Leise kriselt der Schnee: Das Ende für Ski Austria?

Dezember 2010: Österreichs Wintertourismus am Scheideweg.

Leise kriselt der Schnee

Wintersport. Skifahren trägt mehr als elf Milliarden Euro zu Österreichs Wirtschaftsleistung bei. Doch das Interesse der Urlauber am Pistenflitzen lässt nach. Österreichs Alpenkaiser müssen den Wintertourismus neu erfinden. Denn eine schwere Krise der beteiligten Branchen wäre eine Katastrophe für das Land.

Der Saisonstart ist ganz und gar nicht nach Wunsch verlaufen. Dem Abbruch des Auftaktrennens in Sölden folgte das technische K. O. der ÖSV-Herrenmannschaft beim Slalom im finnischen Levi. Ein einziger Österreicher, Manfred Pranger, konnte sich unter den ersten zwanzig platzieren. Nach der jahrelangen klaren Dominanz des Teams sind die Erosionserscheinungen, die schon in den letzten beiden Jahren eingesetzt haben, unübersehbar – und sie sind auch eine gewisse Parallele zur Situation des Freizeit-Skifahrens in Österreich. Der Wintertourismus bröckelt an vielen Ecken und Enden: keine schwere Krise, aber es kriselt. Und es besteht – wie im Rennsport – vor allem die Gefahr, dass Entwicklungen verschlafen werden, weil man sich auf den Lorbeeren der letzten Jahre ausruht. Abgesehen davon, dass Seriensieger wie Hermann Maier und Stephan Eberharter, die derzeit fehlen, auch dem Fremdenverkehr guttäten.

Im Tiroler Stubaital ist der Schnee zwar heuer früh gekommen. Aber wenn Christian Pfurtscheller, Chef des Hotels Bergcristall, auf den Kalender sieht, schwant ihm nichts Gutes. Alle Feiertage um Weihnachten und Silvester liegen an Wochenenden, und Ostern ist erst am 24. April, wenn Urlaubswillige schon eher an eine Strand- denn an eine Schneebar denken. „Die Saison wird so lange, dass dazwischen Lücken in der Auslastung entstehen könnten,“ sagt Pfurtscheller. „Einige werden heuer sicher zu Ostern zusperren müssen“, fürchtet auch Arnold Pucher, der Liftkaiser vom Kärntner Nassfeld, und hofft, dass ihm dieses Schicksal erspart bleibt. „Wenn man einmal zu Ostern zusperrt, dann kann man gleich immer zusperren.“

Gegen die Widrigkeiten des Kalenders können Hoteliers und Liftbetreiber wenig ausrichten, aber sie zeigen, auf welch labiler Unterlage das Geschäft gründet. Ein Geschäft, das nirgendwo auf der Welt wichtiger ist als in Österreich. Mit einer direkten und indirekten Wertschöpfung von über elf Milliarden Euro trägt der Wintertourismus rund vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei – das ist einzigartig. 276.000 Arbeitsplätze hängen hierzulande von dem Wirtschaftszweig ab. Ohne das Skifahren wäre Österreich spürbar weniger wohlhabend. Umso bedrohlicher ist jedes Problem, das sich auf die Gästezahlen auswirkt.

Und davon gibt es gleich mehrere: Hohe Preise schrecken Urlauber ab, und diejenigen, die sich einen Winterurlaub leisten, werden immer anspruchsvoller. Sie wollen mehr Pistenkilometer, bequemere Lifte und garantiert g’führige Unterlagen auf allen Abfahrten. Bis ins Tal, versteht sich. Angesichts des drohenden Klimawandels und der rigiden Umweltauflagen ein kaum mehr erfüllbarer Wunsch: Unten schmilzt der Schnee weg, und oben am Berg kann man die Pistenflächen kaum mehr erweitern. Beschneiungsanlagen und Verbesserungen im Liftangebot kosten obendrein sehr viel Geld. 562 Millionen Euro haben die österreichischen Seilbahnbetriebe im letzten Jahr investiert. Dazu kommt die relativ hohe Unfallgefahr und vor allem ein Nachwuchsproblem. Die Bretter bedeuten für immer weniger Kinder die Welt.

Anspruchsvolle Gäste. Nicht nur am Berg muss investiert werden. Die Zahl derer, die von neun Uhr morgens bis zum Pistenschluss auf ihren Ski unterwegs sind, nimmt ständig ab. Die Pistengaudi wird immer mehr zum optionalen Tagesangebot neben einer Rund-um-die-Uhr-Animation zwischen Wellness, Funsport und Hüttenzauber. „Die Zeit der Kilometerfresser ist vorbei“, meint Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung, die Österreich jetzt mehr als Winter-Erlebnisland positionieren will: „Der Trend geht hin zu Ferien in der Winterlandschaft. Man fährt vielleicht einen Tag Ski, macht aber am nächsten eine Schneeschuhwanderung, geht dann in eine Therme und anschließend vielleicht auch noch einen Tag lang auf Sightseeing-Tour.“ Dieser Entwicklung wurde noch zu wenig Rechnung getragen.

Der Trend ist nicht nur ein gefühlter, sondern manifestiert sich in Zahlen. Trotz ausreichend weißer Pracht und der Rekordzahl von 15,4 Millionen Ankünften in der Saison 2009/2010 gingen die Kartenverkäufe der Seilbahnbetriebe von 56,8 auf 53,5 Millionen so genannte Skier-Days zurück. Ebenso sank die Zahl der Übernachtungen leicht (siehe Grafik Seite 79). Und: Der Anteil der Kinder auf den Pisten reduzierte sich zuletzt von 28 auf 20 Prozent.

Auch die Skihersteller leiden darunter. Die durchschnittlichen Ausgaben der Österreicher für Ski haben sich laut Statistik Austria halbiert. Immer weniger Menschen besitzen eigene Latten. Der Verleih hat Hochkonjunktur. Absolut gesehen sind die Skiverkäufe in Österreich seit dem Beginn des Carving-Booms im Jahr 2001 von weit über einer halben Million Paar auf 370.000 gesunken.

Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung und Autor der Studie zur ökonomischen Bedeutung des Wintertourismus (SportsEconAustria), warnt vor „zielgruppenspezifischen Imagedefiziten des Wintersports“, „erhöhtem Finanzbedarf“ und „prekären Bilanzrelationen“ – vor allem in der Hotellerie. Österreich muss den Wintertourismus nun neu erfinden.

Neue Konzepte. „Noch haben wir die Klientel. Doch wir laufen Gefahr, das Skifahren als Träger des Wintersports zu verlieren, denn der Verzicht auf Wintersport bedeutet heute keine Einbuße in der Lebensqualität“, warnt auch Tourismus- und Freizeitforscher Peter Zellmann. Obwohl niemand gerne drüber redet, dass im Wintertourismus die Glöckchen längst nicht mehr so süß klingen, wie sie sollten, ist sich die Branche der Probleme natürlich bewusst. Mit neuen Ideen versucht man, die werte Klientel wieder zum Skifahren zu bringen oder ihr Zusatzangebote zu schaffen, die sie weiterhin in die Winterlandschaft der Berge ziehen.

Preisfrage. Mit konzertierten Kampagnen soll zunächst einmal das Image vom Skifahren als teures Vergnügen geändert werden. Ein schweres Unterfangen nach den oft kaum mehr nachvollziehbaren Preissteigerungen der vergangenen Jahre, die weit über der Inflationsrate liegen. Für die große Kernzielgruppe, die Familien mit Kindern, ist es schwer geworden, sich den weißen Spaß überhaupt leisten zu können.

So kosteten etwa die Tageskarten für zwei Erwachsene und ein Kind im Skigebiet Hochkönig in der Wintersaison 2005/2006 schon stolze 65,50 Euro. Mittlerweile muss man gar 103,50 Euro berappen – eine Preissteigerung von satten 58 Prozent. Das ist kein Einzelfall, wie der aktuelle Vergleich des Vereins für Konsumenteninformation (siehe Kasten Seite 80) zeigt. Österreichweit sind die Preise der Wochenkarten für Erwachsene seit der Saison 2006/2007 bei einer Inflation von 7,5 Prozent um durchschnittlich 42,2 Prozent gestiegen. VKI-Tester Peter Blazek: „In Einzelfällen mag das in außergewöhnlichen Investitionen begründet sein – aber bei dieser Häufung können wir das nicht glauben.“

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat das Problem erkannt. In seinen acht Skigebieten, zu denen der Patscherkofel, der Hochficht und der Ötscher gehören, fahren Kinder bis zum elften Geburtstag in Begleitung der Eltern gratis. Für Schröcksnadel eine lohnende Investition in die Zukunft. „Wir bringen die Kinder damit wieder zum Skifahren“, meint er.

Auch der Handel macht mit bei der Offensive um den Nachwuchs. In den Intersport-Filialen werden „mitwachsende Ski“ angeboten, die gegen längere umgetauscht werden können, wenn die Kinder in der nächsten Saison aus den oft kaum benutzten Sportgeräten wieder herausgewachsen sind.

Ebenso beginnt die Debatte um die Schulskikurse wieder. Dort gab es einen dramatischen Teilnehmerschwund. Seit den siebziger Jahren ist die Zahl der Schüler in Skikursen von 250.000 auf 150.000 gesunken. Nicht nur die österreichischen Kinder, auch die jungen Gäste aus Deutschland oder Holland werden immer weniger und – besonders schlimm für die Branche – lernen das Skifahren oft gar nicht mehr.

„In der Region Kufstein hat man daher begonnen, die Lehrer zu subventionieren“, weiß Stefan Schwarz, Geschäftsführer von Amer Sports Austria, mit den Marken Atomic und Salomon der weltweit führende Skiproduzent. Die Lehrer, für die ein Skikurs zusätzliche Arbeit und Ausgaben bringt, werden sowohl finanziell als auch mit Material unterstützt. Schwarz: „Die Tourismus- und Seilbahnwirtschaft und das gesamte politische Umfeld sind gefordert, sich hier noch mehr zu überlegen.“ Die Belastungen für die Familien sind nämlich weiterhin überdurchschnittlich hoch. Die Kosten der Skikurse stiegen von 2000 bis 2009 im Schnitt ebenfalls um 42 Prozent.

Heinz Schultz aus dem Zillertal, einer der größten privaten Skigebietsbetreiber, gibt daher auch etwas verlegen zu: „Ein bisschen was ist an dem Preisvorwurf schon dran – wir müssen den Schülern die Ängste vor den Kosten wieder nehmen.“ Und Machertyp, der er ist, geht Schultz auch gleich in die Offensive. Er hat mit dem Wiener Busreiseunternehmer Blaguss die „Österreichische Schulskikursgesellschaft“ gegründet, die den Schulen nun mit einem tatsächlich günstigen Angebot um 299 Euro je Teilnehmer – alles inklusive – die Fahrten zum Schnee wieder schmackhaft machen soll. Auch Schultz fügt sich ins Unvermeidliche: „Das ist teilweise unter meinem Einstandspreis.“

Ringen um Sicherheit. Der in den Medien heiß diskutierte Unfall des deutschen Politikers Dieter Althaus im steirischen Skigebiet Riesneralm, bei dem eine tschechische Touristin ums Leben gekommen ist, hat auch die Debatte um die Sicherheit im Wintersport neu entflammt. Dass Skifahren und Snowboarden riskante Sportarten sind, lässt sich nicht leugnen, und die relative Gefährlichkeit ist in den Gästebefragungen auch einer der am häufigsten genannten Verweigerungsgründe fürs Skifahren. Der Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit zufolge zählen Skifahren und Snowboarden mit insgesamt 59.000 Unfällen zu den riskantesten Sportarten. Rechnet man die Unfälle auf ausgeübte Sportstunden hoch, dann schaut es für die Pistenfreaks noch schlechter aus. Da kommen auf 100.000 Sportstunden rund 30 Unfälle. Beim ebenfalls populären Radfahren sind es lediglich vier.

