Die hohen Wände: Abhängen in der Kletterhalle

Jänner 2010: Trendsport Indoorklettern

Die hohen Wände

Fitness. Mit dem Bau großer Spezialhallen ist Indoorklettern vom Insidertipp für Bergfexe zum Trendsport und wichtigen Umsatzträger im Handel geworden.

Eine Wand, 16 Meter hoch und fast senkrecht. In zehn Meter Höhe ragt daraus ein Überhang wie ein Balkon hervor. Daran hochklettern? „Nie im Leben“, ist mein erster Gedanke. Doch Johannes, der erfahrene, durchtrainierte Kletterlehrer, grinst nur, als er meinen ratlos-fragenden Blick sieht, prüft nochmals, ob mein Klettergurt richtig sitzt und die Karabiner daran auch richtig geschlossen sind, und meint dann: „Also los! Auf geht’s!“

Mit einem Griff in den Magnesiumsack befreie ich meine Hände vom Schweiß und konzentriere mich dann auf die in die Wand vor mir geschraubten gelben Griffe. Ihnen soll ich folgen, so weit und so lange als möglich. Die linke Hand tastet den ersten Griff ab, findet Halt. Dann streckt sich die Rechte in Richtung des nächsten, zieht den Körper etwas nach, und schon ist die erste Hürde geschafft. Die Beine verlassen den Boden, und bald bin ich mitten in der Wand. Klebe dort wie ein Gecko und halte nur noch Ausschau nach weiteren gelben Flecken, die mir die Route vorgeben. Versuche, mit der Kraft meiner Arme und der Finger dem Körpergewicht und der Schwerkraft entgegenzuwirken und mich Stück für Stück weiter nach oben zu kämpfen. Zwischendurch höre ich die Befehle von unten: „Seil nachziehen! Einhängen! Gut so!“

Fünfzehn Minuten später, wieder mit festem Boden unter den Füßen, sieht die Wand gar nicht mehr so furchteinflößend aus wie zuvor, und auch Johannes ist mit meiner Leistung zufrieden. „Das war für den Anfang gar nicht schlecht“, meint er, „noch einmal?“ Ich bin nicht der Einzige, der sich zum ersten Mal an einer der steilen Wände der Kletterhalle Wien – 1200 Quadratmeter Grundfläche und dreihundert auf 2200 Quadratmeter Wandfläche verteilte Routen – versucht. Ein paar Schritte weiter bemühen sich eine Gruppe von Schülern und zwei Familien, die Wände hochzugehen. Etwas weiter weg turnen in schwindligen Höhen einige, die anscheinend wissen, wie sämtliche Regeln der Physik und der Schwerkraft ausgehebelt werden können. „Wir haben in unserer Halle Routen in allen Schwierigkeitsgraden, für Neueinsteiger genauso wie für Profis, die hierher zum Trainieren kommen“, sagt Dieter Schimanek, Geschäftsführer der Kletterhallen GmbH, der Betreibergesellschaft der Halle, die den Wiener Naturfreunden gehört.

Von der Freakshow zum Trendsport. Die Naturfreunde und der Alpenverein sind in Österreich die wichtigsten Betreiber von Kletterhallen. Neben den zwölf großen Anlagen in Dornbirn, Graz, Imst, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Salzburg, Tribuswinkel und in Wien gibt es noch rund hundert kleinere Hallen, oft nur mit einigen wenigen Routen und Boulderwänden für das Klettern ohne Seil. „In den meisten dieser kleineren Hallen waren früher hauptsächlich Alpinisten, die dort im Winter oder bei Schlechtwetter trainiert haben“, weiß Schimanek, der selbst geprüfter Bergführer ist. Mit dem Bau der großen Kletterhallen ist das Indoorklettern aber vom Sport für Individualisten zu einem Trendsport und inzwischen auch schon beinahe zu einem Breitensport geworden.

Gründe, weshalb das Klettern in den letzten Jahren einen derartigen Boom erlebt, gibt es zur Genüge. Zum einen hat bis vor Kurzem einfach die Infrastruktur gefehlt. Mit dem Bau großer Kletterhallen ist der Sport aus den dunklen Kellerräumen und engen Lichtschächten herausgekommen und auch für Quereinsteiger interessant geworden. Und es gibt noch viel Potenzial: „Wann und wo auch immer eine Kletterhalle eröffnet, bedeutet das nicht, dass die Besucherzahlen an einem anderen Ort sinken. Es gibt einfach einen neuen Platz, der neue Gäste anzieht“, erklärt Schimanek, der alleine in Wien noch Platz für drei bis vier weitere große Hallen sieht.

