Mercedes-Benz Nordamerika CEO Dietmar Exler: „Wir wollen die Nummer Eins bei Elektro werden“

Dietmar Exler, CEO Mercedes-Benz Nordamerika
Dietmar Exler, CEO Mercedes-Benz Nordamerika
Seit Anfang 2016 ist der gebürtige Linzer Dietmar Exler CEO von Mercedes-Benz Nordamerika und damit Chef von rund 1500 Mitarbeitern und einem 373 Händler umfassenden Netzwerk. Im Exklusiv-Interview spricht er über die Ambitionen von Mercedes-Benz im Bereich der Elektromobilität, die Zukunft des Fahrens und der US-Automobilindustrie.
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Einen solchen Firmenwagen hätte wohl jeder gerne: Ein Mercedes-Benz SL Cabrio, Zweisitzer mit rotem Leder-Interieur und 620 PS Motor. Der gebürtige Linzer Dietmar Exler, seit Beginn des Jahres 2016 CEO von Mercedes-Benz Nordamerika und damit Chef von rund 1500 Mitarbeitern und 373 Händlern, ist einer der wenigen, die dieses Vergnügen haben.

„Es ist ein großartiges Auto“, sagt Exler. Mit offenem Verdeck durch das hügelige Georgia zu fahren, sich den Wind durch die Haare wehen zu lassen und Musik zu hören ist eine der großen Leidenschaften des 48-jährigen Juristen. „Die Landschaft erinnert sehr an das Mühlviertel, nur dass hier das Klima milder ist und ich fast das ganze Jahr mit offenem Verdeck fahren kann.“

Dietmar Exler, CEO Mercedes-Benz Nordamerika: Ein SL-Cabrio als Firmenwagen.
Dietmar Exler, CEO Mercedes-Benz Nordamerika: Ein SL-Cabrio als Firmenwagen. © Paul Abell

 

Das erste Auto, das Dietmar Exler vor 30 Jahren, als Jus-Student an der Linzer Johannes Kepler Universität fuhr, fiel noch in eine ganz andere Kategorie. Es war ein grüner Citroen 2CV Dyane mit einem 28 PS Motor, 120 km/h und Lenkradschaltung. „Das war alles, was ich mir leisten konnte“, erinnert er sich, „ich war froh, überhaupt ein Auto zu haben und ich hatte einige Mechaniker-Freunde, die mir geholfen haben, es immer wieder zu reparieren.“ Natürlich könnte er immer noch ein solches Auto mit Lenkradschaltung fahren, beteuert er. Doch das muss er nicht. Sein SL Cabrio beschleunigt in atemberaubenden vier Sekunden von null auf hundert, ohne dass er auch nur einmal schalten müsste.

Wie wird man als Linzer CEO von Mercedes Benz Nordamerika? Exler ging nach dem Studium nach Detroit, wo er für McKinsey arbeitete und 2002 von Daimler abgeworben wurde. Nachdem er einige Jahre im Stuttgarter Hauptquartier gearbeitet hatte, wurde er 2014 zum Vertriebschef von Mercedes-Benz Nordamerika bestellt und mit Beginn des Jahres 2016 schließlich CEO für die USA und den NAFTA-Raum.


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INTERVIEW
„Marktführer zu sein ist schön, aber eigentlich wertlos. Kein Mensch kauft eines unserer Autos, weil wir mehr verkaufen als unsere Mitbewerber.“ Dietmar Exler, CEO Mercedes-Benz Nordamerika, über die Zukunft der Mobilität und die der US-Automobilindustrie.