Gemeinsam wird jetzt an Gegenstrategien gearbeitet. Die seit dem Vorjahr geltende Helmpflicht für Kinder ist nur ein Punkt unter vielen. In den Skigebieten werden schnelle Passagen entschärft oder mit großen Hinweisschildern gekennzeichnet. Unübersichtliche Stellen und Kreuzungsbereiche von Pisten werden mit Sicherheitsnetzen und Warnschildern versehen. Und der Handel bewirbt nicht nur aus reiner Profitgier die immer beliebteren Protektoren. „Unter Snowboardern gelten Protektoren mittlerweile auch als cool“, berichtet Alexander Zezula, Geschäftsführer des Trendsport-Spezialisten Blue Tomato, vom Imagewandel der Schutzkleidung.

Eine weitere Initiative ist die von der Alpgarant Versicherung erfundene SAFE-R Versicherung, die seit dem Vorjahr als Pilotversuch im Skigebiet Riesneralm angeboten wird. Die Gäste erwerben dort gemeinsam mit der Liftkarte eine Unfallversicherung, die im Fall des Falles sämtliche Kosten einer Bergung und auch die eines allfälligen Helikopter-Transports übernimmt. „Diese Kosten können für die Gäste mitunter recht hoch sein“, weiß Alpgarant-Chef Alexander Bauer, „im Durchschnitt kostet ein Rettungseinsatz per Helikopter rund 2800 Euro, wenn sich die Bergung etwas schwieriger gestaltet, dann sogar bis zu 4000 Euro.“

Auch die Seilbahnbetreiber zeigen Initiative. Sie versuchen zu trommeln, wie wenig, hochgerechnet auf die Zahl der beförderten Gäste, bei ihren Anlagen passiert. Ekkehard Assmann, Sprecher des österreichischen Seilbahnanlagenbauers Doppelmayr, wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Seilbahnen trotz ihres Images nach Aufzügen das sicherste aller Transportmittel überhaupt sind – noch weit sicherer als die Bundesbahnen etwa.

Neue Attraktionen. Dass die Gäste weniger werden, liegt auch an der sinkenden Attraktion des Skisports. Selbst der sonst so lässige Slalomstar Marcel Hirscher meinte im Vorfeld des Weltcup-Auftakts in Sölden, dass Skirennen fader geworden sind und dem Sport die echten Typen abgehen. Das wirkt sich auf Fernsehübertragungen aus, das Interesse an den ORF-Sendungen ist seit dem Olympiawinter 2006 um 22 Prozent gesunken. Aber auch in den Skigebieten suchen die Gäste zunehmend neue Erlebnisse abseits der Pisten.

„Das reine Pistenskifahren reicht als Wochenbeschäftigung schon lange nicht mehr aus“, weiß Robert Pichler, Eigentümer und Leiter der Skischule Fun&Pro in Flachau, Salzburg. Er ist selbst ein passionierter Fahrer der alten Schule, der an seinem einzigen Urlaubstag vor der Saison auf den Gletscher fährt, stellt jedoch jedes Jahr neue Attraktionen ins Programm.

Vor zwei Jahren war es etwa „Zorbing“, eine meterhohe, aufblasbare Plastikkugel, in der es sich, weich abgefedert, über die Piste kugeln lässt. Jetzt, so sagt Pichler, werden alle Arten von „Freeski“-Material nachgefragt: kurze, breite, hinten und vorne aufgebogene Gleiter, mit denen man hauptsächlich über Kicks (Schanzen) oder Barks (künstliche Hindernisse) rutscht und springt. Demnächst könnte es der „Snowbull“ sein, ein rodelähnliches Gefährt auf Gelenkski, das durch Gewichtsverlagerung gesteuert wird. Pichler musste – leidvoll – erkennen: „Anders bekommen wir die Jugend nicht auf die Piste.“

Auf die Wintergäste warten heute in vielen Regionen auch schon Snowbikes, Skifoxes, Airboards, Snowtubes, Snowscooter oder Skidoo-Fahrten. Am Kärntner Nassfeld werden Jugendlichen spezielle „Blue Days“ angeboten. Sie können während eines einwöchigen Winterurlaubs an jedem Tag eine andere Sportart ausprobieren. Für Erwachsene stehen Action-Abenteuer wie Schlittenhundefahrten, Iglu-Bauen oder Schneeschuhwandern am Programm – etwa im Winter Wilderness Camp im Tiroler Leutasch. Und dann gehört zu jeder Winterdestination natürlich auch noch ein entsprechender Wellness-Tempel – der Aqua Dome in Längenfeld im Ötztal etwa oder die Anfang November neu eröffnete Tauerntherme in Kaprun. Von der Piste direkt ins Spa – das wird immer wichtiger. „Teilweise sind unsere Gäste schon länger im Wellnessbereich als auf der Piste“, sagt Armin Traferner, Sales-Manager des Relax-Resort-Hotels am Kreischberg.

Mehr Piste. Ein Dilemma vieler Skigebiete ist, dass viele Gäste nach der Zahl der zur Verfügung stehenden Pistenkilometer auswählen. Im internationalen Vergleich haben da Österreichs Wintersportorte trotz einer insgesamt zur Verfügung stehenden Wedelfläche von bereits 25.400 Hektar nicht immer die Nase vorn. „Wir stehen im internationalen Wettbewerb. Da brauchen wir einfach größere Flächen, sonst verlieren wir den Anschluss“, zuckt Stubai-Hotelier Pfurtscheller etwas resignierend mit den Schultern. Wie viele Kollegen vor Ort wartet er etwa ungeduldig auf die Zusammenlegung der Muttereralm mit der Region Schlick-Axamer Lizum, die eine imposante Skischaukel ergeben würde. „Uns würde vollkommen das Verständnis fehlen, wenn man Ischgl den Ausbau genehmigt, aber uns nicht“, meint er.

