Essen am Ende der Welt: Eine kurze Zeit als Gastro-Kritiker

2006/2007 war ich einige Monate lang auch Chefgourmet des trend und durfte in einige Töpfe gucken. Drei geschmackliche Erinnerungen daran

Essen am Ende der Welt
(* Seejungfrau, Yachthafen, 7093 Jois,)

Im Winter ist das Lokal „Seejungfrau“ im Yachthafen von Jois ein besonders lohnendes Ziel.

Im Winter hat die Region um den Neusiedler See ganz besondere Reize. Dann wird der See zu einem überdimensionalen Eislaufplatz, Treffpunkt von Eisseglern und Eissurfern, und es gibt – großes Plus – keine Gelsen.

Der Yachthafen von Jois ist dann einer der Hot Spots, was zugegeben doppelt übertrieben ist, denn eine richtige Yacht wird hier in tausend Jahren nicht anlegen, und der Hafen scheint weniger Hot Spot als das Ende der Welt zu sein.

Nichts weist darauf hin, dass man in der urtümlichen Hafenkneipe, einer von Wind und Wetter zerzausten Hütte namens Seejungfrau, auch vortrefflich essen kann. Seit das Lokal aber von den Quereinsteigerinnen Ursula Düll und Ghislaine Knotzer betrieben wird und mit Günther Mittermayr, der davor im Schloss Halbturn aufgekocht hat, ein Koch gefunden wurde, den weder Kampfgelsen noch Eiswinde erschüttern, muss man kein Seebär sein, um sich hier wohlzufühlen.

Vorm Haus wird Ananaspunsch gebraut, am Dreizack über Feuer herzhaft-würziges Kesselgulasch gekocht, und in der Stube werden Genießer mit sechsgängigen Menüs und edlen regionalen Weinen bedient.

Die müssen allerdings rechtzeitig reservieren, denn an den sechs Tischen finden nur 25 bis 30 Gäste Platz. Und am meisten freut es die Betreiberinnen, wenn die Gäste vormittags kommen und bis zum Abend bleiben. Dann kann auch der Koch sein ganzes Können zeigen. Dessen Schwerpunkt liegt auf Regionalspeisen, gekreuzt mit der feinen italienischen Küche. Da wird etwa eine mit Thymian abgeschmeckte Topinambursuppe mit Wachtel-Spiegelei aufgetragen. Gänseleber aus Oberösterreich wird auf Steinpilztascherl und Blaukrautstrudel serviert, von burgenländischen Jägern geschossene Fasane werden zart gebraten und mit Avocado-Maroni-Gemüse aufgetischt. Zwischendurch ist sich Mittermayr nicht zu schade, für die kleinen Gäste Pommes mit Chicken Nuggets zuzubereiten. „Wir sind ein Freunde-Betrieb und machen das aus Spaß“, erklärt Düll, „die Gäste sollen sich wohlfühlen, der Umsatz ist nicht so wichtig.“

 

Trüffel mit Seele
(* Procacci, 1010 Wien)

Antinori erweckt den alten Göttweiger Stiftskeller in Wiens Innenstadt zu neuem Leben. Das „Procacci“ wird ein Treffpunkt für Freunde des Piemonts

Eine Reise ins Piemont, das kulinarische Herz Italiens, ist für Gourmets etwas ganz Besonderes. Von hier stammen der herzhaft-würzige Murrazzano-Käse, die saftige Mortadella, und die Winzer aus Barolo sind die Könige nicht nur ihres Landes.

Der wahre Schatz des Piemonts ist aber die Tartufo Bianco, die weiße Trüffel, die von den Hügeln der Langhe in die Delikatessenläden und Spitzenrestaurants der Welt geschickt wird – jetzt auch in Österreichs jüngsten Hot Spot.

Im nach dem Florentiner Patron des 19. Jahrhunderts, Leopoldo Procacci, benannten Lokal in der Wiener Spiegelgasse wird die Trüffel nicht zu knapp über einen Teller frischer Pasta mit Oberssauce gehobelt oder als Risotto Tartufo serviert. Eine Delikatesse, die Gottfried Krasser, Geschäftsführer des von Antinori betriebenen Restaurants, ganzjährig anbieten will.