trend: Die US-Automobilindustrie hat sich eben erst von der schwersten Krise ihrer Geschichte erholt. 2009 waren Chrysler und dann sogar die Motor City Detroit pleite. Sechs Jahre später, im Jahr 2015, feierte man wieder einen Verkaufsrekord. Wie gut geht es der Industrie wirklich?
Dietmar Exler: Von 1999 bis 2007 wurden in den USA jährlich zwischen 16 und 17 Millionen Autos verkauft. Dann gingen die Verkaufszahlen in zwei Jahren zuerst auf 13 und dann auf zehn Millionen zurück. Seither ist der Markt jedes Jahr wieder um eine Million gewachsen und ja, letztes Jahr gab es mit ungefähr 17,5 Millionen verkaufter Fahrzeuge einen neuen Rekord.
Die Zeit, in der der Markt um eine Million Stück gewachsen ist, ist aber vorüber. Der Markt kann nicht endlos in dem Tempo weiter wachsen. Heuer werden wir ungefähr das Ergebnis des Vorjahres erreichen. Aber selbst wenn wir am Ende bei 17,5 Millionen liegen, ist das ein ziemlich gesundes Volumen.

trend: Der Wettbewerb wird aber wohl wieder härter?
Exler: Zweifellos. Die Marktdynamik verändert sich und der Wettbewerb wird härter. Wer mehr Autos verkaufen will, muss den Mitbewerbern Marktanteile wegnehmen. Im Luxussegment sind unsere härtesten Konkurrenten BMW, Lexus und Audi. Aber mit unserer neuen Produktlinie sind wir sehr gut aufgestellt und in den USA der Marktführer im Luxus-Segment.

trend: Bei nahezu allen Herstellern hat sich in der letzten Zeit die Nachfrage von normalen Autos hin zu Trucks verlagert.
Exler: Ja, aber um Missverständnissen vorzubeugen: Unter die Kategorie Truck fallen in den USA nicht nur Pick-up Truck, sondern auch SUVs, und die Nachfrage nach SUVs ist in den letzten zwei Jahren kontinuierlich gestiegen. Auch wir waren mit den GLC Modellen extrem erfolgreich. Dieses Auto hat unseren Mix deutlich verändert. Viele Kunden, die davor eine Limousine gefahren sind, fahren jetzt einen SUV.
Dahinter steht nicht viel Logik. Die niedrigen Treibstoffpreise unterstützen diesen Trend sicher, aber SUVs und Pick-up-Trucks passen vom Typ und ihrer Funktionalität auch sehr gut zu der Art, wie Amerikaner ihre Fahrzeuge nutzen. Normale Autos verkaufen sich auch weiterhin gut. Ihr Anteil liegt bei knapp 50 Prozent. Aber die Nachfrage nach SUVs ist derzeit wirklich groß.

Der neue Mercedes-AMG GLC 43, ein programmierter Bestseller für den US-Luxusmarkt. Verkaufsstart ist zu Jahresende. © Video: Mercedes-Benz Deutschland

trend: Viele der in den USA verkauften Autos werden mit Krediten finanziert. Das Volumen für Autokredite hat jetzt ein neues Allzeithoch von über einer Billion Dollar erreicht. Manche Analysten befürchten, dass die nächste Subprime-Krise ansteht. 
Exler: In den USA werden Autos traditionell mehr über Leasing oder über Kredit finanziert als in Europa. Angesichts der niedrigen Kreditraten – in den USA liegen sie aktuell bei rund einem Prozent – ist es geradezu logisch, dass die Kunden noch mehr Kredite aufnehmen, statt ihre Autos bar zu zahlen.
Ich weiß nicht, ob es tatsächlich zu einem Problem mit Krediten kommen könnte. Unter unseren Kunden ist das Ausfallsrisiko traditionell sehr gering. Ich hätte aber aus der Branche bisher nicht gehört, dass da ein Problem heranwächst.