Dabei hat die Branche ihr nachhaltig verträgliches Flächenpotenzial schon ziemlich ausgereizt, finden Naturschützer. Und jeder mittlere Zubringerlift zur Koppelung zweier bisher getrennter Skiberge führt zu Interessenkonflikten in den engen Alpentälern, nicht nur im Stubaital. Peter Haßlacher, Leiter der Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz des Österreichischen Alpenvereins: „Das Problem ist virulent wie seit Langem nicht. Weil die verfügbaren Flächen weniger werden, soll immer mehr in Schutzgebieten gebaut werden. Da hört sich der Spaß auf.“

Auseinandersetzungen herrschen etwa bei der schon lange geplanten Erschließung Vesiltal/Piz Val Gronda in Ischgl oder bei der neuen Verbindung zwischen Axamer Lizum und Schlick 2000, die über ein Ruhegebiet führt, das eigentlich unter strengstem Naturschutz steht. Ein Knackpunkt – auch überregional – wird die Neuformulierung des auslaufenden Tiroler Skigebietsgesetzes, die bis zum Jahresende 2010 politisch ausverhandelt wird. Den Trend zur Zusammenlegung von Skigebieten wird aber wohl niemand stoppen.

Mehr Kunst im Schnee. Dort, wo es Pisten gibt, soll auch Schnee liegen. Und wenn keiner fällt, dann produzieren ihn die Skigebiete eben selbst. Zu beträchtlichen Kosten. Rund 100.000 Euro kosten die Beschneiungsanlagen für einen Hektar Pistenfläche – inklusive der dafür notwendigen Teiche, Wasser- und Stromleitungen. Und der als Damoklesschwert über dem Wintertourismus schwebende Klimawandel lässt den Investitionsbedarf auch in schneesicheren Lagen explodieren. Modellrechnungen zeigen, dass schon zwei Grad Erderwärmung den Anteil der schneesicheren Skigebiete in Österreich von derzeit 87 Prozent auf etwa 50 Prozent senken würde. Dagegen werfen die Alpenkaiser einen immer höheren Hightech-Einsatz an Material in die Schlacht. 66 Prozent der österreichischen Pisten können bereits mit Kunstschnee bedeckt werden.

„Der Beschneiungsaufwand steigt aber nicht nur wegen des Klimawandels“, erklärt Thomas Jürs, Chef des größten österreichischen Schneekanonenherstellers Wintertechnik. „Wegen des höheren Verkehrs auf den Pisten und der Carving-Technik müssen heute Flächen beschneit werden, wo das früher nicht notwendig war. Die Gäste erwarten sich täglich perfekte Pisten, und die bekommen sie auch.“ Skeptikern, die Beschneiungsanlagen als Eingriffe mit negativen Folgen für die Natur sehen, hält er entgegen, dass alle Kritikpunkte längst mit Studien widerlegt wären und eine feste, geschlossene Schneedecke bis zum Saisonschluss ganz im Gegenteil die Böden vor Erosion schützt.

Für die Skigebietsbetreiber bleibt dennoch das Problem, dass ihre Kosten laufend weiter steigen, die Zahl der Gäste hingegen bestenfalls stagniert oder sogar abnimmt – und die Preise nicht noch weiter in die Höhe getrieben werden können.

Um den Aufwand einzudämmen, versucht man nun, Skigebiete umzuplanen. Das Motto dabei ist, mehr Pisten mit weniger Liftanlagen zu erschließen. Wie auf der steirischen Riesneralm. Dort kommt man mit nur drei Liften auf dreißig Pistenkilometer. „Ohne dass wir deswegen lange Wartezeiten an den Liften hätten“, erklärt Betreiber Erwin Petz. Andere Orte müssten ebenfalls reagieren, um die Betriebskosten zu reduzieren. Petz: „Das passiert überall auf der Welt. In den USA ist der Schlüssel Pistenkilometer pro Lift wesentlich besser als in Österreich.“

Imagefrage. Viel Gehirnschmalz müssen die Tourismusplaner auch in die Positionierung der Skigebiete investieren. Urlauber, die Action und Party suchen, gehören nach Ischgl oder Sölden und nicht auf die Tauplitz. Genauso muss es für Familien klar positionierte Regionen geben. Einzelne Kinderhotels sind dafür nicht genug. Einen Startvorteil wie Damüls in Vorarlberg, das als „schneereichstes Dorf der Welt“ beworben wird, hat nicht jeder Ort. Riesneralm-Chef Petz freut sich, als „international bestes Kinderskigebiet“ ausgezeichnet worden zu sein: „Das ist eine eindeutige Positionierung, die bei den Gästen ankommt.“ Gedanken müssen sich die Verantwortlichen auch über die Marke Österreich generell machen: Warum wird außerhalb Europas die Schweiz mit Skifahren assoziiert, obwohl die Infrastruktur bei uns weit besser ist?

Karl Schranz blickt trotz aller Probleme optimistisch in die Zukunft. „Ums Skifahren habe ich in 200 Jahren noch keine Angst“, sagt die Skilegende, die sich auch als Österreichs „Botschafter des Schneesports“ an prominenter Stelle – beim russischen Präsidenten Wladimir Putin – für Österreich starkmacht. Um dann zu sagen: „Wir brauchen aber vielleicht eine Pause bei der Teuerung, und wir müssen auch nicht jede Bergspitze mit einem Liftseil verankern.“

Macht der Berge. Das Netzwerk Wintersport – damit meint man alle Branchen, die direkt und indirekt mit Wintertourismus zu tun haben – kam im Jahr 2008 auf eine Wertschöpfung von über elf Milliarden Euro. Das sind rund vier Prozent des BIP: In keinem anderen Land der Welt trägt Skifahren so viel zum Wohlstand bei. Zum Vergleich: Die Millionenstadt Wien verwaltet ein Budget in gleicher Höhe, die wichtige Branche der österreichischen Autozulieferer kommt nur auf 9,3 Milliarden Euro.

