Rauschendes Comeback der Schallplatte

April 2003: Zum 20. Geburtstag der CD erlebt die totgesagte Schallplatte ein unerwartetes Revival

Rauschendes Comeback

Die CD feiert ihren 20. Geburtstag und die Vinyl-Schallplatte, ganz in Schwarz, ihre glänzende Wiederauferstehung.

„Ich war immer ein Vinyl-Freak und habe mir sehr, sehr schwer getan, als die CD gekommen ist. Wenn ich heute in einem Fachgeschäft eine audiophile Pressung finde, die gut ein halbes Kilo wiegt, dann werde ich immer noch schwach“, schwärmt Bogdan Roscic, Chef von Universal Music Österreich. Er verhalf zwar als Juror von Starmania dem Sieger Michael Tschugnall zu seiner ersten professionell produzierten CD, doch in Roscics Wohnzimmer steht noch immer ein Goldmund-ST4-Plattenspieler samt Konsole und Peripheriegeräten. Und natürlich hat er noch seine alten Platten aus Vinyl.

Vinyl, das ist 30 Zentimeter Leidenschaft: riesige Karton-Cover und schwarze Scheiben mit glänzenden Rillen, die auf dem Plattenteller ihre Geheimnisse preisgeben. Vinyl, das ist eine Nadel, die, am Rand der Platte aufgesetzt, behäbig beginnt, sich ihren Weg in das Innere der Musik zu bahnen. Und Vinyl ist ein Klangerlebnis, das oft von Knistern und Rauschen begleitet ist, wenn es jedoch von Plattenspielern, die mechanischen Wunderwerken gleichen, abgespielt wird, ein Tonträger, der eine geballte Dichte, Brillanz und Lebendigkeit der Musik erreicht, gegen die jeder CD-Klang flach wirkt.

Und zum 20. Geburtstag der CD – am 1. Oktober 1982 brachte Sony mit dem CDP-101 den ersten CD-Player der Welt auf den Markt; im März 1983 feierte die CD ihre Europapremiere – erlebt die alte Vinyl-Schallplatte ein beachtliches Comeback. Die lange verpönten Scheiben sind zu sammelwürdigen Kultobjekten geworden, während die leicht zu kopierenden CDs zusehends zum billigen Wegwerfprodukt mutieren.

Jetzt beginnt die Musikindustrie langsam, auf die steigende Nachfrage nach den schwarzen Scheiben zu reagieren. Nachdem eine Veröffentlichung als LP für die Major Labels jahrelang kein Thema war und sich das Vinyl-Angebot zusehends auf die Bereiche Alternative, Independent, HipHop und Elektronik reduziert hatte, beginnen die Majors jetzt wieder damit, Neuerscheinungen auf Vinyl anzubieten. Madonna, Johnny Cash, David Bowie, U2, sogar Michael Jackson.

Die Schallplatte, die in den letzten Jahren oft totgesagt wurde, lebt. Das belegen auch die Verkaufszahlen der IFPI, des Verbands der Österreichischen Musikwirtschaft. Zwischen 1986 und 2000 waren die Vinyl-Verkaufszahlen zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Seither erlebt die Schallplatte aber einen regelrechten Boom.

2001, als die Musikindustrie ernsthafte Probleme mit CD-Raubkopien und illegal über das Internet verbreiteten MP3-Files bekommen hatte, brach der Verkauf von Tonträgern in Österreich um 9,8 Prozent ein. Die Verkaufszahlen von Vinyl stiegen im gleichen Zeitraum um 70 Prozent. Ein Trend, der im vergangenen Jahr voll anhielt. Silvia Schauer, Österreich-Geschäftsführerin von Zomba Records: „Vinyl wird wieder massiv gefragt. In manchen Sparten gab es bei den Vinyl-Verkäufen ein Plus von 300 Prozent.“

„Früher gab es zu einer CD oft eine limitierte Pressung in spezieller Aufmachung mit einer Bonus-CD oder zusätzlichen Stücken. Heute werden die Alben stattdessen wieder als Vinyl angeboten“, sagt Schauer. EMI-Austria-Geschäftsführer Albert Manzinger erklärt, warum: „Die Nachfrage steigt. Und der Handel stellt wieder Verkaufsfläche für Vinyl zur Verfügung. Wir versuchen den Trend zu unterstützen, denn es ist natürlich schön, wenn es Kunden gibt, die ein Produkt kaufen, bei dem es klar ist, dass es nicht darum geht, es zu kopieren oder zu stehlen.“

„Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge dabei“, sagt Universal-Chef Roscic, „für mich gibt es nämlich keinen Weg mehr zurück zur Analog-Schallplatte. Aber für Aficionados wird es sie immer geben.“

Und die werden immer mehr, deshalb beginnen die Labels jetzt auch wieder, LPs aus ihren Back-Katalogen neu aufzulegen. Vorreiter dieses Trends ist das 1997 gegründete Label Simply Vinyl, das sich auf Neuveröffentlichungen von Album-Klassikern aus 40 Jahren Pop- und Rockmusik auf Schallplatte spezialisiert hat, mit festen 350-Gramm-Covern und 180 Gramm schweren Virgin-Vinyl-Pressungen, deren Qualität vielfach besser ist als jene der Originale. Die aufwändig gestalteten Platten sind zwar erheblich teurer als reguläre Veröffentlichungen, aber sie verkaufen sich gut. Ende 2002 feierte Simply Vinyl bereits seine vierhundertste LP.

