Die Herren der Linsen: Rudolf Humer, Andreas Kaufmann, Jenoptik und Leica

November 2008: Jenoptic und Leica – zwei ostdeutsche Optik-Traditionsbetriebe in österreichischer Hand

Die Herren der Linsen

Industrie. Warum sich zwei schwerreiche Österreicher an maroden deutschen Optik-Betrieben beteiligen.

Rudolf Humer und Andreas Kaufmann haben einige Gemeinsamkeiten. Eine davon ist ihre Begeisterung für italienische Sportwägen und Klassik-Rallyes. Im Sommer haben sich der frühere Palmers-Chef und der Frantschach-Erbe sogar bei der Ennstal Classic Rallye gematcht. Das Duell konnte Humer klar für sich entscheiden. Mit seinem 350 PS starken Ferrari GTS/4 Daytona Spider aus 1972 belegte er im Endklassement seiner Wertungsklasse den 36. Rang. Kaufmann hingegen musste mit seinem 1964er Alfa Romeo Spider am dritten Tag der Rallye aufgeben.

Ebenso gemein ist den beiden, dass sie über ein stattliches Vermögen verfügen. Kolportierte 1,2 Milliarden Euro haben Andreas und sein Bruder Michael Kaufmann im Jahr 2004 beim Verkauf des davor ererbten Papierkonzerns Frantschach an den Mondi-Konzern erlöst. Humer hingegen hat über Jahrzehnte als Vorstand und Aufsichtsrat diverser Unternehmen der Palmers-Gruppe gearbeitet und so Millionen verdient.

Ihr Geld haben der 55-jährige Kaufmann und der 64-jährige Humer in Privatstiftungen geparkt, wo es wohl auch für die kommenden Generationen gut angelegt gewesen wäre, wenn nicht – eine weitere erstaunliche Parallele – beide beschlossen hätten, in krisengeschüttelte deutsche Optik-Traditionsbetriebe zu investieren. Kaufmann, der davor in einer Waldorf-Schule als Lehrer gearbeitet hatte, ist 2004 beim insolvenzgefährdeten Kamerahersteller Leica eingestiegen; Humer hat im November 2007 die Sperrminorität am ehemaligen ostdeutschen Vorzeigeunternehmen Jenoptik übernommen.

„Wir hatten die Chance, ein größeres Aktienpaket vom Land Thüringen zu erwerben, das uns mit 25 Prozent Anteil großen Einfluss sichert. Von sechs Kapitalvertretern im Aufsichtsrat sind drei von uns, inklusive des Vorsitzes“, erklärt Christian Humer, Sohn des Aufsichtsratsvorsitzenden Rudolf Humer und selbst Mitglied des Aufsichtsrats des Unternehmens.

Für die schwerreichen Österreicher sind die Beteiligungen jedoch mehr als nur luxuriöse Hobbys. Sie wollen die seit Jahren schwächelnden Unternehmen mit den klingenden Namen wieder zu alter Größe führen. Die Finanzkrise hat die Zukunftsaussichten allerdings getrübt. Der Turnaround ist damit bei beiden Unternehmen wieder in weite Ferne gerückt.

Der neue Jenoptik-Vorstandschef Michael Mertin ist dennoch von der Wende überzeugt und wirft auch mit entsprechenden Schlagworten um sich: Global Player, jährlich zehn Prozent Wachstum, eine Milliarde Umsatz und eine Ebit-Marge von neun bis zehn Prozent. Aktuell sieht es jedoch nicht danach aus, als hätte Jenoptik bald Grund zu feiern. Dem nach der Wende von Lothar Späth, dem früheren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, zusammengekauften Mischkonzern fehlt der Schwung. Auch der Verkauf des krisenanfälligen Geschäftsfelds Anlagenbau hat zumindest bisher nichts gebracht. „Wir haben aber Vertrauen in das neue Management. In den nächsten fünf Jahren werden wir das Ergebnis deutlich steigern“, gibt sich Christian Humer zuversichtlich.

Vierzig Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Jenoptik übrigens im Bereich der Militärtechnik. Nur ein kleiner Teil kommt dagegen aus dem Geschäftsfeld der optischen Linsen für Kamerasysteme, in dem das Unternehmen mit dem Kamerahersteller Leica kooperiert.

Dort ist der Salzburger Andreas Kaufmann über seine ACM Projektentwicklung vor vier Jahren eingestiegen. Allerdings weht auch ihm ein strenger Wind ins Gesicht, und viele fragen sich, wie lange die Geduld des Multimillionärs noch reicht. Als potenzieller Interessent gilt der japanische Panasonic-Konzern, mit dem Leica seit Jahren beim Bau von digitalen Kleinbildkameras kooperiert. Leica beliefert Panasonic mit Objektiven für deren Lumix-Kameras, Panasonic stellt im Gegenzug die Technologie für Leicas C-Lux- und D-Lux-Kameras zur Verfügung.

Kaufmann, für den Leica eine Herzensangelegenheit ist, bemüht sich jedoch, alle Spekulationen um sein Engagement vom Tisch zu wischen: „Mich werden die Mitarbeiter nicht so schnell wieder los wie andere CEOs“, erklärt er und spielt damit auf die Absetzung von Steven K. Lee an, den Kaufmann im Februar nach nur eineinhalb Jahren vor die Tür setzte. Die Kooperation mit Panasonic laufe im Bereich der digitalen Consumer-Kameras gut und werde auch weitergeführt: „Es gibt aber keine Überlegungen, Leica an Panasonic zu verkaufen.“

Die Spekulationen über einen Rückzug Kaufmanns erhalten dennoch laufend neue Nahrung. In seinem Bemühen, Leica auf die Überholspur zurückzuführen, erleidet er nämlich immer wieder Rückschläge. Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres büßte das Unternehmen 38 Prozent seines Umsatzes ein, und das Konzernergebnis rutschte von plus vier Millionen Euro auf minus 3,85 Millionen. Der gerichtliche Streit mit dem Ex-Chef Lee belastet ebenso wie der vergebliche Versuch, die verbliebenen Kleinaktionäre – Kaufmann selbst hält inzwischen 96 Prozent der Anteile – auszukaufen und das Unternehmen von der Börse zu nehmen. „Die Börse kostet uns jährlich zwischen 300.000 und 600.000 Euro, hat aber für uns absolut keinen Nutzen“, ärgert sich Kaufmann.

Einen deutlichen Schwung erhofft er sich dagegen von den Ende September der Fachwelt präsentierten Produktneuheiten. Etwa der digitalen Messsucherkamera M8.2, die nach jahrzehntelanger Weigerung des Unternehmens nun endlich auch über einen Schnappschussmodus mit Belichtungsautomatik verfügt, und der Profi-Spiegelreflexkamera S2 mit 38-Megapixel-Sensor (siehe „Notebook“, Seite 252). Das zwischen 20.000 und 25.000 Euro teure Luxusprodukt wird allerdings voraussichtlich nicht vor Mitte 2009 erhältlich sein.

Ob die S2 am Ende mehr als nur ein Prestigeobjekt sein wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist dagegen, dass Kaufmann im Sommer 2009 wieder seinen 1964er Alfa Spider aus der Garage holen wird, um damit Rudolf Humer erneut bei der Ennstal-Rallye herauszufordern. Dann wird er hoffentlich das Ziel erreichen.

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