In Summe hängt jeder 14. Arbeitsplatz in Österreich direkt oder indirekt am Wintersport. Das wiederum bedeutet eine Größenordnung, die etwa dem Doppelten der österreichischen Landwirtschaft entspricht. Und trotz Wirtschaftskrise gab es im Vorjahr einen Gästerekord (15,4 Millionen Ankünfte), die Anzahl der Nächtigungen im Winterhalbjahr ist jedoch – auf hohem Niveau – leicht gesunken (von 62,9 auf 62,7 Millionen Nächtigungen). Insgesamt tolle Zahlen, die allerdings nicht über die vorhandenen Strukturschwächen hinwegtäuschen dürfen.

Preisgipfel. Ein aktueller Vergleich des VKI zeigt den rasanten Anstieg der Liftpreise.

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat 80 österreichische Skigebiete einem Preisvergleich unterzogen (siehe auch: das Magazin „Konsument“: Preistest Skigebiete, Erscheinungsdatum: 25. November 2010). Dabei zogen die Konsumentenschützer auch frühere Daten zu Rate und bestätigen so den gefühlten Trend vieler Winterurlauber, dass nämlich Skifahren immer teurer wird. In den meisten Fällen ist die Steigerungsrate rund doppelt so hoch wie die Inflation. Der Durchschnitt liegt bei plus 18,6 Prozent, der Verbraucherpreisindex dagegen kommt in dem Vergleichszeitraum nur auf plus 7,5 Prozent. Vor allem in den kleineren Skigebieten ist das Skifahren übermäßig teurer geworden, schreiben die Tester. Die Preistreiber im Einzelnen: Die Wochenkarte für Erwachsene ist seit der Saison 2006/07 im Durchschnitt gleich um 42,2 Prozent teurer geworden, die Wochenkarte für Kinder auch noch um 25 Prozent, die Tageskarte für Erwachsene um 23 Prozent und ein Familienpaket um 19 Prozent. Lediglich die Tageskarte Kind liegt mit rund neun Prozent etwa im Bereich der allgemeinen Inflationsrate.

Grundsätzlich stellte der VKI auch heuer wieder durchaus beachtliche Preisunterschiede fest: Zwischen dem teuersten Gebiet in Österreich, Ski Arlberg, und dem billigsten, Zahmer Kaiser, liegen rund 450 Euro Preisunterschied für ein Familienpaket (siehe Tabelle). Wer also gezielt sucht und nicht unbedingt Hunderte Pistenkilometer für sein Wintervergnügen braucht, kann die Preisgipfel durchaus umfahren.

Ebenso auffällig ist die relativ hohe Vielfalt an Ermäßigungen, leider regional sehr unterschiedlich. Gerade bei Familien und Kindern scheinen manche in der Branche zu langsam zu reagieren, um dem Luxusimage des Skisports wieder etwas entgegenzuwirken. Um 150 Euro weniger zahlt zum Beispiel eine Familie (zwei Erwachsene, ein Jugendlicher bis Jg. 1994, ein Kind bis Jg. 2001) am Stubaier Gletscher (Tirol), wenn die 6-Tage-Skipässe im Familienpaket und mit Vorlage der Gästekarte gekauft werden – das ist fast ein Viertel des regulären Preises.

 

Schnee von morgen. Wie Österreich seinen Wintertourismus abzusichern versucht.

> Preisoffensive. Skifahren ist teuer geworden, das gilt besonders für die Preissteigerungen bei Liftkarten. Die aktuellen Vergleiche deuten zwar in eine andere Richtung, aber allen ist klar, dass die Preise schon mehr als ausgereizt sind. Spezialangebote für Familien und Schüler sollen eine Imagekorrektur herbeiführen und die Lust am Pistenzauber wieder heben.

> Nachwuchsförderungen. Subventionierte Schulskikurse und coole Produkte sollen die Jugend wieder zum Skisport hinführen.

> Sicherheitsoffensive. Besser abgesicherte Kreuzungsbereiche an den Pisten und vermehrte Hinweise für das richtige Verhalten am Berg sollen das Unfallrisiko reduzieren. Spezielle Versicherungen nehmen die Angst vor den Kosten, wenn doch ein Unfall passiert.

> Bessere Positionierung. Skigebiete werden als unterschiedliche Destinationen mit auf spezifische Zielgruppen zugeschnittenen Angeboten positioniert: zum Beispiel Highlife oder Familie.

> Angebotsvielfalt. Trend- und Funsportarten sowie Wellness-angebote als Ergänzung zum Skifahren. Es gibt immer weniger Urlauber, die den ganzen Tag auf ihren Brettern stehen wollen. Der Skiurlaub wird nun auch in Österreich stärker als Winter- Erlebnisurlaub positioniert.

> Mehr Pisten, mehr Schnee. Die Zahl der Pistenkilometer bleibt für viele Menschen ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Wahl der Destination. Der Zusammenschluss zu größeren Skigebieten geht in Österreich weiter, um die internationalen Mitbewerber in Schach halten zu können. Eine flächendeckende Beschneiung soll die Gäste zusätzlich bei Laune halten und den Pistenspaß trotz Klimawandels absichern.

 

Nachwuchssorgen. Touristiker hoffen, dass wieder mehr Kinder begeistert Ski fahren.

