Feuer am Dach: Die Voest in der Wirtschaftskrise

Jänner 2009: Stillstand in der Stahlstadt: Die Voest wird von der Wirtschaftskrise hart getroffen.

Feuer am Dach

voestalpine. Ausgerechnet die voestalpine, die unverwundbar schien, bekommt die Weltwirtschaftskrise jetzt in voller Härte zu spüren. Das Jahr 2009 wird für den Stahlkonzern zur Nagelprobe. Die Belegschaft plagt – berechtigte – Sorge um die Arbeitsplätze.

Es war wie eine Art letztes Abendmahl. Am 20. November trat der voestalpine-Vorstand unter der Führung von Konzernchef Wolfgang Eder an die Öffentlichkeit, um mit ernster Miene das Halbjahresergebnis des Stahlkonzerns zu präsentieren. Eder benutzte das Wort „widersprüchlich“ – bestenfalls ein Hilfsausdruck für die aktuelle Situation. Denn gleichzeitig mit dem besten Halbjahresergebnis aller Zeiten (bei der Voest per 30.9.) präsentierte das Management den düstersten Ausblick seit langer Zeit für das zweite Halbjahr.

Seit ein paar Monaten bekommt auch die voestalpine, das Paradebeispiel für einen erfolgreich privatisierten staatlichen Konzern, die Auswirkungen der Finanzkrise mit voller Wucht zu spüren. Ein Ende der Talfahrt ist noch lange nicht in Sicht. „Wir erwarten ein weiteres Sinken der Nachfrage“, erklärt Eder.

Im Gespräch mit dem trend (Interview Seite 27) macht der Konzernchef kein Hehl aus dem Ernst der Lage: „Wir gehen davon aus, dass wir mindestens zwölf Monate vor uns haben, in denen die Substanz des Unternehmens bis an die Grenzen beansprucht wird. Wenn die Bankenwelt nicht bis zum Sommer in Ordnung kommt, kann sich der Zeitraum entsprechend verlängern.“ Eine Trendumkehr sei frühestens für Anfang 2010 zu erwarten. Doch auch das ist nur eine fromme Hoffnung.

Dass es ausgerechnet die voestalpine so schlimm erwischt, zeigt die ganze Brutalität dieser Wirtschaftskrise. Denn der Stahlkocher aus Linz war in den letzten Jahren besonders erfolgreich, schien absolut unverwundbar. Seit dem Ausstieg der Staatsholding ÖIAG im September 2003 – eine von landesweiten Protesten begleitete Privatisierung – hatte sich der Aktienkurs innerhalb von nur vier Jahren verachtfacht. Höchststand: rund 65 Euro im Herbst 2007. Die einzige Gefahr schien, dass durch den unstillbaren Stahlhunger der Chinesen und Inder in Europa die Rohstoffe knapp werden könnten. Und jetzt ist praktisch über Nacht der (Hoch-)Ofen aus. Statt Knappheit bestehen weltweit enorme Überkapazitäten.

Um den totalen Einbruch möglichst unbeschadet zu überstehen, hat die voestalpine Maßnahmen beschlossen, von denen bis vor Kurzem niemand dachte, dass sie je nötig wären: Das geplante neue Stahlwerk an der Schwarzmeerküste wird auf Eis gelegt; das sehr ambitionierte Investitionsprogramm wird um etwa 300 Millionen Euro gekürzt, was auch die heimischen Standorte trifft. Die Produktion in Österreich wird um fünf Prozent (oder 250.000 Tonnen Stahl) gedrosselt. Werke stehen wochenlang still, 2000 Leiharbeiter müssen gehen.

Und die Hiobsbotschaft für die Mitarbeiter: Inzwischen gibt es auch für das Stammpersonal keine Garantien mehr. Derzeit wird zwar noch versucht, die Belegschaft mithilfe eines radikalen Urlaubs- und Überstundenabbaus konstant zu halten, weitere Schritte sind jedoch wahrscheinlich. In England mussten bereits Stammmitarbeiter gekündigt werden. Eder: „Das tut weh, aber dort ist der Abschwung zwölf Monate älter und geht inzwischen wirklich an die Substanz.“

In Österreich könnte es als Erstes die Mitarbeiter der Austria Draht mit Standorten in Bruck an der Mur und in Donawitz treffen. Die Tochterfirma ist ein wichtiger Zulieferer für die darniederliegende Automobilindustrie – in jedem Auto stecken rund 150 Kilo gezogener Drähte. Für einige Hersteller von Benzin- und Dieseleinspritzanlagen ist das Unternehmen Alleinlieferant. Diese Spezialisierung macht jetzt zu schaffen. „Die Krise in der Automobilwirtschaft hat uns voll getroffen“, räumt Josef Mülner, Vorstandschef der voestalpine Bahnsysteme, ein, „es gibt derzeit einfach keine Arbeit.“ Vom 9. Dezember bis zum 7. Jänner bleiben die Werke daher geschlossen. Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Die auch in Linz und Donawitz geplanten Werksstillstände zur Weihnachtszeit und im Februar könnten nicht die letzten bleiben. Mülner: „Wir bewegen uns im Blindflug. Von den für uns so wichtigen Kunden wie Bosch gibt es keine Bestellungen. Der Bedarf ist weg, damit müssen wir leben.“

