In Istanbul | Interview mit Güler Sabanci

Anlässlich der Verleihung des Schumpeter-Preises 2011 konnte ich in die Bosporus-Metropole Istanbul reisen, um dort die türkische Unternehmerin Güler Sabanci zu interviewen. Es war mein erster Besuch in der Türkei, was im Gespräch mit  Sabanci ein wichtiger Punkt war.

Der Preis wird alljährlich an eine herausragende Persönlichkeit der internationalen Wirtschaft verliehen. Als Preisträgerin steht Sabanci damit in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Vaclav Klaus, Helmut Kohl, Ted Turner, Romano Prodi, Ferdinand Piech, Peter Brabeck-Letmathe, Jorma Ollila, Günter Verheugen, und Frank Stronach.

In der Türkei steht die Unternehmerin dem zweitgrößten Industriekonzern des Landes vor, der mit 55.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Der Ursprung der Sabanci-Gruppe liegt im Textilgeschäft. Güler Sabancis Großvater Haci Ömer Sabanci war zunächst Textilarbeiter, bis er selbst begann Baumwolle anzubauen und damit zu handeln. Kurz darauf gründete er die Akbank, die heute größte Privatbank der Türkei. „Ak“ ist das türkische Wort für weiß. Die Baumwolle ist das weiße Gold der Sabancis.

Güler Sabanci ist die erste Frau, die in die türkische Industriellenvereinigung TÜSIAD aufgenommen wurde und eine Unternehmerin mit einem großen sozialen Gewissen. 1996 gründete sie die Sabanci-Universität in Istanbul. Sie ist auch Vorstandsvorsitzende der Sabanci-Stiftung, die seit ihrer Gründung im Jahr 1974 über 1,5 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke gestiftet hat.

Das Interview mit der Unternehmerin.

Güler Sabanci
Güler Sabanci © Christian Minutilli

Frau Sabanci, es ist das erste Mal, dass ich in der Türkei bin.
Nicht schon wieder so jemand! In Zukunft werde ich Journalisten, die zum ersten Mal hier sind keine Interviews mehr geben. Sie wissen doch gar nichts über unser Land!

Das wäre eigentlich meine Frage. Das Image, das viele Europäer von der Türkei haben – entspricht das Ihrer Meinung nach der Realität?
Das ist das Problem zwischen der EU und der Türkei. Es gibt extreme Vorurteile, die von Journalisten verbreitet werden, die niemals im Land waren. Die immer nur über die Türkei gelesen haben und das nachplappern, was ihre Kollegen sagen. Das gilt auch für die Politiker…

…die vielleicht auch noch nicht hier waren?
Genau. Und wenn sie hier gewesen wären hätten sie ihr Programm gehabt und nichts vom Land gesehen. In Wirklichkeit ist die Türkei ganz anders als man in Europa denkt. Aber ich freue mich, dass Sie zumindest einmal hergekommen sind und sich selbst ein Bild machen. Das ist schon ein Anfang.

Halten wir fest: Sie meinen, der Unterschied zwischen der Türkei und Europa ist nicht allzu groß.
Ja. Die Leute in Europa denken ja noch immer, die Türkei hätte sich nicht weiterentwickelt seit die ersten türkischen Gastarbeiter in den 1960ern nach Europa gekommen sind.

Beeinträchtigt das Sie und Ihr Unternehmen?
Es stört meine Arbeit nicht, wenn Sie das vielleicht meinen. Es spornt mich dazu an, noch mehr für mein Land zu tun und den Leuten klar zu machen, wie die Türkei wirklich ist.

Frauen wie Sie, die Karriere als Managerinnen machen gibt es in der Türkei aber dennoch sehr wenige.
Das ist aber in Europa auch nicht viel anders. Sicher, es gibt natürlich die traditionellen Muslime. Aber es gibt auch ganz andere Frauen. Die Türkei ist ein großes, sehr vielfältiges, demokratisches Land mit 72 Millionen Einwohnern. Es gibt hier sehr viele verschiedene Kulturen. Das Land hat viele Gesichter, und das ist auch sein Reichtum. Europa braucht das dringend. Europa braucht die Türkei. 2050 wird es in Europa 70 Millionen weniger Leute im arbeitsfähigen Alter geben. Das bedeutet, dass die EU dringend eine weitere Integration braucht. Die Vielfalt ist unausweichlich und Europas Schicksal. Europa braucht frisches Blut, wenn es kein Museum werden will. Den meisten Leuten ist das bewusst, aber es gibt natürlich einige, die sich davor fürchten, sich um ihre Arbeit sorgen und Politiker, die daraus Profit schlagen wollen.

Was könnte die Türkei Europa geben, was Europa der Türkei?
Europa und die Türkei sind ja jetzt schon extrem stark verflochten. So stark, dass es nicht möglich ist,  diese Verflechtungen aufzulösen. Bei aller Kritik: Die Türkei entwickelt sich sozial und politisch immer weiter. Es hat schon sehr viele Verbesserungen gegeben. Die Verfassung wurde verändert. Heute gibt es eine echte Demokratie. Die Menschenrechte wurden verbessert.

Zu Ihrer Frage: Spanien hat sehr starke Beziehungen nach Lateinamerika. Die Türkei hat sehr starke Beziehungen in den Mittleren Osten und nach Asien. Als Spanien in die EU aufgenommen wurde kam die ganze Latino-Welt nach Europa. Mit der Türkei werden die Kulturen des Mittleren Ostens nach Europa kommen. Das ist extrem wichtig für Europa. Außerdem kommen 70 Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion  aus unseren östlichen Nachbarländern und Europa ist der größte Abnehmer dieser Rohstoffe. Die Türkei ist daher extrem wichtig für die Energieversorgung Europas.

