Das diskrete Gesicht der Macht: Bei Oleg Deripaskas Basic Element in Moskau

November 2007: Interview mit Gulzhan Moldazhanova, der rechten Hand Oleg Deripaskas

Das diskrete Gesicht der Macht

exklusiv. Sie führt Oleg Deripaskas Konzern mit harter Hand und sitzt im Aufsichtsrat der Strabag. Im trend spricht Gulzhan Moldazhanova erstmals über sich und die Pläne von Basic Element.

Rochdelskaya Street 30, Moskau. Ein eher unscheinbarer, dreistöckiger Neubau in unmittelbarer Nähe des russischen Parlaments. Kein Namensschild und kein Firmenlogo sind zu sehen. Von außen weist nichts darauf hin, dass sich hier die Zentrale von Basic Element, einem der einflussreichsten und wichtigsten Konzerne des Landes befindet.

Die Diskretion passt zum Unternehmen. Informationen hat das von Oleg Deripaska, Firmenchef von Präsident Putins Gnaden und mit einem geschätzten Privatvermögen von 16,8 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer Russlands, gegründete Imperium bisher nur sehr zurückhaltend preisgegeben. Anlässlich des Börsengangs der Strabag, an der sich Basic Element im April um 1,05 Milliarden Euro zu 30 Prozent beteiligt hat, und des Abschlusses des 1,54 Milliarden Dollar schweren strategischen Investments an Magna International bricht das Unternehmen jetzt erstmals das Schweigen. Gulzhan Moldazhanova, die 41-jährige Unternehmenschefin, und Mitglieder des Management-Teams sprachen mit trend exklusiv über die Zukunftspläne von Basic Element und die strategische Bedeutung der Beteiligungen an Strabag und Magna (siehe Interview Seite 38).

„CEO“ steht auf der Visitenkarte Moldazhanovas, die sie mit einem leichten Händedruck und einer dezenten Verbeugung übergibt. Es scheint kaum vorstellbar, dass diese zierliche Frau an der Spitze eines 23 Milliarden Dollar schweren internationalen Konzerns steht. Doch der Schein trügt. Magna-International-Vorstand Siegfried Wolf beschreibt sie als extrem zielorientiert, intelligent und verantwortungsbewusst. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ reiht sie auf Platz 20 in der Liste der mächtigsten Frauen der Welt. „Es stimmt, dass es wenig Frauen in ähnlichen Positionen gibt, aber es war für mich nie ein Hindernis, eine Frau zu sein“, sagt sie, „das Geschlecht spielt für mich eigentlich keine Rolle.“

Seit Februar 2005 leitet Moldazhanova den Basic-Element-Konzern, in dessen Aluminiumgeschäft sie zehn Jahre davor, zur Zeit der russischen Hyperinflation, als Sekretärin mit einem Monatsgehalt von nur 200 Dollar eingestiegen ist. Inzwischen genießt sie das volle Vertrauen des Aufsichtsratsvorsitzenden Oleg Deripaska und ist als seine rechte Hand bei allen wichtigen Verhandlungen und strategischen Entscheidungen dabei. Nach der Beteiligung Basic Elements an der Strabag und an Magna wurde sie auch in die Aufsichtsräte von Strabag und Newco, der neuen Magna-Holding, bestellt und bestimmt seither die Entscheidungen in dem Baukonzern und bei dem Automobilzulieferer maßgeblich mit. Moldazhanovas Prioritäten sind dabei ganz klar auf Russland konzentriert.

Dort gibt es, wie schon eine Taxifahrt vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo ins Zentrum der Stadt zeigt, tatsächlich mehr als genug zu tun. Die Fahrt vom völlig veralteten Flughafen führt durch abgewohnte und abbruchreife Plattenbau-Siedlungen. In der Hauptstadt des Landes sind die Straßen desolat, und der Großteil der Autos, die sich durch den hoffnungslos überlasteten Verkehr quälen, wären in Österreich längst am Schrottplatz gelandet.

