Der Rucksack-Coup: Wombat Hostels

März 2006: Vom Weltenbummler zum Hotelier: Die Story der Wombat Hostels

Der Rucksack-Coup

Jugendhotel. Die Idee hatten sie aus Australien mitgebracht, doch das Projekt drohte an der Finanzierung zu scheitern. Heute sind die beiden hartnäckigen Wiener Jungunternehmer drauf und dran, europaweit zu expandieren.

Alexander Böck und Marcus Praschinger, beide 37, sind zwei außergewöhnliche Unternehmer. Der Rucksack für die nächste Weltreise steht bei ihnen stets fertig gepackt in der Ecke, und ihr Lieblingsreiseziel heißt Australien. „Die Menschen dort haben eine ganz andere Einstellung zum Geschäft und zum Leben“, schwärmt Praschinger. „Wenn man dort mit einer abgerissenen kurzen Hose und Badeschlapfen eine Bank betritt, wird man genauso höflich bedient, wie wenn man mit Anzug und Krawatte kommt.“

Der australische Lebensstil hat die beiden so in Bann gezogen, dass sie ein Stück dortiger Kultur auch nach Österreich bringen wollten. Ende der achtziger Jahre waren die beiden zum ersten Mal in Australien und haben dort die Backpacker-Hostels kennen gelernt. Damals haben sie sich gewundert, dass es etwas Ähnliches nicht auch in Österreich gab. Kaum heimgekehrt, schmiedeten die beiden Pläne, in Wien ein speziell auf die Bedürfnisse der Rucksacktouristen zugeschnittenes Hotel zu eröffnen.

„Damals gab es ja nur große Schlafsäle in Jugendherbergen, die um 22 Uhr zusperrten. Das muss man sich einmal vorstellen: Jemand reist um die halbe Welt in die Weltstadt Wien und muss dann um zehn Uhr im Bett liegen“, ätzt Böck. Er wusste, dass es auch anders geht: „Wir haben gesehen, dass es Alternativen gibt, die sehr positiv angenommen werden.“

Vor zehn Jahren fassten die beiden den Entschluss, es zu versuchen – koste es, was es wolle. Und sie begannen, eine alte Pension oder ein Hotel zu suchen, das sie pachten wollten. Praschinger: „Wir hatten eine Vision, doch die war in den Pensionen, die wir gefunden hatten, nicht umzusetzen. Wir wollten einen Platz, an dem sich die Leute treffen können, mit Internet-Surfstations und einer Bar als kommunikativem Mittelpunkt.“

Do it yourself. „Wir hätten zu viele Kompromisse machen müssen“, resümiert Böck. Also wurden die Überlegungen immer konkreter, ein neues Haus zu bauen, statt ein altes mühselig zu adaptieren. Die beiden legten ihre gesamten Ersparnisse zusammen, nahmen Hypotheken auf und stellten so mit Ach und Krach fünf Millionen Schilling – rund 360.000 Euro – auf die Beine. Bei Weitem zu wenig für einen Neubau. Und bei Banken blitzte das Duo mit seiner Idee regelmäßig ab.

„Das war aber auch ganz klar“, weiß Böck mittlerweile. „Wir haben mit Bankern gesprochen, die 50, 55 Jahre alt waren. Wir haben ihnen Dinge erzählt, die für sie völlig unvorstellbar waren.“ Etwa, dass man zu viert mit Unbekannten in einem Zimmer schlafen könne. Auch die Zielgruppe sei ihnen suspekt gewesen – Jugendliche, die mit einem Rucksack durch Europa fahren und dabei bloß über ein Budget von vielleicht 30 Euro pro Tag verfügen.