„Mehr Kinder auf die Piste!“ Dieser Ruf der Tourismusbranche verhallt nur allzu oft ungehört. Die Tendenz der letzten Jahre ist eindeutig: Immer weniger Kinder fahren Ski, viele wissen mit zwei Brettern an den Beinen nichts mehr anzufangen. Bedenklich: Auch die Teilnehmerzahlen von Schulskikursen sind dramatisch gesunken (auf rund 150.000). Aus Deutschland und anderen Ländern kommen ebenfalls immer weniger Kinder zum Skifahren. „Viele lernen das Skifahren gar nicht mehr“, bedauert Amer-Sports-Chef Stefan Schwarz (Atomic, Salomon).

Eine Hauptursache für den stetigen Rückgang sind die hohen Kosten, die der Skisport für Familien mit sich bringt. Nicht alle Liftbetreiber denken so wie ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, dem in Österreich acht kleinere Skigebiete gehören, darunter der Ötscher, die Wurzeralm und Heiligenblut. Auf seinen Pisten fahren Kinder unter elf Jahren in Begleitung der Eltern gratis. „Das ist eine Investition, die sich lohnt, denn damit bringen wir die Kinder zum Skisport“, erklärt Schröcksnadel.

Anderswo müssen die Eltern dagegen für den sportlichen Nachwuchs tief in die Tasche greifen. In Sölden etwa zahlen Kinder 22 Euro pro Tag. Die Kosten für eine Woche Skifahren übersteigen bei einer vierköpfigen Familie in größeren Skigebieten inklusive Nächtigung und Ausrüstung schnell die 3000-Euro-Grenze.

 

Wintersport ist gefährlich Sicherheit beim Skifahren ist ein Gebot der Stunde.

Zwar gehen die Unfallzahlen im alpinen Skisport stetig zurück. Dennoch liegt Skifahren, umgelegt auf die Zahl der Ausübenden, immer noch auf Rang vier der gefährlichsten Massensportarten, Snowboarden sogar auf Rang eins (mehr als zwei bzw. mehr als vier Unfälle pro 1000 Sportler). Legt man die Unfallzahlen auf die – beim Alpinsportler meist eher geringen – ausgeübten Sportstunden um, sieht die Bilanz noch trister aus: Geschätzt kommen rund 30 Unfälle auf 100.000 Sportstunden. Beim Radfahren (inklusive Mountainbiking) sind es zum Beispiel nur vier Unfälle pro 100.000 Sportstunden. Die Seilbahnwirtschaft und die Tourismusmarketing-Leute denken daher viel darüber nach, wie der Skisport sicherer und damit auch wieder attraktiver gemacht werden kann.

 

„Preisstopp wäre gut!“ Karl Schranz will nachhaltigen Skisport zu vernünftigen Preisen.

trend: Sie sind Ski-Idol, Hotelier und seit Neuestem auch offizieller Interski-„Botschafter des Schneesports“ für Österreich. Verliert das Skifahren an Zugkraft für Touristen?

Schranz: Weltweit gesehen wird Skifahren keineswegs uninteressanter. Das gilt vor allem für Länder wie China, Indien oder Russland, die alle einen direkten Zugang zu Bergen haben. Da habe ich in den nächsten 200 Jahren noch keine Angst darum.

Bleiben wir in Österreich…

Speziell in Österreich gibt es schon zwei Knackpunkte. Zum einen wird ein Skiurlaub für Familien langsam nicht mehr leistbar. Da müsste der Wintertourismus vorsichtig sein und einmal ein paar Jahre mit Teuerungen Pause machen. Denn den Wettlauf um immer höhere und luxuriösere Skigebiete verlieren wir mit stagnierendem Einkommen der Gäste. Und zweitens sollte man die Schulskikurse wieder verstärkt einführen – eventuell EU-weit.

Ist ein Wintertourismus ohne Skifahrer denkbar?

Ohne Skifahrer würden die Alpen arm ausschauen. Unsere Hotels würden zu Ruinen vergangener Zeiten – wie die Schlösser und Burgen im Land. Die notwendige Menge an Touristen hat erst das Skifahren in die Täler gebracht. Ohne die wäre es eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe. Im Gesamtpaket Winter ist das Skifahren einfach das Zugpferd.

Trotz Klimawandels?

Gut, da sind sich nicht einmal die Klimaforscher alle einig. Aber der Winter schlägt zurück. Dann sorgen höhere Niederschläge dafür, dass es zu viel Schnee gibt. Das ist wegen der Lawinengefahr viel gefährlicher als zu wenig Schnee.

Manchen geht auch der Massentourismus in alpinen Regionen schon zu weit, Beispiel Ischgl oder Sölden.

Man kann bei der Entwickung der Skigebiete auch des Guten zu viel machen. Wir brauchen nicht jede Bergspitze mit einem Liftseil verankern. Die Seilbahnunternehmen sollen nicht alles machen dürfen, was ihnen einfällt. Das muss im Einklang mit der Natur passieren. Das habe ich übrigens als Sotschi-Olympiaberater auch Wladimir Putin gesagt: Das muss nachhaltig ausgebaut werden. Nicht so wie in Val d’Isère, wo auf der Herrenrennstrecke gerade erst zwei Rennen abgehalten wurden. Das ist eine Sünde am Berg.

 

Gipfelsturm. Die Ausbaupläne der Seilbahnwirtschaft rufen erneut Widerstand hervor.

Peter Haßlacher, der für Raumordnung zuständige Abteilungsleiter des Österreichischen Alpenvereins, zieht wieder in den Kampf gegen die Liftkaiser Tirols und Umgebung. Der Grund: Das auf fünf Jahre befristete Tiroler Seilbahngesetz muss neu formuliert werden. Haßlacher: „Es war ein gutes Gesetz, das wir erreicht haben. Da hat es tatsächlich eine Bremsung des Ausbaus im Alpenraum gegeben.“ Die Seilbahnwirtschaft allerdings will die Gelegenheit nutzen, alle schubladisierten Projekte wieder neu zur Diskussion zu stellen. Haßlacher: „Jetzt wird massiv lobbyiert, um alte Projekte wieder reinzubringen. Nun geht es auch in die Schutzgebiete – da scheint es kein Halten mehr zu geben.“ Das bestätigt etwa Heinz Schultz, der größte private Skigebietsbesitzer Österreichs und Gegenpart zu Haßlacher in den nun tagenden Arbeitsgruppen und Evaluierungskommissionen: „Es geht darum, die Qualität im Wintertourismus hoch zu halten – und wenn einer die Möglichkeit bekommt, sein Gebiet massiv auszuweiten, dann müssen es auch die anderen bekommen.“

 

Party oder Familie. Ischgl versus Riesneralm – zwei konträre Tourismuskonzepte, die funktionieren.

