Euro 2008: Mit ÖFB-Präsident Friedrich Stickler und Politikerin Ursula Stenzel an Ernst Happels Stammtisch

Jänner 2008: Ein halbes Jahr vor Anpfiff der EURO 2008 traf ich ÖFB-Präsident Friedrich Stickler und Ursula Stenzel, EURO-Kritikerin und Bezirkschefin der Wiener Innenstadt zum Gespräch.

Euro 2008.

Ein halbes Jahr vor Anpfiff der Fußball-EM teilt die Euro 2008 das Land in zwei Lager. Ursula Stenzel, Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt, ist eine vehemente Kritikerin, vor allem der Fanzone in der City – ÖFB-Präsident Friedrich Stickler ein unermüdlicher Verteidiger von Brot und Spielen.

Wir befinden uns in einem fußballhistorischen Ambiente, dem Café Ritter in Ottakring. Es war das Stammcafé Ernst Happels, der genau an diesem Tisch seinen Stammplatz hatte. Was verbinden Sie mit dem Namen Ernst Happel?
Stenzel: Er ist eine Fußballlegende, ein Idol mit nachhaltiger Wirkung. Dass dieses Café mit seiner Atmosphäre sein Stammcafé war, macht ihn mir besonders sympathisch.
Stickler: Ernst Happel ist einer der erfolgreichsten österreichischen Fußballer und Trainer der Geschichte. Am Ende war er auch noch sehr erfolgreich Trainer in Österreich und der österreichischen Nationalmannschaft. Der „Wödmasta“ ist hier immer gesessen, hat Karten gespielt und seine gelben Zigaretten geraucht. Legendär ist sein Ausspruch am Ende seines Lebens über die österreichische Fußballnationalmannschaft: „Da wird etwas.“

Würden Sie sich einen Trainer wie Ernst Happel wünschen?
Stickler: Ich bin mit meinem Trainer Josef Hickersberger sehr zufrieden. Aber man kann die beiden nicht vergleichen. Zu seiner Zeit war Ernst Happel sicher einer der besten Trainer der Welt und eine absolute Persönlichkeit. Seine Art, mit Spielern umzugehen, wäre aber heute schwer bis unmöglich.

Das Café Ritter ist etwas abseits der Fanzone, die in wenigen Monaten Wien bestimmen wird. Ein Abseits gibt es auch im Fußball. Können Sie erklären, was das ist?
Stenzel: Ach – das beantwortet der Herr Präsident sicher besser als ich.
Stickler: Also … Nein! Ich möchte mit Ihnen über die Euro sprechen. Ich frage Sie ja auch nicht, was zum Beispiel die „Escape“-Taste auf Ihrem Laptop bedeutet.

Ich frage auch, weil es Befürchtungen gibt, Österreich bewege sich bei der Vorbereitung auf die Euro ins Abseits. Herr Stickler, Sie waren bei der EM-Auslosung in der Schweiz und haben daher den direkten Vergleich mit Österreich. Fehlt Ihnen hier in Wien nicht etwas?
Stickler: Es stimmt, der Flughafen in Zürich und der Bahnhof sind sehr schön für die Euro dekoriert. Die Auslosung war aber das erste wirklich große Ereignis dieser Europameisterschaft. Deshalb war dort natürlich schon alles gekennzeichnet. Bei uns wird das gar nicht mehr lange dauern. In Wien am Ring sehen Sie jetzt auch schon viele Euro-Fahnen. Ich kann Ihnen versichern, dass uns die Euro in den nächsten Monaten zunehmend verfolgen wird und dass es vielleicht auch einen Zeitpunkt geben wird, wo man sich ein bisschen weniger Euro wünschen würde.

Das ist doch Ihr Stichwort, Frau Stenzel. Ein bisschen weniger Euro.
Stenzel: Wir werden im ersten Bezirk entlang der Ringstraße die offizielle Fanmeile haben. Es ist mittlerweile müßig, zu diskutieren, warum man nicht stattdessen eine Faninsel auf der Donauinsel macht. Der erste Bezirk hatte überhaupt keine Option, sich dagegen zu äußern. Wir wurden ja überhaupt nicht gefragt, ob wir die Fanmeile haben wollen. In der Schweiz wurde in Winterthur beispielsweise basisdemokratisch entschieden, keine Fanmeile zu machen. Dabei ist es sehr kompliziert, diese Fanmeile in der City zu organisieren. Man wird über zwei Meter hohe, blickdichte Zäune errichten, und es wird eine große Ringsperre geben. Aber die Fanmeile wird nun einmal hier sein. Wir werden damit leben müssen, so gut wie möglich. Darum bemühe ich mich.

