Artikel aus 12 Jahren trend: Verkaufspreise vor der Euro-Einführung

August 2001: Eigenartige Preisentwicklungen vor der Euro-Einführung.

Die Euro-Falle

Ein halbes Jahr vor der Euro-Umstellung schnellen Preise um bis zu zehn Prozent in die Höhe. Eine Teuerungswelle droht. trend nimmt den Handel unter die Lupe und deckt die Preissünder auf. Von Peter Sempelmann

Freitag der 13. Heiß und drückend liegt die Julisonne über der Shopping City Süd. In dem Einkaufsmekka im Süden Wiens ist der Ausverkauf am Höhepunkt. Minus 30, minus 50, sogar minus 70 Prozent ist verheißungsvoll auf die Schaufenster geklebt. Es schmelzen jedoch nicht alle Preise dahin wie Eis am Stiel.

In vorauseilendem Gehorsam preisen einige Geschäftsleute ihre Produkte schon heute groß in Euro an, und was auf den ersten Blick billiger erscheint, weil um den Faktor 13,76 günstiger, entpuppt sich in manchen Fällen als teurer. Nicht dass bei der Umrechnung vom Schilling hin zum Euro ein Fehler passiert wäre. Ein paar findige Händler haben jedoch die Gunst der Stunde genutzt, einzelne Verkaufspreise vorab so zu erhöhen, dass sie jetzt zu glatten Euro-Preisen angeboten werden können.

So finden wir bei Delka einen Damen-Hausschuh um 631,60 Schilling – 45,90 Euro. Ein Preis, der uns neugierig macht, und als wir vorsichtig das Preispickerl ablösen, kommt darunter eines zum Vorschein, auf dem derselbe Schuh nur 599,50 Schilling oder 43,57 Euro kostete. Ein Preisanstieg von immerhin 32,10 Schilling oder 5,35 Prozent.

Kurz darauf finden wir weitere Beispiele für neue Euro-Preise: Bei Salamander gibt es Damen-Handtaschen um bemerkenswerte 2062,67 und 2475,48 Schilling. Macht exakt 149,90 Euro im ersten und 179,90 Euro im zweiten Fall. Pikant daran: Gleich daneben stehen nahezu idente Modelle, die noch um 1990 bzw. 2290 Schilling angeboten werden.

Humanic bietet Kinderschuhe um 59,90 Euro – 824,20 Schilling – feil, die man vor wenigen Wochen noch um 799 Schilling kaufen konnte. Bei Jockey kostet ein Doppelpack weißer T-Shirts plötzlich 261,40 statt 249 Schilling – runde 19 Euro -, und Omas Marillenkuchen und Topfenschnitten gab es bei Anker bis vor kurzem auch noch um 19 Schilling. Jetzt kosten sie 21 Schilling – 1,50 Euro.

Spürbare Auswirkungen. Bisher wurden Preiserhöhungen im Zuge der Euro- Umstellung kategorisch ausgeschlossen. Die Shopping-Tour des trend zeigt aber: Bald werden auch Sie bemerken, welche Auswirkungen eine Währungsumstellung hat. Immer länger wird die Liste von Produkten, deren Preise nach oben nivelliert werden, um sie nach der ab Oktober vorgeschriebenen 1:1-Umrechnung (siehe Kasten „Gesetz ohne Biss“, Seite 136) in glatten Euro-Beträgen anbieten zu können. Otmar Issing, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank: „Was jetzt vor sich geht, ist unangenehm und unerwünscht. Es war damit zu rechnen, dass einzelne Anbieter versuchen werden, die Situation zu missbrauchen. Nachdem man sich ausrechnen kann, dass Anfang nächsten Jahres die Preise besonders kritisch beobachtet werden, gibt es den Versuch, die Situation jetzt schon auszunutzen.“ Nachsatz: „Es lässt sich nicht ausschließen, dass es auch Auswirkungen auf die Inflationsrate gibt.“

Bei den Konsumentenschützern läuten jedenfalls die Alarmglocken. „Es reicht“, sagt Hannelore Voit, Euro-Expertin der AK Niederösterreich. Sie hat zuletzt immer mehr Preiserhöhungen beobachtet, die ihrer Meinung nach nur einen Grund haben: „Anfang nächsten Jahres werden die Preise wieder ein wenig sinken, und dann kann zu einem runden Euro-Betrag verkauft werden, noch dazu mit dem Mascherl, dass die Preise gesunken sind.“

