Schatz im Wald: Freizeittrend Geocaching

November 2010: Schatzsucher und Schnitzeljäger – Geocaching wird zum Freizeittrend

Schatz im Wald

Geocaching. Vom Insidersport zum Wirtschaftsfaktor: Geocaching, die Schnitzeljagd der digitalen Generation, wird von Tourismus und Sportartikelhandel entdeckt.

Die Mutter des Wienerwalds ist ein Baum. Eine über 300 Jahre alte, denkmalgeschützte Eiche im Naturpark Eichenhain bei Klosterneuburg. Irgendwo in ihrer Nähe ist ein kleiner Glasbehälter mit einem roten Schraubverschluss versteckt. Darin sollen sich ein Kompass-Schlüsselanhänger und eine kleine Minni-Maus-Plastikfigur befinden – kleine Tauschobjekte, von denen wir, falls wir den Behälter finden, eines mitnehmen und gegen ein anderes ersetzen dürfen, wenn wir Datum und Tausch in einem Logbuch vermerken.

Das Logbuch wird im Internet geführt, und obwohl der Wert der versteckten Dinge bestenfalls ein, zwei Euro beträgt, ist die Zahl der Einträge erstaunlich. Über hundert Wanderer haben sich bereits auf die Suche nach dem in einem Baumstumpf versteckten Behälter gemacht und sind dafür querfeldein durch den Wald gegangen, in der Direttissima durch Unterholz und Gestrüpp. Sind über umgestürzte Bäume balanciert und durch Bäche und knöcheltiefen Morast gewatet. Immer der Nase und vor allem den Anzeigen ihres GPS-Navigationsgeräts nach.

Das Glas mit dem roten Schraubverschluss ist einer von mehr als 15.000 derzeit in Österreich versteckten so genannten Geocaches (Engl. cache = geheimes Lager). Aufgespürt werden können die Objekte, indem man Zielkoordinaten ins GPS-Navi eingibt. Die Suche nach den versteckten Schätzen erfreut sich seit einigen Jahren rasant steigender Beliebtheit. Weltweit gibt es inzwischen über 1,2 Millionen aktive Verstecke und vier bis fünf Millionen Geocacher, die ihr Hobby enthusiastisch ausleben.

Eine Spinnerei von Digital-Freaks, die zu viel Zeit haben und ihre Gameboy-Fixiertheit jetzt in die freie Natur hinaustragen? Mag sein. Aber die Anhänger werden ständig mehr, auch in Österreich, und sie betrachten ihre Tätigkeit als Sport. Die größte Geocaching-Plattform, geocaching.com, die vom US-Unternehmen Groundspeak betrieben wird, registriert monatlich rund 4,5 Millionen Funde.

Trendwende. Bis jetzt ist das Geocaching dennoch ein Freizeitvergnügen für eine eingeschworene Community geblieben, die ihr Hobby nach einem strengen Ehrenkodex und bar aller kommerziellen Interessen praktiziert hat. Objekte müssen demnach an einer öffentlich zugänglichen Stelle in freier Natur versteckt werden. Die zum Schatz führende Route soll landschaftlich besonders sehenswerte Punkte einbeziehen. Alle Caches werden von Mitgliedern der Community überprüft, ehe sie überhaupt zur öffentlichen Suche freigegeben werden.

Wer in der Szene etwas auf sich hält, benutzt zwar weiterhin dezidiert nur Outdoor-Navis. Durch die breite Verfügbarkeit von Handys mit integrierter GPS-Navigation und Apps für das iPhone, Nokia und Android-Handys hat sich die Zahl der aktiven Geocacher in den letzten Jahren aber vervielfacht. Und Roman Temper, österreichischer Vertreter von Groundspeak, sieht auch Vorteile in der Nutzung von Handys, etwa dass Funde gleich vor Ort dokumentiert werden können.

