Interview mit RTR-CEO Georg Serentschy: „Wir stehen noch ganz am Beginn der Entwicklung“

Interview-Reihe zur LTE-Auktion in Österreich: Für einen Artikel im Magazin trend anlässlich der Vergabe der 4G-Lizenzen in Österreich  habe ich Interviews mit den CEOs der drei österreichischen Mobilfunk-Anbieter und mit dem Georg Serentschy, Chef der Telekom-Regulierungsbehörde RTR geführt.

Hier ist das erste Interview dazu. Georg Serentschy, Geschäftsführer der Telekom-Regulierungsbehörde RTR, hält die Mobilfunkbranche für grob unterschätzt.

trendIn Österreich findet eben die Auktion zur Vergabe der Frequenzen für die vierte Mobilfunkgeneration LTE statt. Ist die Aufgabe der 2001 gegründeten Telekom-Regulierungsbehörde RTR damit erfüllt?
Georg Serentschy: Nach 15, 20 Jahren Regulierung in Europa ist es zweifellos gelungen, die traditionellen Monopole aufzubrechen. Das ist ein großer Erfolg und auch die Verbraucher haben davon enorme Vorteile. Die Regulierung im herkömmlichen Sinn wird innerhalb der nächsten Jahre ein Ende finden. Sie war ja ursprünglich auch nur als vorübergehendes Instrument gedacht. Der Grund ist ganz einfach, dass es eine parallele Existenz von mehreren Infrastrukturen geben wird, die miteinander im Wettbewerb stehen. Wenn man beachtet, was heute LTE schon kann und LTE-Advanced schon in den Startlöchern ist – mit Zwischenstufen, die durch Carrier Aggregation möglich sind – dann verlieren alle diese Krücken, die wir als Zwischenstufen gebaut haben wie die Entbündelung, die natürlich ein Eingriff in Eigentumsrechte ist, an Bedeutung.

Kommt mit LTE also das Ende der Marktregulierung?
Serentschy: Die Regulierung wird nicht ganz verschwinden, aber die Regulatoren werden neue Aufgaben übernehmen müssen. In Zusammenhang mit den Themen Quality of Service und Netzneutralität kommen wesentliche neue Aufgaben auf sie zu. In der Frage des Monitorings von Produktqualität. Es gibt eine Fülle von neuen Aufgaben, auch beim Wettbewerbsrecht. Die Hochblüte der sektorspezifischen Regulierung ist aber vorüber.

Wie wird sich die Bedeutung von Festnetz und den Mobilfunknetzen in den nächsten verändern?
Serentschy: Mit dem Aufbau von Infrastruktur wird die Zugansgfrage an Bedeutung verlieren. Es gibt einen Wettbewerb der Technologien: Mobil als universell verfügbarer Breitband-Zugang, Kabel im High End Bereich und dem Festnetz, das mit neuen Übertragungstechnologien für die Kupferleitungen wieder aufholt.

Und Glasfaser? 
Serentschy: Ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich Glasfaser in jeden Haushalt legt. Wenn man bedenkt, was heute schon mit LTE möglich ist – gerade in ruralen Gebieten, wo das Verlegen von Leitungen immer unwirtschaftlicher wird – dann sind die Möglichkeiten erstaunlich. Und das ist eine Technologie-Pipeline, die noch lange nicht zu Ende ist. Wir stehen noch ganz am Beginn der Entwicklung.

Wird es in Zukunft weitere neue Frequenzen für den Mobilfunk geben?
Serentschy: Es wird mehr Spektrum geben. Ich bin sicher, dass es eine zweite Digitale Dividende geben wird. Es ist allerdings nicht in jedem Land so wie in Österreich, dass der terrestrische digitale Rundfunk nur sechs Prozent Marktanteil hat. In einigen Ländern liegt er bei 30 Prozent. Dort kann man das Spektrum nicht so leicht teilen. Aber auch der Rundfunk ist von effizienter Frequenznutzung noch weit entfernt. Da gibt es noch technologische Möglichkeiten und in höheren Frequenzbändern, etwa im 3600 MHz Bereich. Der Mobilfunk ist noch lange nicht am Ende.

In der letzten Zeit hat die Regulierung der Roaming-Tarife in der EU Wellen geschlagen. Wird es dazu kommen?
Serentschy: Ich bin der Überzeugung, dass der digitale Binnenmarkt in Europa richtig ist. Die Kommission hat aber einen mehr oder weniger verzweifelten Versuch gemacht, das übers Knie zu brechen. Ich glaube nicht, dass es dieser Vorschlag durch den Rat schafft, weil die Kommission nicht mit BEREC, dem Gremium der Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation, und auch nicht mit der Industrie gesprochen hat.

Wird die Branche in Europa vielleicht zu stark von der Politik gegängelt?
Serentschy: Ich glaube, dass die elektronische Kommunikationsbranche europaweit in ihrer Bedeutung unterschätzt wird. Als Produktions- und Innovationstreiber für Europa und auch beim Aufbau europäischer Cloud Services. Man muss den Wert der Branche, ihre enorme Hebelwirkung sehen. Hoffen auf neue, innovative Unternehmen, die diese Chance der neuen Technologien nutzen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen? 
Serentschy: Die gesellschaftlichen Möglichkeiten, die jetzt auf uns zukommen wurden auch noch gar nicht richtig erkannt. In den Bereichen Pflege, Gesundheit, Collaborative Working, einer weltweiten Arbeitsteiligkeit. Man muss den Menschen klar machen, was sie mit der universellen Verfügbarkeit von Infrastruktur tun können. Intelligenz und Speicher verlagern sich in das Netz. Das zu erkennen, die Potenziale zu nutzen und etwas Intelligentes daraus zu machen ist eines der wichtigsten Dinge, die letztlich auch bei der Politik landen müssen. Dazu braucht es eine sehr, sehr kontinuierliche Politik. Das geht nicht von heute auf morgen. Der Fall Nokias sollte uns zu denken geben. Das Vorzeigeunternehmen Europas schlechthin ist Schrott, binnen kürzester Zeit. Auch Hausherren sind schon gestorben. Einmal falsch abbiegen, und es ist vorbei.

Österreich hat eben neu gewählt. Was sollte die neue Bundesregierung tun?
Serentschy: Viele Volkswirtschaften Europas haben deutlich an Produktivität eingebüßt. Auch die österreichische. Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung, dass man diesem Sektor einmal wirklich richtig Bedeutung gibt. Er ist ein unglaublicher Treiber für den Wohlstand des Landes. Das Zurückfallen in den Produktivitätsrankings sollte uns sehr stark zu denken geben. Auch die Frage der Attraktivität Österreichs als Headquarter für Forschung und Entwicklung. Die Standortfrage ist ein ganz wichtiges Thema, und da gehört die IKT-Frage ganz integral dazu.

Ein Gedanke zu „Interview mit RTR-CEO Georg Serentschy: „Wir stehen noch ganz am Beginn der Entwicklung““

  1. Sehr geehret Damen und Herren,

    die Bundesregierung sollte endlich die Mobilfunknetzbetreiber zwingen ihre Funkanlagen am Enstehungsort der extrem niederfrequenten Feder die von Basisstation zu Basisstation über das Erdreich verlaufen und alles durchfließen was geerdet ist zu neutralisieren, bevor der ganze Wahnsinn unkontrollierbar wird. An manchen Plätzen ist die magnetische Belastung schon höher als direkt unter einer 380 KV-Hochspannungsleitung siehe YouTube Hans Luginger

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans Luginger

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