Sony Music Chef Philip Ginthör: „Es ist verdammt schwer, bekannt und erfolgreich zu bleiben“

Philip Ginthör, CEO von Sony Music Österreich, Deutschland und Schweiz: „Der Song Contest ist weltweit die größte Musikshow im Fernsehen.“
Musikmanager Philip Ginthör, CEO von Sony Music Österreich, Deutschland und Schweiz, im FORMAT Interview über die Bedeutung des Eurovision Song Contest für die Musikbranche, Conchita Wurst und das Musikgeschäft, das nun durch Online-Streaming erneut auf den Kopf gestellt wird.

FORMAT: Der Eurovision Song Contest ist in Wien derzeit allgegenwärtig. Am nächsten Samstag findet in der Wiener Stadthalle das Finale des ESC15 statt. Welche Relevanz hat der ESC für die Musikindustrie?
Philip Ginthör: Eine sehr große. Den Song Contest als Musikshow gibt es seit über einem halben Jahrhundert und mit rund 200 Millionen Zusehern hat er natürlich auch für die Musikindustrie eine ganz besondere Relevanz. Es ist die weltweit größte Musikshow im Fernsehen. In den letzten Jahren hat er sich auch sehr positiv entwickelt. Die EBU, die European Broadcasting Union, hat den Songcontest mit Erfolg weiterentwickelt. Er ist jetzt wieder frischer und jünger.

FORMAT: Abgesehen von Ausnahmen wie Abba oder Udo Jürgens gibt es in der Liste der Gewinner aber kaum Künstler, die über den Status eines One-Hit-Wonders hinaus gewachsen sind.
Ginthör: Ohne die Karrieren der Künstler aus den vielen Teilnehmerländern genau zu kennen gibt es neben den Ikonen wie Abba oder Udo Jürgens etliche weitere Künstler mit langen Karrieren. Lena Meyer-Landrut, die den Song Contest 2010 gewonnen hat, ist immer noch erfolgreich im Geschäft.

FORMAT: Sie haben die Vorjahressiegerin Conchita Wurst unter Vertrag genommen. Haben sich für Sie als Manager die Hoffnungen und Erwartungen erfüllt?
Ginthör: Wenn man die am meisten gegoogelte Person des Jahres unter Vertrag hat, dann hat man in unserem Business etwas richtig gemacht. Unsere Erwartungen haben sich absolut erfüllt. Es ist für uns eine große Freude und Ehre, mit Conchita Wurst zu arbeiten.

FORMAT: Vom Sieg beim Song Contest 2014 in Kopenhagen bis zur Veröffentlichung der Nachfolge-Single „Heroes“ ist aber ein halbes Jahr vergangen. Die nächste Single „Unstoppable“ ist erst im April erschienen. In den Charts hatten beide nur mäßigen Erfolg. Das Album „Conchita“ erscheint erst jetzt, am 15. Mai. Das erscheint mager.
Ginthör: Conchita ist eine weltweit relevante Persönlichkeit, die weit über das Musikgeschäft hinaus Bedeutung hat. Sie ist eine international bekannte Botschafterin. Wir werden mit ihr noch viele Jahre Freude haben und können stolz auf sie sein.

FORMAT: Sie haben in Interviews immer wieder davon gesprochen, dass Sie hoffen, irgendwann den nächsten „Falco“ zu finden. Conchita ist das aber offenbar nicht.
Ginthör: Wir sind im Entertainment Business und für uns sind daher auch Personen und Stars wichtig. Stars wie Conchita, die auch für etwas Anderes, für mehr als ihre Musik stehen. Conchita ist ein Gesamtkunstwerk mit weltweiter Strahlkraft.

FORMAT: Falco ist vor 17 Jahren gestorben, sein großer Hit „Amadeus“ wird 30 Jahre alt. Wäre es heute noch möglich, einen Falco mit den Mitteln und Methoden von damals zu vermarkten?
Ginthör: Ganz klar nein. Es gibt natürlich auch Dinge, die sich nicht verändert haben. Dazu gehören die Bedeutung von Live-Shows und die Relevanz von Radio und Fernsehen. Aber das Geschäft hat sich durch das Internet und die Sozialen Netzwerke weiterentwickelt. Musik ist heute ubiquitär. Es ist ein sehr spannendes Gedankenspiel, wie sich Falco heute selbst im Internet und über Social Media inszenieren würde, wie er als Künstler dort dargestellt würde.

FORMAT: Sie sehen sich und Ihre Branche in der Pflicht, „Entdecker“ sein zu müssen. Soziale Netzwerke sind gute Promotion-Plattformen. Musiker haben aber auch die Möglichkeit, sich über diverse Portale selbst zu promoten und zu vermarkten. Wie wichtig sind diese Netzwerke für Sie?
Ginthör: Wir beobachten und verfolgen das Geschehen im Internet und in den Sozialen Netzwerken ganz genau. Es gibt eine große Menge von Songs, die aus Jugendzimmern und Proberäumen hochgeladen werden. Wir begrüßen die Möglichkeiten zur Herstellung von Inhalten im Internet extrem. Es ist dadurch leichter geworden, etwas zu entdecken. Es gibt eine enorme Vielfalt. Unsere Aufgabe ist es, die Musik, die es sich lohnt entdeckt zu werden relevant zu machen. Sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen und den Künstlern Unterstützung zu geben, damit sie sich auf ihre Inhalte und das Produzieren von Musik konzentrieren können.