trend: Mercedes-Benz hat in den USA einen relativ stabilen Marktanteil von 2,1 Prozent. Wie zufrieden kann man damit sein? 
Exler: Das ist richtig, aber Mercedes-Benz ist in den USA etwas anders positioniert als in Österreich. Hier sind wir eine Luxusmarke und im Luxusmarkt haben wir abhängig von der Region einen Anteil von rund 20 Prozent. In den Top-Regionen wie New York, dem Orange County von Los Angeles bis San Diego und Miami/Süd-Florida haben wir sogar 30 Prozent. Wobei man darauf achten muss, mit wem man sich vergleicht und welche Hersteller man zu den Luxusanbietern zählt. Wir messen uns mit BMW, Acura, Infniti, Jaguar, Lexus, Volvo und einigen anderen kleineren Nischenherstellern.
Der Marktführer zu sein ist allerdings zwar schön, aber eigentlich wertlos. Kein Mensch kauft eines unserer Autos, weil wir mehr verkaufen als unsere Mitbewerber. Es geht darum, bessere Angebote, bessere Autos und ein besseres Händler-Netzwerk zu haben.

trend: Vor ziemlich genau einem Jahr ist in den USA der Diesel-Skandal bei Volkswagen aufgeflogen. Hat dieser Skandal das Image von europäischen und deutschen Autoherstellern im speziellen beeinträchtigt? 
Exler: Die Auswirkungen auf Volkswagen und das Geschäft in den USA kann nicht kommentieren, aber ich bin nicht der Ansicht, dass der Skandal dem Image von Mercedes-Benz geschadet hätte. Die Kunden können sehr gut zwischen den einzelnen Marken unterscheiden. Uns haben jedenfalls keine besorgten Kunden angerufen.

trend: Und wie steht es um das Image von Diesel? Bei Mercedes-Benz haben Dieselmotoren ja eine lange Tradition. Hat der Skandal dem Verkauf der Dieselmodelle geschadet?
Exler: Diesel hat in den USA eine andere Position als in Europa. Hier in den USA sind nur zwei bis drei Prozent unserer verkauften Autos Diesel. Der Markt ist so klein, dass das aus verkaufstechnischer Sicht für uns gar kein Thema ist.

trend: Auch wenn die Zukunft von Diesel in den USA weniger ein Thema ist: Die Emissionsgesetze und Abgasvorschriften werden ständig verschärft. Daran muss man sich auch Mercedes-Benz halten. Man experimentiert mit Elektromotoren, Brennstoffzellen und Wasserstoff-Antrieben. Letztes Jahr hat Mercedes-Benz mit dem F015 eine gewagte Zukunftsstudie gezeigt. Wohin geht die Reise?
Exler: Bei der Motor Show in Paris haben wir eine neue Elektro-Modellreihe vorgestellt, Autos und SUVs, die von Grund auf für den Elektroantrieb konzipiert wurden. Für uns ist Elektromobilität das große Thema der nächsten Zeit. Nicht nur in den USA oder in Europa, sondern weltweit. Mercedes-Benz will in diesen Markt. Auch wenn wir noch keine Verkaufsprognosen abgeben können: Unser Ziel ist, bei Elektro die Nummer Eins zu werden.

trend: Da muss sich Mercedes-Benz aber auch mit Tesla matchen. Daimler war bis 2015 an Tesla beteiligt. Nun wurden in den USA bereits mehr Tesla Model S als S-Klasse Mercedes verkauft. 
Exler: Das mag stimmen, wenn man nur die Zahlen vergleicht. Aber beim Tesla Model S handelt es sich nicht um ein einzelnes Modell, sondern eine ganze Reihe mit einer großen Preisspanne. Das Einstiegsmodell kostet rund 60.000 Dollar und von da an geht es aufwärts. Unsere S-Klasse beginnt erst bei 90.000 Dollar. Das ist ein ziemlicher Unterschied. Autos mit einem Preisunterschied von 30.000 Dollar zu vergleichen ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

trend: Tesla hat aber in den USA bis Ende August immerhin schon 23.000 Autos verkauft. 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Ist der Markt jetzt reif für Elektroautos?
Exler: Wenn man ein Modell mit einem attraktiven Design und mit einer überzeugenden Leistung anbietet, dann gibt es auch eine entsprechende Nachfrage. Das trifft auch auf Elektroautos zu.

