Interview mit Michael Moore

Der aktuelle Film „Kapitalismus – eine Liebesgeschichte“ des US-Regisseurs Michael Moore läuft seit November in den österreichischen Kinos. Ich habe mich für den trend um ein Interview mit Michael Moore bemüht. Geplant war, mit ihm über die Wirtschaftskrise, den Kapitalismus und mögliche Alternativen zu sprechen. Nach langem hin und her wurde das Interview kurz vor Weihnachten leider abgesagt. Es scheint, als hält es Moore nicht für notwendig, außerhalb der USA mit Journalisten über seinen Film zu sprechen, denn die einzigen Statements dazu gab Moore während der Biennale in Venedig, in deren Rahmen der Streifen zum ersten Mal gezeigt wurde.

Als kleine Entschädigung hat mir der österreichische Verleih ein Audio-File eines Interviews geschickt, das Moore einem kanadischen Blatt gegeben hat. Für den trend ist dieses Interview allerdings nicht wirklich interessant, denn das geplante Thema wird darin nur am Rande angesprochen.

Meinen Blog-Lesern möchte ich das Interview jedoch nicht vorenthalten.

Für all jene, die noch so sehr mit ihrem neuen Film „Kapitalismus – eine Liebesgeschichte“ vertraut sind: Können Sie ein wenig erzählen, worum es in dem Film geht?
Kapitalismus – eine Liebesgeschichte ist genau das, was der Titel sagt: Es ist eine Liebesgeschichte, bei der wohlhabende Leute ihr Geld lieben. Und sie lieben nicht nur ihr Geld, sondern auch unser Geld. Und sie wollen unser Geld. Es ist eine Komödie und gleichzeitig eine Tragödie. Wenn man am Ende das Kino verlässt hat man sich hoffentlich nicht nur gut unterhalten sondern auch den Wunsch, etwas zu ändern.

Können Sie die Ironie des Titels ein wenig erläutern?
Die Ironie ist was Kapitalismus mit Liebe zu tun hat. Wenn man einen Film ins Kino bringt, der das Wort „Kapitalismus im Titel hat, muss man sich natürlich selbst fragen, wer denn an einem Freitagabend ins Kino gehen wird, um sich einen solchen Film anzusehen. Stellen Sie sich vor, ein Mann kommt nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Liebling, lass uns doch diesen Kapitalismus-Film ansehen!“ Dann wird sie sicher gleich ganz begeistert rufen: „Ja! Was für eine wunderbare Idee!“
Aber dann habe ich mir gedacht, dass noch niemals jemand den Mumm gehabt hat, dieses Wort in einen Filmtitel zu geben und dass die Leute daher vielleicht neugierig wären und deswegen ins Kino gehen könnten. Ich hoffe dann eben, dass sie aus dem Kino herauskommen und sagen, dass das zu dem besten gehört, das sie in letzter Zeit gesehen haben.

Hatten Sie den Film eigentlich schon länger geplant oder hat Sie die immer noch andauernde Wirtschaftskrise dazu gebracht?
Über diesen Film habe ich schon die letzten zwanzig Jahre lang nachgedacht. Seit ich meinen allerersten Film über General Motors, die Autoindustrie und meine Heimatstadt Flint, Michigan gemacht habe. Damals habe ich gesehen, was den Leuten in meiner Heimatstadt angetan wurde. General Motors hat jährlich vier Milliarden Dollar Profit gemacht und gleichzeitig reihenweise Leute rausgeschmissen. Was für ein krankes, unmoralisches, unfaires und ungerechtes System ist das denn bitte?
Ich habe also lange über das Wirtschaftssystem nachgedacht. Vor ungefähr eineinhalb Jahren haben wir dann mit dem Drehen begonnen. Das war ungefähr vier, fünf Monate vor dem großen Crash. Als wir dann mitten in den Dreharbeiten waren ging plötzlich alles hoch.

Hat die Wirtschaftskrise eigentlich auch die Art verändert, wie Sie ihre eigenen Finanzen managen?

Nicht wirklich, denn ich habe niemals Aktien besessen, habe nicht in das System investiert und mein Geld einfach nur auf einem Sparkonto. Mich hat die Wirtschaftskrise daher eigentlich nicht wirklich getroffen. Ich bin außerdem Mitglied bei drei Gewerkschaften, und das sind starke Vereinigungen. Wenn man dabei Mitglied ist hat man einen recht ordentlichen Schutz. So gesehen bin ich also glücklich.

Und wie beeinflusst Ihre Herkunft aus Flint, Michigan die Art, wie Sie Geschichten erzählen?
Das Wichtigste ist wohl, dass ich es immer geliebt habe, ins Kino zu gehen. Das ist mir bis heute geblieben. Ich liebe es einfach, ins Kino zu gehen und mir einen guten Film anzusehen. Wann immer ich einen Film mache, nehme ich mir daher vor, den besten zu machen. Einen großen Film, der es den Leuten ermöglicht, eine tolle Zeit im Kino zu haben. Wenn man aus dem Mittelwesten der USA kommt, wo es etwas ganz Besonderes ist, ins Kino zu gehen, ist das wichtig für mich.
Wenn ich an meine politischen, ethischen, geistigen Werte denke, dann bin ich natürlich davon geprägt, dass ich in einer Gewerkschafts-Stadt aufgewachsen bin, wo praktisch jeder, den man kannte ein Demokrat war. Die paar Republikaner, die es gab waren ein Kuriosum, über das man sich lustig machen konnte: „Sie mal, der kleine Republikaner dort drüben. Ach, seid doch nett zu ihm und füttert ihn.“ Die Republikaner waren so etwas wie eine gefährdete Spezies. So ist das Leben in einer Stadt, wo praktisch jeder von der Autoindustrie gelebt hat.

Ihr Film wurde bei der Biennale in Venedig erstmals aufgeführt. Seither bereisen Sie die ganze Welt. Gibt es Unterschiede in der Resonanz des Publikums?

Das Interessante ist: Es ist völlig egal, in welchem Land der Film läuft. Die Leute reagieren genau gleich. Das liegt wohl daran, dass die Krise kein amerikanisches Problem ist. Wir stecken mitten in einer globalen Finanzkrise.

Ihre Filme sind immer sehr ernst. Sie stecken immer voll Trauer und Tragödien, gleichzeitig aber auch voll Humor. Warum ist es Ihnen so wichtig auch das zu zeigen?
Humor ist so wichtig. Gerade in düsteren Zeiten dürfen wir nicht auf das Lachen vergessen. Es ist ein Ventil, das uns hilft, den Druck abzulassen, der sich in uns aufstaut.
Die Leute sind auch zornig. Einige der besten Komödianten waren sehr zornig. Humor ist eine sehr starke Kraft.

Was möchten Sie denn, dass die Besucher von Ihrem Film mit nach Hause nehmen?
Dass wir die Behüter unserer Brüder und Schwestern sind. Wenn es uns selbst gut geht dürfen wir nicht auf die vergessen, denen es weniger gut geht. Wir werden am Ende nach dem beurteilt, wie wir die Geringsten unter uns behandeln. Wenn wir uns nicht so verhalten, dann verlieren wir etwas sehr wertvolles für uns als Menschen. Ich möchte nicht, dass wir das verlieren. Ich möchte nicht, dass wir, wenn wir alle an einem Tisch sitzen, einer neuen Stück vom Kuchen bekommt und sich die Übrigen um das letzte verbleiende Stück streiten müssen. Der Kuchen muss fair aufgeteilt werden, sodass jeder einen gerechten Anteil erhält.

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