„Jeder Gründer hat Probleme“ – Tipps für Start-ups von Rechtsanwalt Hartwig Kienast

Start-ups sind in mancher Hinsicht Unternehmen wie alle anderen auch, haben in mancher Hinsicht aber ganz spezielle Bedürfnisse. Hartwig Kienast, Partner der Anwaltssozietät Wolf Theiss, erklärt, worauf die innovativen Unternehmensgründer achten sollten.

trend: Sie haben vor kurzem den Einstieg des Investors Insight Venture Partners in das österreichische Software-Unternehmen Tricentis begleitet. Der neue Partner hat 165 Millionen Dollar in das 2007 gegründete Unternehmen investiert.
Hartwig Kienast: Das war aus rechtlicher Sicht sehr spannend und anspruchsvoll. Der Investor war ein amerikanischer Private Equity-Fonds, und österreichische Regelungen zur Corporate Governance decken sich nicht immer mit den Vorstellungen der Amerikaner. Das ganze Projekt war sehr intensiv, alles wurde im Rekordtempo abgewickelt.

trend: Tricentis wurde noch zu einer Zeit gegründet, als man noch gar nicht von Start-ups sprach. Mittlerweile gibt es eine regelrechte Start-up-Szene. Sehen Sie bei Start-Ups generell einen höheren Bedarf an juristischer Beratung, von der Gründung bis zum Exit, als bei anderen Unternehmen?
Kienast: In vielen Bereichen unterscheiden sich Start-Ups kaum von herkömmlichen Unternehmen. Jeder Gründer hat dieselben Probleme. Allerdings sind Start-Ups oft in sehr innovativen Bereichen tätig, wie dem Finanzmarkt oder IT-Bereich. Das bringt schon mal Komplexität – und damit Beratungsbedarf. Es gibt noch andere Faktoren: Viele Gründer haben schon früh zukünftige Investoren im Visier. Da geht es dann auch schon früh um den Exit, weniger um Einnahmen und Dividenden. Außerdem sind oft auch der Kapitalmarkt und die Finanzierung Themen.

trend: Klassische Gründer – Handwerker etwa wie Tischler, Bäcker – bewegen sich in klaren Umfeldern, während Start-Ups oft auch mit neuen Ideen alte Geschäftsmodelle herausfordern. 
Kienast: Start-ups stoßen oft an den gesetzlichen Rahmen, um ihre Ideen überhaupt umzusetzen zu können. Diese Bereiche wurden zum Teil vom Gesetzgeber noch gar nicht bedacht. Wer neu und innovativ in Branchen kommt, muss mit Gegenwehr rechnen. Fintechs müssen sich zum Beispiel intensiv mit dem Kapitalmarktrecht auseinandersetzen und sich gegen die Gegner am Markt, die ihre Interessen heftig vereidigen, durchsetzen. Wichtig ist, dass sich die Firmen vor der Marktinitiierung gut beraten lassen, Gutachten einholen und sich absichern. Fintechs müssen sich außerdem Konzessionen sichern, sonst kann es ganz schnell zu Ende sein.

trend: Am Anfang steht oft ein Gründerteam. Schon hier stellt sich die Frage: Wer bekommt welchen Anteil am Unternehmen? Was ist eine Idee wert, wie viel das Marketing, wie viel die technische Umsetzung? Was empfehlen Sie Start-Ups, bei der Gründung als erstes?
Kienast: Die erste Frage ist die nach der Gesellschaftsform. In der Ideenfindungsphase ist es noch gar nicht sinnvoll, eine Kapitalgesellschaft aufzubauen. Da sind GesnbRs, also Gesellschaften nach bürgerlichem Recht, oder Personengesellschaften meist ausreichend und billiger. Damit sind dann schon einmal die Beziehungen der Gesellschafter untereinander geregelt.

In der Umsetzungsphase wird die Gesellschaft dann meistens in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt. Dabei sollte ein Gesellschaftsvertrag aufgesetzt werden, der die wichtigsten Themen wie Kapitalflüsse, Kontroll- und Einflussrechte oder Zustimmungserfordernisse regelt. Wenn dritte Personen, also beispielsweise Investoren, an Bord kommen, sollte der Gesellschaftsvertrag idealerweise schon stehen.