Ich will damit sagen, dass es nur etwas Zeit braucht bis die Türkei nach Europa kommt.

Wie viel Zeit?
Ich möchte keine Schätzungen abgeben und spekulieren, aber es könnte sehr schnell gehen. Die EU ist ein Verband demokratischer Staaten, und Demokratie bedeutet Veränderung. Es wird wieder Wahlen geben. In Frankreich, Deutschland, Österreich. In Europa. Danach könnte des ganz anders aussehen. Wir Türken dürfen die Geduld nicht verlieren.

Kommen wir zu Ihrem Unternehmen. Wie stark wurden die Sabanci Gruppe und die Türkei von der Wirtschaftskrise getroffen?
Die Wirtschaftskrise hat unsere Gruppe nicht besonders getroffen. Wir haben sie natürlich gespürt, hatten aber keine ernsthaften Probleme und die Wirtschaft hat sich seither auch sehr gut erholt. Die aktuelle Volatilität der Währungen und die schwankenden Wechselkurse beschäftigen uns hingegen schon. Die Türkei ist immer noch ein Entwicklungsland. Man braucht jetzt viel Gespür. Aber im Vergleich mit dem Rest der Welt hält sich die Türkei ganz gut.

Sie setzen sehr stark auf Joint Ventures. Eines davon, EnerjiSA, sind Sie mit dem Verbund eingegangen.
Die Sabanci Gruppe ist 1994, 1995 in das Stromgeschäft eingestiegen. Ich habe das Projekt damals geleitet. 2004 habe ich die Führung der Sabanci Gruppe übernommen und die Energiesparte zu einem unserer Kerngeschäfte gemacht. Wir haben dann einen strategischen Partner gesucht. Es war eine lange und ernsthafte Suche, denn eine solche Partnerschaft ist eine sehr wichtige Entscheidung. Noch wichtiger als wenn man selbst heiraten würde. Man übernimmt damit ja die Verantwortung für eine ganze Menge Leute. Von einer Ehe sind dagegen nur zwei Leute betroffen.

Ich freue mich, dass es nach unserer langen Suche zu der Partnerschaft mit dem Verbund gekommen ist. Wir haben in unseren verschiedenen Geschäftsbereichen viele Partnerschaften geschlossen. Nicht alle waren erfolgreich, aber die mit dem Verbund läuft hervorragend. Wir sind uns einig über die strategische Entwicklung, haben die gleichen Ziele und das gleiche Commitment. Der Verbund hat enorm viel Erfahrung mit Wasserkraft, was für uns sehr wichtig ist. Erneuerbare Energien sind die Zukunft.

EnerjiSA ist vorerst nur in der Türkei aktiv. Wie sind Ihre Zukunftspläne?
Wir haben das Ziel, bis 2015 mit unseren Kraftwerken 5000 Megawatt zu produzieren. Damit wären wir der führende private Energieversorger in der Türkei. Aber nein, die Aktivitäten des Joint Ventures sollen nicht auf die Türkei beschränkt bleiben. Wir wollen natürlich über die Grenzen hinaus wachsen. Speziell im Osten gibt es da Möglichkeiten.

Gibt es vielleicht noch weitere Kooperationen mit österreichischen Unternehmen, etwa im Bereich des Private Banking, über die Sie sprechen könnten?
Nein. Noch nicht, noch nicht. Aber in unserer Gruppe gibt es natürlich viele Optionen und wir sind offen dafür.

Aber Sie haben doch mittlerweile einen sehr guten Draht zu Österreich und seinen Wirtschaftskapitänen.
Ja. Ich habe Österreich immer sehr gemocht. Ich war schon vor der Partnerschaft mit dem Verbund oft dort. Ich bin ein großer Mozart-Fan und besuche regelmäßig die Salzburger Festspiele. Vergangenes Jahr haben wir zum ersten Mal in der Geschichte die Wiener Philharmoniker und Ricardo Muti nach Istanbul geholt. Nach 150 Jahren waren die zum ersten Mal in Istanbul – so wie Sie heute.

Sie sind ja generell sehr kunstinteressiert. Es gibt auch das Sabanci Museum und mit der Sabanci Universität tun Sie auch etwas für die Bildung im Land.
Philatropie wurde mir von meinen Eltern und Großeltern anerzogen, und ich bin dankbar dafür. Meine Großmutter hat ihr gesamtes Vermögen der Sabanci Stiftung vermacht. Das Museum ist gehörte der Familie meines Onkels Sakip. Er hat seine ganze Kunstsammlung dem Museum gestiftet.

Ich bin aber jetzt auch schon 33 Jahre lang im Geschäft und es tut mir selbst gut. Ich fühle mich ausgeglichener und gut bei meinen philantropischen Arbeiten. Business alleine ist keine Befriedigung.

Sabanci produziert auch Wein. Welcher Wein ist besser: Österreichischer oder türkischer?
Ach, es gibt da und dort gute Weine. Die Trauben sind sehr unterschiedlich. Kennen Sie denn türkischen Wein?

Noch nicht…
Was? In Zukunft gebe ich Journalisten, die türkischen Wein nicht kennen, keine Interviews mehr! Sie wissen doch gar nichts über uns!

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