Interview | Martin Giesswein, Nokia: „Es ist noch nichts verloren“

Mein Interview vom 19. Juli 2012 mit Nokia Österreich General Manager Martin-Hannes Giesswein über die Perspektiven Nokias und die Zukunft des Unternehmens in Österreich. Nokia CEO Stephen Elop hatte am Tag davor mit der Qartalsbilanz einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro bekannt gegeben. Nach horrenden 1,34 Milliarden Verlust im Quartal davor.

Nokia Österreich General Manager Martin-Hannes Giesswein

Nokia hat soeben einen Quartalsverlust von 1,4 Milliarden Euro bekanntgegeben. Davor waren es 1,34 Milliarden. Wie geht es nun weiter? Welche Folgen haben diese Verluste für Nokia Österreich?
Giesswein: Dieser Quartalsbericht zeigt, in welcher Situation wir uns befinden. In einer wirtschaftlich sehr schwierigen Transformationsphase, die alle Bereiche betrifft. Es gab deswegen auch das Announcement vom 14. Juni, dass Nokia noch mehr auf die Kosten achten muss und auch ein Mitarbeiter-Reduktionsprogramm mit einem globalen Abbau von 10.000 Personen gefahren werden muss. Das ist natürlich sehr negativ, ist aber ein Teil der Transformation, durch die wir gehen müssen.

Die ja nun schon sehr lange dauert. Stephen Elop wurde im September 2010 CEO und hat im Februar 2011 den neuen Kurs und die intensive Kooperation mit Microsoft angekündigt.
Zwei Monate danach wurde der Vertrag mit Microsoft unterschrieben und wieder sechs Monate später ist das erste Smartphone aus dieser Kooperation heraus vom Fließband gelaufen. Wir konnten in Österreich noch zum Weihnachtsgeschäft, am 23. Dezember mit dem Verkauf in Österreich starten und haben die neue Ära eingeleitet.

Das war aber bestenfalls noch für Last-Minute-Shopper. Und die Konkurrenz von Android und Apple war sehr stark.
Natürlich ist ein neues Ökosystem wie Windows Phone nicht so ausgebaut wie Android oder iOS. Das ist eine lange Reise, verbunden mit einer langen Zeit, in der die Umsätze fehlen und die Kosten sehr genau beobachtet werden müssen. Aber auch Android hat rund 18 Monate gebraucht, bis es eine relevante Größe erreicht hatte. Apple hat mit dem iPhone und iOS das Marktgeschehen geändert, aber auch das ging nicht von einem Tag auf den anderen. Wir stehen eben jetzt am Anfang. Die Situation ist aber seither sicher nicht einfacher geworden. Der Umstieg ist für uns daher extrem hart.

In Summe dauert der Prozess nun aber doch schon fast zwei Jahre. Das Jahr 2011 war eigentlich ein verlorenes Jahr, ganz ohne neues Smartphone und auch 2012 kommt erst langsam in Schwung. Verliert man da nicht manchmal den Glauben?
Nein. Unser Motto und Ansatz heißt: „Transformation durch Innovation“. Damit versuchen wir, aus dieser schwierigen Situation herauszukommen. Es gibt auch Erfolge. Wir hatten binnen sechs Monaten das erste Gerät, sechs Monate später können wir bereits vier Lumia-Smartphones anbieten. Vom kostengünstigen 610 bis zum Topmodell, dem Lumia 900.
Von den Usern und vom Handel werden unsere Geräte gut angenommen. Es ist aber auch so, dass ein neues User-Interface und ein neues Ökosystem erklärt werden müssen. Das ist für Verkäufer, die lange Zeit nur iPhones und Android Geräte verkauft haben oft nicht leicht.

Und dann fehlen die Umsätze.
Es gibt für uns aber nicht nur das Smartphone-Geschäft. Das Mobile Phone Geschäft ist hoch stabil und hochinteressant. Die Hälfte aller in Österreich verkauften Geräte sind Mobile Phones. Nokia hat hier eine historische Stärke. Wir haben die Mobile Phones in unserer Transformationsphase weiterentwickelt.

Die wahren Umsatzbringer sind diese 50, 100 Euro Geräte aber nicht.
Deshalb müssen wir das Windows Ökosystem auch erklären. Jeder versteht, wie iPhone, iTunes und iTunes Store zusammenspielen und funktionieren. Wie das bei Windows ist, dass man mit Cloud-Systemen, Skydrive, der Office- und Exchange Integration oder Xbox live sehr viele Möglichkeiten hat.

Vieles davon gab es bei Nokia aber auch schon vorher, ohne der Kooperation mit Microsoft. Der richtige Push des Partners scheint da noch nicht gekommen zu sein.
Das ist richtig. Durchaus selbstkritisch gesagt war es für Nokia aber notwendig, Partner zu finden, mit denen man mehr sein kann. Samsung macht Android-Handys und ist damit sehr erfolgreich. Aber dahinter steht keine Partnerschaft. Kein Zusammenarbeiten mit Google. Nokia arbeitet mit Microsoft sehr eng zusammen, bis in die Forschung und Entwicklung. Wir können mehr bieten. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir hin müssen. Aber warum braucht man im Business-Bereich ein iPhone? Doch nur weil es schön ist. Es gibt Hypes und viel Irrationales am Markt. Das ist auch klar, weil Smartphones sehr persönliche Geräte sind.