Damit zu leben scheint für Sie, Herr Stickler, ein bisschen wenig zu sein.
Stickler: Man hätte die Fanmeile gar nicht auf der Donauinsel oder im Prater machen können. Die Menschen wollen und kommen natürlich immer ins Stadtzentrum. Aber es geht ja um viel mehr als nur um die Fanmeile. Österreich und die Schweiz werden im nächsten halben Jahr und vor allem während der EM im Juni eine Öffentlichkeit haben, wie es sie in der Geschichte beider Länder noch nicht gegeben hat. Wir haben eine historische Chance, unser Land, Wien, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck, einer breiten Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Wir müssen uns daher damit auseinandersetzen, wie wir unserer Rolle als Gastgeberland am besten entsprechen und das Bild des freundlichen Gastgeberlandes der Welt vermitteln.
Stenzel: Ich bin auch überzeugt, dass die Euro für Wien eine unglaubliche touristische Chance ist und dass die Bilder um die ganze Welt gehen werden. Man muss sich aber darauf einstellen, dass in der City rund 200.000 Leute auf relativ kleinem Raum sein werden. Das bringt Probleme, und viele Fragen sind ungelöst. Wie geht man denn mit diesen Menschenmassen um? Wie verbringen die Leute ihre Zeit? Was geschieht nach Mitternacht, wenn die Fanmeile geschlossen ist? Was geschieht, wenn die Fans vom Stadion kommen und auf die Fans in der Meile treffen? Wie spielt sich das Leben ab, und wie schützt man sich vor Vandalismus?
Stickler: Wenn Sie die Bilder aus Deutschland in Erinnerung haben, dann waren dort zig Millionen Menschen auf den Straßen. Natürlich hat es Verhaftungen gegeben, natürlich hat es auch da und dort Radau gegeben. Deutschland hat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch imagemäßig sehr viel von der WM 2006 profitiert. Wir sind deshalb dran, alle Österreicher und Österreicherinnen darauf einzustimmen, dass wir nicht nur teilnehmende, sondern auch gastgebende Nation sind.

Frau Stenzel, Sie haben ja immer betont, dass Ihnen die Sicherheit und die Kontrolle in der Innenstadt bei allem, was geschieht, vorgeht.
Stenzel: Der erste Bezirk ist ja der eigentliche Austragungsort der Finalspiele. Die City ist Gastgeberin der Fans. 53.000 werden im Stadion sein, viermal so viele werden in der Wiener Innenstadt sein. Wenn ich auf Probleme hinweise, dann nicht, um die EM madig zu machen. Ich freue mich, dass Österreich Austragungsort ist, dass das Finalspiel in Wien stattfindet und der Tourismus profitieren wird. Das ist wunderbar. Aber ein Politiker muss eben alles bedenken, und dazu gehören auch die Worst-Case-Szenarien.
Stickler: Wir werden aber hunderttausende, Millionen von Gästen haben. Die bei Weitem überwiegende Mehrheit sind fröhliche, fußballinteressierte, offene Menschen. Man darf nicht eine verschwindende Minderheit so hochspülen und sagen: „Um Gottes willen, was kommt da auf uns zu!“
Stenzel: Ich bin aber Anwältin der Bewohner, der Wirtschaft, der Unternehmer und der Geschäftsstraßen. Und dass man mit Sicherheitsrisiken rechnet, zeigt doch schon alleine der Umstand, dass man die Fanmeile umzäunt und blickdicht macht. Man kann Gewaltpotenziale nicht ausschließen.
Stickler: Natürlich gibt es das eine oder andere Problem, das darf man gar nicht ausblenden. Aber wir tun alles, um die negativen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Man muss die bei Weitem überwiegenden positiven Effekte sehen und sich nicht dauernd auf die negativen Nebenaspekte stürzen und vor fürchterlichen Szenarien warnen. Statt kleine Weltuntergänge zu prognostizieren, sagen: „Wir haben eine Riesenchance. Nützen wir sie, bereiten wir uns gut darauf vor.“