„Natürlich hatten wir einen Finanzplan, aber der war für die Banken nicht nachvollziehbar“, meint Praschinger. Also mussten die beiden eine Niederlage nach der anderen einstecken. „Dabei hatten wir uns schlecht geschrieben, mit 50 Prozent Auslastung kalkuliert, was weit unter dem Durchschnitt der Stadthotellerie liegt – aber das Projekt hätte sich trotzdem gerechnet“, sagt Böck. Den Banken, bei denen die beiden rund eine Million Euro Kredit hätten aufnehmen müssen, war der Dreijahresplan aber zu unsicher. „Heute würde unsere Bank dazu sofort sagen: Okay, machen wir. Doch damals waren wir zwei junge Leute, die sich selbstständig machen wollten, und das in der Hotelbranche, der es ohnehin nicht gut geht.“

Rettender Fonds. Fünf Jahre lang hatten die beiden Bank um Bank abgeklappert und versucht, ihre Idee zu verkaufen, doch das große Manko war immer das mangelnde Eigenkapital gewesen, bis sie durch Zufall auf den Wiener Risikokapitalfonds stießen, eine Finanzgesellschaft der Stadt Wien und einiger Großbanken, die Unternehmen unbesichertes Eigenkapital zur Verfügung stellt und das vorhandene Eigenkapital verdoppelt.

Normalerweise unterstützt der Risikokapitalfonds Unternehmen, die von Banken empfohlen werden. Doch auf die Empfehlung einer Bank wollten die beiden Unternehmer in spe nicht mehr länger warten, und so beschlossen sie, ihrem Glück etwas nachzuhelfen, und vereinbarten selbst einen Termin bei der Finanzgesellschaft. „Die Leute dort waren völlig konsterniert, dass jemand privat anruft und sich selbst einen Termin ausmacht“, erinnert sich Praschinger.

Die Hartnäckigkeit der Jungunternehmer machte sich bezahlt. Sie stellten ihr Projekt vor und stießen dabei erstmals auf offene Ohren. Dabei hätten sie fast wieder kehrtgemacht, als sie vom Direktor, einem 65-jährigen Banker im feinen Anzug, empfangen wurden. Praschinger: „Es war ein wirklich sympathischer älterer Herr, aber wir haben schon gedacht, dass das Spiel jetzt wieder von vorn beginnt, bis er plötzlich von seinen Töchtern erzählte, die ihm von Australien geschrieben hatten, wie toll die Backpacker-Hostels dort sind.“ Damit war der Bann gebrochen.

Böck heute: „Das war völlig untypisch. Seine erste Frage war nicht, wie wir uns das vorstellen, sondern was unsere Eltern machen, was unsere Hobbys sind und was wir bisher gemacht hätten. Das war der große Unterschied zu den Banken. Im Endeffekt geht es ja darum, ob man dem Gegenüber etwas zutraut.“

Die Zitterpartie. Die langjährige Hartnäckigkeit schien sich plötzlich zu lohnen, die Umsetzung der Idee vom kleinen Australien in Wien war in Griffweite, da wurden sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt: Das ins Auge gefasste Grundstück kostete vier Millionen Schilling – und der Risikokapitalfonds trug ihnen auf, dieses zu kaufen, bevor die Beteiligung ausbezahlt wurde.

Noch heute denken die beiden mit Schaudern an die entscheidenden Tage zurück. „Wir hätten uns die Kugel geben können, wenn der Risikokapitalfonds abgesprungen wäre. Dann hätten wir unser Geld in ein wertloses Grundstück investiert, auf dem wir dann hätten Fußball spielen können“, rekapituliert Böck.

Viel Zeit zum Überlegen blieb nicht. Letztlich war das Vertrauen in die Zusage der Kapital-Beteiligungs AG aber so groß, dass sie sich entschlossen, das Risiko einzugehen – auch deshalb, weil sie eine Bank gefunden hatten, die ihnen versprach, das Projekt zu finanzieren, sobald die Eigenkapitalquote 20 Prozent erreicht habe. „Mit den Mitteln aus dem Risikokapitalfonds lag unser Eigenkapital“, so Böck, „bei zehn Millionen Schilling. Dazu mussten wir einen Kredit von 18 Millionen aufnehmen.“

Spannender Endspurt. „Man muss den Riecher haben, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu machen“, sagt Praschinger. Aber der Bau des eigenen Hotels bedeutete für die beiden auch, dass sie ihre sicheren Jobs aufgeben mussten. Böck hatte im Hotel seines Vaters in der Rezeption gearbeitet, und Praschinger war Verkaufs-und Marketingleiter der Wiener Penta-Renaissancehotel-Gruppe, für den damals 30-Jährigen ein guter Job.