„Im Schnitt könnten Produkte um acht bis zehn Prozent teurer werden. Die Frage ist, wie sich das mit Inflationsrate und Lohnanstiegen vertragen soll“, sagt ihr Kollege Herwig Rezek, der gesteht, dass Schätzungen sehr schwer sind: „Genaue Zahlen lassen sich erst in einem Jahr nennen, wenn die Umstellung vorüber ist.“

Hannes Spitalsky vom Verein für Konsumenteninformation hält Preisanstiege von bis zu zehn Prozent ebenfalls für möglich: „Alle Unternehmen werden versuchen, zu runden. Es hängt immer davon ab, wo sich die nächste Preisschwelle befindet. Einzelne Produkte können dabei sicher um zehn Prozent teurer werden.“

Völlig unschuldig. Offiziell dementieren alle Unternehmen, bei denen im trend-Test Preiserhöhungen entdeckt worden sind, dass diese mit der bevorstehenden Einführung des Euro zusammenhängen. Als Begründung werden gestiegene Lohnkosten, höhere Rohstoffpreise oder der ungünstige Dollar-Wechselkurs angeführt. Alexander Herzl, Sprecher der Geschäftsführung der Stiefelkönig/Turbo-Schuh-Gruppe, zu der auch Delka gehört: „Aufgrund der BSE-Krise und der Maul- und Klauenseuche sind die Lederpreise gestiegen.“ Im Übrigen werde bei Delka aber fair und exakt umgerechnet. Salamander und Humanic begründen die Teuerungen ebenfalls mit dem Lederpreis. Warum es aber auch bei Hausschuhen, die gar nicht aus Leder gefertigt sind, zu Preisanstiegen gekommen ist, blieb offen. Jockey begründete den neuen Verkaufspreis damit, dass es nun eben einen neuen Aktionspreis für den Doppelpack T-Shirts gäbe.

Die Preise haben zuletzt jedoch nicht nur im Handel angezogen. Auch Dienstleistungsbetriebe bereiten sich mit neuen Tarifen auf den Euro vor. Die Wiener Taxis haben Anfang Juni die Anfahrtstarife von 26 auf 28 Schilling erhöht. Eine Fiakerfahrt durch Wiens Innenstadt kostet jetzt 895 (65 Euro) statt 800 Schilling. UPC Telekabel hat die Tarife für Internetzugänge auf Euro-Preise umgestellt, womit Erhöhungen bis zu zehn Schilling monatlich verbunden sind, und bei max.mobil telefonieren GPRS-Kunden schon seit einigen Monaten um zehn Cents (1,376 Schilling) statt um einen Schilling von max. zu max.

Erhöht wurden auch die Parkgebühren in etlichen Gemeinden. In Wiener Neustadt, Linz, Steyr, Schwechat, Perchtoldsdorf oder Amstetten zahlt man neuerdings sieben statt fünf Schilling für eine halbe Stunde parken – ab 1. Jänner 50 Cent. Selbst Lottotipps werden in Zukunft teurer: 10,32 Schilling (75 Cent) wird der Einsatz betragen – womit aber auch die Gewinne steigen -, und Brieflose kosten dann einen Euro statt zehn Schilling.

Heinrich Frey, Innungsmeister der Taxifahrer und Fiaker: „Es stimmt, dass wir die Grundtaxen dem Euro angepasst haben. Im Gegenzug wurden jedoch die Zuschläge für die Beförderung von Gepäck oder Tieren abgeschafft.“ Und bezüglich der Fiakertarife meinte er, dass dies Höchst-tarife seien. Frey: „Die Fiaker können ihre Runde auch um 800 Schilling fahren.“

Auch UPC-Sprecherin Inge Schultes-Holenka hat eine Erklärung parat: „Von der Preiserhöhung sind nur wenige Kunden betroffen. Aufgrund der Umstellung im Rechnungswesen gibt es keine Möglichkeit mehr, die Gebühr fürs Kabelfernsehen jährlich zu bezahlen. Somit kommt es in Einzelfällen zu Verteuerungen.“

Zweiter Preisschub. VKI-Mann Hannes Spitalsky hält es trotzdem für unklug, Preise jetzt zu erhöhen, wo die Unternehmen von allen Seiten mit Argwohn betrachtet werden. Er ist auch überzeugt, dass sich die Preise in den fünf Monaten, in denen die doppelte Preisauszeichnung verpflichtend ist, kaum verändern werden. Spitalsky: „Der eigentliche Preisschub könnte im März einsetzen, wenn die Waren nur noch in Euro ausgepriesen werden.“ Die Betriebe würden versuchen, die Kosten der Umstellung auf die Konsumenten abzuwälzen. „Wer etwas anderes vermutet, ist ein Illusionist.“

