Social Media Plattformen als Medienhäuser?

Ist die Zukunft der bestehenden großen Medienhäuser durch Social Media Plattformen in Gefahr? Sind Facebook, Twitter und Co die Zukunft? Darüber wurde bei der  Social Media Week in Hamburg diskutiert.

Link zur Homepage der Social Media Week Hamburg
Link zur Homepage der Social Media Week Hamburg

„Facebook ist kein Massenmedium“ wurde da postuliert und dass das Social Network „nur zur Kommunikation unter Freunden genutzt wird“, dass es „keine Qualitätskontrolle für die Inhalte“ gäbe und die Inhalte, die via Facebook, Twitter usw. verbreitet werden keine Relevanz haben. 90 Prozent der Mediennutzer wären außerdem „Passivkonsumenten“, die sich abends gerne vor den Fernseher setzen, um dort Nachrichten zu sehen und sich zu informieren, was in der Welt passiert ist. Oder das Gleiche eben am nächsten Tag in einer Zeitung lesen wollen. Die Zahlen der Twitter-Nutzer werden mit denen der Reichweiten von TV-Sendern verglichen und argumentiert, dass die traditionellen Medien den Social Media Plattformen überlegen sind.

#FAIL! Ist das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt. Die Vertreter der etablierten Medienhäuser, die diese Argumente vorgebracht haben, sehen wieder einmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Facebook, Twitter oder auch in zunehmenden Maße Google+ oder YouTube mögen zwar heute noch in vielen Bereichen eine vernachlässigbare Relevanz im Informationsverhalten der Gesamtbevölkerung eines einzelnen Staates oder innerhalb des Kerngebiets eines publikumsstarken Mediums haben, aber die Argumente sind glatte Realitätsverweigerung.

Kein Massenmedium? Die Definition von Masse, die alleine den drei in Europa größten Netzwerken – Facebook, Twitter und Google+ abspricht, keine Massenmedien zu sein muss mir jemand näher erklären. Die Leser sind herzlich eingeladen, das in einem Kommentar zu diesem Blog-Eintrag zu tun. Ende Dezember 2012 verwendeten weltweit über eine Milliarde Menschen Facebook. Twitter hatte zur gleichen Zeit 850 Millionen Mitglieder und  Google+ im September 2012 (leider habe ich dazu keine aktuelleren Zahlen) 400 Millionen Mitglieder. In Summe kamen die drei Plattformen damit zum Jahreswechsel auf ein Zielpublikum von rund 2,3 bis 2,5 Milliarden Menschen. Verglichen damit sind selbst potenziellen Reichweiten der großen TV-Stationen der USA – nun ja – bescheiden.

Natürlich haben die Nutzer dieser Plattformen die unterschiedlichsten Interessen. Und es mag auch stimmen, dass viele davon vorrangig dort sind um mit ihren Freunden Kontakt zu halten.  Aber eben nur vorrangig. Die Facebook-Freunde, die eigene Twitter-Community oder die Menschen Google+ Kreise sind nicht nur Kommunikationspartner. Sie suchen, sammeln und verbreiten auch Nachrichten und Informationen zu allen nur vorstellbaren Themen. Wer spöttisch meint, dass es dabei keine Qualitätskontrolle gibt liegt falsch. Die eigene Community. Die Freunde und deren Freunde, Bekannte, Follower oder was auch immer sorgen dafür.

Eine Facebook-Statusmeldung oder ein Tweet, der inhaltlich falsch, belanglos, uninteressant oder einfach nur vernachlässigbar ist, wird von den Menschen in den Netzwerken eben nicht so oft geliked, geshared, re-tweeted oder was auch immer. Inhaltliche Fehler werden in der Regel umgehend kommentiert und richtiggestellt.

Hier kommen die Ranking-Algorithmen der Sozialen Netzwerke ins Spiel. Sie funktionieren vereinfacht gesagt ähnlich wie die der Google-Suche oder der Amazon-Bewertungen: Häufiger kommentierte und geteilte Inhalte oder die mit besseren Bewertungen werden etwa in der Facebook-Timeline hervorgehoben und somit für immer mehr Benutzer sichtbar. Die Masse der Anwender übernimmt die Qualitätskontrolle. Ich bin der Meinung, dass die Qualitätskontrolle eines einzelnen Journalisten, der in einer Redaktion einer Tageszeitung unter dem Zeitdruck des Redaktionsschlusses einen Artikel fertigstellen muss, garantiert nicht effizienter sein kann.