Die historischen Räume des ehemaligen Göttweiger Stiftskellers bieten das Ambiente dafür: Weiß getünchte Wände, Aufnahmen aus dem Leben im Kloster und dem Piemont und ein Fußboden aus naturbelassener französischer Eiche prägen das Lokal. „Es soll ein Ort der Einkehr sein, wo man sich eine Auszeit für einfach gutes Essen nehmen kann“, meint Krasser.

Eine Auszeit sollte man auch planen, wenn man ins Procacci nicht nur auf ein Glas vorbeischauen und mit ein paar Tramezzini an der großen, zentralen Bar den kleinen Hunger stillen will. Das Stift Göttweig wird die Weinkarte mitbestücken und das Angebot über 160 Weine betragen. Der Schwerpunkt liegt in der Toskana und im Piemont: Barolos, Barberas, Nebbiolos, darunter auch mancher Geheimtipp, werden längere Besuche erfordern. Ebenso wie das piemontische Essen, das Jörg Domanski (Novelli, Taubenkobel, Cantinetta Antinori), der in der Küche das Regiment führt, zuzubereiten weiß. Es besteht aus etlichen Antipasti (sehr empfehlenswert das Octopus-Carpaccio), Pasta oder Risotto, anschließend Fisch oder geschmortem Fleisch (ausgezeichnet die Kalbsbacken mit Kartoffelpüree) und mündet in eine Orgie aus Käse, Obst oder Dolci, etwa eine Panna Cotta, die kein Koch im Piemont besser zubereiten kann.

 

Trattoria und Tradition
(
* Mario, 1130 Wien)

Mario Plachutta kann mehr als nur Tafelspitz kochen. Das neue „Mario“ in Wien-Hietzing ist ein Dorado für Freunde der schnellen italienischen Küche.

Der Wiener Bezirk Hietzing war bisher ein Brachland der modernen Küche. Rund um die Kaiserresidenz Schönbrunn schien die Zeit fast schon stehen geblieben zu sein. Hietzing drohte auf ewig ein Reservat für Tafelspitz und Einspänner zu bleiben.

Mit dem „Mario“ bringt Mario Plachutta jetzt frischen Schwung in die soignierte Restaurantszene. Die Grenzen zu Alt-Hietzing sind klar gezogen. Rindfleisch wird nicht gekocht, sondern als Rib-eye Steak gebraten. Ganz ohne Tafelspitz kommt Plachutta aber nicht aus. Als Antipasto gibt es Rosa Kalbstafelspitz mit Thunfischcreme und Kapernbeeren.

„Ein Lokal wie das Mario gibt es in ganz Hietzing bis zur Höhenstraße nicht“, erklärt der Restaurant-Chef. Oder besser gesagt bis Berlin, wo Plachutta in der Trattoria Ossena am Hackeschen Markt eine Blaupause für sein Lokal gefunden hat.

Auch die Lage der Lokale zeigt frappante Ähnlichkeiten. Während man vom Ossena aus einen direkten Blick auf die Jugendstilfassade der Hackeschen Höfe hat, kann man vom Mario aus das Treiben am vom Jugendstil-Juwel Galilei-Hof flankierten Hietzinger Platz beobachten. Ab dem nächsten Frühjahr auch von der Terrasse rund um das Restaurant, einer Freiluft-Lounge mit 160 Sitzplätzen.

Als „mediterran“ bezeichnet Plachutta sein Mario, das aber genau genommen eine moderne italienische Trattoria ist, ein Treffpunkt für einen schnellen Espresso um 1,10 Euro beim Barista oder ein Gläschen Wein an der gemütlichen Theke aus Olivenholz, deren starke Maserung dem Restaurant eine besondere Note gibt.

Passend dazu gibt es täglich frische Pasta, garniert nach Saison.Tagliatelle mit dezent angebratenen Steinpilzen, Fleisch-und Fischgerichte vom Grill, eine gewagte Risotto-Kreation mit Schweinsgrammeln und Spezialitäten wie glacierte Kalbsbackerln mit Barolosaft und Polenta. Abgerundet wird das Angebot mit einer Auswahl von Vorspeisen-und Dessertklassikern aus dem Land der Fußballweltmeister. Und da das Mario auch Kommunikationstreffpunkt sein soll, sind die Preise moderat. Abgesehen vom Rib-eye Steak kostet kein Gericht mehr als 20 Euro.

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