbeiter. Davon sind in den folgenden zwei Jahren über 400 gegangen. Dabei war das Unternehmen hoch profitabel. Aber das Geld wurde herausgezogen und in andere Dinge gesteckt, die mit Opera nichts zu tun hatten. Wir hatten fantastische Talente, die alles konnten, was man sich vorstellen konnte. Und dann wurden die gefeuert und stattdessen zum Beispiel Mobile Advertising Companies gekauft. Kurzfristig hat man damit den Profit gesteigert, weil eben nicht mehr investiert, sondern die Creme abgeschöpft wurde. Aber es kam, wie es in dem Fall kommen muss: Solche Unternehmen hören auf zu wachsen und beginnen zu stagnieren.
Nachdem ich Opera verlassen hatte ist das Unternehmen trotz sinkender Investments noch vier Jahre lang weiter gewachsen. Man kann sich daran ausmalen, wie gut wir davor aufgestellt waren. Dann kam die Stagnation, das Wachstum war zu Ende und das Unternehmen wurde an die Chinesen verkauft.
(Anmerkung: Im Mai 2016 stimmten über 90 Prozent der Aktionäre für einen Verkauf an das chinesische Konsortium Golden Brick Silk Road Equity Investment Fund II LLP, das für Opera rund 1,1 Milliarden Euro geboten hatte.) 

trend: Es ist eine Schande.
von Tetzchner: Ja. Deswegen haben wir bei Vivaldi auch keine Investoren an Bord. Das Unternehmen gehört nur mir.

trend: Gratulation!
von Tetzchner: Danke. Es ist eine andere Art, ein Unternehmen zu führen. Aber ich will nicht, dass uns irgendetwas in die Quere kommt. Wir sind auf einer Mission, wollen etwas erreichen, etwas Positives bewegen. Natürlich gibt es auch gute Investoren, nicht nur solche, wie wir sie bei Opera hatten, aber wenn man Investoren hereinholt, muss man ihnen auch einen Exit versprechen. Das würde bedeuten, dass man entweder an die Börse gehen oder das Unternehmen verkaufen muss. Ich will das beides nicht. Börsegang? Das habe ich gemacht und hinter mir. Ich brauche das nicht mehr.

Wer Investoren hereinholt, muss ihnen auch einen Exit versprechen.

trend: Also werden Sie auch in Zukunft keine Investoren hereinnehmen?
von Tetzchner: Das ist nicht geplant. Wenn man Investoren bedienen muss, hält einen das mitunter davon ab, die richtigen Dinge zu tun. Im Silicon Valley setzen daher auch viele Unternehmen Verträge auf, die zumindest theoretisch die Möglichkeiten von Investoren beschränken, sich in die strategische Ausrichtung von Unternehmen einzumischen. Aber wenn ein Unternehmen nicht so läuft, wie sich das die Investoren vorstellen, dann muss man sich trotzdem mit ihnen auseinandersetzen. Auch wenn sie theoretisch nichts mitzureden hätten. Man ist in der Pflicht, seine Versprechen einzulösen. Ich finde, es ist besser, sich darauf zu fokussieren, ein gutes Produkt zu bauen, und nichts weiter. Klar muss auch ein Unternehmen wie unseres genug Geld machen, um den Break-even zu erreichen. Das ist eine Vorgabe.

trend: Ohne ein gutes Produkt dürfte es ohnehin schwer sein, einen Break-even zu erreichen. 
von Tetzchner: Das vergessen die Leute mitunter, und das ist ein Problem. Man gründet ein Unternehmen, weil man die Welt verändern möchte. Jeder auf seine Art ein klein wenig. Oder zumindest weil man ein Produkt hat, von dem man überzeugt ist. Wenn ich mich aber mit Start-ups unterhalte, dann scheint das manchmal nicht wichtig zu sein. Sie scheinen darauf programmiert zu sein, dass erfolgreich zu sein bedeutet, eine Finanzierung aufzustellen, ein Investment zu bekommen.

