Stefan Sagmeister: Energie durch Auszeit

Der Grafik-Designer Stefan Sagmeister über Sabbaticals als Energie- und Inspirationsquelle

Der  gebürtige Österreicher Stefan Sagmeister betreibt ein Designstudio in New York. Alle sieben Jahre schließt er dieses für ein Jahr, um Ideen und Experimenten nachzugehen, für die er während der normalen Arbeit keine Zeit findet. In diesem einen Sabbatical-Jahr sind Sagmeister und seine Mitarbeiter für keinen unserer Kunden verfügbar. Nicht nur das  Studio, auch die Website http://www.sagmeister.com/ bleibt dann geschlossen. Während des letzten Sabbaticals von 2008 bis 2009 erschien dort bloß ein schwarzer Bildschirm mit der Information:

„Hello. You have reached Sagmeister Inc. We are conducting a full year of experiments and will be back on September 1st 2009. Please call us then.“

Bei meiner Recherche für den trend erzählte Sagmeister welchen Nutzen diese Sabbaticals für ihn haben. Der Text entspricht einem Referat, das Sagmeister im Juli 2009, noch während seines zweiten Sabbaticals auf Bali, gehalten hat. Das Video mit der englischen Originalversion des Referats gibt es unter folgendem Link bei TED.com.

Stefan Sagmeister, für trend in New York City fotografiert. © Martin Fuchs

„Ich habe mein Studio in New York ursprünglich gegründet, um meine beiden großen Lieben, Musik und Design, zu kombinieren. Wir haben Videos und Covers für viele bekannte Musiker wie Lou Reed, die Rolling Stones oder die Talking Heads gestaltet und für viele weitere Musiker gearbeitet, von denen die meisten wahrscheinlich noch nie gehört haben. Mit der Zeit werden aber auch die Dinge, die man eigentlich von Herzen gerne zur Gewohnheit und sie beginnen einen zu langweilen.

Ich habe das daran erkannt, dass sich unsere Arbeiten zu ähneln begannen. Wir haben Designs wie zum Beispiel ein Buch mit eingelegten Gegenständen mehrfach verwendet. Also habe ich beschlossen, das Studio ein ganzes Jahr lang zu schließen und in dieser Zeit zu experimentieren und neue Ideen zu sammeln

Traditionell lernen wir ja ungefähr die ersten 25 Jahre unseres Lebens, danach kommen 40 Jahre Arbeit und am Ende hängen noch 15 Jahre Pension. Ich dachte, dass es gut wäre, fünf dieser Pensionsjahre während der 40 Arbeitsjahre zu konsumieren. Das ist für mich angenehm, aber wahrscheinlich noch wichtiger ist, dass die Arbeit, die aus diesem Jahr kommt zurück in das Unternehmen fließt und damit auch die Gesellschaft etwas davon hat statt dass ich mich in dieser Zeit nur noch um ein oder zwei Enkelkinder kümmere.

Wie Sie sich vorstellen können ist eine solche Auszeit eine sehr angenehme und energetische Zeit. Mein erstes Sabbatical habe ich in New York City verbracht, für das zweite bin ich nach Bali gegangen. Ich bin dort im September 2008 angekommen und habe gleich zu arbeiten begonnen. Die wunderbare Landschaft und die wilden Hunde waren sehr inspirierend. Ich habe hundert T-Shirts, jedes mit einem anderen Hund, gestaltet und dann begonnen, Möbel für unser Studio in New York zu entwerfen.

Es gibt viele Prominente Beispiele, die zeigen dass Sabbaticals auch wirtschaftlich sehr nützlich sein können. Ferran Adrià, dessen Restaurant El Bulli im Norden Barcelonas zu den besten der Welt gehört, hat das El Bulli zum Beispiel nur sieben Monate im Jahr geöffnet. Dann schließt er es wieder fünf Monate lang, um mit der gesamten Belegschaft zu experimentieren. Und Ferran Adriàs Zahlen sind beeindruckend. Er kann über das Jahr hinweg 8000 Gäste bewirten und hat dabei aber 2,2 Millionen Reservierungsanfragen.

3M lässt seine Entwickler 15 Prozent der Zeit tun was sie wollen. Daraus sind einige interessante Produkte wie das Scotch Tape und die Post-Its entstanden. Google lässt den Softwareentwickler 20 Prozent der Zeit für eigene Projekte.

Ich selbst wandle 12,5 Prozent meiner Arbeitszeit in Sabbaticals um. Als ich die Idee dazu hatte habe ich den Termin dafür in meinen Kalender eingetragen und so vielen Leuten wie nur möglich davon erzählt, um keinen Rückzieher mehr machen zu können.

Der Anfang meines ersten Sabbaticals war dennoch ein Desaster. Ich hatte gedacht, dass ich das Jahr einfach auf mich zukommen lassen könnte ohne mir dafür einen Plan zu machen. Dass dieses Zeitvakuum wunderbar wäre und die Ideen von selbst kommen würden. Das war dann nicht der Fall. Also habe ich einige kleinere Designprojekte übernommen, die an mich herangetragen wurden. Das war natürlich unbefriedigend. Also habe ich mir einen genauen Stundenplan für die Dinge, die mir eigentlich am Herzen lagen angelegt. Wie in der Schule: Montag 8 Uhr bis 9 Uhr nachdenken. 10 Uhr bis 11 Uhr experimentieren. Und so weiter. Als ich das gemacht hatte wurde das erste Sabbatical für mich zu einem echten Gewinn.

Ich konnte mich wieder mit Design beschäftigen, die Arbeit machte mir Spaß und letzten Endes war mein Sabbatical für unser Studio auch ein finanzieller Gewinn. Unsere Arbeit war danach noch besser und wir konnten höhere Preise dafür verlangen. Und das wohl beste war, dass die Ideen für praktisch alle Projekte, die wir in den folgenden sieben Jahren umsetzen konnten ihre Wurzeln in den Ideen dieses einen Sabbatical-Jahr hatten.

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