Nun hatten sie einen Berg Schulden, aber keine Jobs und mussten eine Baustelle beaufsichtigen. Prompt gab es bei der Bauverhandlung die nächsten Probleme: In der Wiener Gewerbeordnung kommt die Betriebsform einer gewerblich geführten Jugendherberge nicht vor, folglich hätten sie ihr Haus nach den für Hotels geltenden Regeln bauen müssen. Dazu hätten sie allerdings die Mindestausstattungsrichtlinien für Hotels einhalten müssen – statt der geplanten 164 Betten auf vier Etagen wären nur 108 Betten möglich gewesen.

„Wir hatten das bis zur Bauverhandlung nicht gewusst und mussten dann dort die Auslegung der Gewerbeordnung diskutieren“, berichtet Böck, der letztlich alle überzeugen konnte – mit Ausnahme des Amtsarztes, der erklärte, dass er nicht für die Gesundheit der Gäste garantieren könne, wenn sechs Personen in einem Zimmer schlafen. „Es war wie im Film, einfach absurd. Alle waren dafür, und dann meinte der Amtsarzt, dass es in den Zimmern zu wenig Frischluft gibt“, erinnert sich Böck. Um das amtsärztliche Okay für die Baugenehmigung zu erhalten, akzeptierte er schließlich die Auflage, die Zimmer täglich zwischen zehn und zwölf Uhr vormittags kräftig durchzulüften.

Acht Monate lang dauerte der Bau, und obwohl die beiden jahrelang Zeit gehabt hatten, alles bis ins letzte Detail zu planen, mussten sie letztlich doch an allen Ecken sparen. Als kein Geld mehr vorhanden war, wurden im ganzen Haus die Fliesen gestrichen, stattdessen wurde der Estrich nur versiegelt. Böck: „Es war wirklich am Limit. Wir hatten 28 Millionen zur Verfügung, 27,5 Millionen hat der Bau gekostet, und den Rest haben wir für die Einrichtung ausgegeben. Wir sind mit runtergelassenen Hosen dagestanden und haben gehofft, dass auch wirklich Gäste kommen.“ Und Praschinger erinnert sich: „Am Tag der Eröffnung hatte ich noch 35 Schilling auf meinem Konto. Davon habe ich mir zwei Wurstsemmeln und etwas zu trinken gekauft.“

Fulminanter Start. Nun hatten die beiden endlich ihr heiß ersehntes Hostel, das sie nach einem australischen Beuteltier Wombat’s nannten. Da damit aber vor allem Individualtouristen angesprochen werden sollten, war es für das Unternehmerduo schwierig, sich vorab um Gäste zu kümmern. Böck: „Für die Einzelreisenden sind die Travel Guides wie die Bibel. Häuser, die dort empfohlen werden, steuern sie auch an. Das Problem ist nur, dass man in den ,Lonely Planet‘ oder in ,Let’s Go Europe‘ erst aufgenommen wird, wenn man schon zwei, drei Jahre auf dem Markt ist. Werbung kann man in diesen Reiseführern nicht machen.“

Zwei Wochen vor dem Start wurden Mitarbeiter für den Nachtdienst gesucht. Die übrige Arbeit übernahmen die Chefs selbst. „Wir hatten ja kein Geld, aber unser Einsatz hatte auch etwas Gutes: Im ersten Halbjahr lagen dadurch unsere Personalkosten bei nur acht Prozent des Umsatzes“, scherzt Praschinger.

Der 16. August 1999 war schließlich der große Tag der Eröffnung. Während die beiden auf ihre ersten Gäste warteten, verteilten Freunde am benachbarten Westbahnhof Flugblätter, um Werbung für das neue Haus zu machen. „Es war sensationell. Um 17 Uhr war das Haus voll“, erzählt Böck, für den das der Beweis war, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben, zumal es in Wien kein vergleichbares Angebot für Rucksacktouristen gab.