Party. Mit 41 Liften und Seilbahnen sowie über 238 bestens präparierten Pistenkilometern ist Ischgl für viele das Ski-Mekka schlechthin. Das Hauptgebiet liegt zwischen 2000 und 2870 Meter Höhe und ermöglicht aufgrund seiner Schneesicherheit ein Skivergnügen von Ende November bis Anfang Mai. Mit 1,26 Millionen Nächtigungen liegt der Ort im Tiroler Paznauntal nach Sölden und Saalbach-Hinterglemm in der österreichischen Wintersport-Statistik an dritter Stelle. Die Gäste kommen aber nicht nur wegen des Schnees und der Berge hierher. Tourismusmanager Günther Aloys, der Guru von Ischgl, hat den Ort zum Ballermann des Winters gemacht. Zur Hauptsaison gibt es hier 24 Stunden lang Party. Der Anton aus Tirol lässt grüßen. „Erholen kann man sich im Job, im Urlaub will der Gast etwas erleben“, sagt Aloys.

Familie. Aus der Not eine Tugend gemacht hat Erwin Petz, Bürgermeister im steirischen Donnersbachwald und Chef des dortigen Skigebiets Riesneralm. Dieses liegt etwas abgeschieden und besteht aus nur einem Berg. „Uns mit den Großen zu messen wäre sinnlos“, sagt Petz. Er ging daran, den Beweis anzutreten, dass man auch aus einem kleinen Skigebiet etwas machen kann, wenn man es richtig anpackt. Ein für Österreich außergewöhnlich gutes Verhältnis von 30 Pistenkilometern bei nur drei Liftanlagen hält die Kosten im Zaum. Und mit der eindeutigen Positionierung als Familienskigebiet – die Riesneralm wurde zum besten Kinderskigebiet der Welt gekürt – kann Petz punkten. Einmalig ist auch die Kooperation mit der Alpgarant Versicherung: Eine Unfallversicherung ist im Skipass inkludiert.

 

Das Alpenduell

Die ewigen Rivalen: Österreich gegen die Schweiz. Im Skigebietsvergleich hat Österreich die Nase vorn.

Okay, die Schweiz hat die höheren Berge. Das muss man – nicht ganz neidlos – anerkennen. An dieser topografischen Tatsache lässt sich nicht rütteln, das ist ein klarer Punkt für die Schweiz. Doch was machen die Schweizer mit ihrem Schatz? Weit weniger als die Österreicher, wie der Vergleich zeigt.

Die Skiinfrastruktur ist in Österreich weit besser ausgebaut. Während es in der Schweiz exakt 1774 Seilbahnen, Sessel- und Schlepplifte gibt, haben die 254 österreichischen Liftunternehmer in Summe 3250 Anlagen in Betrieb. Noch eindeutiger: Während in Österreich 66 Prozent der 25.400 Hektar Pistenfläche beschneit werden, stehen Skifahrern in der Schweiz nur 22.300 Hektar Pistenfläche zur Verfügung, von denen bloß 29 Prozent beschneit werden.

Auch die laufenden Investitionen in die Modernisierung der Aufstiegshilfen sind in Österreich deutlich höher. Im Betriebsjahr 2010 haben die österreichischen Seilbahnen in Summe 562 Millionen Euro investiert. 287 Millionen davon gingen in den Komfort, die Sicherheit und den Neu- bzw. Umbau von Liftanlagen. Die Ausgaben für die Beschneiungstechnik lagen bei 153 Millionen, der Rest entfiel auf den Pistenbau, Zutrittssysteme und die sonstige Infrastruktur am Berg. Mit 289 Millionen Euro sind die Investitionen der Schweizer Seilbahnbranche dagegen bescheiden. Das merkt man auch, wenn man in der Schweiz Ski fährt. Teils sind dort Anlagen in Betrieb, die in Österreich keine TÜV-Kontrolle mehr bestehen würden.

Österreich hat daher auch fast doppelt so viele so genannte „Skier Days“ wie die Eidgenossen, wie die verkauften Liftkarten belegen: 53,5 Millionen versus 27,3 Millionen in der Saison 2009/10.

Beim Marketing haben wiederum die Schweizer die Nase vorn: Außerhalb Europas stehen sie für Berge und alpinen Skilauf.

 

Dicke Flocken

Neue Wintersporttrends bescheren dem Handel trotz der Ski-Müdigkeit ein kräftiges Umsatzplus.

Auch der Handel macht gute Umsätze mit Wintersport. Intersport-Eybl-Vorstand Peter Wahle ist zufrieden. Ungeachtet der Wirtschaftskrise hat sich das Geschäft in den letzten zwei Jahren sehr positiv entwickelt. „In der letzten Saison gab es ein fast zweistelliges Plus“, freut er sich. Und schon die ersten Verkaufstage der Wintersaison 2010/2011 zeigen, dass sein Optimismus auch heuer nicht unbegründet ist. Das Weihnachtsgeschäft verspricht das beste seit Langem zu werden.

