Bergsteigen: Über allen Gipfeln ist Ruh

September 2009: Manager und ihre Passionen: Bergsteigen

Über allen Gipfeln ist Ruh

Expedition. Der Expeditionstourismus zu den höchsten Gipfeln der Erde floriert. Wie Sie auf 8000 Meter kommen.

Das Schlimmste ist, wenn man absolut nichts tun kann“, meint der Linzer Extrembergsteiger Edi Koblmüller. „Wenn man tagelang bei minus 30 Grad auf 7000 Meter Höhe im Zelt liegt, rundherum der Schneesturm brüllt und man nur den eigenen Gedanken nachhängen und hoffen kann, dass das Wetter wieder besser wird, ehe das Benzin für den Wasserkocher aufgebraucht ist.“ Einer derartigen Situation gewachsen zu sein erfordere eine innere Ruhe und eine mentale Stärke, die jegliches Vorstellungsvermögen sprengen.

Mit seinen 63 Jahren ist Koblmüller eine lebende Bergsteigerlegende. Er hat mehr als dreißig Sechstausendergipfel im Himalaya, Hindukusch und in den südamerikanischen Anden, zahlreiche Siebentausender und sechs Achttausender erklommen und dabei etliche Erstbesteigungen hingelegt. Mittlerweile überlässt er die höchsten Gipfel der Erde einer neuen, jüngeren Generation von Bergsteigern, begnügt sich selbst mit niedrigeren, aber kaum weniger anspruchsvollen Bergen und mit der Organisation und der Planung von Expeditionen für jene, die noch träumen, einmal in ihrem Leben wirklich hoch hinaus zu kommen.

Franz Gasselsberger, Generaldirektor der Oberbank, ist einer von ihnen. Im Juli hat Gasselsberger an einer mehrwöchigen von Koblmüllers Bergspechten organisierten Expedition nach Ecuador teilgenommen, wo der Bankdirektor in neunzehn Tagen den 5898 Meter hohen Vulkan Cotopaxi, den 5116 Meter hohen Illiniza Norte und als Höhepunkt den 6310 Meter hohen Chimborazo bestiegen hat. Für Gasselsberger war es der erste Sechstausender seines Lebens und ein extrem beeindruckendes Erlebnis, das er sich davor kaum selbst zugetraut hätte: „Wenn Sie mir vor drei Jahren gesagt hätten, dass ich einmal auf einem Sechstausender stehen werde, hätte ich das nicht geglaubt.“

Jetzt will er noch höher hinaus, doch ehe er den nächsten Schritt in Richtung 7000 Meter wagt, will er den Sommer über die Berge des Ortler-Massivs, den Piz Bernina und den Elbrus, den mit 5642 Metern höchsten Berg Europas, bezwingen: „Es ist wichtig, die eigenen Grenzen immer weiter nach oben zu verschieben. Im Beruf wie in den Bergen. Wenn man dabei Erfolg hat, folgt daraus ein Glücksgefühl, das eine enorme Motivation ist und ungeahnte Energien freisetzt.“

Casinos-Austria-Generaldirektor Karl Stoss kann Gasselsbergers Begeisterung gut verstehen. Er hat den Chimborazo und den Cotopaxi schon 2003 bestiegen, einige Jahre später den 6739 Meter hohen Llullaillaco an der Grenze zwischen Argentinien und Chile, und diesen Herbst will Stoss erstmals einen Siebentausender bezwingen – den 7043 Meter hohen Lhakpa Ri, einen Nebengipfel des Mount Everest.

