Neues Netz, neues Spiel: tele.ring startet als vierter Handynetzbetreiber

Juli 2000: tele.ring wirbt zum Start mit „Gratistelefonie“ und stellt europaweit gültiges, günstiges Roaming in Aussicht.


Neues Netz, neues Spiel

Jetzt heizt der neue Mobilfunkanbieter tele.ring den Kampf um Handykunden an. Durch die wachsende Konkurrenz rückt die Gratistelefonie wieder ein Stück näher.

Wir sind zwar als Vierter ins Rennen gegangen, wollen aber sicher nicht an dieser Position bleiben, sonst hätten wir überhaupt nicht starten müssen.“ Die Ansage von Bernd Harald Vollnhofer, dem technischen Geschäftsführer von tele.ring, lässt keine Zweifel offen: Als Weichei oder Freundlichtelefonierer will sich der Ende Mai gestartete vierte Mobilfunkbetreiber nicht bezeichnen lassen. Wenn tele.ring richtig loslegt, wird das Wettfeilschen um Kunden völlig neue Dimensionen erreichen. Experten prophezeien bereits einen Turbo-Wettbewerb, der den Kunden schon bald rosige Zeiten bringen wird. „Für Privatkunden werden die Kosten für Sprachtelefonie auf Höhe der Selbstkosten fallen, und für Geschäftskunden wird Sprachtelefonie überhaupt gratis sein“, sagt Georg Serentschy, Director beim Consultingunternehmen Arthur D. Little.

Österreich galt bereits vor dem Start des vierten Handynetzes als Ausnahmefall und Versuchslabor für die Mobilfunkanbieter: Die Österreicher sind beinahe schon Handy-Weltmeister. Fast nirgendwo in Europa ist die Handydichte größer, und nirgendwo sonst zahlen die Kunden weniger fürs Telefonieren. Inzwischen sind die Margen der Netzbetreiber so weit gesunken, dass mit den Verbindungsentgelten kaum noch Geld verdient werden kann. Für Neueinsteiger ist die Situation daher denkbar schwierig. „tele.ring muss eine uphill battle führen. Das Unternehmen steigt in einen gesättigten Markt ein, die Strategie kann nur sein, die Kunden zum Wechsel des Handynetzes zu bringen, denn jene Neukunden, die es jetzt noch am Markt gibt, sind bei weitem nicht mehr so lukrativ“, analysiert Serentschy.

Um Wechselkunden zu gewinnen, müssen Mobilfunkanbieter jedoch weit größere Anstrengungen in Kauf nehmen als bei Neukunden und diese auch mit Putz und Stiel übernehmen, denn kein Kunde, der um einen Schilling pro Minute telefonieren kann, ist bereit, für den gleichen Anruf vier Schilling zu bezahlen, weil dieser nicht innerhalb eines Netzes abläuft. Das beste Beispiel dafür lieferte one, der als dritter Betreiber in den Handymarkt eingestiegen ist. Mit der „all in one“-Aktion, bei der Telefonate in alle Netze um einen Schilling angeboten wurden, hat one bereits gezeigt, wie das Geschäft in Zukunft ablaufen wird: Um Kunden zu gewinnen, nehmen die Netzbetreiber bei Gesprächen in andere Netze sogar Verluste in Kauf. Für das Weiterleiten eines Gesprächs in ein anderes Mobilfunknetz bezahlen Betreiber derzeit nämlich rund zwei Schilling an Interconnection-Gebühren.

Wer die „all in one“-Aktion nutzen will und mit einem Wechsel zu einem anderen Betreiber liebäugelt, sollte aber noch ein wenig warten, bis der Kampf um die Wechselkunden voll ausbricht. Der Start des vierten Anbieters geht etwas schleppend vor sich. Derzeit ist tele.ring für die etablierten Anbieter nämlich noch keine ernsthafte Konkurrenz. Einen Monat nach dem Start sind tele.ring-Handys in den Verkaufsregalen immer noch Mangelware. Viele Händler kennen bestenfalls den Namen tele.ring, können aber keine Informationen über Tarifmodelle oder Geschäftsbedingungen geben, und während die Netze von Mobilkom, max.mobil und one mittlerweile so weit ausgebaut sind, dass die Betreiber nur noch überlegen, welche Ski- und Wandergebiete als Nächstes versorgt werden sollen, kann tele.ring derzeit noch nicht einmal in den Ballungszentren eine flächendeckende Versorgung garantieren.

„Für uns ist tele.ring immer noch in der Testphase“, sagt max.mobil-Geschäftsführer Georg Pölzl. „Erst wenn die Produkte überall erhältlich sind und tele.ring 90 Prozent Netzabdeckung erreicht hat, macht es Sinn, sich mit den Angeboten ernsthaft auseinander zu setzen.“ Trotzdem nimmt niemand die neue Konkurrenz auf die leichte Schulter. „Es ist klar, dass man nicht in wenigen Wochen von null auf hundert kommen kann. Vodafone, der Mehrheitseigentümer von tele.ring, hat jedoch bereits gezeigt, dass er beim Aufbau von Mobilfunknetzen nicht zu unterschätzen ist“, sagt one-Geschäftsführer Jorgen Bang-Jensen in Hinblick auf den Erfolg von orange in England. Das Unternehmen ist dort von Platz vier an die Spitze der Mobilfunkanbieter vorgestoßen.

Auch Hartmut Kremling, Vorsitzender der tele.ring-Geschäftsführung, betrachtet das heurige Jahr noch als Probegalopp, während dem die Kunden den neuen Anbieter kennen lernen sollen. Dann wird es jedoch ernst. Im Dezember will tele.ring bereits 95 Prozent Netzabdeckung und 100.000 Kunden haben. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt tele.ring vor allem auf seine Dienste wie das Unified Messaging Service (UMS), mit dem Faxe, E-Mails und Sprachnachrichten weltweit am Handy empfangen werden können, und als Einstiegszuckerl verschenkt tele.ring auch Telefonminuten en gros. Bis Jahresende verzichtet tele.ring auf die 199 Schilling Grundgebühr, worin auch 60 Telefonminuten in alle heimischen Netze enthalten sind. Kremling: „Wir wissen, dass das Netz derzeit noch seine Mängel hat. Deshalb bieten wir unseren Kunden auch an, unser Netz bis Jahresende zu testen und unsere Dienste kennen zu lernen, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen.“

Sollte es damit nicht gelingen, die gewünschte Kundenzahl zu erreichen, dann hat Kremling immer noch ein Ass im Ärmel, das vor allem für Geschäftskunden mit vielen Auslandstelefonaten interessant ist: den europaweiten Einheitstarif für Telefonate innerhalb der Vodafone-Gruppe, bei dem Telefonate innerhalb Europas ohne Roaming-Zuschläge angeboten werden und der spätestens mit der Einführung des Euro Realität werden dürfte. Kremling: „Gehen Sie davon aus, dass in der gesamten Vodafone-Gruppe über ein einheitliches Roaming-Angebot nachgedacht wird.“

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