Die Sportartikelhändler haben ein schwieriges Jahrzehnt hinter sich. Der Skiabsatz in Österreich ist seit Beginn des Carving-Booms vor zehn Jahren kontinuierlich von über einer halben Million Paar auf zuletzt rund 350.000 pro Jahr gesunken. Immer weniger Menschen besitzen eigene Bretter, immer mehr leihen die Ausrüstung nur noch aus. Im Moment ist aber sogar auf dem Skimarkt eine Aufwärtstendenz zu spüren. Besonders deutlich angezogen hat die Nachfrage nach allen Modellen, die abseits der Piste zum Einsatz kommen. Freeski und Tourenski verkaufen sich so gut wie nie, und auch bei Langlaufski gibt es ein Plus. Allerdings ist der Markt nach wie vor labil und wird auch künftig nicht mehr boomen.

Zum Glück für den Handel tragen die Ski zu einem immer kleineren Teil zum Umsatz bei. Trendige Bekleidung und Accessoires sind angesagt – und für Wintersportler ist die Zubehörliste besonders lang. „Es gibt kaum eine Sportart, wo das Equipment eine dermaßen hohe emotionale Wertigkeit hat, aber auch kaum eine Sportart, wo die Ausrüstung derart umfangreich ist“, erklärt Michael Rumerstorfer, Marketingleiter von Sport Eybl und Sports Experts.

Die Sportartikler haben auch ihre Freude mit dem Trend zu alternativen Aktivitäten. „Nur die Tageskarte am Skilift zu nutzen, das war gestern. Die aktiven Outdoor-Sportler wollen Abwechslung und Vielfalt und brauchen auch mehr als nur eine Skiausrüstung“, erklärt Rumerstorfer. Schneeschuhe, Airboards, Snowtubes und weitere neue Fun-Sportarten eröffnen neue Einnahmequellen.

Besonders Lifestyle-geprägt ist natürlich das Geschäft rund ums Snowboard. Neue Technologien wie Rocker-Shape-Boards beleben den Markt, und Helme gelten inzwischen als modischer Artikel, der auch ein cooles Design haben muss. Alexander Zezula, Geschäftsleiter von Blue Tomato: „Schutzbekleidung gilt heute als cool.“

 

Trend zu mehr Abwechslung Alternativen zum Skilauf auf und abseits der Pisten.

> Airboard. Ein Sportgerät für Furchtlose. Ein aufblasbares Surfbrett, mit dem man auf dem Bauch liegend den Hang hinunterrast. Kaum steuerbar, daher nur im mäßig steilen Gelände mit ausreichend Auslauf und abseits des normalen Pistentreibens verwendbar. Zur eigenen Sicherheit unbedingt Helm tragen.

> Snowbike. Der Skibob unserer Tage. Ein Sportgerät, mit dem jeder schnell ein Erfolgserlebnis hat und, wenn die Piste nicht allzu steil ist, auch sicher ins Tal kommt. Bei mehr Tempo kann es ganz schön rasant hergehen.

> Zorbing. Ein Zorb besteht aus zwei Kugeln, wobei die innere einen Durchmesser von etwa 1,80 Meter hat und mit Haltegriffen versehen ist. Die äußere ist doppelt so groß. Die Kugeln sind mit Seilen verbunden, der Rest des Zwischenraums dient als Luftpolster, denn in dem Gerät kugelt man die Piste hinunter. Nur für garantiert Schwindelfreie.

> Freeski. Statt auf die Piste hinein in den Funpark. Halfpipes, Kicks und Barks haben nicht nur für Snowboarder, sondern auch auf Freeskier eine magische Anziehungskraft. Aufgrund der hohen Verletzungsgefahr nur mit Protektoren, reichlich Übung und Talent empfehlenswert.

> Schneeschuhwanderungen. Zurück zur Natur! Wem das Treiben auf den Pisten zu bunt ist und wer auch nicht mit den Ski den Berg hinaufstapfen will, kann es mit Schneeschuhen versuchen. Sehr entspannend und erholsam.

> Eislaufen. Neben Kutschenfahrten und Schneemannbauen das wohl beschaulichste Freiluftvergnügen, bei dem nur ein wenig Balancegefühl erforderlich ist. Wird von den Wintertouristikern als Alternative zum Pistenabenteuer wiederentdeckt.

> Langlaufen. Im Zuge des Outdoor- und Fitness-Booms erlebt das Langlaufen als eine der gesündesten Sportarten generell eine Renaissance. Einen kleinen Haken hat die Sache: Viele Loipen befinden sich im Tal, und die Saison ist daher kurz.

> Skitouren. Die wohl ehrlichste und bodenständigste Art des Skifahrens. Der Berg, den man hinunterfahren will, muss davor erst erklommen werden. Ausdauer und Erfahrung wie auch Kenntnisse in Lawinenkunde sind Voraussetzung.

> Wellness. Wellnessangebote werden für Winterurlauber immer wichtiger. Bad Kleinkirchheim hat sein Römerbad, das Ötztal den Aqua Dome, und zum Saisonstart hat auch das Tauernspa in Kaprun eröffnet. Ein Basislager für alle, die das Bergpanorama lieber einmal vom Tal aus genießen und statt auf der Piste in der Sauna schwitzen.

Ein Gedanke zu „Leise kriselt der Schnee: Das Ende für Ski Austria?“

  1. Sehr geehrter Herr Sempelmann,

    Im Zuge meiner Masterarbeit beschäftige ich mich mit den Verkaufszahlen von Skipässen in Europa. Hierzu bin ich auf der Suche nach Statistiken der Verkauften Karten (z.B. der Skierdays) der verschiedenen Länder. Bei meiner Recherche bin ich auf Ihre Webseite mit dem Artikel ‚Das Ende für Schi Austria?‘ gestoßen und wollte mich erkundigen ob sie Statistiken dieser Art besitzen und ob es für mich möglich wäre diese für meine Abschlußarbeit zu verwenden. Oder vielleicht können sie mir sagen an welche Stelle ich mich wenden könnte um Statistiken dieser Art zu erhalten. Ich bin Ihnen für jede Hilfe sehr dankbar.

    Mit freundlichen Grüßen
    RB

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