FORMAT: Bei der Bedeutung des Fernsehens sollte man meinen, dass das aus Fernseh-Casting-Shows immer wieder Künstler hervorkommen, die auch längere Karriere haben. Das ist aber eher nicht der Fall Auch Conchita Wurst hat das ohne großen Erfolg versucht.
Ginthör: Casting-Shows haben womöglich schon ihren Zenit überschritten. Es ist auch einfach, in einer solchen Show bekannt zu werden. Es ist aber verdammt schwer, danach bekannt und erfolgreich zu bleiben. TV-Shows sind eben TV-Spektakel, Plattformen, um Musik bekannt zu machen. Letztlich werden aber meistens Songs aus solchen Shows bekannt und nicht die Künstler selbst.

FORMAT: Im Gegensatz dazu gibt es gerade jetzt wieder auch aus Österreich Bands wie Wanda, die ohne großen Support oder TV-Präsenz den Schritt nach vorne schaffen.
Ginthör: Es gibt in unserer Branche keine Patentrezepte für den Erfolg. Musik ist ein sehr emotionales Produkt, die Künstler grundverschieden. Daher ist auch die Zusammenarbeit mit jedem Künstler anders. Manche brauchen auf vielen Ebenen Unterstützung, etwa schon bei kreativen Prozessen wie beim Songwriting. Eine Band wie Wanda benötigt aufgrund ihrer Großartigkeit, ihres Charme und ihrer Kreativität in anderen Bereichen Unterstützung. Vielleicht bei der Promotion oder der Koordinierung von Terminen.

FORMAT: In der Filmindustrie finanziert ein Hit neun Flops. Wie ist die Quote in der Musikindustrie?
Ginthör: Besser. Aber wir sind auch keine Blockbuster-Industrie. Es gibt für uns nicht nur schwarz und weiß. Uns ist bei der Bedeutung, die ein kommerzieller Erfolg natürlich hat, die Vielfalt wichtig. Es gibt auch keine fixen Prozentsätze wie die Einnahmen aufgeteilt werden. Die Verträge sind sehr individuell gestaltet.

FORMAT: Der Umsatz im globalen Musikgeschäft ist von 2004 bis 2014 von 20 Milliarden Dollar auf 15 Milliarden gesunken. Dabei ist die Inflation noch gar nicht einkalkuliert. Der reale Wertverlust ist daher noch viel höher.
Ginthör: Zu Beginn dieser Zeit gab es das große Problem mit den illegalen Downloads. Das ist aber heute kaum mehr ein Thema. In Deutschland, das immerhin der drittgrößte Markt der Welt ist, läuft das Geschäft jetzt wieder stabil. Der digitale Musikmarkt hat sich entwickelt und Streaming ist eines der größten Zugpferde am digitalen Musikmarkt geworden. In den nächsten drei bis fünf Jahren wird die Branche auf diesem Segment noch sehr spannende Dinge erleben.

FORMAT: Die Streaming-Plattform Spotify schüttet 70 Prozent der Einnahmen an die Interpreten aus, bei den Musikern kommt aber dennoch wenig Geld an. Pharrell Williams hat etwa für 43 Millionen Streams seines Songs „Happy“ über die Plattform „Pandorra“ im Jahr 2013 nur 2.700 Dollar bekommen.
Ginthör: Fakt ist, dass sich Streaming sehr dynamisch entwickelt. Im letzten Jahr gab es beim Umsatz weltweit eine Steigerung von 39 Prozent.

FORMAT: In Österreich war aber der digitale Musikmarkt erstmals seit zehn Jahren wieder rückläufig. Gräbt sich die Musikindustrie vielleicht mit Streaming selbst das Wasser ab?
Ginthör: Es ist eine Besonderheit des österreichischen Markts, dass wir den Impuls des Streaming vielleicht noch nicht in der Form spüren. Außerdem verschieben sich mit dem Streaming die Geldflüsse im Geschäft. Beim Verkauf von CDs oder Downloads fließen einmalig zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Erlöse. Beim Streaming bleibt das Repertoire über Jahre aktuell und es fallen bei jedem Mal wenn ein Song gespielt wird wieder Einnahmen an. Auch wenn die Einnahmen im ersten Jahr vielleicht nicht so hoch sind: Streaming ist ein nachhaltiges Geschäft.

FORMAT: Das Musikgeschäft verschiebt sich auch immer mehr hin zum Live-Business. Während Live-Tourneen früher Promotion für Tonträger waren ist das jetzt oft umgekehrt. In Live-Auftritten steckt viel Geld. Welche Bedeutung hat das für Ihr Geschäft?
Ginthör: Live Musik zu hören ist ein besonderes Erlebnis. Für uns sind Konzerte natürlich auch Teil des Gesamtpakets, das wir Künstlern anbieten. Wir sind in diesem Geschäft seit Jahren aktiv und partizipieren davon.

FORMAT: Der Eurovision Song Contest ist auch eine Live-Veranstaltung. Werden Sie dabei sein?
Ginthör: Ich werde vor Ort sein, unsere Künstler und viele geschätzte Kollegen treffen und freue mich auf die Show.

FORMAT: Und wer ist Ihr Favorit auf die Nachfolge von Conchita Wurst?
Ginthör: Ich bin ein Fan des australischen Beitrages. Die Beiträge von Schweden und Slowenien finde ich auch sehr interessant. Mein Favorit wäre aber Australien.

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