Hinter der Aussage, 90 Prozent der Medienkonsumenten wären „Passivkonsumenten“ sehe ich ebenfalls bloß ein Wunschdenken. Vielleicht liegt der Anteil derjenigen, die vor einem Fernseher sitzen ohne gleichzeitig am Tablet-PC oder mit dem Smartphone in der Hand zu halten noch bei 90 Prozent. Wobei meine Beobachtungen etwas ganz Anderes zeigen: Vor allem für die Jüngeren ist es mittlerweile völlig normal, gleichzeitig fernzusehen und ihre Sozialen Netzwerke zu nutzen. Ein Fernsehabend ohne Smartphone wäre für sie bloß langweilig. Sie wollen sich mit der Community austauschen, eigene Kommentare abgeben, die der anderen lesen oder diese kommentieren.

facewall
Die Facewall in Contra|der Talk

Das beeinflusst auch die Arbeit der traditionellen Medien. Oder sollte es zumindest. Teilweise geschieht das auch, etwa im ORF, wenn ZIB2 Anchorman Armin Wolf Kommentare oder Fragen aus seiner Community in Live-Interviews einbaut. In der Sendung Contra|der Talk wagte sich der Sender sogar noch einen Schritt weiter hinaus: Über eine Facewall wurden Zuseher, die sich das Programm Online via Webstream ansahen, in die Sendung eingeblendet und ihre Fragen und Kommentare während der Sendung diskutiert. Auch wenn die Interaktion mit der Online-Community noch nicht ganz den erhofften Erfolg hatte und die Sendung inzwischen eingestellt wurde: Die Zukunft gehört dem „Social TV“ und den „Mitmach-Medien“. Die Aussage, 90 Prozent der Medienkonsumenten wären nur an passiver Berieselung interessiert würde ich nicht unterschreiben.

Google Hangout mit US-Präsident Barack Obama
Google Hangout mit US-Präsident Barack Obama

Die traditionellen Medienhäuser setzen sich damit nur langsam auseinander und werden dabei von einer weiteren Entwicklung überholt: Die Social Media Kanäle werden zusehends genutzt, um klassische Medienformate in angereicherter Form zu ersetzen. Auch von Politikern. Sie brauchen nicht mehr unbedingt Fernsehen oder Radio, um die breite Masse zu erreichen. US-Präsident Barack Obama stellt sich etwa in Google-Hangouts Diskussionen. Unternehmen, die bisher teure Sendezeiten oder Werbeplätze kaufen mussten, tun das ebenso. Der Sportartikelhersteller Adidas hat ebenfalls schon eigene Hangouts mit Sportlern wie den deutschen Fußballstars Per Mertesacker, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger veranstaltet. Eine Besetzung, die sich so manches Sportstudio nur wünschen würde.

hangout
Adidas Fußball-Hangout

Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, dass die Social Media Plattformen die besseren Medienhäuser wären, eine Frage, die im Titel einer Diskussion im Rahmen der Social Media Week gestellt wurde. TV- und Radiostationen, Zeitungen und natürlich auch Magazine produzieren klarerweise wertvolle, gute, besonders hochwertige Inhalte. Sie haben damit eine sehr wichtige Position, die sie auch gut ausfüllen. Den Social Media Plattformen die Relevanz abzusprechen und von „ganz, ganz kleinen Bruchteilen“ des Publikums zu sprechen, für die diese Plattformen eine Bedeutung zu haben ist aber idiotisch.

Es wird garantiert nicht jedes Medienhaus in Existenznot kommen, wenn die Entwicklung der letzten Jahre anhält. Dazu sind sie einfach zu gut aufgestellt. Das eine oder andere Magazin, die eine oder andere Zeitung, vielleicht auch kleinere TV-Stationen könnten aber durchaus Probleme bekommen. Special Interest Magazine etwa, Musikmagazine oder Heimwerker-Hefte oder sonstige Ratgeber, bei denen die Diskussion und der Austausch der Leser besonders nützlich ist. Sie können in digitaler Formen und über Social Media Plattformen mit Audiofiles, Videos, Chats und direkter Kommunikation der Benutzer angereichert werden. Aus der Community kommt Soforthilfe. Direkt in die eigene Mailbox oder Statusmeldung. Statt wie bisher mit dem Abdruck des Leserbriefes und einer Antwort in der nächsten Ausgabe. Von der gar nicht sicher ist, dass sie derjenige, der die Frage gestellt hat, auch lesen wird.

Für die übrigen Medien gilt der Vergleich mit den Diskont-Airlines, die der ganzen Luftfahrtindustrie das Fürchten gelernt und zum Sparen gezwungen haben. Radio, Fernsehen, Printmedien – sie alle müssen sich Gedanken machen, wie sie die neuen Kommunikationsmöglichkeiten in ihre bestehenden Formate einbinden und welche Formate daraus für die Zukunft entwickelt werden können. Tun sie das nicht, dann werden es andere tun, ein Publikum finden und Erfolg haben.

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