Es ist ratsam, die Aufnahme von Equity Kapital möglichst lange hinaus zu zögern.

trend: Stichwort Investoren: Vielen Start-Ups geht bald das Geld aus, sie holen sich dann Venture-Kapitalgeber rein. Die Gründer verlieren in der Folge mitunter die Kontrolle über das eigene Unternehmen. 
Kienast: Das ist tatsächlich ein Problem. Man muss es aber auch von der anderen Seite sehen: Investoren stecken risikobehaftetes Kapital in Unternehmen, die sich in einer sehr frühen Phase befinden. Ihnen droht stets der Totalverlust. Und bei einem großen Teil der Start-Ups tritt dieser auch ein.

trend: Worauf sollten Start-ups achten, wenn sie Investoren ins Haus lassen?
Kienast: Es gibt zwei wesentliche Aspekte. Zuerst einmal der Beteiligungsaspekt: Wie viel Equity gibt man ab? Je früher man einen Investor sucht, desto mehr Anteile am Unternehmen wird man abgeben müssen. Es ist daher ratsam, die Aufnahme von Equity Kapital möglichst lange hinaus zu zögern. Wenn es einmal ein Produkt gibt, das sich verkauft, sind die Unternehmensbewertungen gleich wesentlich besser und Unternehmen müssen ihren Investoren weniger Anteile abgeben.
In der Anfangsphase sollte man daher zunächst Förderprogramme wie sie vom AWS oder der FFG angeboten werden in Anspruch nehmen. Sie investieren nicht ins Equity und sind teilweise nicht oder nur im Erfolgsfall rückzahlbar. Eine weitere Alternative ist Crowdfunding. Oder man versucht es mit hybriden Finanzierungsformen. Wichtig ist immer die Abwägung von Finanzierung und Kontrolle: Wie viel Geld brauche ich, wie viel von meinem Unternehmen muss ich dafür abgeben?

trend: Was ist bei Verhandlungen mit potenziellen Investoren wichtig? Die haben in der Regel ja das Interesse, mit ihrem Investment Geld zu verdienen.
Kienast: Man sollte vorab ein Konzept haben, und eben einen Gesellschaftsvertrag. Wer auf einer soliden Struktur aufbauen kann, muss weniger verhandeln, und läuft weniger in das Risiko, als Verlierer rauszugehen.

trend: Besonders problematisch scheint es, wenn Start-ups Equity als Währung nutzen, um sich Dienstleistungen zu kaufen. Etwa, wenn Medienpartner gegen Werbeleistung Anteile bekommen.
Kienast: Das passiert teils auch im Beratungsbereich. Auch Juristen oder Steuerberater bieten Leistungen gegen Anteile an. Es ist fraglich, inwiefern das sinnvoll ist. Manchmal spart man sich vielleicht auch nur 1.000 Euro, hat danach aber den Schaden.

Wer auf einer soliden Struktur aufbauen kann läuft weniger in das Risiko, als Verlierer rauszugehen.

trend: Natürlich gibt es auch für Investoren ein Risiko, denn viele Firmen verschwinden genauso schnell wieder, wie sie gegründet wurden. Beim Crowdfunding trifft das dann auch Kleinanleger, die Risiken vielleicht nicht richtig einschätzen.
Kienast: Das ist richtig, aber Crowdfunding ist für Anwälte kein großes Thema, denn mit dem „Alternativ-Investment-Gesetz“ oder eben „Crowdfunding-Gesetz“ gibt es eine rechtliche Grundlage dafür. Es existiert ein rechtlicher Schutz für Investoren. Außerdem läuft Crowdfunding meist über Plattformen, die standardisierte Verträge abschließen. Dennoch müssen Investoren auch mit Totalverlusten rechnen. Das ist generell ein Problem der Start Up – Szene: Dem Hype folgen viele halbherzige Trittbrettfahrer, die Unternehmen an die Wand fahren. Diese Negativbeispiele führen zu Vertrauensverlusten, unter denen dann auch die ambitionierten und talentierten Start-Ups leiden.