trend: Neben von Elektromotoren gibt es noch eine ganze Reihe alternativer Antriebe. Welche davon sind am vielversprechendsten?
Exler: In der nahen Zukunft, also in den nächsten zehn Jahren, wird wohl Elektro das Thema sein. Auf lange Sicht ist aber Wasserstoff sehr interessant. Allerdings muss dafür die Infrastruktur aufgebaut werden. Wenn man eine Wasserstoff-Tankstelle in der Nähe hat, dann sieht es gleich ganz anders aus. Derzeit ist Wasserstoff oder Flüssiggas hauptsächlich für Insel-Lösungen ein Thema. Zum Beispiel für den öffentlichen Verkehr, Busse, die jeden Abend in ein Depot zurückkehren und dort wieder betankt werden. Wasserstoff könnte aber durchaus ein Thema werden. Allerdings bin ich kein Techniker.

Intelligente Kommunikation unter Autos: Eines der großen Themen der Automobilhersteller. © Video: Mercedes-Benz Deutschland

trend: Sehr vielversprechend sind auch die Lösungen für selbstfahrende Autos. Auch in den heute verkauften Autos werden immer mehr Assist-Systeme eingebaut, die den Fahrer unterstützen. Werden Autos schon in naher Zukunft ganz alleine fahren können?
Exler: Ich glaube, dass es dazu kommen wird. Doch es gibt einige Knackpunkte, die wir lösen müssen. Aus technischer Sicht ist es zum Beispiel für Sensoren schwierig zu erkennen, wo die Straße im Falle einer Schneefahrbahn endet. Als Mensch sieht man das, aber wie soll das ein Auto wissen? Ein weiteres Problem sind Lichtreflexionen, etwa wenn man nachts in der Stadt fährt und es regnet. Es ist immer noch schwer, die Reflexionen von Verkehrsampeln und anderen Lichtquellen von anderen Lichtern zu unterscheiden ist. Aber das werden die Techniker in Griff bekommen. Das ist nur eine Frage der Zeit.
Das zweite und schwerer zu lösende Problemfeld ist die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen. Dazu zwei Beispiele: Wenn jemand auf die Straße tritt und winkt, kann das sein dass, die Person ein Auto vorbei winkt oder ein Taxi herbeiwinken will. Die Maschine weiß nicht, wie das interpretiert werden soll.
Auch das menschliche Verhalten im Straßenverkehr wirft Probleme auf. Rein rechtlich muss man im dichten Stadtverkehr oder bei einem Stau einen Sicherheitsabstand von einer Wagenlänge zu dem davor fahrenden Auto einhalten. Wenn man das aber macht, dann drängt sich garantiert jemand in die Lücke dazwischen. Das Problem bei selbstfahrenden Autos ist, dass wir sie nicht so programmieren können, dass per Definition Verkehrsregeln verletzt werden. Ein selbstfahrendes Auto würde also den Abstand zum vorausfahrenden Auto wieder vergrößern. Und dann würde sich der nächste in die neu entstandene Lücke zwängen. Das ginge so lange, bis man verzweifelt.

 

trend: Eine schnelle Lösung da nicht in Sicht?
Exler: Wir müssen das menschliche Verhalten in komplexen Situationen entschlüsseln können. Es wäre leicht, wenn alle Autos auf den Straßen mit einem Schlag selbstfahrende Autos wären. Dann gäbe es nur noch Kommunikation von Maschine zu Maschine. Doch das wird nicht der Fall sein. Es wird über eine lange Zeit hinweg selbstfahrende Autos neben von Menschen gesteuerten Autos geben. Die Interaktion dazwischen wird faszinierend sein. Uns noch länger beschäftigen.

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