Stau in der Wand. Markus Schwaiger, der selbst Top-Kletterer, Herausgeber des Kletterführers „Zillertal“ und beim Alpenverein für den Bereich Sportklettern zuständig ist, meint gar, dass die vorhandene Infrastruktur für den Boom, den das Sportklettern jetzt erlebt, nicht mehr ausreicht: „Man findet zwar fast überall in Österreich eine Halle oder ein Kletterzentrum, aber vor allem an Abenden oder an Wochenenden sind selbst die großen Hallen laufend überlastet.“ Das Innsbrucker Kletterzentrum Tivoli wäre etwa schon seit einiger Zeit so überlastet, dass die Spitzen- und Sportkletterer, für die es eigentlich gebaut wurde, gar nicht mehr genug Platz zum Trainieren haben. Für das nächste Jahr ist daher der Bau einer neuen Trainings- und Sportanlage geplant, die rund sieben Millionen Euro kosten wird.

In dem neuen Zentrum sollen verstärkt auch Klettertherapien angeboten werden. Anders, als viele Neulinge vermuten, ist Klettern nämlich nicht nur eine Frage der Kraft, die in den Fingern und in den Unterarmen steckt. Neben dem richtigen Muskelschmalz sind dafür auch das entsprechende Gehirnschmalz und vor allem eine gute Körperkoordination nötig. „Klettern spielt sich zum Großteil im Kopf ab. Die Kraft in den Fingern und in den Unterarmen kommt mit der Zeit von selbst“, sagt Markus Schauer, der nach dem ersten therapeutischen Kletterzentrum Österreichs im niederösterreichischen Weinburg auch jenes in der Innsbrucker Umgebung aufbauen soll. „Klettern ist eine der natürlichsten Bewegungen für den menschlichen Körper, und die therapeutischen Erfolge, die damit erzielt werden können, sind ganz außerordentlich“, erklärt Schwaiger, der Schlaganfallopfer ebenso wie Patienten mit Fehlhaltungen der Wirbelsäule betreut hat.

Und selbst in kriselnden Beziehungen kann Klettern durchaus etwas Positives bewirken. Schließlich gehört zu dem Sport auch das gegenseitige Vertrauen zwischen Kletterer und Sicherer, dass beide gut aufeinander achtgeben. Geschieht das nicht, dann besteht selbst in der Halle erhebliche Verletzungsgefahr. „Unfälle passieren aber eigentlich nur, wenn der Sicherer nicht richtig aufpasst, sich mit jemandem unterhält und dabei auf den Kletterer vergisst oder wenn der Kletterer selbst die Karabiner nicht richtig verschraubt“, meint Kletterhalle-Wien-Chef Schimanek, der aber betont, dass das Indoorklettern ansonsten eine vergleichsweise risikoarme Sportart ist. Die häufigsten Verletzungen wären Zerrungen und Abschürfungen. Trotz des stets vorhandenen latenten Absturzrisikos gäbe es nur ganz selten wirklich gröbere Unfälle. Schimanek: „Das Indoorklettern unterscheidet sich dabei ganz klar vom Klettern am natürlichen Fels. Die einzelnen Routen sind mit ihren Schwierigkeitsgraden und in verschiedenen Farben klar gekennzeichnet, und für Anfänger gibt es auch die Variante des Toprope-Kletterns, bei dem man immer mit einem am Ende der Route eingehängten Seil gesichert ist.“

Geringes Risiko. Während Abenteuersportarten wie Eisklettern, Paragleiten oder das Klettern im alpinen Gelände ab dem Schwierigkeitsgrad 5 nur mit Prämienaufschlag versicherbar sind, sehen die Assekuranzen das Indoorklettern als eher harmlose Sportart mit einem einschätzbaren Risiko. Peter Prinz, Bereichsleiter für Lebens- und Unfallversicherungen der Uniqa-Group: „Für die Sportart Indoorklettern gibt es daher bei uns keinen Prämienzuschlag.“

Einen solchen wären passionierte Indoorkletterer, die kaum einmal auf den Gedanken kommen würden, echte Felsen hochzuklettern, auch kaum bereit zu zahlen. „Klettern gehört heute zum Lifestyle“, meint Alex Zika, der in Österreich einige internationale Kletterbewerbe organisiert hat und die Kletterhallen als die legitimen Nachfolger der Fitnesscenter sieht. „Klettern macht Spaß und beansprucht außerdem den ganzen Körper und den Geist. Nach zwei, drei Stunden an der Wand einer Kletterhalle ist man total ausgepowert.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.