Full Speed: BlueTomato – Snowboarder-Eldorado aus Österreich

April 2006: Der Snowboarder Gerfried Schuller und die Erfolgsstory des Blue Tomato Online Store

Full Speed

Onlinehandel. Vom Europameister zum Weltmeister: Der Schladminger Ex-Snowboardprofi Gerfried Schuller hat mit Blue Tomato den weltweit größten und erfolgreichsten Snowboard-Store aufgezogen.

Kennen Sie Stefan Gimpl und Florian Mausser? Nie gehört? Vielleicht sind Ihnen Siegfried Grabner und Andreas Prommegger ein Begriff. Oder Doresia Krings und Doris Guenther. Sagen Ihnen etwa all diese Namen gar nichts?

Keine Sorge, Ihnen geht es vermutlich nicht anders als dem Großteil aller Österreicher. Obwohl die genannten Damen und Herren zu den Ausnahmeerscheinungen unter den österreichischen Wintersportlern gehören und Siegfried Grabner bei den Olympischen Spielen in Turin sogar eine Bronzemedaille ergattert hat, stehen ihre Erfolge im Schatten von Hermann Maier, Benjamin Raich, Michaela Dorfmeister und Co. Dabei gibt es zwischen den unbekannten Sportlern und ihren als Superstars gefeierten Kollegen nur einen winzigen Unterschied: Statt auf zwei Brettern flitzen sie die verschneiten Hänge nur auf einem Brett – einem Snowboard – hinunter.

Vor mittlerweile zwei Jahrzehnten war der Schladminger Gerfried Schuller einer der Stars im damals noch jungen Snowboardsport. Er fuhr als Profi im Rennteam des Snowboardpioniers Jake Burton und holte 1988 den Europameistertitel. Damals war die Kluft zwischen Newcomern und Alpin-Establishment noch größer als heute – Schullers Leistung wurde dennoch in Österreich praktisch ignoriert.

Der ehrgeizige Athlet wusste, dass seine Karriere als Spitzensportler früher oder später zu Ende gehen würde und dass er dann nicht von dem in den wenigen Profijahren verdienten Geld würde leben können. Auch eine Karriere als Co-Kommentator beim Fernsehen war ausgeschlossen – und mit einer Tankstelle oder einer Trafik wurden damals bestenfalls Profifußballer belohnt. „Abgesehen davon hätte mich das nicht interessiert“, sagt Schuller.

Geschäfte in der Garage. 1989 eröffnete er eine Snowboardschule in Schladming und begann ganz nebenbei in einer kleinen Garage Snowboards zu verkaufen. „Die Anfänge waren sehr bescheiden“, erinnert sich der heute 38-Jährige. Verkauft wurden die Bretter damals ausschließlich an Touristen, die sich in seiner Snowboardschule eingeschrieben hatten, und an einige wenige Begeisterte aus der Umgebung. „Vor 15, 20 Jahren waren Snowboards ja noch etwas sehr Exotisches“, sagt Schuller. „In den neunziger Jahren konnte man sie in Österreich nur in den großen Sportgeschäften in den Städten kaufen – in Deutschland, England oder Japan gab’s gar nichts.“

Schuller bot seinen Kunden aber nicht bloß irgendwelche Bretter an, sondern importierte die Geräte direkt von amerikanischen Herstellern wie Burton, Santa Cruz oder Deeluxe – also jene Snowboards, die sich auch die Profis, die so genannten Teamrider, anschnallen.

Das Geschäft florierte, und die kleine Garage wurde bald zum Insidertipp. „Das lag auch daran, dass das Snowboardgeschäft ganz anders funktioniert als der Skiverkauf“, erklärt der Unternehmer. Einen guten Ski könne man fast überall kaufen, denn die bekannten Skifabrikanten wie Atomic, Blizzard oder Fischer hätten die besten Produkte auch für Amateure im Programm und verfügten außerdem über die Kapazitäten, ihre Skier millionenfach zu produzieren und damit weltweit die Sportgeschäfte zu beliefern. „Snowboards sind dagegen viel mehr Lifestyleprodukte, es gibt zahlreiche kleine Hersteller, und die Trends ändern sich schnell.“

Der Internet-Boom. 1994 war die Garage endgültig zu klein geworden, und Schuller eröffnete seinen ersten richtigen Shop, das „Blue Tomato“ in Schladming. Damals gab es zwar weder Internet noch e-Mail, aber Schuller verkaufte seine Boards sofort in alle Welt. Die Kunden bestellten telefonisch oder per Post.