„Manchen Sammlern sind aber selbst diese Nachpressungen noch nicht authentisch genug, weil sie nicht von den ursprünglichen Analog-Bändern, sondern von einem digitalisierten Masterband gezogen werden“, erklärt Reinhardt Bugl, Geschäftsführer des Wiener Plattenladens Ton um Ton, dessen 1978 gegründeter, auf Musik der sechziger und siebziger Jahre spezialisierter Laden heute Sammlern aus aller Welt ein Begriff ist. Dafür hat Vinyl wieder Einzug in die breitere Musikgemeinde gefunden. Nur einen Steinwurf von dem Laden der Hardcore-Vinyl-Freaks entfernt, auf der Mariahilfer Straße in Wien, haben nun auch die Großmärkte Saturn und Virgin begonnen, Schallplatten in ihr Sortiment aufzunehmen. Und auch dort floriert der Handel mit den schwarzen Scheiben.

Prompt fühlen sich die kleinen Nischenläden von den Mega-Märkten bedroht. Werner Schartmüller, Geschäftsführer des kleinen, aber exquisiten Plattenladens Rave Up: „Virgin hat jahrelang behauptet, die Schwarze sei tot. Wir haben immer das Gegenteil bewiesen. Das Rave Up hat in den 15 Jahren seines Bestehens immer vier Fünftel des Umsatzes mit Vinyl gemacht.“

Compact Disc gegen LP. Woher nun aber der Zauber des schwarzen Vinyls? Was lässt Musikliebhaber von der einfachen und perfekten Digitalwelt in die verletzungsanfällige und altmodische Analogwelt flüchten?

Schallplatten leben und altern mit ihrem Besitzer. Zu der persönlichen Lieblingsplatte gehört das an den Ecken leicht abgegriffene Cover ebenso wie das Knistern, das sich durch mikroskopisch kleine Kratzer im Lauf der Zeit einstellt. „Das fügt Leben hinzu, gibt der Platte einen persönlichen Touch“, sagt John Convertino, einer der musikalischen Köpfe der US-Formation Calexico, deren musikalische Melange aus Country, Mariachi-Klängen und Ennio-Morricone-Soundtracks sich auf Vinyl wohl am besten genießen lässt.

Für CDs bedeuten derartige unvermeidliche Alterungsspuren hingegen nicht zusätzliches Leben, sondern meist den Tod. Ist die silberne Beschichtung, die
den Laserstrahl reflektieren soll, defekt, dann ist die CD reif für den Mülleimer. Und CDs werden nicht nur durch unsachgemäße Behandlung oder Lagerung kaputt.

Auch mit dem perfekten Sound ist es oft nicht weit her. Der Stadthalle- und Szene-Wien-Tontechniker Herbert Kopecky stellt vielen Alben, die als CD wieder veröffentlicht wurden, kein besonders gutes Zeugnis aus und erklärt: „Beim Pressen einer Schallplatte gehen viele Höhenanteile verloren. Um das zu kompensieren, werden diese Bereiche bei Analog-Aufnahmen absichtlich verstärkt. Bei der CD-Herstellung gibt es keine Höhenverluste, weshalb die Frequenzen gezielt reduziert werden müssen. Eine Sache, die immer wieder vergessen oder nicht richtig gemacht wird.“ Das Resultat sind spitz klingende CDs, denen jegliche Wärme fehlt.

Lockere Geschäfte. 1986 war der allgemeine Trend, Vinyl-Platten gegen CDs einzutauschen, nicht mehr aufzuhalten, und das bescherte der Musikindustrie die fettesten Jahre aller Zeiten. Quasi ohne Marketing- und Werbeaufwand, die bei Neuveröffentlichungen einen Großteil der Produktionskosten ausmachen, konnten die Back-Kataloge sämtlicher Musikrichtungen ein zweites Mal verkauft werden. „Davon hat die Musikindustrie immens profitiert, und sie verdient bis heute bestens damit“, sagt Zomba-Chefin Schauer.

Ein Ende der lockeren Geschäfte mit dem Archivmaterial ist nicht abzusehen. Best-of-Compilations wie „Beatles 1“, „Elvis – 30 #1 Hits“ oder „Rolling Stones – Forty Licks“ verkaufen sich im Pop- und Rock-Repertoire nach wie vor am besten. Aber: Auch bei diesen Garanten für mehrfache Gold- oder Platin-Auszeichnungen ist eine Veröffentlichung auf LP heute Pflicht. Schauer: „Es ist erstaunlich, aber es hat sich gezeigt, dass anfangs vor allem das Vinyl gekauft wird. Die CD bleibt erst mal ein paar Tage in den Regalen stehen. Für Vinyl-Käufer sind Platten etwas Heiliges. Sie wissen genau, wann eine Platte in den Handel kommt, und schlagen zu, so schnell sie können – ehe die Auflage vergriffen ist.“

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