Abkassiert: inode-Gründer Peter Augustin und Michael Gredenberg

April 2006: Die inode-Gründer Peter Augustin und Michael Gredenberg ziehen nach dem Verkauf Bilanz

Abkassiert

New Economy. Viele wollten rasch reich werden, aber fast alle gingen pleite, als die Internet-Bubble platzte. Michael Gredenberg und Peter Augustin hielten durch. Dann verkauften sie ihre Anteile am Internetprovider Inode – und wurden Millionäre.

Michael Gredenberg, 30, und Peter Augustin, 31, sind wieder ganz die Alten. In Sweatshirt, Jeans und Birkenstock-Schlapfen sitzen sie in ihrem Büro und empfangen Besucher. „Jetzt, da wir das Unternehmen verkauft haben, ist es nicht mehr nötig, dass wir uns verkleiden“, sagt Augustin, „Anzug und Krawatte gibt es jetzt nicht mehr, und Schuhe und Socken auch nur zu manchen Anlässen.“

Zu Weihnachten gaben die Inode-Chefs überraschend den Verkauf ihrer Firma an das US-Unternehmen UPC bekannt, das in Österreich unter anderem Wiens Telekabel-Netz betreibt. Rund hundert Millionen Euro war der UPC die Übernahme wert, und für die beiden Firmengründer fielen, wie man hört, satte 42,5 Millionen ab. „Dabei waren wir eigentlich nie auf das große Geld aus“, behauptet Gredenberg.

Begonnen hatte das berufliche Abenteuer der beiden passionierten Computertüftler vor zehn Jahren, und wären sie in den USA zu Hause gewesen, dann wäre ihre erste Adresse wohl eine Garage gewesen. „Es gab zwar eine Garage, aber da stand das Auto der Mama drin“, sagt Gredenberg. Also musste Gredenbergs Kinderzimmer herhalten. Von dort schickten sie sich an, als Internetprovider Österreich zu erobern.

In ihrer Begeisterung für PCs und Internet gründeten die beiden eine eigene Firma: „Wir wollten privat eine Standleitung haben, die wir irgendwie finanzieren mussten.“ Schließlich waren Mama Gredenberg die hohen Telefonrechnungen, die der Junior mit seiner Internetbegeisterung verursachte, nicht länger zumutbar.

Firma ohne Geld. Für die beiden 20-Jährigen war das damals ein Experiment. Eigentlich standen sie mit leeren Taschen da: Ihr einziges Einkommen waren 7000 Schilling im Monat, die Gredenberg beim IT-Konzern HP mit Windows-Installationen verdiente. „Aber das hat gereicht“, erinnert sich Gredenberg, schließlich habe die Standleitung ja nur 3500 Schilling gekostet.

Es reichte gerade auch zur Beschaffung des nötigen Equipments – schließlich wollten die beiden ja möglichst rasch als Internetprovider loslegen. „Viel war ja nicht nötig, ein PC und ein paar Modems“, erzählt Augustin, „und das Risiko, als Internetprovider zu starten, war de facto gleich null. Deswegen sind damals auch hunderte andere eingestiegen.“

Obwohl man keineswegs besonders teure Geräte gekauft habe, war das Geld vom Start weg äußerst knapp. Also wurde gespart, wo es nur möglich war. Gredenberg saß so zahllose Nächte vor dem Bildschirm, um sich mit der Konfiguration der Computer abzuplagen. „PCs sind ja eigentlich dumm“, sagt er. Ein Hardware-Konflikt, der es nicht zuließ, mehr als zwei Modems an einen Rechner anzuschließen, stellte seine Nerven auf die Probe, aber schließlich gelang es ihm doch, die Maschinen auszutricksen: „Ich habe ja schon als Zehnjähriger an meinem Commodore 64 herumgebastelt und selbst Schaltungen gelötet. Wenn man einen C64 verstanden hat, versteht man auch einen komplexen PC. Im Prinzip ist es genau das Gleiche, nur dass es mehr Speicher gibt, die Rechner schneller sind und dass im Betriebssystem folglich mehr Funktionen möglich sind.“