Aber wo kann bei der heute ohnehin schon fast alles umfassenden Funktionalität von Smartphones das Asset von Nokia sein?
Heute steht Google in der Internetwelt für „Was“ – die Suche. Facebook steht für „Wer“ – wer ist mit wem verbunden und in Kontakt. Nokia hat bereits eine sehr starke Position im Bereich der Location Based Services. Das „Wo“ – Das ist das Ausschlaggebende, auf das wir uns fokussieren. Diese Position wollen wir ausbauen. Mit Navteq können wir Kartenmaterial von über 190 Ländern anbieten. Es gibt täglich 24 Millionen Routing-Anfragen von Windows Phones. Wir sind in der Navigation zehnmal effizienter als Google, bieten echte Offline-Navigation an. Bei vier von fünf Autos mit Dashboard-Navigation steht eine Nokia-Technologie dahinter. Immer mehr Firmen gehen mit uns Kooperationen im Bereich der Navigation ein. Yahoo, Bing, T-Mobile, Garmin, Porsche, Microsoft. Hier entsteht etwas.

Software ist aber eigentlich das Geschäft von Microsoft. Fürchten Sie nicht, dass Nokia bei der Kooperation mit Microsoft das gleiche Schicksal erleidet wie Ericsson in der Kooperation mit Sony? Ericsson war ja auch ein guter Hersteller von Handys, mit einem guten Standing. Jetzt macht Sony alles alleine.
In unserer Branche kann sich natürlich alles immer ändern. Von der Partnerschaft mit Microsoft profitieren sowohl Nokia als auch Microsoft. Wir haben rund 30.000 Patente. Das ist auch ein gutes Geschäft und eine starke Position in der Kooperation mit Microsoft.

Die Frage bleibt, ob Nokia es schafft, Windows Phones zur iPhone und Android Alternative aufzubauen. Zum Start von Windows Phone 7 hatten ja zahlreiche Hersteller darauf gesetzt. Inzwischen sind die meisten aber wieder zu Android übergelaufen. Redet man sich den Markt nicht schön?
Als wir in die Kooperation eingestiegen sind gab es rund 7000 Apps. Jetzt sind es über 100.000. Die Entwickler setzen also auf uns. Da ist etwas Tolles passiert. Die Ankündigungen der anderen Hersteller deuten aber darauf hin, dass in Zukunft mehr Windows-Geräte anderer Hersteller kommen. Die sind zwar auch Mitbewerber, aber wie auch Elop sagt ist es gut, wenn andere Hersteller auf Windows setzen und das Ökosystem verbreiten.

Die Frage nach der Zukunft von Nokia Österreich haben Sie noch nicht beantwortet. Die Ankündigung, dass weltweit 10.000 Mitarbeiter entlassen werden steht im Raum. Was bedeutet das für Österreich?
Dazu kann ich wenig sagen. Ob und inwieweit die angekündigten Restrukturierungen Österreich betreffen ist bis jetzt noch nicht klar.

Sie haben noch keine Auflagen, Vorgaben und Sparziele?
Nein. Wir haben klare Aufträge, aber keine Vorgaben, wie viel wir sparen müssen.

Und die Bedeutung des Standort Österreich innerhalb Nokias?
Es gab die Region Alps/Southeast Europe, die bis nach Israel reichte und von Österreich gesteuert wurde. Jetzt gehören wir zu Zentral- und Osteuropa. Das hat sich verschoben. Das ist der momentane Stand der Dinge. Im Konzern verändert sich das aber oft. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn derzeit noch in Wien?
Das darf ich leider nicht sagen. In den letzten Monaten gab es aber außer den normalen Fluktuationen keine Veränderungen.

Und die 10.000 Mitarbeiter, die noch abgebaut werden sollen treffen Sie nicht?
Die stehen natürlich im Raum wie ein rosa Elefant, an den man am besten nicht denkt. Klar drückt so eine Ankündigung auf die Stimmung, aber man muss weiter fokussiert arbeiten, so lange keine Informationen da sind, welche Auswirkungen das auf uns hat. Derartige Announcements sind für kein Unternehmen leicht. HP und Nokia Siemens Networks haben angekündigt, 17.000 Mitarbeiter abzubauen. Das gehört leider heute zu den Gegebenheiten in Konzernen. Dem muss man sich stellen.

Als Chef müssen Sie aber wissen, wieviele Mitarbeiter Sie brauchen. Kämen Sie auch mit einer Mannschaft, die vielleicht um ein Drittel kleiner wäre zurecht?
Wir sind jetzt schon schlank aufgestellt für die Aufgaben, die wir haben. Wenn es nach mir ginge würde ich immer einen Mitarbeiter mehr brauchen.

Sieht man das in Finnland auch so?
Das würde ich schon sagen.

Wie viel Verlust dürfen Sie in Österreich noch machen?
Wir bilanzieren als internationale Gruppe, da gibt es also kein dezidiertes Österreich-Ergebnis.

Aber wieviel von den 1,4 Milliarden, die im letzten Quartal angefallen sind entfallen auf Ihre Region?
Die Marktgegebenheiten sind in jedem Land anders. Das hängt von der Kaufkraft der Kunden und von den Mobilfunkbetreibern ab. In Österreich steht eine Konzentration an. Es gibt einen starken Druck auf das EBIT der Netzbetreiber. Ökonomisch haben wir mit unseren Geräten da ein gutes Standing.

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