Zeit für Medienkompetenz bei Zeitungen und Magazinen

„Qualitätsjournalismus ist die Zukunft!“ Diesen Satz habe ich in der einen oder anderen Form praktisch Mantra-artig in gut fünfzehn Jahren als aktiver Journalist immer wieder gehört. Das klingt auch logisch. Jede Wette, dass bei einer Straßenumfrage 100 Prozent unterschreiben würden, dass sie Informationen gut aufbereitet, klar und verständlich in Form und mit entsprechendem Tiefgang wollen.

Aber: Während sicher die Hälfte der Befragten keinen Genierer hätte, gleich anschließend an der nächsten Ecke eine Gratiszeitung mitzunehmen, würde nur ein Bruchteil in die nächste Trafik gehen und ein paar Euro für eine Zeitung oder ein Magazin bezahlen.

Der mit den Gratisblättern härter gewordene Kampf zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus ist aber verglichen mit dem eigentlichen Problem der Printmedien nur eine Marginalie. Wer sich mit Trash zufrieden gibt wäre ohnehin niemals ein Stammleser oder gar ein Abonnent geworden, zumindest nicht, wenn es nicht noch eine Autobahn-Vignette, einen Computer oder ein Smartphone als Draufgabe gäbe – das Medium somit praktisch geschenkt wäre.

Das eigentliche Problem ist die gnadenlose Selbstüberschätzung, die viele Medienmacher in den letzten eineinhalb Jahrzehnten an den Tag gelegt haben und die an vielen Orten immer noch vorhanden ist. Dabei wurde in den Redaktionen ständig darüber geschrieben, wie das Internet die Welt verändert – wie E-Mails Briefe und Faxgeräte ablösten und sich Postkonzerne nach neuen Geschäftsfeldern umsehen mussten; wie der klassische Handel durch die Konkurrenz von Online-Plattformen wie Amazon oder eBay in die Bredouille kam; wie sich die Musikindustrie gegen Downloads aus dem Web wehrte und ihr dann erst von Napster und danach von Apple die Grenzen aufgezeigt wurden. Inzwischen erscheint sogar die traditionsreiche Encyclopedia Britannica nicht mehr in gedruckter Form, sondern nur noch als Online-Edition. Trotzdem hat es niemand für möglich gehalten, dass die eigene Branche als nächste an der Reihe sein könnte.

Krank sparen

„Das Geld verdienen wir immer noch mit Print“ ist der Stehsatz, der als Antwort auf die Frage nach zukunftsorientierten Online-Strategien immer schnell bei der Hand war. Nachsatz: „Ein guter Online-Auftritt kostet Geld. Wer soll den bezahlen?“ Dabei gingen die Verkaufszahlen und Auflagen fast überall kontinuierlich zurück. Als Folge sanken die Werbeeinnahmen und die Verlage mussten sparen. Kosten senken, den Umfang ihrer Produkte reduzieren und Personal abbauen. Trotzdem galten Warner weiterhin als Kassandra.

Ende 2012 ist der Gürtel bei vielen Medien so eng geschnürt, dass er nicht mehr weiter zugezogen werden kann, ohne dass sie sich dabei selbst strangulieren. In Deutschland hat das Zeitungssterben bei der etablierten Frankfurter Rundschau und der Financial Times begonnen, in Österreich wird noch dagegen gehalten. Plötzlich dämmert es, dass mit Print doch nicht mehr so viel Geld verdient werden kann und Strategien und Geschäftsmodelle fehlen, um das Werk wieder in Schwung zu bringen.

Mit gedruckten Sparpaketen, die man zum vollen Preis zu verkaufen versucht, geht das nicht. Leser finden Informationen die sie brauchen online. Lesen hier einen Artikel, sehen sich dort ein Video an und holen sich Hintergrundinformationen und Spezialwissen an dritter Stelle. Ohne fürchten zu müssen, dass die Qualität auf der Strecke bleibt.

Googlen, Twittern und Facebooken

Auch das hat unter den Medienmachern kaum jemand für möglich gehalten: Dass die Leser einmal selbst Informationen suchen. „So viel Medienkompetenz hat kaum jemand“ war die Reaktion auf Hinweise, dass sich das Mediennutzungsverhalten verändern wird. Auf welch hohem Ross kann man sitzen? Wer intelligent genug ist, eine Qualitätszeitung zu lesen ist auch intelligent genug, Informationen im Internet zu suchen und zu finden. Schon einmal etwas von Google gehört? Der weißen Website mit dem bunten Logo und dem Eingabefenster für die Internet-Suche? Von Twitter oder Facebook, wo sich Freunde und Bekannte gegenseitig informieren, was es Interessantes und Lesenswertes gibt?

Google ist vor fast genau 15 Jahren gestartet, Facebook vor acht Jahren und Twitter vor sechs Jahren.  Die ersten Blogs sind Mitte der 1990er Jahre aufgetaucht und 2004 wurde das Wort „Blog“ vom US-Wörterbuchverlag Merriam-Webster sogar zum Wort des Jahres gewählt. Die meisten Zeitungen und  Magazine haben darauf typisch ignorant-überheblich reagiert und viele sind sich der Bedeutung der neuen Plattformen bis heute nicht richtig bewusst, wissen nicht richtig damit umzugehen. Und das ständig verfügbare mobile Internet gibt den neuen Kommunikationsplattformen immer weiteren Auftrieb.

Es ist allerhöchste Zeit für mehr Medienkompetenz bei den Printmedien, für neue Überlebensstrategien, denn im Zeitungs- und Magazinmarkt wird auf lange Sicht kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

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