Es scheint, als wolle sich die City einigeln.
Stenzel: Nein, nicht einigeln. Die Euro ist ein Top-Ereignis, das ist außer Diskussion. Aber man muss abwägen, wie sich das abspielen wird. Zum Beispiel um null Uhr, wenn die Fanmeile schließt. Dann enden auch die Matches, und die Massen aus dem Stadion und die Leute aus der Fanmeile werden sich über die Innenstadt ergießen. Man kann sie nicht in der City kanalisieren. Das heißt, es wird lärmende Nächte geben. Und die Parkplatzmisere wird sich zusätzlich verschärfen, denn Gastronomen, die bisher noch keinen Schanigarten hatten, werden einen aufsperren. Durch die VIP-Autos werden außerdem die Parkplätze rund ums Rathaus wegfallen. Mein Anliegen ist daher, dass man für die Bewohner Möglichkeiten schaffen muss, ihre Autos zu parken.
Stickler: Dazu stehe ich natürlich komplementär. Ich sehe die Euro als die große Chance für Österreich. Sportlich, für die Wirtschaft, für den Tourismus und für das Image. Dazu gehört, dass sich alle Einwohner dieses Landes mit dem Ereignis identifizieren. In gewissen Kreisen und Gruppen gibt es aber eine Aversion dagegen. Dort wird gesagt: „Wir wollen das nicht!“ Da gilt es noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Es wird natürlich Verkehrsprobleme geben. Ich bin während der WM in Berlin auch im Stau gestanden und habe gedacht, ich parke. Das wird natürlich auf uns zukommen.

Weshalb befürchten Sie, dass das Leben im ersten Bezirk von der EM so beeinträchtigt wird?
Stenzel: Es ist nicht meine Aufgabe, schwarzzumalen, aber es wird eine Frage sein, wie man überhaupt in die City hineinkommt. Wir haben jetzt Polen, Kroaten und Deutsche in unserer Gruppe. Das bedeutet, dass viele Bustouristen kommen werden. Dann bleibt die Ringstraße gleich sechs Wochen gesperrt. Es gibt deswegen Mords-Verkehrsumleitungen. Die Geschäftsleute möchten natürlich, dass die Käufer während der sechs Wochen auch in die City kommen. Es muss für die Bewohner und die Unternehmer in der City eine Lösung gefunden werden.
Stickler: Ich habe selbst gesehen, was in Berlin los war. Die Menschen waren auf den Straßen, die Geschäfte waren geöffnet, und es wurde nicht nur geschaut, sondern auch gekauft. Es werden, vielleicht nicht zu den Public Viewings, aber zumindest zu den Spielen selbst sehr wohlhabende Zuseher kommen. Diese Klientel ist für die Kaufmannschaft durchaus interessant.
Stenzel: Wir werden es in erster Linie mit Bustouristen zu tun haben. Die werden die Umsätze nicht so ankurbeln. Der Busverkehr wird dagegen ein Problem für die City sein.

Die T-Shirt- und Souvenirverkäufer werden sicher ihr Geschäft machen. Auch die Tourismuswirtschaft, denn die Spielstädte sind ja jetzt schon zum Teil ausgebucht. Die exklusiven Shoppingmeilen, wie der Kohlmarkt, der Graben und die Kärntner Straße, werden aber nicht unbedingt davon profitieren.
Stickler: Die teilnehmenden Verbände werden doch nur 20 Prozent der Karten, also etwas mehr als 8000 Karten pro Spiel, bekommen. Daneben werden sehr viele kommen, die einfach nur dabei sein wollen. Ich bin mir sicher, dass viele zehntausende Deutsche ihre Mannschaft begleiten werden, sowohl nach Klagenfurt als auch nach Wien. Da werden wir schon mit enormen Zahlen rechnen können. Wie viele es sein werden, können wir bestenfalls von den Erfahrungswerten aus Deutschland ableiten. Ich glaube aber, dass sich der Trend zum Public Viewing und Eventcharakter weiter verstärken wird. Das heißt, dass letztlich noch viel mehr Gäste kommen werden, als wir heute glauben.
Stenzel: Ich plädiere daher für eine Vandalismusversicherung, die vor Begleitschäden schützt, wie es sie während der EM geben wird. Die Euro-Veranstalter sollten in diese Versicherung einzahlen. Oberste Polizeibeamte raten außerdem, während der Zeit die Autos in die Garage zu stellen. Das ist zwar eine gute Idee, aber noch nicht zielführend. Jede Filmfirma, die in der Innenstadt dreht, muss für Ersatzparkplätze sorgen. Es wäre eine gute Idee, wenn der Veranstalter das auch tun würde.
Stickler: Man darf sich nicht den Blick aufs Ganze verstellen lassen.
Stenzel: Ich möchte auch nicht die Kassandra der EM sein, aber auch die Bundesgärten haben beschlossen, die Parkanlagen entlang der Ringstraße zu sperren.

