Die schöne Leich: Geschäfte mit dem Tod

November 2002: Das Bestattungsgewerbe wird liberalisiert

Das G’riss um die schöne Leich

Rechtzeitig zu Allerheiligen wurde Österreichs Bestattergewerbe liberalisiert. Neue Anbieter stellen vielfältigere und günstigere Begräbnisse in Aussicht.

Die letzten Akkorde des Ave Maria verhallen. Der Geistliche versucht, der Trauergemeinde Trost zu spenden. Die Pompes Funèbres heben den Sarg auf den vorbereiteten Wagen. Dann setzt sich der Zug langsam in Bewegung.

Der für die Hinterbliebenen schmerzliche Abschied, das unbegreifbare, endgültige Ende, ist ein gutes Geschäft. Allein in Wien sind die schwarzen Männer rund 55-mal täglich, 20.000-mal pro Jahr im Einsatz. Aber Arno Molinari, Direktor der Bestattung Wien, ist dennoch nicht ganz zufrieden. „Es könnte mehr sein, aber unser Geschäft lässt sich nicht so einfach vermehren“, sagt Molinari. Es klinge zwar etwas makaber, aber derzeit fehlten die Kriegsjahrgänge. Die Zahl der Todesfälle sei von über 30.000 auf das heutige Niveau gefallen, ein Aufschwung sei nicht in Sicht.

Im Gegenteil. Dem heimischen Bestattungsgewerbe droht jetzt Unbegreifliches: Konkurrenz. Mit der neuen Gewerbeordnung, die noch kurz vor der Wahl im Parlament beschlossen wurde, ist auch das Bestattergewerbe in Österreich liberalisiert worden. Das in aller Stille abgewickelte Geschäft mit dem Ruhen in Frieden wird in den nächsten Jahren zu einem beinharten Kampf um jede „schöne Leich“: Die Bedarfsprüfung, mit der der Fachverband der Bestatter bisher jedem Neuen den Zugang zum Markt verwehren konnte, ist gefallen.

Der Wettbewerb beginnt. Peter Skyba, Direktor der European Federation of Funeral Services (EFFS), hatte den österreichischen Bestattern schon seit Jahren empfohlen, sich auf geänderte Bedingungen einzustellen, doch diese wähnten sich bis zuletzt in Sicherheit. Skyba: „Ich habe deswegen immer als Revoluzzer gegolten. Es war aber klar, dass das Monopol eines Tages fallen wird. In ganz Europa gab es keine vergleichbare Gewerbeordnung.“

Die Frage, ob Bedarf nach einem weiteren Bestattungsunternehmen besteht, habe eigentlich schon lange nicht mehr mit dem Hinweis auf gleich bleibende oder sinkende Sterbezahlen verneint werden dürfen. „Es gibt eben auch unterschiedliche Arten und Qualitäten einer Beisetzung“, meint Skyba.

In Deutschland gibt es etliche Unternehmen, die mit Begräbnissen abseits der herkömmlichen christlich-abendländischen Konventionen eine Marktlücke gefunden haben, und einige von ihnen strecken nun ihre Fühler auch nach Österreich aus.

Herbert Rübenach ist Vorstandsvorsitzender des traditionsreichen deutschen Bestattungsunternehmens Ahorn-Grieneisen, dessen Referenzliste vom deutschen Kaiserhaus über Axel Springer bis zu Hannelore Kohl und Hildegard Knef reicht. „Für uns wäre es auch kein Problem, Begräbnisse wie jenes von Queen Mum zu organisieren“, sagt Rübenach und verweist auf die prunkvolle Beisetzung Kaiser Friedrichs des Großen, die Ahorn-Grieneisen 1991 organisiert hat.

Seebestatter, die Beisetzungen im Meer organisieren, könnten ihre Dienste bald ebenso anbieten wie auf islamische Riten spezialisierte Unternehmen (siehe Kasten „Leichter auf den letzten Weg“).

50 Jahre geschützter Markt. Ein halbes Jahrhundert lang hatten sich die Bestatter den Markt brüderlich untereinander aufgeteilt und mit 76.000 Geschäftsfällen, also Dahingeschiedenen, jährlich rund 300 Millionen Euro umgesetzt.

Unter Konkurrenzausschluss konnte die städtische Bestattung Wien zum zweitgrößten Bestattungsunternehmen Europas heranwachsen. 430 Mitarbeiter stark, mit einem Jahresumsatz von 33 Millionen Euro. Jeder vierte verblichene Österreicher wird von ihr beigesetzt, jeder zweite in einem der 43.000 Särge, die in der dem Unternehmen gehörenden Sargfabrik erzeugt werden. Jetzt wird alles anders.