trend: Kommen wir zum Produkt: Wie kann ein Start-up eine Idee oder eine Innovation rechtlich vor Nachahmern schützen?
Kienast: Eine reine Geschäftsidee kann man nur durch strenge Geheimhaltung, eventuell durch Geheimhaltungsverträge schützen. Nur Erfindungen kann man patentrechtlich schützen. Allerdings auch nur dann, wenn sie neu sind. Man darf also nicht vorher den Markt testen oder in Zeitschriften darüber fachsimpeln, denn dann ist der Neuheitswert weg. Per Definition zählt die Erfindung dann zum Stand der Technik und man kann diese nicht mehr patentrechtlich schützen lassen. In vielen Fällen sollte man sich so lange wie möglich bedeckt halten und dann beim Markteintritt den First-Mover-Vorteil möglichst professionell ausnutzen.
Etwas anders ist die Lage bei Software. Sie fällt prinzipiell unter den Schutz des Urheberrechts. Dagegen, dass eine Software anders nachgebaut wird, ist man allerdings nicht geschützt. Auch wenn man Open Source Produkte verwendet kann es Einschränkungen oder Verpflichtungen geben. Das kann für mögliche Investoren ein rotes Tuch sein.

trend: Die rechtlichen Rahmenbedingungen können sich international stark unterscheiden. Kann es sich für Start-Ups lohnen, den Firmensitz aus diesem Grund in einen anderen Staat mit für sie freundlicheren Bedingungen zu verlegen?
Kienast: Das kann sich durchaus lohnen, denn gerade Konzessionen werden andernorts mitunter schneller verteilt. Den Firmensitz außerhalb Österreichs anzusiedeln hat in manchen Bereichen auch Tradition, zum Beispiel unter Glückspielanbietern.

Strafen können in die hunderte Millionen gehen.

trend: Schließlich gibt es das Problemfeld des digitalen Rechts. Das scheint komplex, etwa was den Datenschutz oder Copyright-Bestimmungen betrifft. 
Kienast: Unternehmen die Daten erfassen müssen entsprechende Einwilligungen einholen. Mit der „Daten-Grundschutzverordnung“ ist vor kurzem eine neue EU-Verordnung in Kraft getreten, die das Ziel hat, die Verletzung von Datenschutz-Richtlinien wesentlich härter zu bestrafen. Diese Strafen können in die hunderte Millionen gehen.

trend: Am Ende vieler Start-up-Träume steht der lukrative Exit, der Verkauf des Unternehmens zu einem möglichst guten Preis. 
Kienast: Das ist für viele tatsächlich der Idealfall. Millionenbeträge für ein paar Jahre Arbeit gibt es aber nur in den wenigsten Fällen. Und was einen Exit selbst betrifft: Dabei handelt es sich um eine klassische M&A- Transaktion. Ob es sich bei dem Unternehmen um ein Start-up handelt spielt dabei eigentlich keine Rolle. Hier wird jedes Unternehmen geprüft. Oft gibt es Vorzugsrechte, sogenannte Liquidation Preferences oder Exit Preferences, die berücksichtigt werden müssen. Außerdem haben viele Start-Ups auch ihre Mitarbeiter beteiligt. Wie viel vom Kaufpreis im Falle eines Exits für die Gründer abfällt hängt davon ab, wie geschickt man zuvor agiert hat.


Zur Person

Der Rechtsanwalt Hartwig Kienast ist Parter der Anwaltssozietät Wolf Theiss und Mitglied der Gruppe Corporate/M&A. Er ist auf die Bereiche Mergers & Acquisitions und Reorganisation von Unternehmen spezialisiert. Zuletzt hat er den Einstieg des US-Investors Insight Venture Partners in das Wiener Unternehmen Tricentis und den Verkauf der kroatischen Billa-Filialen an Spar begleitet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.