trend: Entweder das, oder einen guten Schnitt beim Exit zu machen. 
von Tetzchner: Für mich ist das ist ein Fehler. Die meisten Unternehmen überleben die ersten fünf Jahre nicht. Es wäre ein Erfolg, fünf Jahre lang zu überleben. Wenn man ein Unternehmen nach drei Jahren verkauft, dann ist das kein Erfolg. Bei vielen erfolgreichen Unternehmen – wenn man an die IT-Unternehmen denkt, mit denen ich mich identifizieren kann – gab es auch Zeitpunkte in der Geschichte, an denen sie nicht verkauft haben. Das waren dann oft auch signifikante Wendepunkte am Weg zum Erfolg. Google hatte seinerzeit versucht, die Suchmaschinentechnologie um 750.000 Dollar zu verkaufen und es dann doch nicht getan. Es ist auch dokumentiert, dass sich Microsoft zumindest zweimal an IBM verkaufen wollte. Bei Opera waren wir schon in einem Frühstadium schon einmal knapp davor, das halbe Unternehmen zu verkaufen. Zum Glück haben wir das nicht gemacht, sondern weitergearbeitet. Das erste Darlehen kam nach vier Jahren, der erste Investor nach fünf Jahren. Wenn wir früher Geld bekommen hätten, wären wir gestorben.

trend: Wie war das? Was ist damals gelaufen?
von Tetzchner: Einige Monate nach der Gründung haben wir uns mit einer potenziellen Investorengruppe getroffen. Es gab ein Gespräch und eine Absichtserklärung für eine Beteiligung. Sie haben uns schöne Dokumente mit ihren sämtlichen Beteiligungen vorgelegt und uns versichert, dass sie an einem langfristigen Investment interessiert wären. Das klang alles sehr schön. Am nächsten Morgen habe ich einen Anruf bekommen: Sie wollten unsere Technologie an ein anderes Unternehmen verkaufen. Nicht das Unternehmen, sondern unsere Technologie. Wir hätten mit diesem Browser-Ding aufhören und stattdessen Consultants werden sollen. Da kamen Aussagen wie „Diese Internet-Sache wird jetzt wirklich groß, und ihr habt das Wissen…“. Für mich war das damit erledigt. Aber andere hätten sich vielleicht anders entschieden.

Um erfolgreich sein zu können muss man sehr fokussiert sein.

trend: Ich habe den Eindruck, dass gerade in der Start-up-Szene viele keinen Plan haben, wie ein Unternehmen entwickelt werden kann.
von Tetzchner: Das kommt von dem Druck, unter dem die Start-ups stehen. Rund um Start-ups gibt es Leute, die sie als ihre Chance sehen, reich zu werden. Sie sagen den Start-ups, die möglicherweise aus den richtigen Gründen bei einem Pitch sind, dass sie den Exit pitchen müssen und sie über den Exit nachdenken sollten. Wenn man an den Exit denkt, denkt man aber nicht daran, etwas aufzubauen. Das ist schwierig, denn um erfolgreich sein zu können man muss sehr fokussiert sein. Entweder man konzentriert sich darauf, das Unternehmen aufzubauen – dann kann man sich später, wenn das Problem einmal kommt, mit den Optionen Exit oder Investoren hereinzulassen beschäftigen. Oder man konzentriert sich auf den Exit. Es gibt auch genug Leute, die das wirklich gut machen. Das ist, als würde man etwas aufbauen, nur um es dann gleich wieder niederzureißen.

trend: Viele holen auch schon in einem Frühstadium Investoren herein. Wenn es dann zu einem Exit kommt, bleibt den eigentlichen Gründern dann gar nicht mehr so viel vom Erlös. 
von Tetzchner: Meine Empfehlung ist, dass man so lange warten sollte, wie es nur möglich ist. Offensichtlich ist das nicht immer eine Option und manchmal ist dieser Rat auch falsch, denn es kann sein, dass man das Geld unbedingt braucht, um überhaupt weitermachen zu können. Es ist aber immer riskant, Darlehen aufzunehmen oder die Eltern dazu zu bringen, Hypotheken auf ihr Haus aufzunehmen. Man sollte das möglichst vermeiden. Wenn ein Projekt länger dauert als geplant – was sehr oft der Fall ist – oder gar scheitert und man deswegen seine Freunde, seine Familie verliert, dann ist es das einfach nicht wert.
Die Nachteile dürfen im Fall der Fälle nicht zu schwerwiegend sein. Zu scheitern ist alleine schon schwer genug zu verkraften. Die Ziele nicht erreichen zu können ist hart. Wenn man zusätzlich zur persönlichen Niederlage auch noch die eigenen Eltern, die Familie oder Freunde, die einen unterstützen wollten, in Schwierigkeiten bringt, dann muss man sehr hart dafür kämpfen, das wieder in Ordnung zu bringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.