Sie befürchten, dass es zu Ausschreitungen kommen wird?
Stenzel: Die Auslosung hat ergeben, dass wir es auch mit den Polen und Kroaten zu tun haben, bei denen Gewaltpotenziale durchaus nicht auszuschließen sind. Und wenn man viele Menschen in einem Raum eng zusammenbringt, kann es zu Aggressionen kommen. Da gibt es ja auch Tierversuche, die das beweisen. Damit muss man sich auseinandersetzen. Es ist ja schon bei weniger wichtigen Spielen zu Gewaltausbrüchen gekommen. In Wien, in Italien – das kann gefährlich werden. Ich würde daher im Vorfeld Psychologen heranziehen, um gezielt Medienarbeit zu machen und die Leute zu beeinflussen, hier nicht ihre Aggressionen und den sozialen Frust auszutoben.
Stickler: Es sind ja nur einzelne Gruppen, die den Fußball als Vehikel benutzen, um Krawall zu machen. Man muss natürlich versuchen, die Leute, die man nicht im Land haben möchte, nach Möglichkeit schon vorher auszusortieren, wenn sie im Lande sind, zu isolieren, und wenn sie Krawalle machen, nach Möglichkeit nach Hause zu schicken. Aber ich möchte mir dadurch nicht die Stimmung verderben lassen, die heißt: „Es kommt ein großartiges Fest auf uns zu.“ Ich wiederhole mich jetzt, aber für mich ist es die wichtigste Botschaft überhaupt: „Wir sind Gastgeber, nicht nur Teilnehmer!“

Wie wird Österreich bei der Euro abschneiden – wirtschaftlich und sportlich?
Stenzel: Wirtschaftlich wird die Bilanz sicher positiv sein. Das lässt sich gar nicht anders denken. Jeder polnische, kroatische und deutsche Fußballfan lässt Geld hier. Der Tourismus wird profitieren und eine unbezahlte Werbung haben. Sportlich wird es eine Ambition, das sieht man schon jetzt. Unsere Fußballer rechnen sich ja gute Chancen aus, ins Viertelfinale zu kommen. Der österreichische Fußball ist aber absolut steigerungsfähig.

Herr Stickler, würden Sie auf einen österreichischen EM-Sieg setzen?
Stickler: Ich gehe jetzt einmal vom Viertelfinale aus. Dieses Ziel haben wir. Wir sind nach allen Rankings sehr schlecht, aber wir werden uns bei der EM wesentlich besser präsentieren, als uns alle einschätzen. Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, wenn man als absoluter Außenseiter in so ein Turnier geht. In den deutschen und kroatischen Medien kommt ja schon eine gewisse Geringschätzung Österreichs zum Ausdruck. Aber wenn man einen Gegner nicht ernst nimmt, erlebt man manchmal eine Überraschung.

Wird sich Österreich Ernst Happels, nach dem ja auch das EM-Stadion benannt ist, würdig erweisen?
Stickler: Ich möchte das mit einem Wort Josef Hickersbergers über die österreichische Nationalmannschaft beantworten. Er meinte nach dem Tunesien-Spiel: „Da entsteht etwas.“ Das ist gar nicht so unterschiedlich zu dem, was Ernst Happel einmal über die junge österreichische Nationalmannschaft gesagt hat.

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