Das Geschäft lief vom ersten Tag an wie geschmiert. „Es gab nie eine Rechnung, die wir nicht bezahlen konnten, und wir hatten vom ersten Tag an immer Geld in der Kassa“, sagt Böck. Bis Ende Oktober gab es kaum einen Tag, an dem im Wombat’s ein Bett unbelegt blieb, und als das Geschäft auch im Winter gut lief, konnten die beiden Chefs zum ersten Mal entspannt durchatmen. Praschinger: „Im ersten Halbjahr konnten wir eine Auslastung von 79,9 Prozent erreichen, freihändig aus dem Stand. Im zweiten vollen Jahr konnten wir schon ausgeglichen bilanzieren.“

Hilfsbereite Banken. Der Erfolg ließ die Wombat’s-Chefs bald über die nächsten Schritte nachdenken. Schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung überlegten sie, ihr Haus zu vergrößern, und erfuhren, dass die Möglichkeit bestünde, das Haus aufzustocken und 30 Zimmer zusätzlich einzurichten. Und diesmal mussten sie nicht lange betteln, um den Ausbau finanzieren zu können. Die Bank wusste inzwischen, wie gut das Geschäft der beiden lief, und stellte das für den Umbau nötige Geld, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Verfügung. „Die erste Finanzierung hat acht Jahre gedauert, die zweite acht Minuten“, witzelt Böck.

Heute ist das Wombat’s für Rucksacktouristen, die nach Wien kommen, die erste Adresse, und die beiden Österreicher scheinen die Idee gerade zum richtigen Zeitpunkt umgesetzt zu haben, denn seit der Jahrtausendwende schießen Backpacker-Hostels in ganz Europa aus dem Boden. Davon angespornt, setzen sie jetzt selbst auf Expansion und träumen schon davon, europaweit Häuser zu eröffnen. „Wir sind des Längeren beim Heurigen gesessen und haben überlegt, was wir mit unserer Zukunft anfangen sollen. Wir hätten Mitarbeiter suchen und uns zurückziehen können, aber wir wollten weitermachen, uns weiterentwickeln und expandieren“, sagt Böck.

Erste Expansion. Die beiden inserierten kurzerhand in der „Süddeutschen Zeitung“ – „Hotelprojekt in München gesucht“ -, und auch diesmal hatten sie Glück. Es genügte, ein Inserat zu schalten, und schon trat ein Immobilieninvestor an sie heran, der meinte, dass er sein Bürohaus in ein Hotel umbauen könnte. Der Zufall wollte es, dass das Haus in einer Straße lag, in der es schon mehrere Hotels gab.

„Für uns war das großartig, denn wir mussten nicht einmal einen Standort entwickeln“, erklärt Böck, und da man sich den Kauf eines weiteren Hauses ohnehin nicht leisten konnte, kam den Wombat’s-Chefs das neue Geschäftsmodell durchaus zupass: Das Haus wurde komplett nach den Plänen der Österreicher umgebaut und dann von ihnen angemietet.

Der Start in München war freilich schwieriger als der in Österreich. Da es bereits Mitbewerber gab und zudem weniger Rucksacktouristen nach München fahren, waren die beiden diesmal wirklich gefordert. „Wir haben zum Oktoberfest aufgesperrt und mussten uns danach über den Winter ganz stark bemühen. Es ist nicht so einfach, denn die Mitbewerber drücken stark auf den Preis“, gibt Praschinger zu. Inzwischen stimmt aber auch die Auslastung im ersten deutschen Wombat’s, und die ehrgeizigen Unternehmer haben bereits die nächsten Projekte in Angriff genommen. Im Mai wird ein zweites Haus in Wien eröffnet und 2007 eines in Berlin in Kooperation mit ihrem Münchner Finanzierungspartner. Danach wollen sie Budapest, Prag und Italien erobern. „Unser Ziel ist es, jedes Jahr ein neues Haus zu eröffnen“, erklären die Wombat’s-Chefs, die sich noch eine Menge zutrauen. Die Häuser aus der Hand zu geben und im Franchise-System zu führen kommt für sie noch nicht infrage. Böck: „Franchise ist in der Hotellerie nicht unbedingt das beste System. Solange es irgendwie möglich ist, werden wir alle Häuser selbst führen.“

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