Körperlich fühlt sich Stoss, der seit seiner frühen Jugend dem Ruf der Berge verfallen ist und schon viele Gipfel erklommen hat, der Herausforderung gewachsen. Alleine dass ihm für die Expedition nur siebzehn Tage Zeit zur Verfügung stehen, bereitet ihm etwas Sorge. Als erfahrener Berggeher weiß er wohl, dass diese Zeit für einen Siebentausender extrem knapp bemessen ist. Schon aufgrund der für derartige Höhen notwendigen Akklimatisationszeit sollten für die Tour mindestens drei Wochen Zeit zur Verfügung stehen. „Beruf und Familie lassen es aber leider nicht zu, dass ich länger unterwegs bin“, bedauert Stoss und beteuert, bei allem Ehrgeiz sicher kein unnötiges Risiko einzugehen. Bei den ersten Anzeichen einer Höhenkrankheit, die zu lebensgefährlichen Lungen- oder Gehirnödemen führen kann, wäre er der Erste, der aus Verantwortung gegenüber seiner Familie und dem Unternehmen, das er führt, den Versuch, den Gipfel zu erreichen, auch wieder abbrechen würde. Selbst wenn ein missglückter Anlauf eine Enttäuschung wäre. Stoss: „Man muss aber auch damit leben können. Die Berge lehren einen, demütig zu sein. Wenn man diesen großen, mächtigen Brocken gegenübersteht, wird einem bewusst, wie unbedeutend und vergänglich man selbst ist.“

Stoss und Gasselsberger sind nur zwei prominente Beispiele für die stetig wachsende Zahl derjenigen, die der Faszination der Berge verfallen sind. „Es gibt einen seit Jahren anhaltenden Trend zu Trekking- und Expeditionsreisen“, erklärt Nicola Roth, Büroleiterin von Amical alpin, dem Expeditionsunternehmen des deutschen Bergsteigers Ralf Dujmovits, der als erster Deutscher auf allen vierzehn Achttausendern der Welt gestanden ist – ein Kunststück, das seine Frau, Gerlinde Kaltenbrunner, jetzt als erste Frau der Welt zu wiederholen versucht.

Die Teilnehmer kommen dabei aus allen Berufs- und Altersschichten, obwohl aufgrund der teils enormen Kosten natürlich Manager und Unternehmer in der Überzahl sind. Die von Amical alpin angebotenen Expeditionen auf die Achttausender Cho Oyu, Shisha Pangma und Manaslu kosten immerhin exklusive Flug pro Person mehr als 9000 Euro. „Manager hätten vielleicht die finanziellen Mittel, aber eben selten die Zeit, sich vierzig oder fünfzig Tage lang frei zu nehmen, und eine Achttausenderexpedition dauert in der Regel so lange“, meint Roth.

Auch für Bergspecht Koblmüller sind vierzig Tage das unterste Limit für eine Achttausenderexpedition. Wer meint, schneller auf den Berg kommen zu müssen, der werde erst gar nicht mitgenommen. „Das hat keinen Sinn. Es ist einfach zu gefährlich, und die Chance, den Gipfel zu erreichen, ist minimal“, erklärt Koblmüller, der wie alle seriösen Anbieter die Mitreisenden auch einer strengen Prüfung unterzieht. Wer an einer Expedition teilnehmen will, muss angeben, welche Gipfel er bereits erklommen hat. Die Bergprofis dabei anzuschwindeln ist nur theoretisch möglich. Die bemerken mangelnde Erfahrung nämlich schon bei den ersten Erkundungstouren rund um das Basislager. Wer schon beim Anziehen der Steigeisen Probleme hat, kann gleich dort warten, bis der Rest der Gruppe wieder vom Gipfel zurückgekehrt ist.

Gerald Steger, der von den Bergen faszinierte Chef der Automatenkaffeefirma Café+Co, weiß daher auch, dass er noch einige Gipfel erklimmen muss, ehe er sein großes Ziel, den 6962 Meter hohen Aconcagua in Südamerika, bezwingen kann. Steger: „Auf einen solchen Berg zu gehen ist angewandtes, unmittelbares Projektmanagement. Ich will nicht viel Zeit und Geld investieren, wenn das Risiko besteht, dass ich knapp vor dem Ziel umkehren muss, weil ich nicht ausreichend vorbereitet war.“

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