Dabei wurde Moskau über Jahrzehnte hinweg immer bevorzugt behandelt. In weiten Teilen des Landes ist die Situation noch viel schlimmer. „Wenn man nur an die Autobahnen, die Eisenbahnen, die Häfen, die Flughäfen und die Stromversorgungen, die aufgebaut werden müssen, denkt, dann reden wir von Projekten in der Größenordnung von 600 Milliarden Dollar, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen“, erklärt Douglas Lund, Chef des Infrastruktursektors bei Basic Element, „es gibt ja nicht einmal eine Autobahn, die eine Seite des Landes mit der anderen verbindet. Wir stehen ganz am Anfang.“

Mit der zum Konzern gehörenden Glavmosstroy, der Strabag und der deutschen Hochtief AG, an der sich Basic Element im Mai zu 9,99 Prozent beteiligte, sollen nun gemeinsam Großprojekte bewältigt werden, die Basic Element alleine nicht abwickeln könnte. Das Stadterweiterungsprojekt in Sankt Petersburg etwa, wo Basic Element ein Areal mit 500 Hektar und ein zweites mit 250 Hektar bebauen wird. In Summe sollen dort Gebäude mit rund sechs Millionen Quadratmeter Gesamtfläche errichtet werden.

Daneben wird in St. Petersburg auch noch eine 46 Kilometer lange Umfahrungsautobahn gebaut. Bei dem derzeit größten europäischen Bauprojekt, das in Private Public Partnership umgesetzt wird, ist Basic Element gemeinsam mit der Strabag und Hochtief ein sehr aussichtsreicher Bieter. „Im Westen gibt es keine Projekte von auch nur annähernd vergleichbaren Dimensionen. Für uns ist es eine absolut einmalige Chance, genauso wie für die anderen Unternehmen, die mit uns daran arbeiten werden“, sagt Lund.

Das neben St. Petersburg wichtigste Zielgebiet und erklärte Lieblingsprojekt Moldazhanovas ist Sotschi. Die in der Stalin-Ära aus dem Boden gestampfte Schwarzmeermetropole, die sich über 100 Kilometer die Küste entlang erstreckt, ist Austragungsort der Olympischen Spiele 2014. Mit den notwendigen Infrastrukturbauten, den Straßen und Parkplätzen, der Kanalisation, den Eisenbahnen und dem Hafen wird das gesamte Investitionsvolumen in der Region zwölf bis 24 Milliarden Dollar betragen. Beim Gedanken an Sotschi bekommt die Firmenchefin leuchtende Augen. Fünf bis sieben Milliarden Dollar will Basic Element in Sotschi investieren. Nach dem bereits gebauten Flughafen will der Konzern das Straßennetz sowie das 220 Hektar große olympische Dorf samt den dazugehörenden Hotels und Sportanlagen errichten.

Und schließlich will Basic Element mit dem Anfang Oktober von Moldazhanova besiegelten Joint Venture zwischen der Strabag und der eigenen BaselCement demnächst auch das weltweite Zementgeschäft aufmischen. „Wir wollen nicht von der Gnade anderer abhängig sein, werden den Markt aufbrechen und weltweit ein harter Mitbewerber sein“, erklärt sie.

Im Bereich der Automobilindustrie sind die Ziele Basic Elements nicht minder hochgesteckt. Mit der in Deripaskas Heimatstadt Nischni Nowgorod ansässigen Group GAZ ist Basic Element der größte Automobilhersteller Russlands. Das aktuelle Modell des ehemaligen Prestigefahrzeugs Wolga ist jedoch inzwischen hoffnungslos veraltet. „Vor zwanzig Jahren war der Wolga ein Traumauto, leider entspricht unser aktuelles Modell aber nicht mehr den modernen Standards“, gibt Moldazhanova zu, „wir brauchen neue Modelle, um mit den Toyotas, Fords und Renaults konkurrieren zu können.“

Gemeinsam mit Magna sollen jetzt neue Modelle entwickelt und eine Zulieferindustrie aufgebaut werden, die eine Produktion nach westlichen Standards ermöglicht. Und um die Produktion möglichst schnell starten zu können, hat Basic Element eine von Chrysler in Michigan geschlossene Fabrik gekauft und sie nach Russland übersiedelt. „Damit werden wir ein komplett neues Auto bauen, den GAZ Ciber, der in Europa in ähnlicher Form als Chrysler Sebring im Handel war“, erklärt Alexander Filatov, strategischer Direktor der Verkehrssparte Russian Machines. Das Auto, dessen Verkaufspreis bei rund 20.000 Dollar liegen wird, soll schon im nächsten April in den Handel kommen. Moldazhanova: „Es ist ein weiterer Beitrag zu dem neuen Russland, das wir bauen. Es gibt in unserem Land so viel zu tun, und wir brauchen die Strabag und Magna dafür als Technologiepartner.“

Mehr über Basic Element im Blog-Eintrag „Oleg Deripaskas Einstieg bei Magna“

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