Der Mangel an finanziellen Mitteln bewahrte die Aficionados jedenfalls auch vor übertriebenen Investitionen. „Jeder andere hätte erst einmal einen zweiten PC gekauft oder einen Access-Server. Man kann viel Geld in diese Probleme hineinrinnen lassen. Das hatten wir erstens nicht, und zweitens war die Herausforderung, es anders zu lösen, viel zu groß“, erklärt Augustin. „Wir konnten viel Geld sparen, weil wir das Know-how hatten. Wir haben gewusst, wie man das Teil aufsetzt, konfiguriert und betreibt. Wir hatten uns ja schon seit Kindheitstagen mit Computern und Modems beschäftigt. Dafür haben andere ein paar Leute gebraucht.“

Schmalspur-Netz. Ein Computer, zwei PC-Freaks und vier Modems – das war Inode anno 1996. Niemand hätte darauf gewettet, dass daraus einmal der größte private Internetprovider Österreichs mit mehr als 100.000 Kunden, fast 300 Mitarbeitern und über 50 Millionen Euro Jahresumsatz werden würde.

Der Internetzugang, der damals angeboten wurde, war freilich eher ein holpriger Feldweg denn ein Datenhighway. Gerade einmal vier Kunden konnten über ihren Server gleichzeitig im Internet surfen, und die Übertragungsraten waren mit 14.400 kbit/s ebenfalls mehr als bescheiden. Trotzdem konnten sie rasch ihre ersten Kunden gewinnen – mit einem für damalige Verhältnisse geradezu revolutionären Angebot: Sie boten einen unlimitierten Internetzugang für eine Pauschalgebühr von 250 Euro monatlich an. „Das war richtig preisbrecherisch“, erinnert sich Gredenberg. „Damals war es üblich, dass man zusätzlich zu den Onlinegebühren für die Telefonverbindung, die bei ungefähr 40 Schilling pro Minute lagen, Minutengebühren an den Provider bezahlen musste. Wir haben eine Flat Rate eingeführt, und mit der sind wir bis heute erfolgreich.“

Auch um die Kundenakquisition kümmerten sie sich selbst: Sie verteilten tagelang auf der Computermesse Ifabo Flugblätter, um Werbung für ihr kleines Unternehmen zu machen, und warben Freunde und deren Freunde als Kunden.

Langsam kam der Schneeball ins Rollen, und das Kinderzimmer war bald gerammelt voll mit Computern. Kurz bevor das erste richtige Büro bezogen wurde, waren in dem 15 Quadratmeter großen Zimmer bereits 28 Rechner untergebracht, an denen hunderte Modems hingen, und im Kleiderschrank standen die Server von Unternehmen, die von den beiden Tüftlern betreut wurden.

Internet-Boom. Doch dann stießen die Jungunternehmer plötzlich an Kapazitätsgrenzen. „Bis zu 300 Kunden war es möglich, alles selbst zu machen“, sagt Augustin heute. Schließlich habe das Telefon aber ununterbrochen geläutet. Also musste ein Mitarbeiter her, der sich um das Telefon kümmert, und dazu auch gleich ein neues Büro.

Dann, 1997, 1998, brach ringsherum das Internetfieber aus. Die Provider schossen wie die Schwammerln aus dem Boden und lockten Kunden mit Gratisangeboten. Firmen wie Yline, die nicht nur das Internet, sondern auch gleich einen Computer dazu verschenkte, oder Freeway, die einen Gratisinternetzugang anbot und den Kunden auch noch die Telefonrechnung bezahlte, machten den Inode-Chefs das Leben schwer.

„Ich verstehe bis heute nicht, wie jemand glauben konnte, dass so etwas funktionieren kann“, sagt Gredenberg, der mit seinem Partner weiterarbeitete wie bisher und zusah, wie sich die Mitbewerber der Reihe nach verspekulierten.