Wie andere Bereiche des Konzerns leidet die Austria Draht nicht nur unter der Krise in der Automobilwirtschaft, mit der die voestalpine als Karosserie-Komplettanbieter 27 Prozent ihrer Umsätze erzielt. Auch der dramatisch eingebrochene Stahlpreis – seit Juni von 800 auf 350 Euro pro Tonne – hat dramatische Auswirkungen. Die Kunden spekulieren auf noch tiefere Preise, stornieren Bestellungen, bauen ihre Lager ab und setzen die Stahlhersteller bei den Verhandlungen unter Druck. Mülner: „Falls bis Jänner oder Februar keine Bestellungen kommen, müssen wir überlegen, ob wir die Mitarbeiter in anderen Bereichen des Konzerns beschäftigen können.“ Das wird nicht leicht.

General Eder betont zwar, von den fallenden Preisen nur peripher betroffen zu sein, weil der Konzern für 70 Prozent seiner Produkte langfristige Verträge abgeschlossen habe. Aber der Knick droht, wenn die teils nur noch ein halbes Jahr gültigen Lieferverträge auslaufen. Holger Fechner, auf die Stahlbranche spezialisierter Analyst der Norddeutschen Landesbank: „Die voestalpine wird wie alle Hersteller mit Langfristverträgen niedrigere Preise akzeptieren müssen.“

Bahnsysteme-Vorstand Mülner erklärt am Beispiel der Bundesbahnen: „Die ÖBB sind einer unserer Kunden, mit denen die Preise vierteljährlich verhandelt werden. Da wird der Stahlpreis genau beobachtet und scharf gerechnet.“ Ab Jänner werden die ÖBB daher deutlich weniger zahlen als bisher. Das gute Ergebnis der Bahnsysteme wird keinesfalls zu halten sein.

Dabei gibt diese Division, die mit ihren Weichensystemen weltweit Marktführer ist, dem voestalpine-Konzern derzeit noch am meisten Hoffnung. Denn in den international angekündigten Konjunkturprogrammen ist häufig von Investitionen in die Schieneninfrastruktur die Rede. „Bis heute gibt es allerdings noch keine Bestellungen, die mit Konjunkturprogrammen in Zusammenhang stehen würden“, gibt Mülner zu.

Auch die im Jahr 2007 vollzogene – und gefeierte – Übernahme des Edelstahlherstellers Böhler-Uddeholm ist für die voestalpine plötzlich zum Problem geworden. Sie erfolgte zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: vor dem Abschwung, als alles noch teuer war. Über drei Milliarden Euro hat Böhler gekostet. Wolfgang Eder bemüht sich zwar, Bedenken zu zerstreuen, und versichert, dass die Verschuldung (rund vier Milliarden) binnen zwölf Monaten wieder auf 65 bis 70 Prozent der Bilanzsumme sinken werde. Gerald Walek, Analyst der Erste Bank, hält die hohe Verschuldung zum aktuellen Zeitpunkt dennoch für sehr problematisch: „Selbst wenn aktuell keine Gefahr besteht, dass die Schulden nicht bezahlt werden könnten, mag der Markt eine solche Situation derzeit überhaupt nicht.“

Für den Aktienkurs, der auf einen Wert rund um 15 Euro abgestürzt ist, sieht Walek daher auch keine großen Perspektiven: „Es ist nicht absehbar, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Möglicherweise gibt es bald auch einen Kurs von zehn Euro.“ Die voest-alpine sei zwar aufgrund ihrer Spezialisierung und der Konzentration auf Nischenmärkte besser aufgestellt als etwa der Weltmarktführer ArcelorMittal, der seine Kosten in den nächsten fünf Jahren um vier Milliarden Dollar (davon um 600 Millionen im Personalbereich) reduzieren muss. Rationale Argumente würden an den Börsen im Moment jedoch nicht wahrgenommen.

Bei seiner jüngsten Roadshow war Vorstandschef Eder vor allem damit beschäftigt, die Aktionäre zu beschwichtigen und ihnen zu versichern, „dass sie weiter Vertrauen haben können“. Sobald es die wirtschaftliche Lage zulässt, soll der Expansionskurs wieder aufgenommen werden. „Vor allem in den Divisionen Bahnsysteme und Profilform werden wir ganz konsequent weiter akquirieren. Dafür wird auch das Geld vorhanden sein.“

Den Staat um Hilfe anrufen, will Eder keinesfalls: „Es macht keinen Sinn, wenn die Politik glaubt, der bessere Unternehmer zu sein. Ich habe die Voest in den achtziger Jahren in der Pleite erlebt. Das ist unauslöschlich in meinem Gehirn eingemeißelt. Solange es mich gibt, werden wir nicht zum Staat pilgern.“

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