Studien weisen die Geocacher als eine wirtschaftlich sehr interessante Zielgruppe aus: Der typische Vertreter ist demnach männlich, 36 Jahre alt, hat ein höheres Bildungsniveau und ein Bruttoeinkommen von 3200 Euro, lebt in Partnerschaft mit Kind und geht etwa einmal pro Woche mit seiner Familie auf Schatzsuche. Diese Tatsache und die steigende Popularität der modernen Schnitzeljagd haben jetzt auch den Sportartikelhandel und die Tourismuswirtschaft aufmerksam gemacht. Geocacher, die nicht nur im urbanen Gebiet suchen, brauchen nämlich zumindest feste Schuhe, Rucksäcke und wetterfeste Bekleidung. Von ihrem Hobby Begeisterte suchen sogar ihre Urlaubsziele nach der Zahl der dort versteckten Objekte aus. Das Land Niederösterreich hat bereits das erste größere touristische Geocachingprojekt Österreichs gestartet.

An touristischen Hotspots wurden Caches angelegt, die innerhalb von sechs Monaten über 600-mal gefunden wurden. Mitte September startete Sports Experts als erster Sportartikelhändler eine ähnliche Aktion. Als besonderen Anreiz gibt es dabei für jeden, der einen der achtzehn in Österreich versteckten Schätze findet, ein Taschenmesser zur Belohnung. „In der ersten Woche hatten wir auf unserem Portal bereits über tausend Anmeldungen“, freut sich Sports-Experts-Marketingchef Michael Rumerstorfer. Für ihn ist die Aktion damit alleine schon ein Erfolg. Die Proteste aus der Community, die gegen die Kommerzialisierung wettert, stören ihn nicht. „Geocaching ist ein Trend, mit dem wir eine junge Zielgruppe ansprechen können und der hervorragend zum seit Jahren anhaltenden Outdoor-Boom passt“, erklärt er. Die aktuelle Geocaching-Werbeaktion soll jedenfalls nicht die letzte bleiben. Ab dem Frühjahr sollen in den Filialen von Sports Experts auch Outdoor-Navis verkauft werden.

Groundspeak-Vertreter Temper lässt dennoch kein gutes Haar an den Aktionen der Händler und Touristiker: „Mit echtem Geocaching haben die nur wenig zu tun. Das ist plumpes Marketing mit großteils schlampig ausgelegten Caches.“ Ihm ist allerdings bewusst, dass dies erst die ersten Gehversuche der Wirtschaft sind und die breite Kommerzialisierung des bisherigen Insider-Vergnügens in den nächsten Jahren unausweichlich ist.

Familienspaß. Im Tiroler Ötztal, wo auch ohne Zutun der Tourismuswirtschaft schon knapp 500 Caches existieren, gibt es ebenfalls konkrete Pläne für eine koordinierte touristische Variante der Schatzsuche. Gerhard Gstettner, der Projektleiter von Ötztal Tourismus, denkt dabei in zwei Richtungen. Einerseits soll Touristen, die noch nicht mit Geocaching in Berührung gekommen sind, die digitale Schnitzeljagd als neue Form der Familien-Erlebniswanderung vermittelt werden. Andererseits sollen auch erfahrene Alpinisten auf ihre Rechnung kommen. So ist geplant, Multi-Caches auf mehreren Berggipfeln zu verstecken. Die Suche danach soll mehrtägige Wanderungen oder Mountainbike-Touren inklusive Übernachtungen auf Berghütten erfordern.

Eine Kooperation mit dem Outdoor-Navi-Spezialisten Garmin und von Groundspeak durchgeführte Schulungen für Hoteliers sollen die Voraussetzungen dafür schaffen. Im ersten Schritt wurden fünfzehn Betriebe, darunter der Alpengasthof Grüner in Sölden und das Hotel Alpenaussicht in Obergurgl, mit GPS-Geräten ausgestattet. Gstettner: „Wir erwarten jetzt nicht, dass Hunderttausende zusätzliche Touristen in das Ötztal kommen, um nach Geocaches zu suchen. Es ist aber eine sinnvolle Erweiterung unseres touristischen Gesamtpakets, mit der wir unseren Gästen ein zusätzliches Erlebnis anbieten können.“

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