Peter Schnedlitz, Volkswirtschaftsprofessor an der WU Wien, erwartet, dass sich mittelfristig neue Schwellenpreise herauskristallisieren werden, die erst ab März greifen werden und zum Teil auch über den bisherigen liegen. Hiobsbotschaften von einer Teuerung von zehn Prozent weist er jedoch zurück, genauso wie die Erwartung, dass mit dem Euro alles günstiger werde: „Der Handel kann es sich nicht leisten, fünf oder sieben Prozent vom Umsatz zu verlieren.“

„Es wird neue Benchmarks geben“, sagt Matthias Koch, Euro-Projektleiter der Bundeswirtschaftskammer, dazu. Zehn Schilling sei jener Betrag, der jederzeit ausgegeben werde, ohne darüber nachzudenken. In Zukunft werde es ein Euro, 13,76 Schilling, sein. „Das führt zu einer neuen Preiselastizität am Markt. Dass die aus-schließlich zu einer Teuerung führen wird, bezweifle ich aber“, sagt Koch.

Burger-Index steigt. „Ein Nachlass von fünf Prozent würde bedeuten, dass wir in der Vergangenheit unfair kalkuliert haben. Tatsächlich haben wir jedoch auch bisher sehr hart kalkuliert“, meint Andreas Cieslar, Marketing-Chef von McDonald’s Österreich. Er bestätigt, dass McDonald’s neue Schwellenpreise anpeilt, die im zweiten Quartal nächsten Jahres greifen werden. Cieslar: „In den ersten Monaten werden die Preise ganz leicht zurückgehen, um dann auf neue Preisschwellen zuzugehen.“ Sich jetzt ein Taferl umzuhängen, auf dem stehe, dass nur abgerundet werde, sei nicht haltbar: „Wir werden versuchen, die Preise moderat anzupassen.“ Konkret bedeutet das, dass ein Big Mac, der derzeit 35 Schilling, also 2,54 Euro, kostet, nächstes Jahr zu einem neuen Euro-Schwellenwert verkauft werden soll. „Als geeignet halte ich Beträge von 1,99 oder 2,99“, sagt Cieslar. Der Burger könnte somit bald 2,99 Euro, gut 41 Schilling, kosten.

In den Wienerwald-Restaurants wurde die Euro-Umstellung übrigens bereits vollzogen. Dort kostet ein Chicken-Burger, den man bis vor kurzem noch um 35 Schilling kaufen konnte, nunmehr 35,09 Schilling (EUR 2,55).

In letzter Zeit hatten Konsumentenschützer auch in Lebensmittelsupermärkten Preissteigerungen registriert, die sie auf die Euro-Umstellung zurückführen. Bei zahlreichen Produkten, vom Vanillezucker über das Salz bis hin zu Wischtüchern, hatte es Preiserhöhungen gegeben. Maximilian Hochstöger, Einkaufsvorstand der Merkur Warenhandels AG, weist den Vorwurf, mit den neuen Preisen in Richtung Euro zu schielen, jedoch empört zurück. Ursache für die jüngsten Preisanpassungen seien vielmehr geänderte Verkaufspreise der Hersteller oder gestiegene Rohstoffkosten. „Bei Merkur gibt es keine taktischen Preiserhöhungen“, sagt er, der in Aussicht stellt, dass die Preise 1:1 umgerechnet und die dritte Euro-Kommastelle an der Kassa abgerundet werde. Hochstöger: „Das wird uns einiges kosten. Wenn nur die dritte Kommastelle abgerundet wird, rund 100 Millionen Schilling.“

Dennoch wird es für die Konsumenten im Euro-Land teurer werden, auch wenn Handelsketten wie Billa, Merkur oder Spar die Preise nicht von sich aus erhöhen. „Es passiert, dass die Industrie versucht, Preise zu platzieren“, gesteht Hochstöger ein. Er lehne zwar Erhöhungen ab, könne aber Preissteigerungen aufgrund geänderter Rohstoffpreise nicht ausschließen.

Friedrich Stara, Präsident des Verbandes der Markenartikelhersteller, weist jedoch den Vorwurf, die Markenartikelhersteller würden den Preis bestimmen, zurück: „Für die Letztverbraucherpreise ist eindeutig der Handel verantwortlich.“ Im Übrigen sei es für die Hersteller nicht möglich, Preise einfach so nach oben zu schrauben. Stara: „Was den Lebensmittel- und Verbrauchermarkt betrifft, ist Österreich zu zwei Dritteln in der Hand von zwei Gruppen – Billa und Spar. Denen können wir keine Preise vorschreiben.“*

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