„Es war höchste Zeit“, sagt Rolf-Peter Lange, Vorsitzender des Verbands Deutscher Bestattungsunternehmer: „Betriebe können ab etwa 150 Geschäftsfällen jährlich wirtschaftlich geführt werden, und bei 20.000 Todesfällen jährlich sind in Wien ähnlich viele Bestatter vorstellbar wie in Berlin.“ In der Hauptstadt Deutschlands bieten derzeit über 100 Unternehmer ihre Dienste an, der freie Markt regelt das Angebot.

Auch für große Bestattungsunternehmen aus dem Ausland ist mit der neuen Gewerbeordnung Österreich als Markt interessant geworden. Ahorn-Grieneisen unterhält in Deutschland über 100 Filialen. Für den Vorstandsvorsitzenden Rübenach war eine Expansion nach Österreich bisher aufgrund der Eintrittsbarrieren kein Thema. Jetzt ist alles anders. „Österreich ist ein sehr interessanter Markt“, sagt Rübenach, „erste Aktivitäten sind im Raum Kufstein vorstellbar, wo viele Deutsche ihren Alterswohnsitz haben.“ Und natürlich sei auch eine Expansion nach Wien überlegenswert: „Die Bestattung Wien muss ein hochprofitables Unternehmen sein. Dort ist in jedem Fall Platz für weitere Anbieter.“

Arno Molinari, Direktor der Bestattung Wien, hatte das bis zuletzt verneint. „Wir leisten ausreichend Vorsorge. Wien braucht keine weiteren Bestatter“, sagte Molinari vor dem Fall des Monopols selbstbewusst. Jetzt muss sich die Bestattung Wien auch gegen innovative Dienstleistungen behaupten.

Abschied nehmen. Fritz Roth führt in Bergisch Gladbach bei Köln ein Bestattungsunternehmen der etwas anderen Art. Pietätlos sei es, wie seine Kollegen ihr Geschäft betreiben, meint Roth. Eine Entsorgung der Toten. In seinem „Haus der menschlichen Begleitung“ dürfen Angehörige am offenen Sarg sitzen und sich ausgiebig verabschieden, die Hände der Toten halten, sie waschen. Roth: „Es geht darum, Trauer zu bewältigen. Den Tod zu begreifen dauert länger als zehn Minuten.“

„In Österreich will das niemand“, winkt Molinari ab. „Es ist doch kein Vergnügen, neben einem Toten zu sitzen.“ Die meisten Angehörigen hätten eher das Bedürfnis, einen Verstorbenen rasch los zu werden, und genau dafür sei die Bestattung Wien 365 Tage im Jahr Tag und Nacht zur Stelle.

Man kann es auch anders sehen. Wer bisher in Wien am Standesamt einen Sterbefall anzeigte, wurde gleich im selben Haus zur Bestellung der Begräbnisfeierlichkeiten weitergeleitet. Dort wurden Kataloge diverser Sargmodelle herumgereicht („Eiche, hält praktisch unbegrenzt“), Vorschläge zur musikalischen Begleitung gemacht („Wir können Ihnen auch Sänger des Staatsopernchores vermitteln“) und letztendlich die Rechnung präsentiert. 5000 Euro für eine „schöne Leich“ waren leicht möglich.

Skurrile Höchsttarife. Damit die Preise nicht in unerschwingliche Höhen getrieben werden konnten, wurden per Gesetz Höchsttarife festgesetzt, die sich zum Teil recht skurril lesen: „Angurten eines Verstorbenen: 6,98 Euro; Verkitten und Verschrauben eines Sarges: 4,36 Euro.“

Mit Särgen oder Urnen konnten die Anbieter nochmals kräftig verdienen. Das brachte den heutigen Hotelier Hannes Schweiger schon vor fünf Jahren auf die Idee, billigere Särge aus Tschechien oder der Slowakei zu importieren. „Es hätte funktioniert“, sagt Schweiger. Die Bestatter hätten die Särge aber nur zu den üblichen Konditionen abgenommen, was für ihn kein Geschäft gewesen wäre. Schweiger: „Das große Geld machen die Bestatter. Särge, die in der Herstellung 100, vielleicht 150 Euro kosten, werden um 1500 bis 2000 Euro verkauft.“

Paradiesische Zustände für Bestattungsunternehmer also. Thomas Amm, Deutschland-Geschäftsführer des US-Konzerns SCI, dem mit rund 750.000 Bestattungen jährlich weltweit größten Bestattungsunternehmen, kann sich daher jetzt auch eine Expansion von SCI nach Österreich vorstellen und beobachtet den Markt derzeit aufmerksam. „Eine Entscheidung kann aber erst fallen, wenn die Konzernleitung in Houston ihr Okay gibt“, sagt Amm. Fest stehe jedoch bereits die Strategie von SCI: nicht der McDonald’s unter den Bestattern zu werden, sondern etablierte Unternehmen zu übernehmen und so zu expandieren. Amm: „Wir werden keine Betriebe neu gründen. Dazu ist der Markt zu konservativ. Neueinsteiger brauchen lange, bis sich Investitionen lohnen.“

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