Damals hätten auch die Inode-Chefs ihr Unternehmen versilbern können, doch sie waren dazu noch nicht bereit: „Das war alles so unseriös, was da aufgeführt wurde, da wäre uns um die Firma leid gewesen.“

Bahn frei. Es machte sich bezahlt, während dieser stürmischen Zeiten nichts zu überstürzen. Die Gratis-Provider waren bald wieder verschwunden, und außer der Telekom Austria hatte Inode bald kaum noch ernst zu nehmende Konkurrenten.

Der Kampf gegen die Telekom wurde dann auch zur Vollzeitbeschäftigung. Noch heute gerät Gredenberg, im Grunde ein ruhiger, gelassener Typ, fast in Rage, wenn das Gespräch auf die Grabenkämpfe mit der Telekom Austria kommt. „Die Telekom hat sich richtiggehend wettbewerbswidrig verhalten“, schimpft er. Als es um die Freigabe für ADSL-Modems für alternative Anbieter ging oder um die Vergabe von Mietleitungen für die Breitband-Internetversorgung in den ländlichen Regionen, legte sich der Monopolist derart quer, dass die Inode-Chefs gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

Statt Gratis-Internet bot Inode Breitband-Internet an und begann, Teilnehmeranschlüsse zu entbündeln, also die Kontrolle über die Telefonleitungen vom Wählamt zu den eigenen Kunden zu übernehmen. „Bis auf die dauernden Streitigkeiten mit der Telekom ist die Sache eigentlich wie von selbst gelaufen“, erinnert sich Augustin. Trotzdem dachte er damals immer öfter daran, sich vom Unternehmen zu trennen: „Als Chef einer 300-Mann-Firma arbeitet man ja eigentlich nichts mehr. Man hat in Wirklichkeit seine Leute, die für einen werkeln.“

Börse oder Verkauf. Schließlich begannen Augustin und Gredenberg über einen Börsegang oder einen Verkauf nachzudenken. „Als bekannt wurde, dass wir an die Börse wollen, haben sofort Investoren angeklopft, die sich noch schnell die Mehrheit sichern wollten“, sagt Augustin, dem bei dem Gedanken, sein Unternehmen in die Hände von Spekulanten zu geben, „richtig schlecht“ wurde.

„Cool wäre es gewesen, wenn beides möglich gewesen wäre: an die Börse gehen und trotzdem immer noch die Mehrheit behalten“, sagt Gredenberg. „Bei einem Börsegang hätten meiner Meinung nach allerdings die Banken und die Investoren gewonnen, nicht die Gründer.“ Wer eine Firma gründe, Investoren hereinnehme und dann an die Börse gehe, hätte am Ende nichts mehr – das habe er damals begriffen.

„Wir haben die Investment-Banker weggeschickt, und dann ist die UPC-Sache ins Laufen gekommen“, erzählt Augustin. In nur drei Monaten waren sich die Inode-Chefs mit der UPC einig, und mit dem Closing Mitte März war das Kapitel Inode für die beiden Jungunternehmer erledigt.

Jetzt wollen sie erst einmal Pause machen. „Ich werde im nächsten Jahr gar nichts tun, einfach nur dasitzen und cool sein. Mit 31 kann man ja noch cool sein“, sagt Augustin, der sich ein Jahr Auszeit nehmen möchte, ehe er mit seinem alten Partner wieder ins Geschäft einsteigen will.

Die 40 Millionen sind inzwischen einmal gut geparkt. Auf den Putz hauen wollen die beiden damit nicht. „Wir sponsern ein Heißluftballonteam, vielleicht fahren wir mit dem Ballon über die Alpen“, sagt Gredenberg. Ein Jahr lang müssten sie zwar für die UPC als Berater zur Verfügung stehen und ihre Erfahrung vor allem im Duell gegen die Telekom Austria einbringen, ansonsten gäbe es jedoch keine Pläne. Gredenberg: „Irgendwann nehmen wir dann 10.000 Euro in die Hand und machen wieder etwas Großes daraus.“

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