Als dann drei Jahre später die erste Blue-Tomato-Website online ging, mit der Option, Snowboards und Zubehör via e-Mail zu bestellen, war der Zuspruch außergewöhnlich groß. „Es ist damals alles ganz einfach passiert“, sagt Schuller, „wir haben nur unsere Produkte im Internet angeboten. Es gab weder einen Businessplan noch eine professionelle Idee. Das Geschäft hat sich von selbst entwickelt.“

1999 beschloss der Unternehmer, Nägel mit Köpfen zu machen und den Onlinehandel professionell aufzuziehen. Er investierte in eine ausgefeilte Webshop-Lösung, begann erste Kataloge zu drucken und ließ sie bei Events verteilen.

Die Finanzierung war kein Problem: Als Snowboardprofi hatte er nicht schlecht verdient, mit seinen Preisgeldern hatte er den ersten Shop finanziert, und bald spülte das gesunde Wachstum ausreichend Geld in die Kasse. „Natürlich haben wir gespart. Zu Beginn haben wir zu dritt im Shop gearbeitet, nachmittags die bestellte Ware eingepackt und zur Post gebracht“, berichtet Schuller. Im Postamt Schladming galt er bald als der beste Kunde.

Die große Krise nach dem Internet-Boom überstand Blue Tomato ohne Blessuren – im Gegenteil. „Davor gab es einige Online-Shops, die wie wir Snowboards verkauft hatten, aber wir sind als einziger übrig geblieben“, erzählt Schuller. „Vielleicht auch nur deswegen, weil wir in den Bergen zu Hause sind und unsere Kunden darauf vertrauen, dass wir wissen, was wir verkaufen.“

Endlich Weltmeister. Als aktiver Sportler hatte es Schuller nur zum Europameister gebracht, als Unternehmer ist er heute jedoch Weltmeister. In den vergangenen Jahren ist der Schladminger Online-Shop zum weltweit größten Anbieter von Snowboards und Zubehör aufgestiegen. Die Kunden können heute aus 750 verschiedenen Snowboardmodellen wählen. Alles in allem hat Blue Tomato bereits über 40.000 Artikel im Programm. Vier Millionen Euro hat das Unternehmen im Jahr 2005 umgesetzt, und 2006 verspricht das beste Jahr der Firmengschichte zu werden. Schon zur Saisonhalbzeit im Jänner hatte man rund 4000 Boards verkauft, dazu ungezählte Jacken, Hauben und sonstiges Zubehör – im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus von 30 Prozent.

Längst muss Schuller seine Pakete nicht mehr selbst schnüren. Mittlerweile arbeiten ganzjährig 25 Mitarbeiter im Versand des Unternehmens. Deutschland ist mit fast 40 Prozent der Orders der wichtigste Markt, gefolgt von Österreich, der Schweiz, Großbritannien und den neuen EU-Ländern, doch Bestellungen kommen inzwischen aus allen Kontinenten. Einzelne Pakete gingen sogar nach Hawaii, Hongkong oder Dubai.

Um nicht mehr ausschließlich vom Winter abhängig zu sein, versucht der Unternehmer neuerdings, mit Surfboards, Neoprenanzügen und Streetwear eine Sommer-Produktlinie aufzuziehen: „Der Sommer war für uns bisher immer eine schwache Saison. Derzeit machen wir 95 Prozent unseres Geschäfts im Winter.“ Mithilfe der neuen Produkte hofft er, den Umsatz um rund 20 Prozent zu steigern.

„Unser Erfolgsrezept für den Winter, nämlich keine Durchschnittsware anzubieten, gilt auch für den Sommer. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Produkten und Marken, die Trends ein, zwei Jahre vorwegnehmen“, plant Schuller. Angst vor Konkurrenz hat er nicht, denn mit seinem breiten Sortiment habe Blue Tomato einen Vorsprung, der nicht so leicht einzuholen sei. „Wirklich schaden können wir uns eher selbst, wenn wir beim Versand nachlässig werden oder die Kunden verärgern. Die Szene ist gut vernetzt. Wenn es Probleme gäbe, wüsste das bald ein jeder.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.